02.05.1977

Ein Thriller namens „Blow-out“

Im Heimatland der Spökenkieker und der Trolle hatte eine Zeitung, Oslos "Aftenposten", besondere Seherkraft:
"In dieser Blütezeit für Katastrophenfilme, in der die Norweger unter ihren Kinokuppeln Erdbeben, Brände und stereophones Entsetzensgeschrei erleben, darf die Frage wohl erlaubt sein, ob wir nicht gar selbst alle Voraussetzungen bieten für einen entsprechenden Thriller", fragte die Zeitung am 26. Juni 1976 und kannte auch gleich den Thriller-Titel: "Blow-out".
Die Premiere für "Blow-out" begann dann tatsächlich in der Nacht zum 23. April 1977 gegen 22 Uhr. Schauplatz: die Bohrplattform "Bravo", 270 Kilometer vor der norwegischen Südküste im Ölfeld Ekofisk, wo täglich 300 000 Barrel Nordseeöl gefördert werden.
Beim routinemäßigen Auswechseln eines Sicherheitsventils schoß das öl hoch, kochend mit 110 Grad Celsius, 165 Tonnen die Stunde, fast 4000 Tonnen am Tag, 25 000 Tonnen bis Freitag voriger Woche -- und eine Unmenge Gas.
Ein Funke genügte, um aus dem Ekofisk-Bohrfeld, wo 400 Leute arbeiten, ein grausigeres "flammendes Inferno" zu zaubern, als es Hollywood-Phantasie vermochte.
Hollywood-Format hatten jedenfalls die Retter der Situation: Asgar ("Boots") Hansen und Richard Hatteberg, Abgesandte des texanischen Ölkatastrophen-Managers und Millionärs Paul ("Red") Adair, der unter Einsatz von eigenem sowie anderer Leib und Leben schon allerlei öl- und Gasdilemma bewältigte.
Pausenlos vermittelte das Schauerstuck seinem internationalen Publikum per Mattscheibe das Gruseln. Am Drehort Norwegen setzte Katzenjammer ein und Angst vor Folgedramen, betitelt etwa "Das tote Meer" oder "Tod der Vögel und der Fische" -- durch einen rund 1000 Quadratkilometer großen Ölteppich.
Hätte das Unglück vermieden werden können"?
Allzu lange, zehn Jahre fast, haben sich die meisten norwegischen Parlamentarier und Regierungsmitglieder auf Expertisen überwiegend ausländischer Ölkonsortien verlassen, um die Schwarzseher im Land zu beruhigen. "101prozentige Sicherheit" hatte die amerikanische Ölfirma "Phillips Petroleum Company" selbst noch kurz vor dem Unglück ihrer "Bravo"-Insel im Ekofisk-Feld bescheinigt. Und gern wurde eine Computerberechnung des Planungschefs Jan Olaf Willums von der "Saga Petr. AIS & Co." zitiert, nach der die Chancen für ein "Megatonnen-Unglück mit Küstenverschmutzung" nur 0,00025 Prozent betrage.
Konnte man absolut Null näher sein? Würde man den gesamten Flugverkehr sperren, nur weil eine gleich schlechte Chance besteht, daß "ein vollbesetztes Düsenflugzeug ausgerechnet während des jährlichen Pokal-Endspiels auf den Rasen des Osloer Fußballstadions Ulleval abstürzt", fragte "Aftenposten" im vorigen Sommer.
Und so muß auch Regierungschef Odvar Nordli gedacht haben, als er seinem Volk nach dem Blow-out erklärte: "Wir haben bislang vorausgesetzt, die Chancen für ein solches Unglück seien gering."
Doch es gab auch andere Expertenrechnungen, Faustregeln eher: Ein gewaltiger Blow-out komme im Schnitt auf 500 Bohrlöcher; über 1000 -- davon 200 norwegische -- gebe es in der Nordsee, ergo habe man dort schon zwei Blow-outs "zugute".
Immerhin reichte der Gedanke für die norwegische Umweltschutzministerin Gro Harlem Brundtlandt aus, sie "nachts wachzuhalten" oder ihr ein "Erwachen nach schweren Träumen" zu bescheren.
Weitere Alpträume stehen der Ministerin, die, von einer Familienhochzeit aufgescheucht, an den Unglücksort eilen mußte, noch bevor: wenn nämlich die in der vorigen Woche benannte Untersuchungskommission ihren Report vorlegen wird.
Schon heute besteht begründeter Verdacht, daß trotz aller Versicherungen des norwegischen staatlichen öldirektorats" es schaue den Ölgesellschaften stets kritisch über die Schulter und setze allerstrengste Sicherheitsmaßnahmen durch, eher geschlampt wurde.
Bei einem Treffen norwegischer Sicherheitsbeauftragter 1976 mit Öldirektoren auf einer Plattform des Ekofisk-Feldes haben sich Arbeiter beschwert, daß vorgeschriebene Prozeduren beim Austausch von Sicherheitsventilen nicht eingehalten würden.
Die für Ekofisk federführende amerikanische Ölgesellschaft Phillips Petroleum Company (36,9 Prozent Beteiligung) sei damals, versichert Dag Meier-Hansen, Kontrollchef im staatlichen Öldirektorat, "eindringlich" auf den Mißstand hingewiesen worden. Fast zur gleichen Zeit bekamen allerdings vier führende Phillips-Manager für ihre Verdienste um die ölausbeute in der Nordsee den hohen norwegischen St.-Olavs-Orden verliehen.
Nun freilich ist Konrolleur Meier-Hansen der Meinung: "Wenn die Phillips diesmal vorschriftsmäßig gehandelt hat, hätte dieser Blow-out niemals passieren dürfen."
Beklagt wird nun auch der unzulängliche Ausbildungsstand der Off-shore-Techniker. Die Maschinistenschule in Stavanger verfügt nur über einen einzigen veralteten Drucksimulator, an dem Blow-out-Situationen durchgespielt werden können.
"Bei der Einstellung von Arbeitern". klagt Ekofisk-Oberingenieur Bjorn Froyland, "waren wir oft gezwungen. Leute zu nehmen, die nicht einmal die mindesten Qualifikationsanforderungen erfüllten. Hätten wir aber darauf bestanden, dann hätten wir die Arbeit in der Nordsee längst einstellen müssen."
