06.06.1977

Datum: 6. Juni 1977 Betr.: Serie

Ob denn der SPIEGEL "nun auch den "Pfad des Kalten Krieges" wandele und "Herr Meyer" vielleicht annehme, "dass es Zeit würde, sein wahres Gesicht zu zeigen -- das Gesicht eines unversöhnlichen Gegners der Sowjet-Union", fragt die Moskauer "Literaturnaja gaseta" in ihrer Ausgabe vom Mittwoch vergangener Woche. Der Grund für diesen heftigen Angriff ist die SPIEGEL-Serie "Kommunismus heute", die auch schon die deutschsprachige "Budapester Rundschau" erregt hatte (SPIEGEL 23/ 1977). Weiter zürnt die "Literaturnaja gaseta":

"Man kann sagen, dass der SPIEGEL schon lange nicht mehr solche in allen Gesichtspunkten minderwertigen Schreibereien veröffentlicht hat. Charakteristisch für diesen Aufsatz -- von der ersten bis zur letzten Zeile -- ist folgendes: eine offene Feindschaft gegenüber unserem Land, gegenüber dem Sozialismus insgesamt, eine wütende Feindschaft, die dummundblindmachen soll.

"Der Autor dieses Artikels hat sich ein Ziel gesetzt -- unser Land mit Schmutz zu überschütten, und er hat dies getan ... ohne sich Fesseln anzulegen. Er schreckt selbst davor nicht zurück, sich lächerlich zu zeigen ... Im Artikel schreibt Herr Meyer öfters heuchlerisch, in spöttischem Ton darüber, dass das technisch-ökonomische Niveau der führenden westlichen Länder in der Sowjet-Union noch nicht in allem erreicht worden sei ..." "Die Feinde der Entspannung veröffentlichen mit Vergnügen solche anti-sowjetischen Schmähschriften. Diesmal aber wurde der Artikel nicht in einer rechten, reaktionären Zeitschrift, sondern im SPIEGEL veröffentlicht, der immer als liberal galt, für die Entspannung, für die "Ostpolitik" und für die Entwicklung der Beziehungen zwischen der UdSSR und der BRD eintrat . "Bedeutet die Umorientierung der Zeitschrift, dass sich etwas in den politischen Kreisen Bonns, denen der SPIEGEL nahesteht, verändert?"

"Strauss und seine Anhänger beginnen immer stärker offen Ansprüche zu erheben, die Leitung des Staates zu übernehmen. Sind vielleicht die Veränderungen auf den Seiten des SPIEGEL ein Spiegelbild der Aktivität dieser rechten Kräfte?"

Der "Herr Meyer", der den Zorn der bedeutendsten sowjetischen Kulturzeitschrift hervorgerufen hat, ist SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meyer, Jahrgang 1932, Leiter des Ost-Referats im Auslandsressort, Verfasser des Russland-Teils der Serie "Kommunismus heute".

Den Kollegen der "Literaturnaja gaseta" zur Beachtung: Meyers Sicht und die Haltung des SPIEGEL zu Ostpolitik und Entspannung haben sich nicht verändert. Die Ansprüche des CSU-Vorsitzenden Strauss vertritt noch immer der "Bayernkurier".

PS: Autor der Titelgeschichte dieses Heftes ("Der neue Breschnew", Seite 112) ist SPIEGEL-Redakteur Fritjof Meyer.


DER SPIEGEL 24/1977
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