21.03.1977

STÄDTEBAUSOS fur SO 36

Im West-Berliner Bezirk Kreuzberg soll nicht mehr der Bulldozer Hauptwerkzeug der Stadtsanierung sein -- statt Kahlschlag und Neubau soll Stadtreparatur betrieben werden.
Türen krachten, Fenster barsten, Sperrmüll und Trümmerstücke fielen wie Bomben in den Hof: Mit der Axt brachen Abrißarbeiter den Widerstand der letzten Mieter des Hauses Dresdener Straße 131 im West-Berliner Bezirk Kreuzberg.
Der Terrorangriff geschah 1971 -- als die Abschreibungsgesellschaft "Neues Kreuzberger Zentrum KG Günter Schmidt Beteiligungen GmbH & Co." es nicht erwarten konnte, auf den frei gemachten Grundstücken im alten Postzustellbezirk SO 36 eine Geldgrube auszuheben.
Sechs Jahre später -- da das fertige "Neue Kreuzberger Zentrum" (NKZ) nun wie eine Fronburg auf das Stadtbild drückt -- erfahren die Bewohner des vom Verfall bedrohten Reviers weitaus mildere Behandlung:
Regierung und Kirche riefen sie auf, in dem Ideenwettbewerb "Strategien für Kreuzberg" Vorschläge zur Wiederbelebung von SO 36 einzureichen. Alle können und sollen mitmachen, um "zu erhalten, was zu erhalten ist" (Bausenator Harry Ristock). Die neue Kreuzberger Mach-mit-Aktion zeigt nicht nur Sinneswandel in der Behandlung betroffener Bürger in Sanierungsgebieten, sie entspricht auch einer Kehrtwendung im Städtebau. Wo einst Kahlschlag und Neubau herrschten, wird zunehmend Stadtreparatur betrieben -- es wird endlich saniert.
Wohl nirgends in Deutschland stehen die krassen Kontraste aus einem Vierteljahrhundert Wiederaufbau so dicht beieinander wie im Kreuzberger Kiez "Luisenstadt".
* Auf einem Areal mit ehemals gemischter Nutzung aus Wohnen und Gewerbe, das im Krieg kahlgebombt worden war, entstand eine "Gartenstadt inmitten der City" -- Häuserzeilen und Punkthochhäuser ohne Beziehung zu den vorhandenen Straßen, ohne Läden, ohne Kneipen, ein städtisches Nichts, besonnt, durchgrünt. gelüftet.
* Im ältesten Wohnquartier des Bezirks dagegen bleiben Stadtgrundriß, Baufluchten und Häuserhöhen erhalten, der Landeskonservator schützt die Gründerzeitfassaden; Endoskopen untersuchen, Haus für Haus, die Ausmaße des Verfalls -- was zu retten ist, wird modernisiert.
In Amerika wenden bereits mehr als 80 Prozent aller Architekten zumindest einen Teil ihrer Arbeitszeit für "Recycling" auf; sie verstehen darunter jeglichen Eingriff in ein Gebäude, das es vor dem Abriß bewahrt. Prinzip: Behutsamkeit und kleinstmögliche Veränderungen. "Die Wiederherstellung alter Gebäude", so das US-Wirtschaftsmagazin "Fortune", "wird die nächste große Welle in der Architektur sein." Bereits zu Beginn der sechziger Jahre hatten Urbanologen die Pflege überkommener Bausubstanz und die Wahrung städtischen Milieus gefordert. Nur mählich fanden ihre Warnungen Gehör. Erst ökonomische Malaisen wie Teuerungen in der Bauindustrie, Rezession und allgemeine Kapitalverknappung brachten auch die Stadtplaner zur Besinnung.
Der soziale Wohnbau war kaum mehr finanzierbar. In West-Berlin beispielsweise hatte die Kostenmiete die Obergrenze von 17 Mark erreicht. Private und gemeinnützige Bauherren blickten bereits auf Wohnungshalden und spitzten sich nun auf das Sanierungsgeschäft.
Zugleich war auch in den Amtsstuben eine neue Generation einsichtiger Architekten nachgerückt, die begriff, "daß auch das Beste langweilig wird, wenn alles den Normen einer Generation unterliegt" (Alfred Günther, 38, Planer für Stadterneuerung beim West-Berliner Bau-Senat). Denkmalpfleger gaben als neue Losung aus: ",Rettet den Stuck" genügt nicht -- "Rettet die Stadt!""
So werden sich die Wohnungsgesellschaften und erst recht die Baufirmen umstrukturieren müssen. Ristock sieht "in überschaubarster Zeit eine neue Qualifikation: den Modernisierungsfacharbeiter".
