Von Beier, Lars-Olav
Es herrschte Krieg, und die feindlichen Reihen waren lückenlos geschlossen. Trotzdem waren die mutmaßlichen Agenten des Bösen mit bloßem Auge kaum zu erkennen, denn sie lauerten im Schutz der Dunkelheit. Modernste Technik, die neuesten Nachtsichtgeräte und lichtempfindlichsten Kameras, musste eingesetzt werden, um diese hinterhältige Armee in Schach zu halten - jene 1500 Zuschauer, die bei der Europa-Premiere von Steven Spielbergs neuem Werk "Krieg der Welten" im Berliner Musicaltheater am Potsdamer Platz saßen.
Arglos waren sie erschienen, um den Film, der in dieser Woche weltweit ins Kino kommt, im Beisein des Topstars Tom Cruise zu sehen - und wurden wie potentielle Verbrecher behandelt.
Angeblich aus Angst, einer der geladenen Gäste könnte mit einer Digitalkamera heimlich eine Kopie des 135 Millionen Dollar teuren Spektakels über einen Angriff außerirdischer Invasoren auf die Erde anfertigen, hatte der Verleih UIP auf Anweisung des US-Studios Paramount am Dienstag vorvergangener Woche Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die selbst bei Staatsbesuchen ungewöhnlich wären - nach dem Motto: Eher erschießt jemand den Papst, als dass es einem Zuschauer gelingt, auch nur ein Bild von unserem Film zu schießen.
Während der Berliner Premiere am Abend des 14. Juni wurden die Zuschauer von verborgenen Kameras gefilmt - dabei waren sie ohnehin schon bis auf die Zähne entwaffnet worden. Um Zugang zum Saal zu erhalten, hatten sie sich zuvor durch elektronische Sicherheitsschleusen zwängen müssen. Da wurden Brillen auf Minikameras untersucht, Kugelschreiber aufgeschraubt, Dekolletés misstrauisch beäugt: Ist das eine Brustwarze oder ein verstecktes Objektiv? Freuen Sie sich, mich zu sehen - oder haben Sie gerade gezoomt? Das waren die Fragen des Abends.
Mit einem "Überwachungsapparat", so die "FAZ" über die Premiere, werde der seit über einem Jahrhundert bestehende "Vertrag zwischen dem Kino und seinen Zuschauern" aufgekündigt. Eine "Gesamtparanoia" diagnostizierte die "Zeit".
Die Begründung für diesen beispiellosen Kontrollwahn und totalen Lauschangriff auf das Publikum ist nicht neu: Durch Raubkopien von Filmen, die illegal auf DVD vertrieben oder ins Internet gestellt werden, büßt Hollywood jedes Jahr angeblich Milliarden Dollar ein. Doch zum ersten Mal in der Geschichte des Kinos erlässt ein Filmstudio zur Besitzstandswahrung krude Notstandsverordnungen.
Paramount und UIP sehen zurzeit nicht nur in jedem Zuschauer einen Videopiraten - sondern überall nur noch Feinde. Zeitgleich mit ihrer Publikumsbekämpfung bei der Berliner Premiere eröffneten sie eine zweite Front und verhängten gegen die Presse ein sogenanntes Embargo: Vor dem 29. Juni, dem weltweiten Start, dürfe keine Kritik des Films erscheinen - und das, obwohl der Film inzwischen in Städten wie Tokio, Berlin, Paris oder London öffentlich bei mehr oder weniger glanzvollen Premierengalas vorgeführt wurde.
Zu der New Yorker Premiere am vergangenen Donnerstag wurden vermeintlich missliebige Journalisten - unter anderem der "New York Times" - nicht eingeladen. "Raumschiffe vom Planeten Tom Cruise", schrieb der Kolumnist der "New York Post", hielten die Presse vom Kino fern.
Die Londoner UIP-Zentrale ließ auf Rückfrage knapp verlauten, das Embargo werde "durchgesetzt". In diesem Ton spricht George Bush mit Schurkenstaaten. Es werden schwere verbale Geschütze aufgefahren, um die Presse niederzuhalten. Allein: Sie gehen nach hinten los. Ein Studio, das offenbar kein Vertrauen in seinen teuersten Film des Jahres hat, betreibt eine verzweifelte Abwehrkampagne.
Es soll sich offenbar nicht herumsprechen, wie düster der Film geraten ist, wie hilflos Tom Cruise in der Rolle eines einfachen Dockarbeiters den Attacken der Invasoren aus dem All ausgesetzt ist, wie schutzbedürftig in "Krieg der Welten" die Vereinigten Staaten wirken: Fernlenkwaffen prallen an den Raumschiffen der Außerirdischen ab wie Schüsse aus einer Erbsenpistole; hektisch bringen die Militärs Panzer in Stellung gegen die stählernen Ungetüme, die mit Feuerstrahlen ganze Landstriche verheeren.
Nur wenige Hoffnungsschimmer gibt Spielberg den Zuschauern in diesem für einen Blockbuster ungewöhnlich radikalen und mutigen Film, der H. G. Wells' Romanvorlage aus dem Jahr 1898 weitgehend getreu folgt.
Nachdem Tom Cruise zuletzt sogar in der - gegenüber Stars traditionell respektvollen - US-Presse wegen seiner Missionsarbeit für die Scientology-Organisation angegriffen worden war (auch die "New York Times" moserte, er könne damit seiner Karriere schaden), warfen die Studio-Gewaltigen offenbar auch jenen alten PR-Leitspruch über Bord, nach dem selbst schlechte Publicity immer noch besser sei als keine.
Doch alles Säbelrasseln gegenüber den Journalisten hat nicht geholfen - das Embargo ist bereits durchbrochen. Als "furchteinflößendes Spektakel" stufte das US-Nachrichten-Magazin "Newsweek" den Film in seiner Besprechung ein und staunte, wie wenig heroisch Cruise wirke. Manchen Krieg kann man eben nicht gewinnen - zum Beispiel den gegen die Weltpresse. LARS-OLAV BEIER
DER SPIEGEL 26/2005
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