28.03.1977

JUNGSOZIALISTENMarsch ins Abseits

Die Jusos stecken nach der Wahl des „Stamokap“-Kandidaten Klaus-Uwe Benneter zum neuen Bundesvorsitzenden in einer Existenzkrise.
Erleichtert schrieb Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Heinz Kühn den Patienten gesund. Ein "chirurgischer Abtrennungsprozeß", so sein Befund, sei nicht mehr nötig, nachdem in Frankfurt 30 Jungsozialisten, allesamt Anhänger der sogenannten "Stamokap"-Theorie, der SPD freiwillig den Rücken gekehrt hatten.
Das war vor vier Jahren. Doch inzwischen hat sich gezeigt, daß Kühn seine Diagnose vorschnell traf.
Denn das abgefallene Glied ist wieder nachgewachsen -- so kräftig wie nie zuvor. Mit vier Stimmen Mehrheit wählten die Jusos auf ihrem Hamburger Bundeskongreß am vorletzten Sonntag den Berliner Rechtsanwalt und "Stamokap"-Kandidaten Klaus-Uwe Benneter, 30, in einer Kampfabstimmung zum neuen Vorsitzenden.
Benneters Wahl alarmierte SPD-Bundesgeschäftsführer Egon Bahr ebenso wie die scheidende Juso-Bundesvorsitzende Heidemarie Wieczorek-Zeul, die schon auf dem Juso-Kongreß in Wiesbaden 1975 düster prophezeit hatte, eine "Stamokap"-Mehrheit bedeute "praktisch das Auseinanderfallen des Verbandes".
Und Bahr drohte gar offen mit Kriegserklärung. Am Donnerstag letzter Woche zitierte er Benneter zu sich und setzte ihm die Pistole auf die Brust: Zusammenarbeit mit
Kommunisten werde der SPD-Vorstand sofort mit Parteiausschlußverfahren beantworten.
Die Strenge des Spitzengenossen kam nicht unerwartet. Denn die Theorie vom "staatsmonopolistischen Kapitalismus", der Benneters Gefolgsleute anhängen, wurde Anfang der 60er Jahre von den kommunistischen Parteien Osteuropas entwickelt, um das demokratische System in den kapitalistischen Ländern zu diskreditieren. Dabei taten sich besonders DDR-Wissenschaftler wie Kurt Zieschang und Jürgen Kuczynski federführend hervor.
Den SED-Ökonomen ging es in erster Linie darum, ihren eigenen Genossen beizubringen, warum der Kapitalismus nicht längst, wie von Kommunisten seit Altvater Marx immer wieder prophezeit, an seinen inneren Widersprüchen zugrunde gegangen ist.
Ihre Argumentation: Der gegenwärtige Kapitalismus unterscheide sich vom früheren Konkurrenz-Kapitalismus durch die Konzentration der wichtigsten Produktionsmittel in den Händen der großen Monopole. Dieser Monopolkapitalismus aber sei nur deswegen noch nicht zusammengebrochen, weil der Staat aktiv in den Wirtschaftsprozeß eingreife und die Sicherung der Kapitalverwertung übernommen habe.
Die "Stamokap"-Theorie dient freilich in den Augen der DDR-Ideologen nicht nur analytischen, sondern auch praktisch-politischen Zielen. Denn weil der staatsmonopolistische Kapitalismus nur "durch die Vereinigung aller antimonopolistischen Klassen und Schichten überwunden" werden könne, propagieren sie überall, wo es ihnen geboten erscheint, Volksfrontbündnisse zwischen Kommunisten und Sozialisten nach französischem Vorbild.
Als geschlossene Gruppe traten die "Stamokap"-Anhänger bei den Jusos zum erstenmal 1971 auf dem Bundeskongreß in Hannover auf, und sogleich stürzten sie den Verband in heftige Flügelkämpfe.
Seither haben sie zwar immer wieder ihre grundsätzliche Solidarität mit der SPD betont. Aber von ihrem Anspruch, das politische Bündnis mit dem Kommunismus zu suchen, können sie nicht lassen, ohne den harten Kern ihrer Ideologie zu zerstören.
