Am 30. November 1976 stoppten Polizisten auf der Autobahn bei Butzbach den Opel Admiral des steckbrieflich gesuchten ehemaligen Terroristen-Anwalts Siegfried Haag, 32. Die Verhaftung, so verkündete Stuttgarts Landeskriminalamtschef Kuno Bux, "erfolgte buchstäblich fünf Minuten vor zwölf".
Was die Stunde geschlagen hatte, entnahmen die Staatsschützer den Papieren des Ex-Anwalts: Auf 123 Seiten fanden sich Hinweise auf geplante Anschläge einer von Haag gesteuerten, mindestens elfköpfigen Bande, oft sogar mit Klarnamen und Adresse vermerkt, so Günter Sonnenberg, 22, Christian Klar, 25, Knut Folkerts, 25.
Vier Monate lang entzogen sich die drei dem "Polizeizugriff, trotz Fernsehfahndung und immer neuer Hinweise. Die jüngste Spur führte nach Karlsruhe. Seit Gründonnerstag werden Sonnenberg, Klar und Folkert gesucht -- als Mörder des Generalbundesanwalts Siegfried Buback und seiner Begleiter Georg Wurster und Wolfgang Göbel.
Mit dem "Ring 20", einem Sperrgürtel, den die Karlsruher Polizei um 9.17 Uhr, zwei Minuten nach dem Anschlag, im 20-Kilometer-Radius um die Mordstelle zu legen begann, lief eine "Alarmfahndung" ohne Beispiel in der bundesdeutschen Polizeigeschichte an. Sie galt Tätern, die sich später als "Kommando Ulrike Meinhof" aus dem Untergrund meldeten.
Unter der Regie des Bundeskriminalamts (BKA) fahndete Westdeutschlands Polizei nach den Attentätern. Mobile Einsatzkommandos durchkämmten Wälder im Badischen, dänische Reichspolizisten errichteten Straßensperren in Jütland. Hunderte Bundesbürger, die im Bundeskriminalamt als Anarcho-Anfällige einer Art Dauer-Kontrolle, der "beobachtenden Fahndung", unterliegen, wurden in allen Teilen der Republik blitzartig Alibiüberprüft.
Schwedens Polizei löste "Reichsalarm" aus, Interpol-Fahnder stoppten Verdächtige mal in Holland, mal in Frankreich. Im pfälzischen Iggelheim pirschten sich Uniformierte an ein einsames Gehöft, in Frankfurt stürmten sie des Nachts ein Jugendzentrum und scheuchten verschlafene Langhaarige. Doch der schnelle Erfolg blieb aus, tagelang drehte sich die Großaktion im Kreis. Je länger die Täter auf freiem Fuß waren, desto mehr geriet die Polizei unter Erfolgszwang, und jeder weitere Tag Großfahndung machte das Dilemma deutlicher: Der erste Terroristenmord an einem führenden Repräsentanten der bundesdeutschen Staatsgewalt offenbart schockartig die Grenzen der Sicherheit in einer Demokratie.
"Zorn und Empörung", sagte Bundeskanzler Schmidt letzten Mittwoch beim Karlsruher Staatstrauertag, "werden uns nicht zum Handeln aus dem Affekt heraus veranlassen." Genau danach aber war manchen rechten Spitzen-Bonnern zu Mute. "Schluß mit der Liberalisierung" rechnete die CSU gleich rundum ab -- die alte Leier nach schärferen Antiterrorgesetzen, als wäre nicht längst unübersehbar, daß eben trotz der Gesetzesverschärfung der jüngsten Zeit der Terrorismus immer brutaler zugeschlagen hat.
Kein Zweifel, gegen eine Wiederholung der Karlsruher Bluttat hülfe auch ein Schnellschuß der Bonner Gesetzesmacher nicht. Auf seine Art nämlich war das Mordkomplott unfehlbar: Tötungsmethode, Werkzeug und Fluchtablauf à la Karlsruhe lassen den Fahndern wenig, den Opfern keine Chance.
Da paßte die Einsicht des Stuttgarter Innenministers Schiess, daß man "nach Jedem Verbrechen hinzulernen" müsse, einfach nicht mehr auf den Fall. Hier gibt es polizeilich nichts mehr zu lernen: Für den, der schießen will, ist irgendwann irgendwo immer das Schußfeld frei. Mit herkömmlicher Gegenwehr wird sich eine nahezu beliebige Wiederholung solch eines Attentats kaum verhindern lassen.
Für die Erschießung nutzten die Täter das Überraschungsmoment. Eine Maschinenpistole des verwendeten Typs -- Heckler & Koch -- durchschlägt, wie BKA-Versuche ergaben, noch aus fünf Metern Entfernung 26 Millimeter Stahl, also notfalls auch eine PKW-Panzerung. So bot die Waffe kriminelle Gewähr, binnen kurzer Frist auch die anderen Wageninsassen auszuschalten.
Damit ging die Aktion bereits in die Sicherung des Abgangs über, den selbst bewaffnete Schützen in einem Begleitwagen (wäre Buback eskortiert worden) womöglich nicht hätten kontern können: Denn nicht nur die Tat war eine Sache von Sekunden, sondern auch das Verschwinden der Täter auf dem Motorrad; die Suzuki GS 750 beschleunigt noch mit Sozius im Sattel aus dem Stand in weniger als acht Sekunden auf Tempo 100. Mühelos wäre es den Terroristen möglich gewesen, aus dem Fahndungs-"Ring 20" zu fahren, bevor der sich geschlossen hätte.
Im Gegensatz zum perfekten Mittelstück des Mordkomplotts steht freilich auffälliges Manko an krimineller Umsicht vor und nach der Tat. Die rasche Entdeckung des "Tatkrads" (BKA) verdankt die Polizei nach eigenem Bekunden dem Hinweis von Spaziergängern, die beobachtet hatten, wie zwei junge Männer die Suzuki auf dem Weg zum Versteck im Autobahnbrückenpfeiler "durch den Wald schoben".
Ebenso unvermittelt kam es Einwohnern des schwäbischen Örtchens Sachsenheim vor, wie auf einmal drei junge Männer einem in Bahnhofsnähe anhaltenden Alfa Romeo, Typ Giulia Super, "fluchtartig" entsprangen. Resultat: Entdeckung des zweiten Fluchtvehikels schon wenige Stunden nach dem Massaker.
Die Giulia wiederum war fünf Tage zuvor ganz bieder erworben worden, mit falschen Papieren zwar, aber gegen bar und Auge in Auge mit dem Verkäufer. Und auch die Beschaffung der Suzuki (Vertragstext: "Der Mieter haftet für alle Polizeistrafen während seiner Mietzeit") entsprach nicht dem Kodex des auf Inkognito bedachten Untergründlers. Das Geschäftsgespräch mit dem Beschaffer hinterließ beim Motorradverleiher jedenfalls so viele Eindrücke. daß nach dessen Angaben die Polizei ein Fotofit-Porträt* mit deutlichen Sonnenberg-Zügen vorlegte.
Verworren mutete auch die darauffolgende Tarnung der Maschine an. Die Benutzer fertigten nach BM-Methodik ein Dubletten-Kennzeichen an, das bereits für eine tatsächlich existierende Suzuki gleichen Typs registrierte Nummernschild LU-LL 8. So konnte die Polizei sogar noch auf eine Täterbeschreibung durch den Schilderpräger hoffen. Der Diebstahl einer gültigen TÜV-Plakette legte zusätzlich Spuren -- wie auch ein Bankraub in Köln, der am Dienstag letzter Woche, fünf Tage nach der Tat, mit einem schon im Februar von Sonnenberg beschafften Fahrzeug verübt wurde.
Im Vergleich zu den Anarchisten der ersten Stunde, den Mahlers und Baaders, warteten die Terroristen der jüngsten Phase keineswegs mit subtilerer, raffinierterer Konspirationstechnik auf. Als Ende letzten Jahres der Anarcho-Kader Haag verhaftet wurde, trug er nicht nur stapelweise schriftliche Gruppeninterna bei sich; auch mit dem Nummernschild auf seinem Opel Admiral hätte er leicht auffliegen können: Die Dublette war auf einen ganz anderen Wagentyp, einen Audi, bezogen.
Und als im Januar nach dem Feuerüberfall auf einen Schweizer Grenzbeamten am Kontrollpunkt Weil-Riehen nach Lörrach die von den Tätern bei hastiger Flucht zurückgelassenen Papiere geprüft wurden, wußte die Polizei auch, nach wem sie zu suchen hatte. Die Paßphotos zeigten Gesichter der Gruppe Sonnenberg.
So schludrig sie beim Drum und Dran sein mögen, so brutal auf den Punkt sind die neuen Terroristen bei der Sache selber. Was beim Stockholmer Überfall mit dem eiskalten Timing der Geiselerschießungen begann, wiederholte sich im Mord an den Buback-Begleitern; ohne Zögern wird das Leben Unbeteiligter unterhalb der Opportunität des Plans einrangiert.
Nebenfolgen des erstrebten Anschlagszieles waren der weiland RAF, wie im Fall der Bombenverletzten im Hamburger Springerhaus, immerhin noch Ausflüchte wert. Die Karlsruher Mörder dagegen erwähnten in ihrem auch dem SPIEGEL zugestellten Bekenntnisschreiben die getöteten Buback-Begleiter nicht mit einem Wort.
Die Killer-Post von letzter Woche offenbart noch einen weiteren kennzeichnenden Stilwandel. Die Diktion ist frei von den Kürzeln und Formeln, Analausdrücken und Soziologismen,
* Fotofit ist ein in Nordrhein-Westfalen verwendetes englisches Identifizierungssystem. Zur Nachbildung einer Physiognomie dienen einzelne Partien aus mehreren tausend Gesichtsphotos. Das Gesicht wird aus Querstreifen zusammengesetzt, die grob unterteilt sind in die Merkmale Haar, Stirn, Wangen, Kinn, Augen, Nase, Mund. Die Übergänge innerhalb der Streifenkombination werden am Ende mittels Retusche und Reprophotographie abgerundet.
mit denen Verfasser à la Baader einst ihre Schriftsätze versahen. Die Zeilen des "Kommandos Ulrike Meinhof" stehen -- sauber getippt, schlank geordnet, brutal drohend -- für den direkten Stil der neuen Anarchos.
Von Grund auf gewandelt hat sich der Zuschnitt der Aktionen. Die Anarchos der frühen Siebziger hielten sich noch viel zugute auf das Klassenmoment ihrer Coups. Der Schuß auf den Universitäts-Angestellten Linke, während der Baader-Befreiung in Berlin-Dahlem, der Bombentod des Bootsbauers Berlitz beim Anschlag auf den britischen Segelklub in Berlin-Gatow -- dergleichen wurde zumindest gruppenintern als Betriebsunfälle der Stadtguerilla beklagt. Den Neu-Anarchos hingegen scheint es gleich, wer noch getroffen wird, wenn sie aufs System zielen.
Der Buback-Fall löst sich auch völlig vom Muster des bislang listigsten Terrorstücks, der Lorenz-Entführung. Die Buback-Mörder wollten mit dem System nicht mehr handeln, nur noch umspringen.
Dieser Stilwandel in der Terrorszene hat, obwohl sich dabei Indizien häufen, der Polizei die Arbeit kaum irgendwo erleichtert. Spuren noch und noch markieren den Weg Sonnenbergs und anderer Haag-Eleven im Untergrund, aber die Gewißheit von Staatsschützern, daß "Erkennung schon die halbe Festnahme" ist (so noch letzten Mittwoch Hamburgs Verfassungsschutzchef
* Vorn Göbel, hinten Buback.
Hans-Josef Horchern), blieb vorerst Hoffnung.
Die Anarchos waren in letzter Zeit nur noch schwer auszurechnen. So schlugen sie in Karlsruhe offenkundig Guerrillero-Lehrsätze für das "Verhalten nach dem Anschlag" in den Wind. "Direkt nach dem Anschlag soll nicht der Versuch gemacht werden, die Stadt zu verlassen", hatte es noch in einem Dossier geheißen, das die schwedische Polizei bei dem am 1. April in Stockholm verhafteten Entführungs-Planer Norbert Kröcher sicherstellen konnte.
Trotz zweier Kontrollringe, mit denen Polizisten alle Fluchtwege aus Karlsruhe abzuriegeln suchten, schlüpften die Täter zunächst einmal durch die Maschen der BKA-Aktion "Schleppnetz" -- womöglich sogar, ausgestattet mit solide gefälschten Papieren, in dem später als Fluchtauto identifizierten Alfa Romeo.
Die weitere Fluchtroute könnte so verlaufen sein: In Sachsenheim wurden am Tatortmittag drei Fahrkarten nach Bietigheim gelöst, von wo um 10.33 Uhr der D-Zug Wien -- Paris abfährt. Den Zug in Sachsenheim -- Abfahrt 10.21 Uhr, 66 Minuten nach den Todesschüssen -- hätten die Täter dank Suzuki und Alfa schaffen können; vom Tatort waren es kaum 60 Kilometer.
Daß es zeitlich so eng wurde, spricht nicht gegen die Fluchtplaner: Nach Zeugenaussagen warteten sie an der Esso-Tankstelle eine halbe Stunde auf ihr Opfer. Buback aber verspätete sich daheim und wurde zusätzlich durch Autoprobleme aufgehalten. Dennoch konnten sie, wenn sie ihn denn benutzen wollten, den D-Zug bekommen. Mord nach Fahrplan?
In den ersten Tagen nach der Tat blieb -- trotz ausgelobter Rekordbelohnung von 200 000 Mark und trotz über 1000 Hinweisen aus der Bevölkerung -- wenig Erfolgversprechendes im BKA-Schleppnetz hängen. Dabei schienen dem Amt einige Bürgerbeobachtungen zunächst von "besonderer Bedeutung" zu sein: Aus einem weißen Opel Admiral "mit dem Kennzeichen MH -- DV oder DS 608", so gab etwa ein Zeuge zu Protokoll, seien "zwei Personen entstiegen, vermutlich Männer". Die beiden 180 und 160 Zentimeter großen Personen ("Einer trug blaue Motorradkleidung und hatte einen Bart") nahmen eine Kiste oder einen Koffer aus dem Opel und überholten den Zeugen später mit einem Motorrad mit Ludwigshafener Kennzeichen und "einem blauen Tank". Die Suzuki?
All das besagte aber noch nichts Präzises über die Flüchtenden. Auf Sonnenberg paßt immerhin das Phantombild, der Suzuki-Mietvertrag trägt vermutlich seine Handschrift. Was Klar und Folkerts angeht, so lag Mitte letzter Woche -- wie Alfred Stümper, Ministerialdirigent im baden-württembergischen Innenministerium einräumt -- "noch kein gerichtsverwertbares Material" vor. "Wir gehen"" so Stümper, "auf Grund eines Mosaiks von Erkenntnissen von ihrer Tatbeteiligung aus."
Zu diesem Mosaik gehört auch die Erkenntnis, daß die drei Tatverdächtigen in der bundesdeutschen Anarcho-Szene, die nach Schätzung von Bundesinnenminister Werner Maihofer 5000 Sympathisanten, 400 "Unterstützer terroristischer Aktivitäten" und einen harten Kern von 30 Terroristen umfaßt, spätestens seit der Haag-Verhaftung eine prominente Rolle spielen. Fahnder betrachten das Trio als ein "zu allem entschlossenes Elitekommando", das Haag aus Aktivisten sogenannter "Revolutionärer Zellen" (RZ) rekrutiert hatte.
Sie gelten Fahndern mittlerweile auch als die Anführer jener regionalen RZ-Gruppen, die erstmals am 4. März 1975 mit einem Sprengstoffanschlag auf das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe von sich reden machten und seither den terroristischen westdeutschen Alltag bestreiten: mit Brandsätzen und Sprengbomben im U-Bahnhof (München), Anwaltskanzlei (Hamburg) und Polizeiwache (Neuss), mit Anschlägen in Kinos (gegen den Entebbe-Film), im Landgericht (Berlin) und auf US-Militärbasen (Frankfurt).
Die vorletzte Zielperson der "Revolutionären Zellen", die unter verschiedenen Namen ("Kommando Ulrike Meinhof", "Arm der palästinensischen Revolution") operieren, war der Vizepräsident der Bundesrechtsanwaltskammer, Klaus Schmalz, der am 24. März verletzt den Trümmern seiner zerbombten Frankfurter Wohnung entkam. RZ-Aufruf in einem Bekennerbrief: "Faschismus ist ohne konkrete Menschen nicht möglich. Jeder Helfer und Mitläufer soll in Zukunft wenigstens Muffe haben, daß er nicht ungeschoren bleibt."
Vor allem in Groß- und Universitätsstädten, so weiß das BKA, vermehren sich die RZ-Trupps seit geraumer Zeit "metastasenartig". Nicht sicher sind sich die Beobachter der Terrorszene, ob sich die Zellen als Nachfolger der alten RAF oder als Konkurrenten verstehen. RZ-Vorwurf an die Stammheimer BM-Leute: "Lange Zeit dachten wir, daß ihr unsere Genossen seid; aber viele Genossen draußen haben nicht das Gefühl, daß sie auch eure Genossen sind. Wir und die anderen wurden/werden benützt/untergeordnet für eure Prozeßstrategien."
