09.05.1977

FERNSEHENGeistig zurück

Deutschlands Polizei, sonst Krimi-Produzenten gern und preiswert zu Diensten, fühlt sich durch faule Fahndungstricks des ZDF-„Alten“ verunglimpft.
Als der Mainzer Kommissar Erwin Köster -- der "Alte" mit den windigen Fahndungstricks -- seinen Mordfall gelöst hatte, kam ihm die Polizei auf den Hals.
"Unerhörte Entstellung kriminalpolizeilicher Tätigkeit", so schimpfte der Bund Deutscher Kriminalbeamter. Der "Alte", lamentierte die Polizei-Gewerkschaft, habe dem Ansehen deutscher Schutzleute "schweren Schaden" zugefügt. Erschüttert meldete sich auch Kösters "Tatort"-Kollege Veigl zu Wort: "Ich bin entsetzt." So rückte unversehens letzte Woche der neue ZDF-Schnüffler in die Schlagzeilen.
Anlaß für den großen TV-Schlamassel war die am 1. Mai gesendete (dritte) Serienfolge "Der Alte schlägt zweimal zu". Als Autor und Regisseur hatten die Mainzer den ehemaligen korsischen Waffenschmuggler und Banden-Gangster José Giovanni angeheuert -- eine hartgesottene, weithin gepriesene Krimi-Koryphäe ("Der Clan der Sizilianer"). Im Geiste Giovannis agierte der alte Köster mit einem Mal wie ein skrupelloser Kino-Bulle.
Um den Mord an einer Fuhrunternehmersfrau aufzuklären, legte sich der sprachgestörte Kriminalassistent Heyman (Michael Ande), auf Kösters Befehl, zu einem verdächtigen Weibsbild ins Bett. Den gleichfalls suspekten Fuhrmann ließ er ohne Schuldbeweis einsperren; ein Geständnis erpreßte er sogar mit Hilfe eines gefälschten Tonbands. Alles kapitale Sünden.
Unerbittlich und unerwartet pingelig addierte "Bild" ("Der Alte ist ja kriminell") grobe Rechtsverletzungen: "Amtsanmaßung", "Freiheitsberaubung im Amt", Verstoß gegen den Paragraphen 136a der Strafprozeßordnung. Das ging Rechtspflegern und Ordnungshütern entschieden zu weit.
"Liebesspiele eines Kriminalbeamten mit der Geliebten eines Verdächtigen", korrigierte der gekränkte Kripo-Bund, gehörten (leider?) "nicht in das Repertoire kriminalpolizeilicher Aufklärungsarbeit". Stuttgarter Rechtsanwälte warnten vor "irreparablem Schaden" für den Rechtsstaat. Nach Protesten der Züricher Kantonspolizei drohte das koproduzierende Schweizer Fernsehen, den pflichtvergessenen Köster abzusetzen. Der Wiener ORE entschied, den skandalösen dritten "Alten"-Teil nicht zu senden.
Die Krimi-Macher konnten die ganze Aufregung überhaupt nicht verstehen. Der "Alte" sei "eine Kunstfigur"" konterte das ZDF, "eine reine Fiktion Spöttisch fragte "Alten"-Darsteller Siegfried Lowitz: "Sind wir so weit geistig zurück, daß man den Leuten wieder den Unterschied zwischen Spiel und Wirklichkeit erklären muß?"
Hin und wieder wäre das schon angebracht. Denn gerade beim Fernsehen verfällt das Publikum leicht der Illusion, die bunten Bilder spiegelten stets das Wahre und Wirkliche. Und gerade im TV-Krimi haben die Produzenten -- im Eifer, ein realistisches Milieu zu zeigen -- die Grenzen zwischen Fiktion und Realität oft leichtfertig verwischt. In fast allen Krimis wirken, als Komparsen, echte Polizisten mit. Mitunter führt die Polizei sogar heimlich Regie.
Beim Februar-"Tatort" ("Flieder für Jaczek"). einer aufwendigen Kidnapperstory, hatte beispielsweise der Frankfurter Schupo-Chef Horst Vogel die Oberaufsicht. Vogel durfte Amts- und Polizeideutsch ins Drehbuch einbringen und -- fünf Drehtage lang -- ein Massenaufgebot an Bereitschaftspolizei, Panzer- und Funkwagen dirigieren. TV-Mietkosten für Mannschaft und Gerät: 7900 Mark. Die Zusammenarbeit mit Regisseur Fritz Umgelter funktionierte so gut, daß "die beiden sich am Ende richtig verbrüderten" (HR-Fernsehspielchef Hans Prescher).
Auch für die Gendarmen, die den fertigen Film vor der Sendung noch einmal begutachteten, hatte sich der Einsatz gelohnt. Zufrieden konstatierte Vogel, der "Tatort" sei "eine gute Möglichkeit der Öffentlichkeitsarbeit" und eine Chance, einem Geisel-Gangster zu demonstrieren, "welchen hochtechnisierten Präzisions-Apparat er herausfordert". Der Hamburger Kriminaldirektor Helmut Koetzsche war so beeindruckt, daß er "zur Fortbildung" seiner Beamten eine Kopie anforderte.
Herzliches Einvernehmen mit der Obrigkeit pflegt auch der NDR, der unlängst für eine "Sonderdezernat K 1"-Serie das "Mobile Einsatzkommando" (MEK) engagierte. Die Mitwirkung der schlagstarken Anti-Terrortruppe rechtfertigte NDR-Produzent Vock so: "Entweder wir machen es realitätsnah, oder es werden Märchen."
Das ZDF jedenfalls will seinen "Alten" wieder zum schlitzohrigen, aber rechtsbewußten Märchen-Onkel machen. Zwei weitere Drehbücher des ruppigen Autors Giovanni werden jetzt überprüft und vermutlich abgeschmettert; die nächsten Folgen, verspricht die Anstalt, "sind viel, viel harmloser".
Lowitz also, der "Alte", bleibt seinen Fans erhalten -- zum Wohle der ganzen Nation: Die Absetzung der Serie, so rief er beschwörend, "wäre ein Kulturverlust".

DER SPIEGEL 20/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

FERNSEHEN:
Geistig zurück