Das "Recycling" der verrottenden Wohnblocks im Kreuzberger Problemquartier ist für den kleinsten und ärmsten, am dichtesten bebauten und bewohnten Bezirk West-Berlins eine Schicksalsfrage.
Die "Luisenstadt" auf dem alten "Köpenicker Feld" wurde 1841 von Peter Josef Lenné mit einem vielgerühmten Straßengrundriß vorgezeichnet, in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts aber von Spekulanten dicht bebaut, um die nach Berlin einströmenden Arbeitermassen zu kasernieren.
Der Bezirk in ungünstiger Lage (8,7 Kilometer Mauer) -- in dem die Straße "Ritze" heißt und das "Aus-dem-Fenster-Kieken" erfunden sein könnte -- zeigt Touristen bei Stippvisiten ins Milieu zwar den Charme des Verfalls und Bohème à la Mühlenhaupt, den Milieu-Maler mit dem Schlapphut; für sie ist Kreuzberg Synonym für Schmalzstullenkneipen und Hammelspießbraten.
Doch hinter den Fassaden, in den Bruchbuden an elenden Hinterhöfen, sieht es finster aus. Kreuzberg ist das Quartier mit den meisten Uraltbauten, das Quartier der Kellerwohnungen und Wohnküchen; Klo auf halber Treppe oder im Hof.
"Bald Zustände wie in Harlem?" fragte die "Welt" bereits 1973. Jüngere Deutsche verlassen den Bezirk; zurück bleiben Alte, Schwache, Außenseiter und Ausgeflippte und vor allem Ausländer.
Längst nennen die Berliner die Hochbahnlinie, die nach Kreuzberg führt, "Orientexpress". Jeder vierte Kreuzberger ist Ausländer, jeder fünfte spricht türkisch. In manchen Blöcken hausen bis zu 70 Prozent Türken.
Gastarbeiter aber, meint Arbeiterpfarrer Klaus Duntze, "suchen hier nur ein Dach über dem Kopf, identifizieren sich nicht mit der Umwelt" und lassen Häuser und Wohnungen verkommen. Den Grundbesitzern, die ohnehin auf höhere Rendite durch Abriß und Neubau spekulieren, sind sie am willkommensten.
"Diese Jobber" will Ristock nun "an den Kanthaken kriegen". Sein SOS-Ruf für SO 36 soll einen Wendepunkt in der West-Berliner Sanierungspolitik markieren.
Bis vor kurzem war Stadterneuerung in Kreuzberg gleichbedeutend mit Flächensanierung -- noch ganz im Ungeist der sechziger Jahre, in denen erst Bulldozer die Quartiere planierten und dann menschenfeindliche Monstren aufgetürmt wurden. In einer Senatsbroschüre hieß es damals: "Wird man die Gegend wiedererkennen? Wohl kaum!"
So sollten auf Kosten des einzigen Grünzugs der Gegend zwei je 72 Meter breite Autobahn-Tangenten das Viertel durchschneiden und sich kurz vor der DDR-Grenze kreuzen: "Eine Rennbahn zur Mauer", wie der Architekt Gerhard Spangenberg höhnte. Erst im November vergangenen Jahres fiel die endgültige Entscheidung gegen die Betonpisten.
Und die geschäftstüchtige Architektin Sigrid Kressmann-Zschach wollte den intakten Bau des (ausgedienten) Bethanien-Krankenhauses abreißen, um auf dem Areal gewinnbringend neu zu bauen. Heute dient Bethanien als Kreuzberger Kulturhaus.
Doch die Erneuerung in den ersten Planquadraten des schon 1963 als Sanierungsobjekt ausgewiesenen Reviers brachte gleichwohl ein Betongeschwür hervor.
Star-Architekt Professor Werner Düttmann (einst selbst Senatsdirektor, Miterbauer des Märkischen Viertels, Präsident der Akademie der Künste) versuchte sich in Kreuzberg als Städtebauer -- mit Hochhäusern, Straßenüberbauungen und der (mißglückten) Absicht, Stadträume zu schaffen. Düttmanns Bau im Volksmund: "Graue Laus".
Die gemeinnützige GSW holzte gleichfalls ab. Neben ihren neuen Betonburgen blieben erstmals einige Altbauten erhalten -- sie wurden aufwendig restauriert.