An der fast schon selbstmörderisch anmutenden Dogmen-Gläubigkeit der "Stamokap"-Fraktion trägt der neue Juso-Bundesvorsitzende Benneter, dem manche Genossen "eine gewisse Flexibilität, wenn nicht Opportunismus" nachsagen, vielleicht die geringste Verantwortung. Experten wie der Ex-Juso-Chef Wolfgang Roth trauen Benneter durchaus zu, der "Stamokap"-Theorie nur mit halbem Herzen anzuhängen.
Doch fürchten sie auch, daß Benneters Gefolgschaft in den Landesverbänden Hamburg und Berlin, die nach Meinung des südhessischen Juso-Vorsitzenden Matthias Kurt "noch nicht einmal ein Drittel" der Jusos ausmacht, kaum eine Gelegenheit auslassen wird, ihren Vorsitzenden rigoros in die Pflicht zu nehmen. Für sie ist Benneter nur das Aushängeschild von kompromißlosen Ideologen im Hintergrund wie dem Hamburger Assistenzprofessor Detlef Albers und dem Berliner Anwalt Kurt Neumann.
Kein Wunder daher, daß der Juso-Chef, kaum im Amt, auch schon Widersprüchliches kundtat. So verunsicherte er einerseits seine Parteioberen zutiefst, indem er von der Notwendigkeit einer radikalen "Umorientierung" bei den Jusos sprach, ließ aber zugleich nach Bahrs Ultimatum Kompromißbereitschaft erkennen: Wenn es hart auf hart käme, müßten die Jusos auf die geplante Teilnahme an einer DKP-gelenkten Abrüstungsdemonstration möglicherweise verzichten (siehe Seite 36).
Trotz dieses Einlenkens fürchtet die SPD und die im siebenköpfigen Bundesvorstand nur noch mit drei Mitgliedern vertretene Linie der gemäßigten Jusos, daß unter Benneter der Marsch des Verbandes ins politische Abseits beginnen könne. Eine Theorie, die in immer neuen Variationen aus den Texten von Karl Marx die ewige Wahrheit ableite, daß das Kapital Reformen im Interesse der Arbeiter blockiere, vereitle die Entwicklung einer erfolgversprechenden politischen Strategie.
Als besonderes Alarmsignal werten moderate Jusos die "negative Koalition", die in Hamburg "Stamokap"Anhänger mit dem Wortführer der "Antirevisionisten" aus Hannover, Wolfgang Jüttner, 28, eingegangen sind. Die "Antirevisionisten" (so genannt, weil sie es entschieden ablehnen, Aussagen und Theorie von Karl Marx auch nur um ein Jota zu "revidieren"), bilden die zahlenmäßig kleinste, aber radikalste Juso-Fraktion. Ihnen ist selbst "Stamokap" noch zu lasch. Staatliche Reformarbeit, wie die SPD sie betreibt, halten sie für illusorisch, weil sich im staatlichen Handeln mit eiserner Logik immer nur das objektive Interesse des Kapitals durchsetzen könne -- unabhängig vom politischen Wollen und den Zielen von Regierung und Parlament.
Sarkastischer Kommentar eines SPD-Beobachters zur unheiligen Allianz der linken Reformgegner: "Für die muß der Sozialismus erst da sein. bevor man etwas für ihn tun kann."

DER SPIEGEL 14/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 14/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JUNGSOZIALISTEN:
Marsch ins Abseits

  • Brutaler Bandenkrieg in El Salvador: MS13 gegen Barrio18
  • Amateurvideo aus der Sahara: Die Mini-Sandlawine, die nach oben wandert
  • Seit 38 Jahren vermisst: Größte Biene der Welt wieder gesichtet
  • Zahnreinigung unter Wasser: Putzergarnele behandelt Taucher