21.03.1977

FILMVerarmter Traum-Fabrikant

Der letzte Tycoon. Spielfilm von Elia Kazan. USA 1976. 123 Minuten. Farbe.
Zwei Ziegen treffen sich hinter einem Kino. Die eine knabbert an einem Filmstreifen. Fragt die andere: "Was frißt du denn da?" "Einen Film." "Schmeckt er?"
"Der Roman war besser."
Alter Branchenwitz
Elia Kazans Verfilmung des Romanfragments von F. Scott Fitzgerald erweckt auf gänzlich unbeabsichtigte Weise Sehnsucht nach der vergangenen Glanzzeit Hollywoods. Zu Zeiten Irving Thalbergs, des früh verstorbenen Wunderknaben, der MGM in den 30er Jahren zum größten und ruhmreichsten Studio machte und der das Vorbild für Fitzgeralds tragischen Helden Monroe Stahr war, wäre ein Film wie dieser so nicht dem Publikum zugemutet worden.
Ein Produzent wie Thalberg hätte wohl Harald Pinters Drehbuch völlig umschreiben lassen, den Regisseur gefeuert und die Hauptdarstellerin (Ingrid Boulting) bereits nach den Probeaufnahmen aus dem Studio geworfen. Daß das reizvolle Unternehmen, Hollywoods Pioniere als ebenso geniale wie verängstigte und emotional verarmte Hohepriester der amerikanischen Volksseele zu zeigen, derart mißglückt ist, läßt den Verlust eben dieser Einzelgänger um so schmerzlicher erscheinen.
Kazan, der offen zugibt, daß "Der letzte Tycoon" sicherlich nicht sein bester Film ist, hat sich nie für das Innenleben der hektischen Traumfabrik interessiert, obwohl er ihr mit Filmen wie "Die Faust im Nacken", "Fieber im Blut" und "America America" einige ihrer gelungensten Produkte lieferte.
So versucht er am ungeeigneten Objekt seinen eigenen Obsessionen treu zu bleiben und das ebenso wahre wie abgedroschene Klischee von der maroden Psyche des Amerikaners, der nach außen hin Erfolg hat, innerlich aber verkümmert, wieder zu beleuchten, ohne ihm neue Aspekte abgewinnen zu können.
Aus Fitzgeralds Romanfragment läßt sich das sicherlich rechtfertigen. Monroe Stahr, das Junggenie unter den Produzenten, ist ein Mann, der auf einzigartige Weise mit der Kreativität anderer Leute umzugehen weiß. "Ich habe mir nie eingebildet", charakterisiert er sich, "daß ich mehr Grips hätte als so ein Schriftsteller. Aber ich dachte immer, sein Gehirn gehöre mir, weil ich es richtig einzusetzen verstehe. Ganz wie die Römer -- ich habe mir sagen lassen, daß die überhaupt keine Erfindungen gemacht haben, aber sie wußten etwas damit anzufangen."
Stahr weiß, wie ein Film, diese "Imitation of Life", zu sein hat, aber er ver-
* Mit Ingrid Boulting, Robert de Niro.
sagt, so jedenfalls in Kazans Film, der genau dort ratlos abbricht, wo auch das Fragment endet, in seinem privaten Leben. Während eines Erdbebens, bei dem ein Studio zu Bruch geht, sieht er das Mädchen Kathleen entrückt wie eine Fee auf einem abgerissenen Pappkopf einer indischen Statue einherschweben und verliebt sich hemmungslos in sie. Doch der Preis der Macht. wie sollte es anders sein, ist Einsamkeit. Die Romanze verwelkt durch ihre Unmöglichkeit.
Harald Pinter hat sich mit seinem Drehbuch skiavisch an Fitzgeralds Vorlage gehalten und sie gerade dadurch unzulässig verfälscht. Denn was als Fragment vorhanden ist, macht nicht einmal die Hälfte des konzipierten Romans aus. So verschieben sich die Gewichte notgedrungen zugunsten der Liebesgeschichte. zwischen Stahr und Kathleen. Fitzgerald hat in ihr sehr idealisiert seine eigene Beziehung zu Sheila Graham verpackt, wie auch in seinem Helden Stahr Züge des Autors zu erkennen sind.
Weil das Fragment nun zufällig mit Stahrs Auseinandersetzung mit dem kommunistischen Gewerkschaftsführer Brimmer (Jack Nicholson spielt ihn in einem glanzvollen Auftritt) endet, erweckt Kazans Verfilmung fälschlicherweise den Eindruck, Stahrs Niedergang hinge direkt damit zusammen. Pinter wagte es nicht, die Geschichte, die von da an nur noch in Form von Notizen existiert (Stahr sollte erpreßt werden, er läßt seinen Rivalen ermorden und kommt selbst bei einem Flugzeugabsturz ums Leben), weiterzuspinnen.
Damit ist der Film nun selbst zu einem mut- und ratlosen Fragment zerfallen, der vom zynischen Glanz und menschlichen Elend Hollywoods ebensowenig enthält, wie er die Psyche eines genialen und gebrochenen Einzelgängers erhellt.
Stahr hätte, so wie ihn Fitzgerald sah, noch mehr als Gatsby der legendenumrankte Inbegriff des amerikanischen Selfmademan werden sollen, ein begabter, naiver Zyniker, welcher der Gosse, aus der er kommt, die Träume verkauft, die ihn selbst motiviert haben. Robert de Niro, bis auf den Haarschnitt zu einem Ebenbild Thalbergs getrimmt, gelingt es durch ungeheuer präzise Darstellung, wenigstens in einigen Szenen etwas davon durchscheinen zu lassen, doch Pinters einfallsloses Drehbuch läßt ihn allzuoft im Stich.
"Action is Character", notierte Fitzgerald über seinen Helden. Pinter konnte damit nichts anfangen, Kazans sorgfältige Inszenierung macht diese Schwäche nicht wett. Fitzgerald zerbrach an Hollywood, und Hollywood scheint sich nach der erbärmlichen Gatsby-Verfilmung weiterhin an Fitzgerald die Zähne auszubeißen.
Von Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 13/1977
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