Der Feind ist unsichtbar, nur unter dem Mikroskop auszumachen. Er flutet durch U-Bahn-Schächte in New York, hängt über dem National Airport und dem "Greyhound"-Busbahnhof von Washington, kriecht durch Autobahntunnels in Pennsylvania.
Wer ihm begegnet, muß sich übergeben, wird ohnmächtig oder fällt um, auf der Stelle tot.
So oder ähnlich jedenfalls würde es nach Meinung amerikanischer Militärs und Wissenschaftler -- aussehen, wenn es denn wider alles Erwarten zum BW-Ernstfall käme.
BW steht für biological oder bacteriological warfare, den Krieg mit biologischen oder bakteriologischen Waffen, dem die meisten Staaten der Welt zwar feierlich abgeschworen haben, auf den Amerikas Politiker und Militärs aber doch vorbereitet sein möchten.
Und so probten Militärs und Wissenschaftler den BW-Ernstfall -- am lebenden Objekt, an Menschen, Tieren und Pflanzen.
Beispiel: Unter den Straßen von New York, im Südteil von Manhattan, wurde eine Glühbirne aus einem fahrenden Zug geworfen. Sie war gefüllt mit dem Treibstoff Aerosol und angeblich harmlosen Bakterien des Typs Serratia marcescens. "Es verteilte sich gut durch das gesamte U-Bahn-System", berichtete der Pentagon-Angestellte Charles A. Senseney. "Wir begannen unten um die 14. Straße herum und machten Stichproben bis hinauf zur 58, Straße -- und überall war eine ganze Menge Aerosol."
Insgesamt 239 mal -- 27mal in der Öffentlichkeit, im übrigen auf verschiedenen Militärbasen in den USA -- suchten die Tester zwischen 1949 und 1969 nach Erkenntnissen, wie man einen bakteriologischen Krieg offensiv führen und wie man sich dagegen verteidigen kann. Und fast immer setzten sie dabei, neben phosphoreszierenden Teilchen, neben Schwefeldioxyd und Seifenblasen, die Bakterien Serratia marcescens oder Bacillus subtilis variant niger (auch Bacillus glöbigii genannt) oder den Fungus aspergillus fumigatus ein -- nach Ansicht der Army-Wissenschaftler harmlose, in der Umwelt weitverbreitete Stoffe.
Zahlen und Einzelheiten stehen in einem zweibändigen Report, den die U.S. Army im Februar abschloß und im März veröffentlichte -- nachdem amerikanische Journalisten zuvor erste Einzelheiten der bis dahin geheimgehaltenen Versuche enthüllt und berichtet hatten, im Gefolge der Tests seien amerikanische Staatsbürger gestorben oder schwer erkrankt.
Mindestens acht amerikanische Städte und Militäreinrichtungen, so um die Jahreswende die auf Long Island im Staate New York erscheinende Tageszeitung "Newsday", seien zwischen 1950 und 1966 bakteriologischen Scheinangriffen ausgesetzt gewesen.
Unverändert hatten die Militärs den Wirkstoff Serratia marcescens benutzt, obwohl der längst in den Verdacht geraten war, schuld am Ausbruch einer Infektion in San Francisco gewesen zu sein, der ein Mensch zum Opfer fiel.
Während bakteriologischer Tests in Fort McClellan, Alabama, habe sich die Anzahl der Fälle von Lungenentzündung in der Umgebung verdoppelt.
Nach Versuchen in Key West, Florida. sei ein Anstieg von Lungenentzündung um das Zehnfache und ein Anstieg dadurch bedingter Todesfälle um das Siebenfache zu verzeichnen gewesen.
Und der bei Versuchen in Mechanixburg, Pennsylvania, eingesetzte Fungus aspergillus fumigatus sei keineswegs harmlos, sondern könne Aspergillose hervorrufen, eine seltene Krankheit, zu deren Symptomen Asthma-Attacken oder Infektionen der äußeren Gehörgänge zählten.
"Wenn man mich konsultiert und gefragt hätte", zitierte "Newsday" den Arzt Dr. Libera Ajello vom US-Zentrum für Seuchenkrontrolle in Atlanta, "welchen Aspergillus ich für Scheinangriffe mit biologischen Waffen benutzen würde, wäre Fumigatus der letzte gewesen, den ich vorgeschlagen hätte, weil wir wissen, daß er pathogen (krankheitserregend) ist".
Mit einem Male kamen auch frühere BW-Versuche wieder hoch. 1967 waren nach Versuchen im Bundesstaat Utah 6400 Schafe eingegangen, weil Schwaden von Nervengas ihre Weideplätze überweht hatten -Schwaden, die ebensogut eine Stadt hätten erreichen können.
