28.03.1977

MÖBELWar's Lilly?

Hat Mies van der Rohe den berühmten „Barcelona“-Sessel nicht selbst entworfen? Fachleute vermuten: Eine seiner Favoritinnen hat.
Einer klaut vom anderen", klagte der Architekt Egon Eiermann einst über die rüden Usancen der Möbel-Entwerfer. "Die Sitzmöbelindustrie lebt ja vom gegenseitigen Diebstahl."
Eines der meistkopierten Sitzmöbel der Welt ist denn auch der schönste (und wohl auch teuerste) Stuhl des 20. Jahrhunderts -- der Barcelona-Sessel aus der Kollektion von Knoll International (Listenpreis in der Bundesrepublik: 3288 Mark).
Bislang war das erlesene Stahl-Leder-Stück dem -- neben Le Corbusier --
einflußreichsten Architekten des Jahrhunderts zugeschrieben worden: dem Steinmetzsohn Ludwig Mies van der Rohe.
Der Baumeister hatte die zeitlose Sitzgelegenheit 1929 in dem von ihm entworfenen deutschen Pavillon auf der Weltausstellung in Barcelona präsentiert. Kunstkritiker feierten den Entwurf als "revolutionär".
Tatsächlich entsprach der Barcelona-Sessel genau Mies van der Rohes revolutionären Stahlskelett-Kuben, die in aller Welt nachgebaut wurden: In X-Form geschwungene Stahlstäbe stützten rechtwinklige, lederbezogene Sitzkissen und Rückenlehnen.
Das Modell wurde zum repräsentativen Stuhl in Regierungs- und Konzernbauten und schmückte manchen Wohnraum nahezu ein halbes Jahrhundert lang als "echter Mies
Nun, Mitte März, wurden in New York erstmals Zweifel an der Urheberschaft laut. Auf einer Möbelschau im "Museum of Modern Art" fragte der Kurator des Mies-van-der-Rohe-Archivs, Ludwig Glaeser: "War"s Lilly?"
Dem Museumsmann war aufgefallen, daß die Entwürfe zu allen berühmten Mies-Möbeln ausschließlich aus jener Zeit stammten, die der Baumeister und die Designerin Lilly Reich gemeinsam verbracht hatten.
Ihre Zusammenarbeit begann 1927 bei der Werkbund-Ausstellung in Stuttgart, und auch in den Annalen von Barcelona wird Lilly Reich als Mies-Mitarbeiterin geführt.
Die weitgereiste. gebildete Fabrikantentochter hatte bei dem Wiener Design-Pionier Josef Hoffmann studiert und lehrte unter Mies am Bauhaus in Dessau und Berlin. Kollegen rühmten Lillys "unfehlbaren Geschmack" und ihre "strengen Maßstäbe".
Freilich: Ihre Verbindung mit Mies war für Außenstehende so wenig transparent, daß selbst Bauhaus-Kollegen nicht zu entscheiden vermochten, wer auf wen auf welche Weise einwirkte.
Glaeser gibt zu bedenken, daß Mies zeitweise nicht mit Aufträgen gesegnet war, die Möbel ihm aber Tantiemen eintrugen -- und Lilly Reich somit zu seinem Unterhalt beitragen konnte. Noch nach seiner Emigration in die USA besorgte sie selbstlos seine Angelegenheiten in Deutschland.
Dennoch wird die Urheberschaft an dem Stuhl ein Geheimnis ihrer Liaison bleiben: Lilly starb 1947 in Berlin, Mies verschied 1969 in Chicago.
Und mit dem Geheimnis bleiben die Zweifel: Kurator Glaeser stieß bei seinen Nachforschungen auf eine ganze Reihe weiterer Frauen im Leben von Mies, "und alle waren nur eifersüchtig auf eine: auf Lilly".

DER SPIEGEL 14/1977
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