02.05.1977

ZEITGESCHICHTERosa Winkel

Homosexualität galt in Hitlers Wehrmacht als „Wehrkraftzersetzung“; Männerbeziehungen wurden mit drakonischer Härte verfolgt, schließlich auch mit der Todesstrafe.
Nachts auf Stube langte der 17jährige Rekrut Emil unter die Decke des neben ihm schlafenden Kameraden und zugleich bei sich selbst an den nämlichen Körperteil. "Dabei brauchte er sich", so rekonstruierte später, im Frühjahr 1944, ein Wehrmachtsgericht in Osnabrück ganz penibel die Fummelei, "nicht einmal aus seinem Bett zu erheben ... Es genügte ein Hinüberlangen mit der Hand, um die Tat auszuführen."
Die Tat genügte für eine Verurteilung zu zwei Jahren Zuchthaus. Das Strafmaß war exemplarisch für die drakonische Härte, mit der in der deutschen Wehrmacht während des Zweiten Weltkriegs selbst geringste Verstöße gegen den Paragraphen 175 des Reichsstrafgesetzbuches geahndet wurden.
Homosexualität unter Hitlers Soldaten -- das war für die Führung, so scheint es, gefährlicher als Pest und Pocken, verwerflicher als Korruption und Kameradendiebstahl. "Solche Elemente", urteilte im August 1942 das Gericht des Befehlshabers der Sicherung der Nordsee im Fall eines 27jährigen Maschinenobergefreiten, "müssen rücksichtslos bekämpft werden."
Der Obergefreite hatte sich an Bord ein paarmal Kameraden genähert, mal in der Koje, mal auf dem Klo, war jedoch nur in einem Fall auf Gegenliebe gestoßen. Das reichte für zweieinhalb Jahre Zuchthaus. Sein Gnadengesuch wurde abgelehnt -- wie in fast allen Fällen von "widernatürlicher Unzucht" vor deutschen Feldgerichten.
Zeugnisse solch unerbittlicher Strenge gegen die Andersartigen recherchierte jetzt der Münchner Militärhistoriker Professor Franz Wilhelm Seidler, Dozent an der Bundeswehr-Hochschule, aus bislang unbeachteten Quellen des Bundesarchivs; seine Untersuchung über "Homosexuelle Soldaten in der deutschen Wehrmacht" erscheint demnächst im Vowinckel-Verlag Neckargemünd als Teil eines umfänglichen Werks über das Sanitätswesen bei Hitlers Militär. Fazit des Autors: "Wohl keine Armee der Welt war so besessen von der Schädlichkeit der Männerbeziehungen wie die Wehrmacht im Dritten Reich."
Die "beachtliche Größenordnung" (Seidler) des Sittenfeldzugs erhellt aus der "Wehrmachtskriminalstatistik", die bis Mitte 1944 von der Amtsgruppe Heeresrechtwesen im Oberkommando des Heeres (OKH) zusammengestellt und nur in wenigen, durchnumerierten Exemplaren als Geheimsache verteilt wurde: ln viereinhalb Kriegsjahren wurden 6179 Soldaten wegen gleichgeschlechtlicher Handlungen verurteilt, durchschnittlich 20 bis 30 pro Woche, meist Mannschaftsdienstgrade.
Die Verfahren häuften sich, so geht aus den Akten hervor, nicht etwa bei längerer Abwesenheit von der Heimat, sondern nach der Rückkehr vom Heimaturlaub; Heeresärzte führten dies auf "gesteigerte sexuelle Bedürfnisse in dieser Zeit" zurück. Milde verfuhren die Sitten-Richter lediglich mit den nicht-deutschen Legionären, bei denen "nicht die gleiche strenge Auffassung von Anstand und Manneszucht vorausgesetzt" wurde, wie es in einem OKH-Erlaß heißt.
Drei Matrosen etwa, flämische Freiwillige, die sich immer wieder unter der Dusche und auf dem Abort miteinander vergnügt und auch mal vor dem Kompaniechef die Hose aufgeknöpft hatten, kamen bei einem Wehrmachtsgericht in Buxtehude mit zwei bis sieben Monaten Bau davon. Ein halbes Jahr erhielt hingegen schon ein deutscher Matrose vom Gericht beim Küstenbefehlshaber Friesland aufgebrummt, nur weil er, vom Bier ermannt, einem Kameraden einen Kuß gegeben hatte.
Solche Verdikte verstiegener Moral lagen im Zug der Zeit, in der nach Meinung des "Reichsführers SS" Heinrich Himmler ungezügelte Männerbeziehungen den "Geschlechtshaushalt Deutschlands in Unordnung" bringen würden -- mit bösen Folgen: dem "Ende Deutschlands" und der "germanischen Welt". Reichskanzler Adolf Hitler, geschockt von den "traurigen Bildern", die sich ihm 1934 bei der Verhaftung des SA-Stabschefs Röhm und seiner "Lustknaben" (Hitler) darboten, ordnete "rücksichtslose Aufräumung dieser Pestbeule" an.