Haag -- so meinen Staatsschützer in Baden-Württemberg -- scherte sich wenig um ideologische Auseinandersetzungen, die zu RAF-Zeiten noch unabdingbarer Bestandteil des Terroristentagwerks waren. Später war in Fahnderkreisen dann auch von konkreten Haag-Plänen die Rede: Er beabsichtige in einer Großaktion die Befreiung von 14 anarchistischen Gewalttätern aus bundesdeutschen Haftanstalten. Für zehn Millionen Dollar, die durch Banküberfälle in Westdeutschland aufzubringen waren, habe sich Nordkorea bereit erklärt, Entführer und Befreite aufzunehmen.
Eine der aktivsten Geldbeschafferinnen der Haag-Gruppe für derlei Ziele war nach Ansicht südwestdeutscher Ermittler die frühere Offenbacher Tierarzt-Sprechstundenhilfe Waltraud Boock, 26, die am 13. Dezember letzten Jahres beim Überfall auf eine Filiale der "Creditanstalt Bankverein" in Wien gefaßt wurde,
Waltraud Boocks Beihelfer in Wien, der damals entkam und dann im Namen einer "Aktion W. Boock" einen Eisenbahnanschlag androhte, war nach Polizeierkenntnis Haags Aktivist Sonnenberg. Auch der Diebstahl von 30 Kilogramm Sprengstoff "Donarit" aus einem Steinbruch bei Villach (Österreich) im Dezember wurde Sonnenberg angelastet, wie später dann auch die Schüsse von Weil-Riehen.
Das ganz große Ding zu drehen, so glauben in- und ausländische Dienste, standen Sonnenberg, Klar und Folkerts bereits Anfang des Jahres bereit. Damals war auf dem Flughafen Wien-Schwechat die Kaperung einer Passagiermaschine aus Belgien, Holland oder Frankreich geplant, Länder also, von denen sich Erpresser flankierenden Druck erhofften: Von Bonn sollten inhaftierte Anarchos freigepreßt werden.
Großaktionen der Wiener Polizei unterbanden jedoch den Anschlag, aber auch weitere verdeckte Ermittlungen. Mitte Januar, immerhin, wurde das verdächtige Trio noch in einem Wiener Innenstadt-Caf~ identifiziert.
Eine weitere Querverbindung nach Karlsruhe steuerte die schwedische Reichspolizei bei. Sechs Tage vor dem Anschlag wurde in Stockholm ein international belegtes Terroristennest ausgehoben und die bevorstehende Entführung der früheren schwedischen Ex-Ministerin für Ausländerfragen, Anna-Greta Leijon, vereitelt. Bei den deutschen Gruppenmitgliedern Norbert Kröcher und Manfred Adomeit fand sich ein umfangreiches Strategiepapier mit detaillierten Alternativplänen für Aktionen. Eine der von den Stockholmern durchgespielten Varianten: ein Attentat vom Motorrad aus.
Seit Gründonnerstag enträtselt sich auch jener Teil der bei Haags Festnahme sichergestellten Papiere, der die Fahnder durch "halbkonspirative Sprache" (so Stuttgarts Stümper) verwirrt hatte.
Völlig unverständlich war den Beamten lange Zeit geblieben, was Haag mit einem geheimnisvollen Viererschema (Kodewort "Margarine") gemeint haben könnte. Abstrakt sichtbar wurde nur, daß die Geiselnahme eines Prominenten ("Margarine 1"), ein Banküberfall "durch Außenstellen" ("Margarine 2"), ein Bombenanschlag ("Margarine 3") und eine nicht näher definierte "spektakuläre Aktion" ("Margarine 4") geplant waren.
Nach Stockholm und Karlsruhe nun lesen sich die Kode-Botschaften wie ein Drehbuch des Terrors. Was, wo und wie im einzelnen, vor allem aber mit dem spektakulären Finale gemeint sein könnte, läßt sich vorstellen: "Margarine 1" -- der Kidnappingfall mit Frau Leijon in Stockholm; "Margarine 2" wäre der Boock-Kassenraub in Wien; das Attentat auf den Anwaltskammer-Vize Schmalz dann "Margarine 3".
Aber weil durch die Festnahme Haags am 30. November der Netzplan des Regisseurs außer Kontrolle geriet, weil einzelne Aktionen zu verschieben waren, andere dagegen nicht mehr, haperte es dann mit der Dramaturgie -- "wie in einem mehrfach gerissenen Film", so ein Staatsschützer, "den man falsch zusammengeklebt hat".
Statt zu Weihnachten -- "Margarine 4" -- fielen die Schüsse auf Buback deshalb erst in der Karwoche.
DER SPIEGEL 17/1977
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