11.04.1977

POPMUSIKRatten in Jeans

Mit unflätigen Sprüchen, Gewalttaten und zügelloser Primitivmusik meldet sich in England eine neue, illusionslose Rock-Generation zu Wort: Punk-Rock kommt in Mode.
Drei deftige Flüche eines Rockmusikers im englischen Fernsehen, und die Nation hatte ihren Skandal.
Protestanrufe blockierten die Leitungen der Londoner Thames Television, Boulevardblätter ereiferten sich auf den Titelseiten, Konzerte und Nachtklub-Gastspiele wurden abgesagt, Lagerpersonal der Plattenfirma EMI weigerte sich, den Song "Anarchy In The U.K." der Band "Sex Pistols" weiter- auszuliefern: in der betulichen "Today"-Sendung hatte "Sex Pistols"-Boß Johnny Rotten, 19, zum Interviewer Bill Grundy "du dreckiger Bastard, du elender Ficker" und "du beschissener Schweinehund" gesagt.
Zugleich aber war, im Dezember vergangenen Jahres, ein neuer Slang-Begriff aus dem Popmusik-Underground in England in aller Munde: Punk -- Bezeichnung für gewalttätige Rotznasen, für musikalischen Müll.
Menschliche Ratten in Jeans, schwarzem Leder und Tennisschuhen, aggressiv und bissig, aber zugleich feige, scheinen da -- nach den Definitionen der Presse -- aus ihren Löchern gekrochen zu sein. "Ein Punk ist ein Mensch," deutete das Hamburger Rock-Blatt "Sounds", "der 'nen alten Opa die Treppe runterschubst und hämisch hinterher-fragt: Re, Opa, warum läufst du denn so schnell."
So ähnlich hat es Johnny Rotten, der mit 16 von der Schule abging, zeitweise Büros schrubbte oder arbeitslos war, früher tatsächlich gemacht. Noch 1975 tyrannisierte seine Bande Passanten in der Londoner King"s Road: "Wir spuckten sie an, aber glaubt bloß nicht, sie hätten sich verteidigt. Sie sagten nur: haut ab -- und liefen davon."
Heute, nach seiner Schmährede im Fernsehen, nachdem die Plattenfirma EMI seine "Sex Pistols" entrüstet gefeuert hat, ist Rotten zum Wortführer und zur Symbolfigur der britischen Punk-Bewegung mit all ihrem Abfall- und Mülleimerkult avanciert. Wie von Motten zerfressen wirkt sein aufgezwirbeltes rotes Kurzhaar. Sicherheitsnadeln baumeln um seinen Hals und bohren sich durch sein Ohr. Auf seinen Unterarmen prangen Brandnarben von Zigarettenkippen: "Es ist mein Körper, und ich mache damit, was ich will."
Das ist die Devise einer neuen Rock-Generation, der Kritiker -- leicht variiert -- eine berühmte Songzeile der an Heroin gestorbenen Sängerin Janis Joplin als Etikett aufgepappt haben: "Punk is just another word of nothing left to loose" (Punk beschreibt den Zustand. in dem man nichts mehr zu verlieren hat).
Kaum je zuvor erschien den Jugendlichen in England (und anderswo) ihre Situation so aussichtslos wie zur Zeit. Infolge der wirtschaftlichen Misere Großbritanniens endet für viele Slum-Kinder (und nicht nur für sie) die tägliche Elendsstrecke auf dem Korridor im Arbeitsamt. Wut und Zerstörungssucht, die sich vielfach gegen den eigenen Körper richten, sind die Folge. Hatten die Hippies noch vor zehn Jahren Liebe und Frieden gepredigt, so heißt die Botschaft der jüngsten Rock-Texte Haß und Krieg.
"Keine Zukunft, ganz schön leer, arbeitslos und zu Tode gelangweilt" heulen die "Sex Pistols" in den Schlagzeilen ihrer Songs. Da scheint nur rücksichtsloser Egoismus weiterzuhelfen: Aggression, Tumult und Schock. Eine Band nannte sich "London SS", andere heißen "Die Verdammten", "Die Würger", "U-Bahn-Sekte" " "Das Gemetzel und die Hunde", und viele tragen Hakenkreuze an der Kluft. "Wenn es der älteren Generation angst macht -- phantastisch", sagt Tony James von der Gruppe "Generation X".