Und ebenfalls in Utah waren Antikörper der venezolanischen Pferde-Gehirnhautentzündung entdeckt worden, einer Krankheit, die gemeinhin in diesen Breiten Amerikas nicht vorkommt. Amerikas Bürger. soviel schien sicher, waren jahrzehntelang als Meerschweinchen wider Willen und ohne Wissen mißbraucht worden.
Zwar dementierte die Army sofort: "Es gibt keinerlei Hinweise", daß die Versuche "an irgendeinem der Testorte Tod durch Lungenentzündung verursachten". Und in ihrem Report versucht sie, verständlicherweise, die "Newsday"-Enthüllungen herunterzuspielen: mit ärztlichen Gutachten, Attesten und wiederholten Hinweisen auf die "bemerkenswert gute Sicherheitsbilanz".
Wohl seien im Fort Detrick, Maryland, dem Zentrum der amerikanischen BW-Forschung, drei Laborarbeiter ums Leben gekommen. 456 Personen hätten dort, 48 in anderen Labors Infektionen erlitten, aber das sei "besser als jeder industrielle Durchschnitt". Die drei Todesfälle stellen eine niedrigere Sterblichkeitsrate dar als in irgendeiner anderen (verfügbaren) Übersicht über Laborinfektionen.
Tatsächlich aber bestätigt der Armee-Report im wesentlichen die ersten Presseberichte -- und er verrät sogar noch ein wenig mehr: Seit Präsident Franklin D. Roosevelt 1941/42, kurz nach dem Eintritt der USA in den Zweiten Weltkrieg, das BW-Programm in Auftrag gab,
* produzierten und lagerten die USA acht bakteriologische Kampfstoffe zum Einsatz gegen Menschen, darunter Viren und Bakterien, die Papageienkrankheit, Pest, Gelbfieber, Milzbrand und Fleckfieber auslösen;
* veranstalteten US-Wissenschaftler über 150 Versuche am lebenden Objekt -- mit Häftlingen des Staatsgefängnisses von Ohio und, im Rahmen der "Operation Weiße Weste" (operation whitecoat), mit Kriegsdienstverweigerern der Sieben-Tage-Adventisten: Alle Testpersonen hatten sich freiwillig für Versuche mit pathogenen Stoffen zur Verfügung gestellt.
Peinlich genau listete die Army in ihrem Report jeden einzelnen Versuch auf -- eingeschlossen die Zahl der Testpersonen. die Dauer des in dem einen oder anderen Fall erforderlichen Krankenhausaufenthaltes sowie das Ziel der jeweiligen Versuchsreihe. Nur über 21 "geheime Projekte", an denen höchstens jeweils zehn Personen beteiligt waren, wurde der Schleier nicht gelüftet.
Ihren ersten Höhepunkt erreichte Amerikas BW-Rüstung 1956. Damals glaubten die Amerikaner aus einer Rede des Sowjetmarschalls Schukow auf dem 20. Parteitag der KPdSU herauslesen zu können, die Sowjets würden im Ernstfall bakteriologische und chemische Waffen zur Massenvernichtung einsetzen.
Daraufhin warfen die USA ihr 15 Jahre lang nur auf Verteidigung gegen BW-Angriffe gerichtetes Konzept über Bord und beschlossen, sich nun auch selbst auf den möglichen Einsatz bakteriologischer und chemischer Killer vor zubereiten. Die Entscheidung über der Einsatz sollte ausschließlich dem Präsidenten vorbehalten bleiben.
Fortan wurde die Produktion offensiver BW-Killerwaffen verstärkt und auch die Fests am lebenden und toter Objekt -- wie Weizen- und Reispflanzen -- intensiviert.
Ausdrücklich bestätigte die Eisenhower- Regierung kurz vor den Präsidentschaftswahlen von 1960 noch einmal den Kurswechsel zur offensiven bakteriologischen Kriegsführung -- und fand eifrige Schüler in der folgenden Kennedy-Administration.
Im Mai 1961 bereits, vier Monate nach Amtsantritt der neuen Regierung. wies Verteidigungsminister Robert S. McNamara, heute Präsident der Weltbank, die Vereinigten Stabschefs an. die Einsatzmöglichkeiten bakteriologischer und chemischer Waffen zu analysieren und alle möglichen Anwendungsbereiche in Erwägung zu ziehen".
Ein umfassendes Programm antworteten die Stabschefs, werde vier Milliarden Dollar kosten -- was den damaligen Forschungsdirektor des Pentagon und heutigen Verteidigungsminister der Carter-Regierung, Harald Brown, nicht davon abhielt, "entschieden dem Standpunkt der Vereinigten Stabschefs zuzustimmen, daß diese Waffen ein großes Potential darstellen". Im Pine Bluff Arsenal im Bundesstaat Arkansas wuchsen bald darauf die Vorräte an bakteriologischen Kampfstoffen, die unter anderem -weil Dauerkühlung vonnöten war -- in 273 Iglus gelagert wurden. In anderen BW-Instituten wurde eifrig an der Entwicklung neuer Waffen geforscht.
Dazu gehörten auch jene Herbizide. die Amerika bald darauf im Vietnamkrieg einsetzte, um den Dschungel Südostasiens zu entlauben. Das waren "war im Wortsinn keine bakteriologischen Waffen -- doch Amerika geriet in den Augen der Weltöffentlichkeit zunehmend in den Verdacht, in Vietnam einen bakteriologischen Krieg zu führen. Am 25, November 1969 schließlich. nicht zuletzt unter dem Druck der Vereinten Nationen, verpflichtete sich Präsident Richard Nixon für die Vereinigten Staaten zum absoluten Verzicht auf den Einsatz bakteriologischer Waffen.
Ein Ende der Experimente mit BW-Kampf- oder -- Ersatzstoffen aber bedeutete das keineswegs. Zwar wurden bis Februar 1973 bakteriologische Kampfstoffe vernichtet, die Produktionsstätten sterilisiert und entweder an die Privatindustrie oder an andere Regierungsbehörden verkauft. Von der Vernichtung ausgenommen jedoch wurden solche Wirkstoffe, die erforderlich sind für die defensive BW-Forschung" (Army-Report>.
Die beiden blauen Report-Bände der Arm', sind denn auch offensichtlich nur ein feil der ganzen Wahrheit --Grund genug für einen Unterausschuß des Senats (Vorsitzender: Edward Kennedy), Hearings über das gesamte System der bakteriologischen Kriegsführung Amerikas zu beginnen.
Gleich zu Beginn der Beratungen veröffentlichte Kennedy selbst die Zusammenfassung eines bis dahin geheimen CIA-Berichts über die Erfahrungen des Geheimdienstes mit bakteriologischen Waffen,
Der CIA-Vorläufer OSS, so ergab sich daraus, hatte zumindest einmal bakteriologische Kampfstoffe sogar eingesetzt: Um die Teilnahme des deutschen Reichsbankpräsidenten Hjalmar Schacht an einem Wirtschaftstreffen zu vereiteln, wurde ihm eine Lebensmittel-Vergiftung verabreicht,
Es war vermutlich das erste Eingeständnis, daß auch die USA schon offensiv bakteriologisch Krieg geführt haben -- wenngleich nicht enthüllt wurde, wann und wie die OSS-Agenten dem deutschen Finanzmann die Lebensmittelvergiftung verpaßten.
Und wenig später enthüllte der BW-Experte Lowell Poule, ein Spezialistenteam aus Fort Detrick habe 1969/ 1970 einen Scheinangriff gegen die Klimaanlagen des Capitols und des Weißen Hauses sowie gegen Trinkwasser in einem Bundesgebäude geführt. Poule: "Wären die Teams der Army richtige Terroristen gewesen, der Präsident und der ganze Kongreß wären umgekommen."
Einzelheiten dieser Versuche -- die von der Army sofort dementiert wurden -- sowie anderer Tests von Army und CIA will Poule in einem Buch veröffentlichen, das noch in diesem Jahr erscheinen soll.
Auch die Protokolle der Kennedy-Hearings werden binnen kurzem gedruckt vorliegen und den Army-Report gewiß ergänzen -- vielleicht auch dort, wo jetzt nur sybillinisch steht: Im Interesse einer wirksamen Verteidigung Amerikas gegen einen BW-Angriff können Scheinangriffe veranstaltet werden, wenn zusätzliche Daten nötig sind".
Will heißen: Auch nach dem Verzicht Amerikas auf den Einsatz bakteriologischer Waffen, auch nach der Veröffentlichung des Army-Reports könnte es durchaus sein, daß wieder angeblich harmlose Bakterien durch U-Bahn-Schächte und Autobahntunnel fluten.
Dr. Alexander D. Langmuir, über 20 Jahre lang einer der führenden Männer des Zentrums für Seuchenkontrolle in Atlanta:,, Der bakteriologische Krieg stellt nach wie vor eine enorme Bedrohung für die Welt dar, die Vereinigten Staaten benötigen daher ein fortlaufendes BW-Programm."
DER SPIEGEL 21/1977
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