Über die Fähigkeiten selbst leitender amerikanischer Experten hat Froyland seine Zweifel: etliche hätten Mühe gehabt, theoretische Auffrischungskurse an der Maschinistenschule Stavanger zu bestehen.
Freilich, als vor zehn Jahren Probebohrungen vor Norwegens Küste gestartet wurden, war das Land ganz auf ausländisches Know-how angewiesen. Aber in den Stolz, mit seinem frischen Reichtum "eine neue Placierung unter den Nationen der Welt, in den Augen anderer als auch in den eigenen" erworben zu haben (das Osloer "Verdens Gang"), mischten sich bald Skepsis, Mißtrauen gegen die Fremden, die bevorstehenden Milliarden-Einnahmen und gegen den allzu jähen Fortschritt.
Erfahrung und Geld hätten die Phillips-Leute wohl mitgebracht, aber auch ihre für Norwegen nicht akzeptable Arbeitsmoral, ihre "time 15 money"-Mentalität, klagte nach dem Blow-out die "Rogalands Avis" in Stavanger. Und: "Wir haben das beklemmende Gefühl, daß die Grenze dessen, was wir von seiten dieser Gesellschaft hinnehmen können, erreicht ist."
In Stavanger auch träumt der Autor Bjarne Egeland von den Zeiten, als eine Tüte Krabben 25 Ore, eine Tüte Kopenhagener Gebäck ebensoviel, ein hübsches Haus mit Blumengarten 15 000 Kronen (etwa 7000 Mark) kosteten, als noch Domkirche und das Standbild des Dichters Alexander Kielland das Bild des Marktplatzes, Stavangers Bürger -- sonntags im Feststaat samt Zylinder -- das Straßenbild beherrschten.
Heute, so Egeland, "kauft in den modernen Läden vor allem das wohlbetuchte Kontingent der Ausländer". Dom und Dichter werden von Post-, Sparkassen- und Hotelneubauten erdrückt, heute geißeln Osloer bereits die "Weststadt" als neues "Klondike" voller Abenteuer aus Blut und Öl -- und ein Krabbenbrot kostet 22 Kronen.
Ungeliebt ist der Ölboom vor allem bei zahlreichen Umweltschützern Norwegens. Hamsuns "Segen der Erde" ist ihnen Vermächtnis. Die meisten Norweger wissen noch, welche Scholle ihre Vorväter beackerten, welcher Fjord ih-
* Ein Unterwasser-Behälter zur Aufnahme von Öl wird zum Ölfeld geschleppt.
nen den Fisch geliefert hat. Das gelte es zu erhalten.
Der bitterste Vorwurf an die Regierung ist darum wohl, daß sie von dem Risiko für die Umwelt gewußt habe, daß Ausrüstung und Pläne für die Bekämpfung einer potentiellen Ölpest aber "fast weniger als Null" waren -- so Liberalen-Parteichef Hans Hammond Rossbach. Industrieminister Bjartmar Gjerde bestätigte ungerührt: "Daß Mängel herrschen, war uns die ganze Zeit über klar."
In der Tat mußten Stunden nach dem Blow-out die lokalen Umweltschutzbeauftragten in den gefährdeten Küstengemeinden über Zeitungen und Radio aufgefordert werden, sich zu melden -- eine Liste besaß die staatliche Verunreinigungszentrale nicht. Die Gemeinden verfügen kaum über mehr Gerät, als zur Bekämpfung von Mini-Ölleckagen in Hafenbecken vonnöten ist. "Das war ungefähr so", bewertete der Zentrums-Vorsitzende Gunnar Stalsett den höchstamtlichen Warnruf, "als würde man die Leute auffordern, das Meer mit bloßen Händen zu säubern."
Da wegen der massiven Proteste der Fischer -- im Mai laichen Makrele und der kostbare Hering in der Nordsee -- Chemikalien nicht angewendet werden sollten, blieb allein die Methode, das Öl abzusaugen.
Zur Eindämmung der klebrigen Placken jedoch hatte Norwegen nur ein paar hundert Meter Luftkissen-Zäune ("booms") parat, zum Absaugen ein einziges Schiff, das, ironischer Zufall, an just jenem Tag erstmals erprobt werden sollte, an dem es an die Ölfront abkommandiert wurde.
"Eine gute Bewährungsprobe", witzelte der stellvertretende Aktionsleiter Olav Carlsen. Das Ergebnis war weniger gut: 80 Tonnen in 24 Stunden, ganze zwei Prozent des in dieser Zeit ausgeströmten Öls.
Eine für die Nordsee taugliche Ausrüstung für den dramatischen Ernstfall existiere nicht, hatten wenige Stunden vor der Katastrophe in Hamburg tagende Vertreter der Nordsee-Anrainer festgestellt -- Mitte] und Wege einer koordinierten Ölpestbekämpfung war ihr Thema. Das wenige an Schiffen und Chemikalien, das da gerade katalogisiert worden war, traf dann freilich schnell bei den Norwegern ein.
Angesichts solcher Zukunftsaussichten könne es "einem kalt über den Rücken laufen", befand Oslos "Verdens Gang". Aber wenn sich Norwegens Sozialdemokraten auch dem Druck der Umweltschützer beugen möchten -- sie werdens nicht. können:
Jeder einzelne der vier Millionen Norweger ist über den Staat bereits mit 12 500 Kronen verschuldet, fast nur für das Ölabenteuer seiner Heimat. Weitere Tausende werden folgen: für bevorstehende Förderungsbohrungen auf den Statfjord-Feldern, mit 530 Millionen geschätzten Tonnen der größte Ölfund in der Nordsee, und für die geplanten Probebohrungen nördlich des 62. Breitengrades.
Sie wurden vorbereitet, obwohl 59 Prozent der Bevölkerung in Nordnorwegen laut Meinungsumfrage strikt dagegen sind. Fischereiverbandsvorsitzender khan J. Toft: "Wir wissen, daß die Wetterverhältnisse da oben noch sehr viel schlimmer sein können" -- und sehr viel größer damit die Aussicht auf Katastrophen.
Die "blauäugigen Araber", wie neidvolle Ausländer die Öl-Norweger bereits nennen, wählen im September ein neues Parlament. An ihren Stimmen wird dann auch zu erkennen sein, ob sie den Thriller Blow-out noch mal sehen wollen.

