09.05.1977

LUDWIG ERHARD t

Fast zwei Jahrzehnte lang war Ludwig Erhard die Leitfigur des Glücks der Deutschen diesseits der Elbe. Am Donnerstag letzter Woche starb er, 80 Jahre alt. Die Wehmut der Bundesbürger begleitet ihn.

Die Epoche des Glücks, die er wie kein anderer, mehr sogar noch als sein Freund und Feind Konrad Adenauer repräsentierte, begann an jenem 20. Juni 1948, an dem er, damals noch Direktor im Zonen-Verwaltungsrat, jedem Bundesbürger zwei Zwanzigerscheine der neuen Deutschen Mark aushändigen ließ. Sie endete am 30. November 1966, als die Nation, grämlich gestimmt ob einer nach heutigen Maßstäben allenfalls unbehaglichen Wirtschaftskrise, ihn aus dem Kanzler-Amt stieß. Fortan saß er, zusammengesunken, auf der Frontbank der CDU! CSU-Fraktion: ein dräuendes Memento anfangs, zum Schluß ein rührendes.

Leistung und Wohlstand hießen die Parolen jener fernen Jahre, und die Deutschen von damals genossen beides. Was immer das Schuften und Verdienen jedem einzelnen eintrug -- den Bundesbürgern ermöglichten

sie überdies das Vergessen des moralischen Elends, das ihnen Hitler nachgelassen hatte.

In der harschen Luft um die knöcherne Figur des alten Adenauer blieb immer ein Stück vom Ernst der Lage der Nation sichtbar. Sein giftiger Witz, seine Skepsis in Sachen Mensch ließen Euphorie nicht aufkommen, und dem Beifall, den die Deutschen ihm dann gleichwohl zollten, haftete immer etwas von Selbstbestrafung an.

Mit Erhard hingegen fühlten sich die Bundesbürger wohl, und das hatte nicht bloß materielle Gründe; das hatte mit seinen Vorstellungen von der versöhnlichen Harmonie aller Dinge in Wirtschaft, Politik und Leben zu tun, aber auch mit seinem Naturell, mit, wie er sich selber ausdrückte: "meiner Menschlichkeit". Ludwig Erhard war ein Trost.

"Sie haben", sagte Adenauer bei Erhards 60. Geburtstag, "Vertrauen erweckt und Vertrauen gewonnen, wie ich das kaum vorher bei einem Menschen gesehen habe."

Erhard rüstete sich damals, 1957, die Nachfolge Adenauers anzutreten. Wenn er bei jener Lobrede genauer hingehört hätte, wäre er gewarnt gewesen. Bei Adenauer hatte er kein Vertrauen erweckt.

Über ein halbes Jahrzehnt zog sich der Krieg zwischen dem Alten und seinem unentwegten Verehrer hin. Im Herbst 1963 erreichte Erhard sein Ziel, das Kanzleramt. Aber unzählige Narben bedeckten ihn, vor allem jene, die ihm Adenauer in den wüsten Frühlingsmonaten von 1959 beigebracht hatte, als er zurücktreten wollte und es dann doch nicht tat.

Er glaube nicht an Erhards Eignung für das Amt des Kanzlers, hatte Adenauer damals gesagt. Er bringe es nicht "über sich", Erhard für die Nachfolge vorzuschlagen. "Den bringe ich noch auf Null", hatte er vor Journalisten gehöhnt.

Aber es war nicht nur das schier endlos sich hinziehende Gezänk mit Adenauer, das Erhards angeborenen Optimismus langsam zerfraß. Zu "immer umfassenderen Freiheiten" hatte er, der Gründer des Wohlstands, die Deutschen

führen wollen. Beglückt hatte er die "anonymen Befehle" jener "echten Ordnung" vernommen, die für ihn die freie Wirtschaft, die Goldwährung zumal, darstellte.

Aber langsam -- beginnend schon 1953 -- wurde ihm bänglich. Immer dringlicher wurden seine Maßhalte-Appelle. Er begann nach einer "neuen Philosophie" zu suchen, nach "einer gemeinverbindlichen Wertung unseres Lebens". Als Kanzler ließ er sich schließlich einflüstern, er könnte eine neue "formierte Gesellschaft" gründen. Kraftlos und manchmal zänkisch redete er über das Projekt -- und ließ es dann fallen. Das "Formieren" war nicht seine Sache.

Gleichwohl: So leicht werden die Bundesbürger den Bundeswirtschaftsminister Erhard nicht vergessen. Die Zuversicht, die er ausstrahlte, das Glück des freien Schaffens und Wirtschaftens, dem er Platz machte, das Vertrauen in eine harmonische Weltordnung, das ihm eigen war -- all das beschreibt eine Epoche, für die es kein Beispiel in der deutschen Geschichte gibt.


DER SPIEGEL 20/1977
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