04.04.1977

Hellmuth Karasek über Fritz Zorn: „Mars“Ein dreißigjähriger Krieg im Frieden

Ich bin jung und reich und gebildet; und ich bin unglücklich, neurotisch und allein.
Fritz Zorn
Im Oktober 1976 erhielt der Schweizer Schriftsteller Adolf Muschg von einem Schweizer Buchhändler das Manuskript eines unbekannten Züricher Autors und schickte es wenige Tage später mit einem betroffenen Brief ("Ich habe das Manuskript ... nicht als der gleiche Mensch aus der Hand gelegt, der ich vor der Lektüre gewesen bin.") an den Verleger Kindler.
Am 1. November erfuhr der Verfasser im Krankenhaus von seinem Psychotherapeuten, daß sein Manuskript zur Veröffentlichung angenommen sei. Am nächsten Morgen, um fünf Uhr, starb er an der Krankheit, die das Thema des Buches ist: an Krebs.
Eine Krankheitsgeschichte also, als Lebensbericht begonnen und als Todesbericht beendet von einem Zweiunddreißigjährigen, der den "Sinn" seines Lebens in der Krankheit zum Tode schreibend zu behaupten suchte.
Fritz Zorns (so das Pseudonym des Verstorbenen) Buch, dessen Titel "Mars" den totalen Kriegszustand beschreibt, der zwischen der Weltordnung und einem von ihr bis zum Tode Befriedeten herrscht, bezieht universale Wirkung aus lokaler Bestimmung:
Es ist die Schilderung von dreißig Jahren Einsamkeit in Zürich, an Zürichs "Goldküste", der Wohngegend am Zürich-See, wo der puritanisch verschämte und versteckte Reichtum sich im Schatten der Sonnenseite verkriecht, sich in einer Ruhe verkapselt, die von außen den Eindruck vollkommener Harmonie macht, um von innen als Krebsgeschwür gegen die ererbte und freiwillig gewahrte Friedhofsruhe zu wuchern.
Zorn ist Millionärssohn, wächst behütet und abgeschirmt in einem Elternhaus auf, in dem es nie Streit, nie Ausbrüche, nie schlechten Geschmack gibt. Er hat das, was man eine glückliche Kindheit nennt, in der Schule nie Schwierigkeiten, absolviert sein Studium als Musterstudent und wird ein ebenso musterhafter Lehrer.
Eine Vita wie aus dem Bilderbuch, von schweizerischer Solidität wie die Zürcher Kreditanstalt -- jedoch das Glück, das hier in einer bis zur Eiseskälte erregten Sprache geschildert wird, mit einer Abstraktion, die Anekdoten der Anekdotenlosigkeit erzählt, dieses Glück erweist sich als tödliches Unglück, als eine Einsamkeit, der alle Kontakte zur Außenwelt abhanden gekommen sind, die Leben nur noch dadurch erfährt, daß es alle anderen, die wirklich leben, als leicht komische, leicht peinliche Schauspieler des Lebens wahrnehmen kann.
Aus dieser Herkunft, aus dieser Nicht-Vita (der Autor hat nie eine Freundschafts-, geschweige denn eine Sexualbeziehung gekannt) leitet Zorn seine körperliche Krankheit, deren Unheilbarkeit ab: "Mit dem Krebs hat es nun aber eine doppelte Bewandtnis: einerseits ist er eine körperliche Krankheit, an der ich mit einiger Wahrscheinlichkeit in nächster Zeit sterben werde ... anderseits ist er eine seelische Krankheit, von der ich nur sagen kann, es sei ein Glück, daß sie endlich ausgebrochen sei."
Zorns Buch steigert sich gegen Ende in eine Hiob-Klage, die -- ähnlich wie es die "Gespräche mit dem Teufel" des polnischen Philosophen Kolakowski taten -- zur großen Anklage, zum Credo des Atheismus wird. Oder wie Büchner formuliert hat: daß es Gott gebe, werde durch jeden Schmerz widerlegt.
Daß diese antireligiöse Auflehnung wie die Krankheit so nur im Züricher Goldküsten-Humus eines gleichzeitig veräußerlichten und verinnerlichten Protestantismus (in Zorns Elternhaus wird die Kirche geliebt und die Religion gehaßt) entstehen konnte, liegt auf der Hand.
Aber das Wichtigere scheint mir zu sein, wie dieses Buch Weltordnung und Gesellschaft, bourgeoise Lebensform und Lebensfeindlichkeit im eigenen "Fall" zusammenfaßt zu einer der schonungslosesten Analysen eines Glücksbegriffs und Glückstrebens, die sich aus dem Lebensverzicht speisen und im Lebensverzicht vernichten.
Der "Pursuit of happiness", puritanisch angetriebener Motor aller bürgerlichen Gesellschaftsformen, wird hier in einem Züricher Modell zu dem großen Popanz und Fliegengott aufgebauscht" der diejenigen verzehrt, die er so glänzend ernährt.
Zorn beschreibt mit zynischer Genauigkeit, wie es zum Existenz-Problem einer Bourgeoisie wird, daß sie alle Probleme beseitigt oder ausgeklammert hat. Es ist eine Welt, die nur noch aus lebensfeindlicher Ablehnung besteht, weil sie aus Harmonieverlangen allem zustimmt. Tauchen Fragen auf, zu denen Zustimmung nicht möglich ist, dann werden sie als "schwierig" definiert; und das "Schwierige" braucht man dann nicht mehr zu diskutieren.
Da der Körper, da vor allem die Sexualität etwas "Schwieriges" ist, kommen beide nicht vor. Zorns Fall ist es, daß ihm seine Herkunft und seine Erziehung alles Körperliche so gründlich ausgeredet hat, bis jegliche Kontaktmöglichkeit abgewehrt und zur Aggression nach innen umgeformt war.
Der Todkranke hat, so paradox das klingt, damit auch eine blendend genaue Satire auf das Unheil einer heilen Welt geschrieben: Alles Unbequeme wird aus der Welt geschafft, indem man immer wieder sagt: "Das kann man doch nicht vergleichen!" -- etwa die Entlassung eines kommunistischen Lehrers mit dem Deutschland der Nazis. Alles Kritische wird abgewehrt mit dem Hinweis, daß man dann doch gleich nach Moskau gehen solle. Und alles Lebendige erstickt in dem Imperativ "Ruhig!", mit dem sich in Zürichs feinen Straßen Leute aus den Fenstern beugen, sobald Kinder auch nur Lebensregungen zeigen.
Zorns Buch, so kann man besänftigend sagen, ist Ausdruck einer schweren, ja mörderischen Neurose, also eine Ausnahme. Fragt sich nur, welche Regel es beschreibt und bestätigt.

DER SPIEGEL 15/1977
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