06.06.1977

HYPNOSEGedächtnis verschmutzt

Ungewöhnliche Gedächtnisleistungen sind ein typischer Effekt von Hypnosen. Können sie bei der Aufklärung von Verbrechen helfen?
Das Haus Hiltensperger Straße 36 in München-Schwabing ist ockerfarben. Die Couch des dort praktizierenden Psychotherapeuten Dr. Günther Krapf, 65, dichtes Grauhaar und randlose Brille, ist blau.
So exakt, wie es die "Welt am Sonntag" recherchierte, läßt sich Realität mit klarem Verstand beschreiben. Was aber mit dem Kidnapping-Opfer Richard Oetker auf dieser Couch geschah, gilt trotz zwei Jahrhunderten wissenschaftlicher Erklärungsversuche als heikel und rätselhaft.
Oetker sollte sich, vorn bayrischen Landeskriminalamt dazu gedrängt, unter Krapfs Führung in einem Schwebezustand zwischen wachem Bewußtsein und Traum an vergessene oder verdrängte Einzelheiten seiner mit lebensgefährlichen Verletzungen endenden Entführung erinnern. Psycho-Tricks als Ultima ratio in einem Kriminalfall?
Vor allem als Schaubudenzauber war Hypnose kurz vordem wieder ins Gerede gekommen.
Letztes Jahr etwa hatte Regisseur Werner Herzog die Darsteller seines Bayernwald-Dramas "Herz aus Glas", um sie "in einer tranceartigen Verlorenheit" zu zeigen, selber hypnotisiert. Einen 77jährigen allerdings, der dabei empfand, "daß er tot und dieser Zustand sehr angenehm sei" (Herzog), konnte der im Schnellkurs ins Somnambule eingeweihte Filmemacher nur mit Mühe beim zweiten Erweckungsversuch in die Wirklichkeit seiner Alptraumfabrik zurückbringen.
Und gleich dreimal, zuletzt im Februar, ließ die ARD -- als wär"s ein Jux -Studiogäste von dem australischen Show-Hypnotiseur Martin St. James wie willenlose Dressurobjekte vorführen. Die Freiwilligen gebärdeten sich als Tarzan oder Stripperin oder hielten eine Gurke für eine duftende Rose.
Doch während Zuschauer ungläubig schimpften ("Verarschung"), erhoben Fachärzte Protest:" Schau-Hypnosen", erklärte Professor Dietrich Langen, Chef der Mainzer Universitätsklinik für Psychotherapie. sollten "gesetzlich verboten werden".
Rühren also sogar derartige Spektakel an ein gefährliches, magisches Geheimnis?
Beunruhigt hatte schon 1784 die französische Akademie der Wissenschaften eine Kommission eingesetzt, um die hypnoseähnlichen "magnetischen Heilkuren" zu untersuchen, mit denen der Arzt Franz Anton Mesmer damals in ganz Europa Furore machte. Die der Aufklärung verschriebenen Forscher verwarfen seine Lehre.
Spätestens seit 1842 jedoch, als der britische Chirurg James Braid nach langen Versuchen der Hypnose nach dem griechischen "hypnos" (Schlaf) den Namen gab, ist die Möglichkeit von Suggestionen bei eingeschränktem Bewußtsein erwiesen.
Was Hypnose wirklich ist, blieb gleichwohl bis heute unverständlich. Mit Schlaf, der sich etwa an Veränderungen der Hirnströme meßbar erkennen läßt, hat sie jedenfalls kaum zu tun; sie scheint eher eine von vielfältigen Formen psychosomatischer Beeinflussung zu sein -- wie autogenes Training und der Placebo-Effekt, wie volksmedizinische Methoden, Akupunktur zum Beispiel oder das Gesundbeten oder auch wie die Betörung zwischen Liebenden.
Ziemlich belanglos scheint es zu sein, welches Verfahren der Hypnotiseur anwendet. Etwas Brimborium wie optische Täuschungen oder das Fixierenlassen glänzender Gegenstände ist hilfreich, unerläßlich nur das Vertrauen des Probanden.
Typisch für die Hypnose ist, daß nur ein uneingeschränkter Kontakt zur Außenwelt erhalten bleibt, der sogenannte Rapport zum Hypnotiseur. Diese Abhängigkeit bei gleichzeitigem Abbau rationaler Hemmungen ist jedoch -- obgleich fünf Sechstel aller Menschen hypnotisierbar sind -- längst entdämonisiert.
Zwar kann der Hypnotiseur (und fast jeder kann das erlernen) eine Scheinwelt suggerieren und Aufträge erteilen, die sogar später im Wachzustand ohne Erinnerung an die Umstände des Befehls ausgeführt werden. Aber Verleitung zu Verhaltensweisen, denen der Hypnotisierte sonst stark widerstreben würde, ist schlechterdings unmöglich; Verbrechen oder sexuelle Hörigkeit unter Hypnose erwiesen sich als Mär.
Moderne Hypnosetechniken werden hauptsächlich in der Medizin angewandt. Ärzte können damit Schmerzen lindern, Allergien abklingen lassen, nervöse Störungen wie Stottern, Bettnässen, psychische Impotenz, Platzangst, übersteigerte Zahnarzt-Furcht oder Lampenfieber zumindest zeitweilig beheben. Ein Wunderheilmittel ist Hypnose nicht.
Zudem wird neuerdings öfter, wie nun auch bei Richard Oetker, versucht,
* Stehend links: Hypnotiseur St. James.
mittels Hypnose verschüttete Gedächtnisinhalte zu erschließen: So ließ Amerikas Zivilflugbehörde 1965 den Piloten eines abgestürzten Hubschraubers, der sich des Schocks wegen an nichts mehr erinnern konnte, das Unglück unter Hypnose rekonstruieren.
Und im spektakulären Kidnapping-Fall von Chowchilla/Kalifornien, wo letztes Jahr 26 Kinder mit ihrem Schulbus entführt wurden, half Hypnose bei der Fahndung: Dem Busfahrer fiel dabei das Kennzeichen des Entführerwagens wieder ein.
In welchem Maße dieser Hypermnesie genannte Effekt über das bessere Memorieren von Fakten hinaus zur Aufklärung von Verbrechen beitragen könnte, also zur Beschreibung von Tätern oder zur Rekonstruktion von Tatabläufen, ist nicht nur rechtlich zweifelhaft.
Fachärzte kennen das Problem der "Gedächtnisverschmutzung": Dem Hypnotisierten können durch Andeutungen und Fragen Umstände als wahr suggeriert werden, die er auch später von seinen subjektiven Erlebnissen nicht mehr zu unterscheiden vermag.
Einen mutmaßlichen Täter gar mittels Hypnose zum Geständnis bringen zu wollen, hätte nach Ansicht des Experten Professor Langen "aller Wahrscheinlichkeit nach kaum Erfolg".
Und wenn schon -- das Unterfangen käme einer durch Folter oder Drogeneinfluß abgepreßten Selbstbeschuldigung gleich. "Zur Wahrheitsfindung" aber, so steckt der Mainzer Psychotherapeut den gesetzlichen Rahmen ab, dürfen zumindest in der Bundesrepublik "keine bewußtseinsverändernden Maßnahmen eingesetzt werden -- auch nicht bei Zeugen".

DER SPIEGEL 24/1977
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