Manches an der Punk-Bewegung erinnert an Rocker, die jedoch zumeist im angepaßten Erfolgsbürger ein klares Feindbild hatten. Die Gewalttätigkeit der Punks ist dagegen überwiegend ziellos und macht auch vor ihresgleichen nicht halt. Die Band "The Damned" demolierte einmal bei einem Auftritt die eigene Tonanlage. Bei einem Punk-Festival gingen Musiker und Fans mit zerbrochenen Gläsern und Flaschen aufeinander los. Und als zwei Punk-Propagandisten aus Londons Pop-Presse zu Weihnachten eine Party für ihre Schützlinge veranstalteten, zerschlugen diese die Möbel und rissen die Türen heraus.
Dennoch feiert die Gastgeberin Caroline Coon vom "Melody Maker" die Punk-Welle weiter als "dramatische Bluttransfusion für den erschlafften Organismus des Rock"n"Roll". Rock-Schreiber wie sie preisen die ungehobelte, zumeist primitive Punk-Musik wegen deren zügelloser Energie -- sei sie auch noch so lausig gespielt.
Denn die Heroen von gestern, die dereinst -- wie "The Who" und die "Rolling Stones" -- die Teenager-Frustrationen artikulierten, seien alt, reich und fett geworden. "Die Stones", sagt "Sex Pistols"-Manager Maleolm McLaren, "machen keinen Rock 'n' Roll, sondern lahme Nachtklub-Musik."
McLaren, 30, ein ehemaliger Kunststudent" hat den Punk-Underground clever zur Musikmode hochgepuscht. 1975 betrieb er im Londoner Stadtteil Chelsea einen Sex-Shop, in dem er selbstentworfene Ledermasken, Leder-T-Shirts und Hemden mit obszönen Aufdrucken verhökerte. Als dort eines Tages der Gassenjunge Johnny Rotten hereinstolperte, der nie zuvor einen Ton gesungen hatte, wußte McLaren: "Er sieht wie ein unangenehmer Ficker aus, vielleicht ist das der richtige Typ für eine neue Band."
Gegen 40 000 Pfund Vorauskasse brachte er seine "Sex Pistols" beim konservativen Musikkonzern EMI unter, deren Manager sich prompt öffentlich entschuldigten: "Was ist denn heute schon noch unanständig oder unmoralisch, gemessen an den Standards, die noch vor zehn Jahren galten?"
Doch als die Kontroverse um Johnny Rottens TV-Flegelei auch nach einer Woche noch Schlagzeilen machte, rückte EMI eilig wieder vom hartgesottenen Punk-Rock ab und entließ -- mit erheblichen finanziellen Verlusten
die Band. Konzertveranstalter und Lokalbesitzer im ganzen Land ließen für zahlreiche Punk-Gruppen die Termine platzen: Punk am Ende?
Das konnte nicht im Sinne der Musikindustrie und ihrer Fan-Presse sein, die seit zumindest drei Jahren an Trend- und Ideenmangel leiden. Zu weit hatten die britischen Pop-Postillen Punk in seitenlangen Reportagen zur Moderichtung hinaufgesteigert, als daß jetzt noch ein sang- und klangloser Rückzug wünschenswert war.
Was immer auch nur schwache Assoziationen zum explosiven englischen Pop-Underground zuläßt, weil es hart und rotzig rockt, wird von Managern und Medien als Punk vereinnahmt. Auch wird die New Yorker Punk-Szene, wo schon immer auf erheblich höherem, professionellem Niveau als in Großbritannien City-Outcasts musizierten, nun mit Bands wie "Television" oder den "Ramones" für den europäischen Plattenmarkt attraktiv.
Als Punk gilt die ehemalige New Yorker Straßenpoetin Patti Smith ebenso wie der Engländer Graham Parker, der als wohl talentiertester europäischer Newcomer die Hochspannung des alten Rock "n" Roh mit zeitgemäßen, intelligenten Texten sowie einem formal vielfältigen und stilistisch breiten Song-Angebot kombiniert.
Damit freilich wird der Punk-Begriff immer unschärfer und als Kategorie untauglich. "Take A Walk On The Wild Side" hatte etwa der Sänger und Gitarrist Lou Reed, dessen Band "Velvet Underground" (von 1966) jetzt als Punk-Vorläufer wiederentdeckt wird, 1972 in seinem besten Song verkündet und damit eine Melodie für gesellschaftliche Ausbrecher angestimmt.
Wenn allerdings dieser Reed, der gegenwärtig auf Europatournee mit der Andeutung eines Schmerbauchs in feinen Hotels residiert, sich von seiner Plattenfirma und der Presse vor den Punk-Waggon der "Sex Pistols" spannen läßt, dann mag er zwar immer noch rebellisch rocken: Er ist dennoch weit entfernt vom Punk.

DER SPIEGEL 16/1977
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