27.06.2005

PHILOSOPHENSartres Kuba-Report

Verrückte, heute schwer begreifliche Texte - zum 100. Geburtstag des französischen Philosophen Jean-Paul Sartre am 21. Juni, der weltweit mit Konferenzen, Kolloquien und Ausstellungen gewürdigt wird, ist ein bisher offenbar unveröffentlichtes Originalmanuskript des Denkers über Fidel Castro und die kubanische Revolution aufgetaucht. Zusammen mit seiner Gefährtin Simone de Beauvoir hatte Sartre vom 22. Februar bis zum 20. März 1960 die Insel besucht. In 16 Artikeln für die Zeitung "France-Soir" berichtete er damals von seinem wundersamen Abenteuer: Castro über alles, der Intellektuelle und der Revolutionär, der Bauer und der Guerillero, der Kämpfer und der Volksfreund, der als "die Insel, die Menschen, das Vieh, die Pflanzen und die Erde zugleich" gepriesen wird. Über diese Reportagen hinaus hatte sich Sartre ausführlich mit seinen kubanischen Eindrücken, der Landreform und den Hoffnungen der Jugend auseinander gesetzt, wie Simone de Beauvoir in ihrem Buch "Der Lauf der Dinge" angibt. Aus diesem Konvolut stammt anscheinend die jetzige Schrift. "Ich grüße in Ihnen den Humanismus", beteuerte Sartre immer wieder gegenüber seinen Gesprächspartnern Castro und Ché Guevara. Dabei erkannte der Philosoph ganz genau, dass aufgrund der unerbittlichen Logik der Radikalisierung das neue Regime ein gutes Jahr nach dem Sturz des Diktators Batista bereits mit allen wesentlichen Makeln des realen Sozialismus behaftet war: Sondergerichte, Hinrichtungen, Konzentrationslager, Gleichschaltung der Presse, Zusammenbruch der demokratischen Fassade, die in den ersten Monaten nach der Revolution die totalitären Tendenzen noch tarnte. Die Revolution sei ein "extremes Heilmittel", das man "mit Gewalt" anwenden müsse, notfalls "bis zur Vernichtung des Gegners", befand Sartre in seiner Analyse des kubanischen Regimes, in dem er die Materialisierung des Begriffs von Brüderlichkeit und revolutionärer Solidarität zu erblicken glaubte, den er in seiner zur gleichen Zeit erschienenen "Kritik der dialektischen Vernunft" beschrieb. Der Antiquar Andreas W. Mytze, der die 161 handschriftlichen Blätter für 11 000 Euro ersteigerte, will das Manuskript jetzt Castro persönlich, der Französischen Nationalbibliothek oder der Universität von Austin in Texas anbieten, in deren Archiven schon Texte von Sartre über Kuba lagern.
Sartre brach im April 1971 öffentlich und ohne erkennbaren Trennungsschmerz mit Castro, dem "Mann des Ganzen und des Details", nachdem der kubanische Diktator den Dichter und Dissidenten Heberto Padilla wegen Homosexualität verfolgt und zu einer infamen Selbstkritik gezwungen hatte.

DER SPIEGEL 26/2005
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