Während in den drei Jahren vor Hitlers Machtantritt in Deutschland insgesamt 2319 Personen wegen homosexueller Vergehen gerichtlich belangt wurden, stieg die Zahl der Verurteilungen in den drei Jahren vor Kriegsausbruch auf das Zehnfache (24 450). Über 3000 Delinquenten pro Jahr kamen ins Konzentrationslager, wo die Häftlinge mit dem rosa Winkel, isoliert und drangsaliert, ein "entsetzliches Schicksal" (so der Historiker und ehemalige KZ-Häftling Eugen Kogon) erlitten.
Und seit der Strafverschärfung im Jahre 1935 wurde schlechthin "alles unzüchtige Treiben" verfolgt, auch noch das Allerharmloseste: 1939 verurteilte ein Berliner Gericht einen Angeklagten, der ein Liebespärchen im Park beobachtet und zugegeben hatte, nur den Mann angeschaut zu haben.
Gleichwohl maß die Wehrmachtsführung den Homosexuellen zunächst "gar nicht viel Bedeutung bei", so Historiker Seidler, "weil man die körperliche Anstrengung für ein wirksames Erziehungsmittel hielt". Häufig seien, so hieß es noch bei Kriegsbeginn in einem OKH-"Erlaß zur Manneszucht", die Täter "sonst gute und brauchbare Soldaten". Als probates Mittel empfahlen die Militärs die Zwangskastration" weil auch Entmannte -- bis 1943 -- als wehrdiensttauglich galten.
Doch "bei fortschreitender Dauer des Krieges" verlangten auch die Heeresführer "energisches Einschreiten gegenüber allen Fällen", die ihnen nun "in besonders hohem Maße" geeignet schienen, "die Moral und die Manneszucht der Truppen zu untergraben Und 1942 änderte das Heer, wie Autor Seidler herausfand, vollends seine Grundsätze -- nach einer Rüge Hitlers, die bei der Wehrmacht "hohe Wellen schlug" (Seidler): Der Kriegsherr hatte einen Gnadenerweis beanstandet, durch den einem Delinquenten die Reststrafe "zur Bewährung vor dem Feinde" ausgesetzt worden war.
In einem gemeinsamen "Arbeitsausschuß" von Justiz, Polizei und Militär empfahlen die Heeresvertreter nun, daß Homosexuelle gesetzlich unter die "Gemeinschaftsfremden" eingereiht werden sollten -- neben "Schmarotzern", "Taugenichtsen" und "gemeinschaftsfeindlichen Neigungsverbrechern". Und in seinen neuen "Richtlinien" zur Behandlung "widernatürlicher Unzucht" setzte das Oberkommando der Wehrmacht (OKW) nicht nur "empfindliche Zuchthausstrafen" an, sondern auch die Todesstrafe -- wegen "Wehrkraftzersetzung". OKW-Chef Wilhelm Keitel verordnete eine entsprechende "Schärfung des Strafrahmens" für "schwere Fälle".
Die Wehrmachtskriminalstatistik gibt freilich für die Rubrik Wehrkraftzersetzung -- jährlich wurden rund 1000 Soldaten deswegen zum Tode verurteilt -- keine Auskunft über die einzelnen Deliktsarten. Historiker Seidler: "Auf Schätzungen kann man sich hier nicht einlassen."
Sicher erscheint jedoch, daß sich Wehrmachtsideologen in ihrer Haltung gegenüber der Homosexualität "allmählich dem Kodex der SS näherten" (Seidler). Die "Schutzstaffel" hatte sich gemäß dem von Himmler herausgegebenen "Erlaß zur Reinerhaltung von 55 und Polizei" als "Vorkämpfer im Kampf um die Ausrottung der Homosexualität" zu betrachten. Die Deutschen sollten, so das 55-Organ "Das Schwarze Korps" schon 1935, "zurückkehren zu dem nordischen Leitgedanken der Ausmerzung der Entarteten". Zur Wahl gestellt wurde beispielsweise das "altfriesische Sendrecht" (Lebendbegraben) oder Kaiser Karls V. "peinliche Gerichtsordnung" zu der "gemeynen Gewonheyt" (Verbrennen).
Himmler wählte dann allerdings eine zeitgemäßere Tötungsmethode: Homosexuelle wurden, wie er schon 1937 für seinen Orden verfügte, nach der Verbüßung ihrer von ordentlichen Gerichten ausgesprochenen Strafen "auf meine Anordnung in einem Konzentrationslager auf der Flucht erschossen".

DER SPIEGEL 19/1977
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