Doch nun bewahren im Bethanien-Viertel die Architekten Dietmar Grötzebach und Günter Plessow schon ganze Fronten im alten Stadtgrundriß. Die restaurierten Fassaden werden koloriert, und wo die Althäuser nicht mehr zu retten sind, werden auf den alten Grundrissen Neubauten errichtet.
Allerdings werden Seitenflügel und Quergebäude abgerissen, die Mischung von Wohnung und Gewerbe bleibt nur noch sporadisch erhalten, und Wohnungsgrundrisse und -ausstattung werden dem Standard des sozialen Wohnungsbaus angenähert: mindestens ein besonnter Wohnraum, Sammelheizung, sanitäre Anlagen.
"In der Ära Ristock sind wir jetzt noch sensibler, noch bescheidener", erläutert Senatsplaner Günther einen Gutachter-Wettbewerb, der nun für die nächsten Planquadrate ausgeschrieben wird. Er wünscht sich "mehr Handschriften" durch Beteiligung möglichst vieler Architekten und will "den Versuch wagen, innerhalb eines Blocks wieder Wohnen und Gewerbe zu mischen"
Die lobenswerte Stadtbildpflege birgt aber immer noch die
Gefahr, die Sozialstruktur zu zerstören: Verschönerung und Modernisierung heben die Mieten und könnten so die Bewohner, überwiegend aus den niedrigsten Einkommensklassen" vertreiben.
Denn in modernisierten Altbauten müssen die Kreuzberger mit Quadratmieten zwischen 3,80 und vier Mark rechnen -- fast soviel wie in (subventionierten) Neubauten: 4,50 Mark. Für die rund hunderttausend Bruchbuden hingegen zahlen sie pro Quadratmeter 1,33 Mark (Klo im Hof), 1,76 Mark (Klo auf halber Treppe) bis 2,24 Mark (Klo in der Wohnung).
Solch billiges Obdach finden die Minderbemittelten vor allem noch im alten SO 36, dem äußersten Teilstadtzipfel, eingeschnürt zwischen Spree und Landwehrkanal, Mauer und totem Bahngelände.
Dieser ganze Bezirk sei, so fürchtet Ristock, "in Gefahr, umzukippen und kaputtzugehen" -- zum Ausländergetto mit Slum-Charakter.
Zwar ist auch hier an manchen Stellen noch eine vielfältige, urban gemischte Nutzung zu finden: Kleine Fabriken mit Arbeitsplätzen und eine Fülle von Einzelhandelsläden zeugen davon.
Nach Streifzügen durchs Quartier kamen Architekt Spangenberg und Photograph Dieter Kramer zu dem Schluß·. "Was in Kreuzberg passiert, macht Kreuzberg aus." Und: "Noch ist Kreuzberg nicht verloren."
Doch dem Senat scheint in SO 36 "der kritische Punkt fast schon überschritten": Die Bausubstanz verschlechtert sich rapide, und die alte Sozialstruktur ist in voller Auflösung. Im letzten Sommer wurden in den Wohnhöhlen 29 123 Deutsche und 11 570 Ausländer gezählt.
"Von den Ressourcen, die überhaupt noch geblieben sind", will Sani Ristock deshalb 50 Prozent "in solche Gebiete stecken". In SO 36 will der Senator "keine riesigen Projekte" ankurbeln, sondern gezielte Einzelmaßnahmen stützen: "Das kann ein Block oder ein einzelnes Haus sein." Vorschläge erwartet er aus dem Wettbewerb.
Während sich die Berliner Regierung von der Mach-mit-Aktion "Perspektiven für eine Neuordnung" erhofft, liegen dem Landeskonservator "stadträumliche Erlebniswerte" und der "Denkmalwert" von Hinterhofzeilen am Herzen. Die evangelische Kirche wiederum strebt "Bebeimatung" und "Nachbarschaft" an.
Wie fremd und hohl derlei Vokabular den direkt Betroffenen klingen mag, deutete ein Kreuzberger an, als er dem Senator auf einer lnformationsveranstaltung den Ratschlag erteilte: "Was wirklich in den Häusern wichtig ist, wäre Treppenhäuser anstreichen, für Lampen sorgen und die Toiletten auf den Treppen in Ordnung bringen."

DER SPIEGEL 13/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 13/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

STÄDTEBAU:
SOS fur SO 36

  • Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt
  • Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll
  • Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch