27.06.2005

„Geschmack spielt keine Rolle“

Der Rockmusiker Campino, 43, Chef der Düsseldorfer Band Die Toten Hosen, über Pop, Politik und seinen Auftritt bei „Live 8“
SPIEGEL: Campino, wie lange haben Sie und Ihre Kollegen von den Toten Hosen gezögert, als Sie gefragt wurden, ob Sie bei "Live 8" mitmachen?
Campino: Keine Sekunde. Wir waren auf Tournee, als Marek Lieberberg, der das Berliner Konzert für Bob Geldof organisiert, uns anrief - und haben sofort zugesagt. Geldof hat bewiesen, dass er solche Projekte aus dem Boden stampfen kann. Wer den jemals getroffen hat, der weiß: Dieser Mann brennt für Afrika. Ich finde besonders gut, dass es nicht einfach eine Wiederholung der "Live Aid"-Veranstaltung von 1985 wird, sondern dass die Sache mit neuen Forderungen verknüpft ist. Jeder Mensch, der alle fünf Sinne beisammen hat, muss da mitmachen. Ich verstehe die Zweifler nicht.
SPIEGEL: Finden Sie es falsch, wenn Beobachter wie wir darüber staunen, wer bei den Live-8-Konzerten alles auf der Bühne stehen soll und wer nicht?
Campino: Da sage ich entschieden: Solche Leute haben überhaupt nicht verstanden, worum es bei Live 8 geht! Das ist eine symbolische Aktion, die weltweit von Millionen von Menschen verfolgt wird, ein Zeichen. Wie kann man da groß fragen, wer auf welcher Bühne beteiligt sein darf oder wer nicht? Ob jetzt Coldplay in Berlin oder in London spielen? Persönlicher Geschmack spielt hier doch rein gar keine Rolle.
SPIEGEL: Na ja, aber gibt es nicht doch Musiker wie, sagen wir mal, Chris de Burgh, die neben den Toten Hosen ein wenig bizarr wirken?
Campino: Ich denke nicht dran, deshalb kompliziert zu werden. Es geht doch gerade darum, über seinen Schatten zu springen und diese rein musikalischen Grabenkriege außen vor zu lassen.
SPIEGEL: Welche Lieder werden Sie beim Berliner Live 8 spielen - eher Gute-Laune-Hymnen wie "Eisgekühlter Bommerlunder" oder Nachdenkliches wie Ihr Sozial-Song "Friss oder stirb"?
Campino: Darüber können wir uns bis zehn Minuten vor dem Auftritt Gedanken machen. Sie schlagen also "Eisgekühlter Bommerlunder" vor? Ich merke mir das. Ich werde mich trotzdem nicht unbedingt dafür entscheiden.
SPIEGEL: Sind - angesichts der Erfolge von kämpferischen Künstlern wie Bono und Bob Geldof - Popmusiker inzwischen die besseren Politiker?
Campino: Sagen wir's so: Bekannte Leute aus der Kultur und aus dem Sport können manche Anliegen einfach besser vorbringen als professionelle Politiker - weil sie es sich leisten können, die Wahrheit zu sagen, und im besten Falle unbestechlich und überparteilich sind. Insofern haben Bono und Bob Geldof ganz klar Vorteile gegenüber Vertretern irgendeines Staates.
SPIEGEL: Hat sich die Musik der Toten Hosen im Laufe von mehr als zwei Jahrzehnten weg von Spaß und Anarchie hin zu Verantwortung und Weltverbesserungskunst entwickelt?
Campino: Nein. Die Politisierung der Musik ging in Deutschland Anfang der Siebziger los, mit Bands wie Ton Steine Scherben. Wir haben in dieser Tradition von Anfang an auch viel in der Hausbesetzerszene gespielt. Damals hieß unsere Ideologie: Punkrock! Die Musikszene insgesamt war viel politischer als heute, man trat an gegen die Wiederaufbereitungsanlage in Wackersdorf und gegen Reagans Aufrüstungspolitik. Heute sieht es manchmal so aus, als habe sich der Kampf für eine bessere Sache abgenutzt. Die größten Teile der Gesellschaft haben sich in den letzten 15 Jahren wahnsinnig entpolitisiert - und da ist es schön, dass es Bob Geldof schafft, endlich mal wieder über die Musik einen Akzent setzen zu können, der wirklich Größe hat.
SPIEGEL: Geldof plädiert dafür, sogar den US-Präsidenten Bush als Mitkämpfer für Afrika zu akzeptieren. Ist die früher schroff gegen das Establishment anrockende Musikwelt diplomatischer geworden?
Campino: Bob Geldof ist diplomatischer geworden. Wir hatten im Vorprogramm unserer aktuellen Tournee eine Band namens Anti-Flag aus Pittsburgh, die in ihren Songtexten das Establishment der USA nicht im mindesten schont. Es gibt politische und weniger politische Musiker. Wir sind aus einer Generation, die Bands angehimmelt hat, die mehr zu sagen hatten als nur "Shanana". Die Toten Hosen werden sich nicht in irgendeine Schablone pressen lassen. Wir werden keine Zeigefinger-Polit-Band werden und entwickeln uns auch bestimmt nicht in Richtung "Kasperle-Musik". Es hat aber auch noch niemandem geschadet, mal eine Party zu feiern.
SPIEGEL: Das heißt, man kann sowohl für den Fußballverein Fortuna Düsseldorf sammeln, wie es die Toten Hosen 1989 getan haben, als auch für Afrika?
Campino: Ja, wir haben beides gemacht. Wenn Sie daraus ableiten, dass es uns an Sensibilität fehlt, dann kann ich Sie nur bedauern. Das sind zwei völlig verschiedene Paar Schuhe. Wir haben uns damals als Fans erlaubt, den Verein zu unterstützen, obwohl wir wussten, dass es auf der Welt Armut gibt und Menschen vor Elend sterben. Wenn das für irgendjemand ein Problem ist, entschuldige ich mich hiermit dafür. Ich finde es wahnsinnig, wie viel Energie wir für Rechtfertigungen verschwenden müssen. Es geht bei Live 8 schließlich um eine wichtige Sache!
INTERVIEW: WOLFGANG HÖBEL, MARTIN WOLF
Von Wolfgang Höbel und Martin Wolf

DER SPIEGEL 26/2005
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