28.03.1977

Er entdeckte den totalen Fußball

Gyula Loránt, 54, spielte 1954 in Ungarns Nationalmannschaft, die im Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft gegen Josef Herbergers bundesdeutsche Mannschaft 2:3 verlor. Heute trainiert Loránt die Bundesligamannschaft von Eintracht Frankfurt.
Meine Karriere als ungarischer Nationalspieler verdanke ich in erster Linie Sepp Herberger. Am 3. Mai 1942 spielte Ungarn in Budapest gegen Deutschland mitten im Krieg Fußball. Ich war 19 Jahre alt und nur Ersatzspieler.
Zur Halbzeit führte Ungarn 3:1. Am Ende siegten die Deutschen 5:3. "Was war los?", fragte ich meine Landsleute, die mit hängenden Köpfen den Platz verließen. Sie wußten es nicht. Ich hatte genug gesehen, die Leute vom Reichstrainer Herberger waren besser trainiert, und sie spielten dauernd Direktpässe, hielten nicht immer erst den Ball an.
Von dem Tage an wurde ich Mittelläufer der ungarischen Nationalelf, spielte in 42 Länderspielen -- ohne Herbergers Kraftmeier, die unsere Abwehr in den Ruhestand geschickt hatten, wäre ich vielleicht nie Nationalspieler geworden.
Zwölf Jahre später bestritten wir gegen Herberger, jetzt hieß er Bundestrainer, das Endspiel um die Fußball-Weltmeisterschaft. Wir galten als die beste Fußballmannschaft der Welt, hatten in Persien und China gespielt, als erste Nationalmannschaft der Welt im Londoner Wembleystadion England besiegt, und das mit 6:3. In unserem Lager war jeder überzeugt, daß wir Weltmeister werden würden. Nur ich war anderer Meinung.
Ich wußte, daß Herberger den totalen Fußball erfunden hatte. Er war schon lange vor dem WM-Turnier in der Schweiz gewesen, um das beste Quartier auszusuchen. Er hatte auch unser späteres Hotel in Solothurn besichtigt, dann aber darauf verzichtet, weil alle halbe Stunde die Kirchenglocken dröhnten. Außerdem hatte Herberger herausgefunden, daß für den Endspieltag frühmorgens ab sechs Uhr noch ein Kapellenwettstreit angesetzt worden war. Herberger zog mit seiner Mannschaft in ein weniger gutes, aber ruhigeres Quartier.
Jeden Tag schickte er in unser Quartier einen Kundschafter, den ehemaligen Nationalspieler Albert Sing. Der schrieb alles auf, was wir machten, was wir aßen, wann wir tafelten, wann und wie wir trainierten, wann wir zu Bett gingen, ob allein oder nicht, und was wir abends tranken. Daraus kann ein Trainer, das weiß man heute, viele Erkenntnisse sammeln.
Herberger kannte unsere Stimmung, unsere Kondition, unsere Sorgen, unsere Zuversicht, unsere Stärken und unsere Schwächen. Wir hatten die Deutschen überhaupt nicht beobachtet, nur im letzten Spiel vor dem Finale.
Wir kamen wie die Sieger auf den Platz und hatten schon verloren. Dann führten wir bald 2:0 und wurden noch gedankenloser. Da fiel das 1:2. Unsere Kraft ließ nach, unser Torwart wurde nervös. Am Ende hieß es 2:3. Wir hatten den Deutschen nur noch die biegsameren Kniegelenke voraus -- sonst nichts.
Hinterher kam Herberger zu mir und sagte: "Ihr habt was gemacht, das ich noch nicht kannte, den Bozsik habt ihr freien Mann spielen lassen, ohne Gegenspieler, eine sehr gute Variante, sehr gefährlich, das werde ich auch machen."
Es war die Vorstufe zum Libero, zu dem, was heute der Beckenbauer spielt. Herberger war ein Mann, der von morgens bis abends nur an Fußball dachte, er hatte keine Kinder, war fast nie zu Hause, sah sich überall Fußballspiele an. Damals gab es ja noch nicht die Bundesliga. Er mußte immer fast 100 Mannschaften beobachten.
Herberger verschaffte mir auch -- ohne Aufnahmeprüfung einen Platz an der Deutschen Sporthochschule in Köln. In Ungarn ging es mit dem Fußball immer mehr bergab, den totalen Fußball wollte dort keiner haben. Das deutsche Trainerdiplom war soviel wert wie eine Empfehlung vom Papst.
Ich kopierte zunächst Herberger, ich lobte nie Spieler, weil er es auch fast nie getan hatte. Ich trainierte den 1. FC Kaiserslautern und bekam den Ruf eines Schinders. Ich habe mich längst geändert, Herberger wäre heute auch anders. Er galt zwar als stur, was man als Trainer manchmal auch sein muß, aber er war auch flexibel, er stellte sich immer auf neue Umstände ein. Er wäre noch heute ein guter Bundesligatrainer, möglicherweise der beste.
Er sagt, er könne nicht mehr gut sehen, wäre an den Augen operiert. Er kann vielleicht zehn Prozent schlechter sehen, aber das ist bei ihm noch zehnmal mehr als bei anderen. Noch heute, mit 80, zupft er dich auf der Tribüne am Ärmel und zeigt auf den Platz: "Gyula, guck, der Zehner ist ein guter Mann, den würde ich einladen."
Herberger hat mit Spielern oft stundenlange Spaziergänge gemacht, soll auf sie eingeredet haben. Das glaube ich nicht. Der hat sie erzählen lassen. Er wollte immer wissen, was sie denken, wollte ihre Mentalität ergründen und entschied dann, ob sie zu seinem Lieblingsspieler Walter passen würden, "zum Fritz".
Unter Herberger wurden die Deutschen zu den besten Fußballern der Welt, sie sind die klügsten, mit ihnen kann man alles machen. Jede komplizierte Taktik kapieren sie, jedes Tempo halten sie durch. Fußball ist in Deutschland ein Spitzenberuf. Mannschaftsführung im Fußball ist die schwierigste Form der Menschenführung. Man hat meist 15 verschiedene Charaktere. Herberger brachte sie unter einen Hut. Fußballer sind Facharbeiter und Vagabunden in einem. Künstler und Kriminelle, manchmal müssen sie auch wie eine Dirne sein, sie müssen arbeiten und täuschen, anständig spielen und verführen, einfach spielen und bluffen können. Und sie müssen ihren Preis kennen. Herberger erreichte trotzdem, daß bei ihm keiner von Geld sprach, auch wenn jeder daran dachte. Mit Saufen und Bumsen hielten sie es ebenso.
Der Name Herberger wirkt noch mehr als jede Fußballregel. Eine unangefochtene Autorität, die ständig die Hände in den Hosentaschen hat.

DER SPIEGEL 14/1977
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