DER SPIEGEL 19/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 19/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ein Thriller namens „Blow-out“

Video 01:22

Humanoid-Roboter "Atlas" läuft Parkour

  • Video "Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira" Video 00:54
    Atlantischer Wirbelsturm: Meterhohe Wellen treffen auf Madeira
  • Video "Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike" Video 01:17
    Duell in Portugal: Rallye-Auto vs Mountainbike
  • Video "Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter" Video 01:58
    Axtwerfen: Trendsport für den gestressten Großstädter
  • Video "Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide" Video 03:10
    Hindu-Tempel in Berlin-Neukölln: Elefantengott auf der Hasenheide
  • Video "Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag" Video 01:05
    Ironman Hawaii: In Rekordzeit zum Heiratsantrag
  • Video "Mögliche Koalition mit den Grünen: Die CSU widerspricht unseren Inhalten" Video 01:28
    Mögliche Koalition mit den Grünen: "Die CSU widerspricht unseren Inhalten"
  • Video "Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter" Video 01:04
    Mechanische Kakerlake: Der schwimmende Laufroboter
  • Video "Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt" Video 05:03
    Mitflug im Ultraleichtflugzeug: Der mit der Gans fliegt
  • Video "Roboterfinger fürs Smartphone: Jeder sagt, der sei gruselig" Video 01:34
    Roboterfinger fürs Smartphone: "Jeder sagt, der sei gruselig"
  • Video "DFB-Niederlage in Amsterdam: Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr" Video 01:07
    DFB-Niederlage in Amsterdam: "Irgendwann ist das auch kein Zufall mehr"
  • Video "CSU-Spitzenkandidat Söder: Für die Macht ist er bereit, alles zu tun" Video 03:51
    CSU-Spitzenkandidat Söder: "Für die Macht ist er bereit, alles zu tun"
  • Video "Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste" Video 04:45
    Bayerns Grünen-Kandidatin Katharina Schulze: Die Frau ohne Berührungsängste
  • Video "Bayern vor der Wahl: Granteln ja, hetzen nein!" Video 03:21
    Bayern vor der Wahl: "Granteln ja, hetzen nein!"
  • Video "Hurrikan Michael: Ich hatte die größte Angst meines Lebens" Video 01:20
    Hurrikan "Michael": "Ich hatte die größte Angst meines Lebens"
  • Video "Humanoid-Roboter: Atlas läuft Parkour" Video 01:22
    Humanoid-Roboter: "Atlas" läuft Parkour