06.06.1977

PRESSE

Böser Schein

Wird der Zeitschriften-Großhandel durch verbotene Kartelle gelenkt? Ein Musterprozeß soll Klärung bringen.

Gut zwei Jahrzehnte lang begegneten die Lieferwagen der Ludwigshafener Großhandlung "Buch und Presse" und des Mannheimer Zeitschriftenvertriebs Pfaadt einander auf den Straßen der Pfalz. Die einen, 20 Wagen, brachten die jeweils neuesten Ausgaben von "Quick", "Bunte", "Stern", und die anderen, abermals 20 Wagen, "Bild" oder "Hör zu" -- immer jeweils derselben Kundschaft: Zigarrenhändlern in Pirmasens wie Deidesheim, Kiosken in Landau oder Frankenthal.

Doch dann, über Nacht, war"s mit den Doppelfuhren vorbei. Säuberlich begrenzt durch eine geschäftliche Trennlinie von der Mannheimer Brücke bis zur Saargrenze hei Bruchmühlbach, beliefern die "Buch- und Presse"-Fahrer seitdem nur noch die Südpfalz mit ihren bunten Blättern -- und haben, anders als vorher, nun auch "Bild" und "Hör zu" dabei.

Und den nördlichen Vertriebsbereich bereisen die Pfaadt-Transporter allein, die seither auch "Quick", "Bunte" und den "Stern" mit drauf haben. Die Wagenparks konnten hier wie dort verkleinert, die Kosten beiderseits "entscheidend verringert werden" -- so, zufrieden, ein "Buch und Presse"-Chef.

Wie in der Pfalz teilten vorher und nachher im Bundesgebiet einst konkurrierende Presse-Grossisten brüderlich ihre Lieferzonen auf. Nach komplizierten Trennoperationen mit Umsatzschlüsseln, Gebietsarrondierungen und Personalabsprachen verfügen heute von den 84 Großhändlern der Branche 76 über ihr Vertriebsgebiet solo.

Nutznießer der Gebietsmonopole sind außerdem die großen Pressekonzerne wie Axel Springer, Burda, Gruner + Jahr, aber auch umsatzstarke Titel wie der SPIEGEL. Bei ihnen gestaltete sich die bundesweite Verbreitung übersichtlicher, die lokale Nachfragekontrolle klappte daher besser. Infolge einer schnelleren und genaueren Anpassung der Druckauflage an die jeweilige Nachfrage verringerte sich der nicht verkaufte Auflagenanteil, die Vertriebskosten für Bedrucktes gingen erheblich zurück.

Ob allerdings diese kostensparenden Gebietsabsprachen der verfassungsrechtlich gebotenen Pressevielfalt förderlich sind oder ihr im Gegenteil schaden -- dies ist, ein paar Jahre nach der bundesweiten Neuordnung, noch immer umstritten. Während die Gegner ein Marktverdrängungs-Kartell der Großen auszumachen glauben, meinen die Befürworter, daß der konsolidierte Vertrieb der Millionenobjekte die Verbreitung zahlreicher kleinerer Blätter betriebswirtschaftlich erst ermögliche.

Hätte nämlich jeder Wettbewerber Anspruch auf Belieferung durch die Verlage, so würden die Kosten für zusätzliches Personal und mehr Streckenkilometer. für Doppelbelieferung umworbener Einzelhändler und einen höheren nicht verkauften Auflagenanteil steigen. Statt zu mehr Pressevielfalt beizutragen, belastet mithin der Grosso-Wettbewerb durch Zusatzkosten die kostenabhängige Existenz der Blätter. Und der Wettbewerbsgrossist selbst müßte, um zu sparen, den Vertrieb kleinerer Objekte teilweise ablehnen. Der an einem Vollsortiment interessierte Zeitschriftenkäufer wäre nicht Nutznießer, sondern ausnahmsweise Opfer des Wettbewerbs.

Entschieden wird über den pressepolitischen Marktstreit nun auf dem Rechtsweg. In einem Musterprozeß vor dem Karlsruher Oberlandesgericht begehrte eine in Ludwigshafen gegründete Vertriebsfirma, die gegen die beiden alleinigen Platzhalter in der Pfalz angetreten ist, die Belieferung mit vielen gutgehenden Objekten.

Der Störenfried, die Grosso-Gesellschaft MAL, klagt erst einmal auf die ihr bislang verweigerte Überlassung von Zeitschriften wie "Quick", "Neue Post", "Neue Revue", "TV Hören und Sehen", "Wochenend", " Das Neue Blatt", "Praline", "Bravo", "Fernsehwoche", "Sexy", "Playboy deutsch" und "Lohnsteuer aktuell". Prozeßgegner, weil Produzent dieser Titel, ist der Hamburger Heinrich Bauer Verlag.

Doch erklärtes Ziel der Klägerin -- das Kürzel MAL steht für Mannheim/ Ludwigshafen -- ist es, die "Marktabschottung" insgesamt zu knacken. Denn der bislang von Bauer und anderen Pressekonzernen gegen sie praktizierte Lieferboykott beruhe, so der Mannheimer MAL-Anwalt Arno Hellriegel, auf "unrechtmäßigen Praktiken eines aus den Großverlagen und den Grossisten gebildeten kartellähnlichen Zusammenschlusses".

Tatsächlich macht etwa "Buch und Presse"-Inhaber Eugen Fritzenschaft, 58, kein Hehl daraus, daß der Anstoß zur Gebietsbereinigung seinerzeit von einem Großverlag ausgegangen sei; nur welcher es war, "das kann ich nicht sagen". Und einträchtig wie die in der Pfalz beliefern die Großverlage auch überall sonst ihre 76 Gebietsmonopolisten gemeinsam und ausschließlich.

Verbündete fand die MAL beim Bundeskartellamt. Aus den "hohen Marktanteilen weniger Großverlage"

60 Titel erzielen 80 Prozent, weitere 740 Objekte nur 20 Prozent des Grosso-Umsatzes -- lasen die Berliner Wettbewerbshüter die Gefahr heraus, daß sich die Grossisten den "Sonderinteressen einzelner Verlage beugen" und die Produkte der Marktmächtigen "bevorzugen".

Verschlimmert wird der böse Schein noch dadurch, daß die umsatzhungrigen Großen bereits allesamt selbst ins Grosso-Geschäft vorgedrungen sind: Bauer ("Quick") und Gruner + Jahr ("Stern") als Alleininhaber von Vertriebsfirmen in Hamburg und Berlin, als Teilhaber Burda ("Bunte") in Saarbrücken und Springer ("Bild", "Hör zu") in Hamburg und Berlin.

Die Kartellwächter verfolgen die Verwischung der Handeisstufen mit "Besorgnis". Und sie schlugen, um vermutete kartellrechtswidrige Gebiets- oder Lieferabsprachen zwischen Großverlagen und selbständigen Grossisten zu belegen, letztes Jahr bei zehn Firmen zu: Großhandelskontore wurden durchsucht" Korrespondenzen beschlagnahmt. Doch Bußgeldbescheide blieben bis heute aus.

Wie gering die Bewegungsfreiheit der Berliner Wettbewerbs-Verteidiger angesichts der fortgeschrittenen Pressekonzentration mittlerweile schon geworden ist" macht die Karlsruher Prozeßfehde wie von selbst deutlich:

Im Namen der freien Konkurrenz klagt da nämlich, wenn auch unter dem unverfänglichen Firmenzeichen MAL, ein Pressekonzern, der zuvor in hartem Verdrängungswettbewerb eine Reihe kleinerer Nachbarverlage vom Markt konkurriert und in der Pfalz ein schier unerschütterliches Zeitungsmonopol errichtet hat: die Ludwigshafener "Rheinpfalz" (Tagesauflage: 238 000).

Über eine 44-Prozent-Beteiligung an der "Stuttgarter Zeitung" samt deren Töchtern "Stuttgarter Nachrichten" wie "NWZ" (Göppingen) zählt das Ludwigshafener Zeitungshaus als Mitbesitzer der -- mit 1,45 Millionen Wochenexemplaren verbreiteten -- "IWZ", einer Stuttgarter Illustrierten Programmbeilage für südwestdeutsche Zeitungen, sogar zu den Direktkonkurrenten von Bauers TV-Blättern. Die MAL legte sich der regionale Riese erst zu, nachdem er bei Pfaadt und Fritzenschaft vergeblich um eine 40-Prozent-Beteiligung nachgesucht -- und dem "Buch und Presse"-Inhaber daraufhin den "Rheinpfalz"-Vertrieb an den Einzelhandel entzogen -- hatte.

Daß es diesem Zeitungskonzern, wie Anwalt Heliriegel beteuert, ums vielfältige Gedeihen auch "schwach verkäuflicher" Presseprodukte zu tun sei, ist zu bezweifeln -- mit Fug: In den von MAL beigebrachten Beschwerden von Kiosk- und Ladeninhabern, denen man gegen die bisherige "Knebelung der Einzelhändler" (Hellriegel) beispringen will, steht die Klage über die unerbetene Lieferung "schwach verkäuflicher" Presseprodukte obenan. "Das erleben wir immer wieder", sagt Pfaadt-Chef Horst Geier, "der eine ist in der SPD und will den "Bayernkurier" nicht, der andere nicht den "Vorwärts". Und manche wollen überhaupt nur die paar gutgehenden Brotobjekte."

Das Landgericht Mannheim hatte in erster Instanz Bauers Liefersperre gegen MAL "aus sachlich gerechtfertigten Gründen" gebilligt. MAL ging in die Berufung vors Karlsruher Oberlandesgericht und unterlag erneut: Zugunsten der Klägerin, urteilte der 6. Zivilsenat am Mittwoch vorletzter Woche, könne zwar unterstellt werden, daß ein Großhändler-Wettbewerb "ebenso funktionsfähig ist wie das derzeit praktizierte System des alleinigen Gebiets-Grossisten" und "den Interessen kleinerer Verlage ... besser gerecht" werde. Dies reiche aber nicht aus, den Bauer-Verlag oder andere Pressekonzerne zu zwingen, "von dem aus ihrer Sicht zweckmäßigen System" auf das "ebenso zweckmäßige System des Wettbewerbs-Grossisten überzugehen, nur damit auf der nächsten Wirtschaftsstufe ein Wettbewerb stattfindet".

Bei MAL ist man noch immer dabei, "das Urteil ganz genau zu lesen". Es wird aber, meint ein MAL-Sprecher, "wohl so kommen, daß wir vor den Bundesgerichtshof gehen".


DER SPIEGEL 24/1977
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