04.04.1977

THAILANDTöten, töten, töten

Das südostasiatische Königreich gleicht einer belagerten Festung: An allen Grenzen greifen kommunistische Guerillas an.
Als ihre Hütte Feuer fing, stürzte die thailändische Bäuerin Laem Rongland, ihr Baby auf dem Arm, ins Freie, dahinter ihre sieben älteren Kinder.
Draußen warteten schwer bewaffnete Rote Khmer, die von jenseits der nahen kambodschanischen Grenze, wild um sich schießend, in das Thai-Dorf Nong Dor eingedrungen waren.
Ein Soldat riß Laems Baby an sich, schnitt ihm mit einem Messer die Kehle durch und warf den blutenden Körper beiseite. Andere erstachen die Mutter, griffen nach den vor Entsetzen schreienden Kindern und zogen auch ihnen das Messer durch die Kehle.
In einem Versteck mußte Tschird Rongland, Laems Mann, mit anhören, wie seine Familie ausgelöscht wurde. So wie sie starben vor mehreren Wochen in Nong Dor und im Nachbardorf Kong Kor alle, deren die Kambodschaner, insgesamt einige hundert Mann, habhaft wurden -- 31 der 85 Bewohner beider Ansiedlungen.
Fassungslos meinte Tschalaem Phusak, die bei dem Massaker alle ihre Angehörigen verloren hatte: "Alles, was die wollten, war töten, töten, töten."
Anders als bei früheren Überfällen verzichteten die Kambodschaner darauf, die Reisvorräte der Dörfler zu plündern und ihre Wasserbüffel hinwegzutreiben -- obgleich sie dazu genug Zeit gehabt hätten. Denn es dauerte 30 Stunden, bis Thai-Truppen das entlegene Gebiet im Norden erreicht hatten.
Überfälle wie die auf Kong Kor und Nong Dor ragen jedoch nur wegen ihrer ungewöhnlichen Brutalität aus einer Reihe von ähnlichen Aktionen hervor, denen das asiatische Königreich seit dem Ende des Vietnam-Kriegs ausgesetzt ist: Thailand gleicht heute einer von allen Seiten bedrohten Festung.
Im Süden kämpfen kommunistische Guerrilleros an der Dschungelgrenze zu Malaysia; 4500 Regierungssoldaten beider Länder sind dort zur Zeit im Einsatz; im Nordosten beschießen Pathet Lao regelmäßig thailändisches Gebiet; im Südosten dringen Rote Khmer ins Land ein, und die Gebiete der Westgrenze zum antikommunistischen Burma sind so von kommunistischen Partisanen durchsetzt, daß eine Bangkoker Baufirma die Arbeiten an einer Grenzstraße einstellte.
Ein Opfer gab es vor kurzem sogar in Thailands Königs-Sippe. Prinzessin Wiphawadi Rangsit, Hofdame der Königin Sirikit, kam ums Leben, als sie Truppen im Süden des Landes besuchen wollte und ihr Hubschrauber von roten Partisanen abgeschossen wurde. Kronprinz Wadschiralongkorn entging nur knapp dem Tode, als sein Militärkonvoi in einen Hinterhalt geriet.
Gegen die Roten konnte die Thai-Armee bisher wenig ausrichten. Denn die Grenzgebiete des Königreichs sind meist mit dichtem Dschungel bedeckt. der Einsatz schwerer Waffen ist fast unmöglich: ideale Voraussetzungen aber für Guerrillero-Gruppen.
Die werden auch kaum gestört durch die Tätigkeit antikommunistischer Untergrundkämpfer, wie etwa der Khmer-Bewegung Moulinak, die sich die Befreiung Kambodschas von den Kommunisten zum Ziel gesetzt hat. Bisher beschränkte sich die Tätigkeit der Moulinak-Kämpfer vorzugsweise darauf, Edelsteine aus Kambodscha herauszuschmuggeln. Die thailändischen Militärs, die am Geschäft beteiligt werden, hüten sich, den kleinen Grenzverkehr durch kriegerische Aktionen zu stören.
Die Grenzen Thailands zu schützen, ist ohnedies ein schwieriges Unterfangen, da oft ihr genauer Verlauf nicht festgelegt wurde. Lediglich die an der 800 Kilometer langen Grenze zu Kambodscha von beiden Seiten mehr oder minder zufällig angelegten Minenfelder lassen Rückschlüsse zu, wo der jeweilige Machtbereich beginnt.
Eine unzuverlässige Grenze bildet auch der Mekong-Fluß, der auf weite Strecken Laos von Thailand trennt. Denn nach jedem Monsunregen ändert der Strom oft kilometerweit seinen Lauf -- Land, das er auf diese Weise plötzlich freigibt, wird regelmäßig zum umkämpften Gebiet.
Die unsicheren Grenzverhältnisse machten sich Kambodschas neue Machthaber zunutze, als sie auf die Thai-Proteste gegen die Massaker von Kong Kor und Nong Dor kühl erwiderten: "Die Regierung des Demokratischen Kamputschea regelte in diesen Dörfern eigene interne Angelegenheiten."
Bangkoks Innenminister Samak Sundaravet kündigte an, Thailand werde entlang der Grenze zu Kambodscha 60 Wehrdörfer errichten.
Eine solch entschlossene Sprache hören die kommunistischen Nachbarn erst, seit im Oktober vergangenen Jahres die Militärs wieder die Macht übernommen und Thailands kurzlebige Demokratie beseitigt haben. Der frühere Premier Seni Pramot neigte eher dazu, Grenzzwischenfälle herunterzuspielen und einen Modus vivendi mit den Kommunisten zu suchen.
Das gelang zumindest in Ansätzen. Im November 1975 einigten sich Kambodschaner und Thais sogar auf eine sogenannte Teilnormalisierung ihrer Beziehungen, die vor allem einen staatlichen Naturalientausch einschloß. Gegen kambodschanisches Holz und Fische lieferten die Thais Benzin und Salz -- und noch mehr.
Noch im November 1976 schickten sie 26 kambodschanische Flüchtlinge gefesselt und mit verbundenen Augen
* 1976 in Caldiran (Provinz Van).
über die Grenze zurück -- vermutlich in den sicheren Tod. Die Edelsteine, die die Flüchtlinge bei sich trugen, behielten die Thais.
Derlei gutnachbarliches Markten will sich Bangkok vorläufig nicht mehr leisten. Um vom desolaten Zustand der Wirtschaft abzulenken, stellt die Regierung des Premiers Thanin die Bekämpfung des Kommunismus als die große nationale Aufgabe dar.
Thailands betroffene Normalbürger können aber nicht verstehen, worum es geht. Im Tempel der Distrikthauptstadt Aranjaprathet, wo sich die Überlebenden des Blutbades von Kong Kor und Nong Dor gesammelt hatten, mischte sich Ratlosigkeit mit Trauer und Furcht. Immer wieder sagte Bauer Tschird Rongland: "Ich habe keine Ahnung, warum sie gekommen sind -- nicht die geringste Ahnung."

DER SPIEGEL 15/1977
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