28.03.1977

DDR-HUMORZu wenig Ohrfeigen

Erzwungene Zurückhaltung für professionelle Kabarettisten in der DDR -- doch Laientrupps in Betrieben nehmen kein Blatt vor den Mund.
Rund 2000 Stunden pro Jahr verbreitet das DDR-Fernsehen Unterhaltung -- fast ein Drittel der gesamten Sendezeit. Mehr als jede zweite Veranstaltung der volkseigenen Konzert- und Gastspieldirektion bietet "leichte Muse", und wenigstens einmal im Jahr geht, der Fröhlichkeit und Geselligkeit halber, der statistische DDR-Bürger in sein Kultur- oder Klubhaus.
Doch mit den humoristisch-satirischen Zutaten, die derlei Massenunterhaltung erst die richtige Würze geben, tut sich die einheitssozialistische Staatspartei noch immer schwer.
Schon vor zehn Jahren klagte Edgar Külow, Betreuer des Hallenser Laienkabaretts "Die Taktlosen": "Viele Funktionäre verlangen Losungen statt Kunst." Anfang dieses Jahres meinte das SED-Bezirksblatt "Märkische Volksstimme" ironisch, Potsdam brauche überhaupt kein Kabarett -- das wäre "von vornherein mangels kritikwürdiger Zustände zum Scheitern verurteilt".
Vergangenen Monat schließlich kehrte der sächsische Spitzen-Komiker Eberhard Cohrs, 56, der DDR für immer den Rücken. "Es ging nicht mehr", gab er in West-Berlin zu Protokoll, "die Beengung wurde unerträglich".
Cohrs-Kalauer wie "Der Kapitalismus macht soziale Fehler, und der Sozialismus macht (die Ergänzung "kapitale Fehler" überließ der Komiker seinem "sachverständigen Publikum") wurden von den DDR-Kulturfunktionären in letzter Zeit immer argwöhnischer registriert; seit je plagt die SED-Medienverwalter die alte Frage, welche komischen Seiten der DDR denn nun abgewonnen werden dürfen.
So vergeht kein Jahr, in dem ostdeutsche Karikaturisten nicht darüber klagen, daß ihre Arbeiten in den Zeitungsredaktionen allein "nach Gesichtspunkten der Absicherung" ausgewählt würden. Vor vier Jahren warnten Pressezeichner, es bestehe "die große Gefahr", daß der Humor "nur immer produktionsgebundener" werden solle und das einfache Ziel, die Leute zum Lachen zu bringen, dabei in Vergessenheit gerate.
Als Anfang dieses Jahres in Ost-Berlin DDR-Karikaturen ("Karigrafie '77") ausgestellt wurden, monierte das Monopolblatt für Satire "Eulenspiegel" die mangelnde Schärfe der Zeichnungen. Zwar würden viele freundliche Rippenstöße ausgeteilt, jedoch "zu wenig Ohrfeigen".
Gepfeffertes aus dem DDR-Alltag ist noch am häufigsten dort zu finden, so ein Ost-Berliner Kabarett-Texter, "wo die herrschende Klasse das Maul aufmacht" -- in den vielen, nicht vom DDR-Komitee für Unterhaltungskunst kontrollierten Betriebskabaretts.
Während der stellvertretende Komitee-Chef Siegfried Meißgeier von Berufskomikern Verzicht auf "allgemeine Meckerei" fordert und, natürlich, "parteilich-künstlerische Gestaltung", arbeiten die Laien-Truppen lieber mit dem Hammer als mit Meißgeiers Zirkelmaß.
So nahm sich das Dresdner Amateur-Kabarett "Die Lachkarte" in seinem letzten Programm die Westvorliebe bei den DDR-Fernsehzuschauern vor: Auf die Begrüßungsfloskel eines Reporters ("ich komme vom Fernsehen der DDR") reagiert die angesprochene Bürgerin verblüfft: "Was, die DDR hat Fernsehen?"
Die "Spöttniks", ebenfalls in Dresden zu Hause, machen sich über die "ideologischen Bauchschmerzen" eines DDR-Sprinters lustig, "der den vor ihm dahineilenden sowjetischen Sportbruder überholen könnte, aber nicht weiß, ob er das überhaupt darf". Und der Stralsunder "Seeigel" legte unlängst sogar auf geheiligte SED-Güter an: "Die Erfahrung und Klugheit unserer Partei sind Importe aus der Sowjet-Union."
Ein Ost-Berliner Kulturfunktionär, der vor einem Jahr resigniert um Versetzung in einen Betrieb bat, glaubt zu wissen, warum die Arbeiter-Kabaretts sieh mehr erlauben dürfen: "Dem Proleten kann man, anders als dem Berufskomiker, nicht mit der Zwangsbewährung in der Produktion drohen -- da ist er ja schließlich schon."

DER SPIEGEL 14/1977
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