27.06.2005

DOKU-SOAPSDrang zur Enthüllung

Nach Rocker Ozzy Osbourne lassen neuerdings viele Stars ihr Privatleben filmen. Nun widmet ProSieben der deutschen Sängerin Sarah Connor eine Soap-Serie.
Wenn millionenreiche Pop-Heldinnen die Videokamera schwenken, geht's mitunter zu wie beim Heimkinoabend auf Familie Hempels Sofa: "Sehen aus wie Brüste", kiekst Britney Spears im US-Fernsehsender UPN, "sind aber meine Knie!"
Die etwas aus der Mode gekommene Popsängerin Spears, 24, zeigt derzeit dem US-Publikum (und im Spätsommer wohl auf dem deutschen Kanal Viva) unter dem Titel "Britney and Kevin: Chaotic" fünf Folgen lang Bilder aus ihrem Leben und versorgt ihre Anhänger mit Informationen über den Zustand ihrer gerade wenige Monate bestehenden Ehe mit dem Tänzer Kevin Federline: "Unser Sex ist gut! Ich hatte heute dreimal Sex! Ekstase! Ekstase!"
Nicht ganz so indiskret soll's von Dienstag an in einer neunteiligen Doku-Soap auf ProSieben zugehen. Deutschlands derzeit erfolgreichster Gesangsstar Sarah Connor gewährt Einblick in seinen Alltag - mit, so berichtet Connor, durchaus ihr auch mal unangenehmen Szenen: "Könntest du bitte den Dreck wegmachen?", habe sie ihren Ehemann Marc Terenzi, gleichfalls Musiker, in einer Szene erst sehr freundlich gefragt; leider musste sie aber dann selbst zum Staubsauger greifen und habe ihrem Ärger sogleich Luft gemacht mit einem herzhaften "Verdammt! - Ich frage dich den ganzen Tag, ob du was im Haushalt machen kannst, und du machst gar nichts!"
Die Szenen dieser jungen Ehe (samt kirchlicher Hochzeit in der letzten Folge) fasst ProSieben zusammen unter dem sonst recht treffenden Titel "Sarah & Marc in Love".
Überhaupt scheint es, als setzten PopHelden aus schier allen Klassen derzeit auf die Offenbarung mehr oder weniger privater Geheimnisse auf dem Bildschirm.
Die US-Sängerin Anastacia, 31, ließ kürzlich im amerikanischen Fernsehen eine Dokumentation über ihren Kampf gegen den Brustkrebs ausstrahlen, in der unter anderem zu sehen war, wie sie sich nach einer Operation im Krankenzimmer erbricht. Ihre Kollegin Pink, 25, hat die Verfilmung ihrer - sicher mit nicht ganz so drastischen Szenen aufwartenden - Tagebücher angekündigt. Und die gereifte Pop-Diva Madonna, 46, will ihren Fans in der noch unveröffentlichten Dokumentation "Re-Invented Process" zeigen, wie sie, bekanntermaßen Multimillionärin und Herrscherin über einen Stab dienstleistender Fachkräfte, das trotzdem aufreibende Leben auf ihrer letzten Konzerttour wuppte.
Inspiriert wurde die neue Enthüllungssucht der Stars offensichtlich durch den Erfolg der MTV-Serie "The Osbournes". Die startete im Jahr 2002, lockte bis zu sieben Millionen US-Zuschauer vor den Bildschirm und begeisterte auch in Deutschland ein großes (MTV-)Publikum. In der Reality-Serie rund um Altrocker Ozzy Osbourne und seine durchgeknallte Familie gab es Episoden, in denen der selbsternannte Prinz der Finsternis - und ehemalige Frontmann von Black Sabbath - Obst, Holz und einen Schinken nach den Nachbarn warf. Die Bulldoggendame Lola urinierte in fast jeder Folge auf die Wohnzimmergarnituren. Sohn Jack musste in die Drogenklinik, jüngst ereilte Tochter Kelly das gleiche Schicksal.
Der heiter-gruselige Familienspuk machte Ozzy Osbourne zu einem Idol vieler junger Fernsehzuschauer, hat ihm angeblich ein Honorar von 20 Millionen Dollar für allein 20 von insgesamt 50 Episoden beschert und jedenfalls die Bekenntnisbereitschaft vieler Kollegen in bedenklicher Weise befördert. Statt wie bisher ihr Privatleben zum magischen Gespinst aus Fakten und Fiktion aufzupeppen, setzen nun viele Stars auf Entmystifizierung - als gebe es nicht schon genug Möchtegern-Prominenz, die sich etwa in deutschen TV-Trashformaten wie "Dschungelcamp", "Die Burg", "Die Alm" und "Teufels Küche" zum Affen macht.
Nach eher halbherzigen Versuchen, von MTV und RTL II (wo Jürgen Drews mit einem Dackel spazieren ging), versucht ProSieben mit "Sarah & Marc in Love" nun erstmals eine "Osbournes"-Adaption im deutschen Vollprogramm. Der ProSieben-Unterhaltungschef Jobst Benthues hofft auf tolle Quoten: Es sei "ein Glück", man sei "sehr froh" und "dankbar", dass die deutschen "Topstars" sich ins Privatleben gucken ließen.
Doch Krawall und Sex-Bekenntnisse will das liebesfromme Musiker-Pärchen aus Wildeshausen bei Bremen ausdrücklich nicht bieten. Ihr gehe es vor allem um eines, sagt Sarah Connor, nachdem sie von der größten Leidenschaft ihres Gatten - dem Spiel mit einer X-Box - berichtet hat: "Ich habe mir gewünscht, den Leuten endlich mal zu zeigen, wie total normal mein Leben mit Marc und unserem Sohn Tyler ist - das hat mit Glamour wenig zu tun."
Ob die Zuschauer da nicht doch Sehnsucht nach Britneys Spears' Videospielen bekommen? CHRISTINE KOISCHWITZ
Von Christine Koischwitz

DER SPIEGEL 26/2005
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