14.03.1977

PANZEROrientalische Sitten

Die US-Army manipulierte die Ergebnisse des Vergleichstests zwischen „Leopard 2“ und XM-1 zugunsten ihres Panzers. Verteidigungsminister Leber will in Washington Protest einlegen.
Was der Vietnam-Krieg nicht vermochte, hat nun das deutschamerikanische Panzergeschäft geschafft: Georg Lebers Vertrauen in die Amerikaner ist dahin. Der Verteidigungsminister will, so ein Mitarbeiter, in dieser Woche bei seinem Besuch in Washington "endlich Tacheles reden".
Der Deutsche sieht nämlich die Gefahr, daß die Amerikaner sich trotz fester Vereinbarungen aus seinem Lieblingsprojekt, der Entwicklung von Panzern, deren wichtigste Teile austauschbar sind, davonstehlen wollen.
Getroffen hat Leber vor allem die rüde Art, in der die amerikanische Administration die Ergebnisse des Vergleichswettbewerbs zwischen dem deutschen "Leopard 2" und dem amerikanischen XM-1 verfälscht und an die Öffentlichkeit gespielt hat. Der Minister in einer Abteilungsleiterkonferenz auf der Bonner Hardthöhe wütend: "Orientalische Sitten".
Der Verteidigungsminister geht in das Treffen mit seinem amerikanischen Kollegen Harold Brown in dieser Woche jedoch nicht nur mit moralischen Argumenten, sondern auch mit einem handfesten Druckmittel. Denn zur gleichen Zeit, da die US-Panzerlobby den international mit Lob bedachten deutschen "Leo" madig macht, drängen amerikanische Flugzeug- und Elektronikkonzerne die Nato, vor allem aber die Deutschen zum Kauf einer ganzen Flotte von Frühwarnflugzeugen des Typs Boeing 707 E-3 A.
Diese "fliegenden Feldherrenhügel" (Airborne Warnung and Control System Awacs) könnten nach Nato-Meinung die Warnzeiten für tief einfliegende Sowjet-Jets zwar um einige Minuten verkürzen. Ein Scheitern des Projekts aber würde, so die übereinstimmende Meinung der Hardthöhen-Generalität, ohne schwerwiegende Folgen für die militärische Sicherheit des westlichen Bündnisses bleiben. Nachdem der neue Rüstungsstaatssekretär Karl Schnell erklärt hatte, daß die Nato auch ohne Awacs "on the watch" sei, votierten auch die um ihre Etats fürchtenden Inspekteure des Heeres, der Luftwaffe und der Marine einstimmig: Neue Panzer, Kampfflugzeuge und Fregatten seien vorerst wichtiger als das amerikanische Frühwarnsystem.
Georg Leber kann bei seinen Gesprächen mit Brown außerdem darauf verweisen, daß er die für das Awacs-Programm erforderlichen Milliarden (Bonn müßte nach heutigem Preisstand mindestens 1,7 der insgesamt 6 Milliarden Mark Anschaffungskosten zahlen) vom Parlament nicht erhalten wird, wenn der Austausch-Panzer, das erste große deutsch-amerikanische Gemeinschaftsprojekt, so schmählich scheitern sollte.
Finanzminister Hans Apel und die SPD-Haushaltsexperten haben Leber in der letzten Woche dringend geraten, keine neuen finanziellen Verpflichtungen einzugehen. Sogar die Opposition, die gerade erst das "Ende der Schonzeit für Leber" (CSU-Landesgruppenchef Friedrich Zimmermann) verkündet hatte, unterstützt den Minister in seiner Meinung, es sei unmöglich, eine neue Awacs-Vereinbarung zu treffen, wenn das Panzer-Agreement nicht eingehalten werde.
Auch der Vorsitzende des Verteidigungsausschusses, der CDU-Abgeordnete Manfred Wörner. der sich zur Zeit ebenfalls in den USA aufhält, nörgelte vor Kongreßabgeordneten und Senatoren: "Ich denke überhaupt nicht daran, mir über Awacs Gedanken zu machen, solange die Amerikaner nicht zu ihrem Wort stehen, wenigstens die wichtigsten Komponenten des deutschen und des amerikanischen Panzers zu standardisieren: die Kanone, den Motor, das Laufwerk und die Ketten."
Leber wie Wörner sind zudem überzeugt, daß Bonn sich bisher buchstabengetreu an die Abmachungen gehalten hat und nun Washington am Zuge ist. So überließen die Deutschen schon vor Beginn des Vergleichswettbewerbs den Amerikanern alle Konstruktionspläne für den "Leo 2", warten aber bis heute noch darauf, daß die US-Firmen ihre Unterlagen zur Verfügung stellen. Das Pentagon hatte nach Ankunft der deutschen Akten die XM-1-Zeichnungen kurzerhand zu "Geheimpapieren" erklärt.
Der "Leo"-Hersteller Krauss-Maffei reagierte daraufhin zwar ungehalten, wurde vom Verteidigungsministerium jedoch -- "im Interesse des Projekts", wie es hieß -- zur Zurückhaltung ermahnt. Von "Industriespionage" wurde fortan nun mit vorgehaltener Hand gesprochen. Nun aber, nachdem die Amerikaner sogar die Testergebnisse manipulierten, ist auch die Geduld des deutschen Wehrministers zu Ende. Ein Mitarbeiter der Rüstungshauptabteilung: "Das war der Tropfen, der bei Leber das Faß zum Überlaufen brachte."
Der Ärger mit den Amerikanern begann damit, daß die Deutschen für mehr als 60 Millionen ihren bereits fertig erprobten Leopard 2 extra für den Vergleichstest auf dem Erprobungsgelände Aberdeen in Neuengland modifizieren mußten. Das machte den Panzer zwar schwerer und breiter als vorher, doch Leber nahm diesen Nachteil in Kauf, weil Standardisierung im Bündnis für ihn Vorrang hat.
Doch die Bereitschaft der Deutschen wurde schlecht gelohnt. Vereinbart waren zwischen Bonn und Washington Testreihen, deren Ergebnisse gemeinsam veröffentlicht werden sollten. Aber die US-Army prellte vor -- mit geschönten Informationen zugunsten des XM-1.
Der Leopard 2, hieß es da, sei 1,6 Tonnen zu schwer, vier Zentimeter zu hoch und sechs Zentimeter zu breit. Dazu ein Panzerspezialist der Bundeswehr: "Diese Bewertung ist völliger Blödsinn. Es kommt nicht auf die paar Zentimeter an, sondern welche Silhouette das Fahrzeug dem Gegner bietet. Außerdem ist nicht das Gewicht, sondern das Leistungsgewicht, also Pferdestärken pro Tonne, entscheidend. In beiden Fällen schneidet der Leopard besser ab."
Nicht nur die Deutschen kritisieren die offenkundig auf Diskriminierung ausländischer Erzeugnisse abgestellten Test-Methoden der Amerikaner (Leber: "Hausgemachte Werte"). Die angesehene Schweizer Fachzeitschrift "Internationale Wehrrevue" zum Beispiel bezeichnete das US-Verfahren als "außergewöhnlich" und "praxisfremd". Kernpunkte der Kritik:
Die Amerikaner haben die theoretische Beschleunigung beider Triebwerke gemessen; hier war die US-Turbine dem deutschen Diesel leicht überlegen. Nicht berücksichtigt blieb, daß nach einer Distanz von 400 Metern -- dem in der Panzertaktik üblichen sogenannten Kampfsprung -- der Leo gleichauf war.
Die theoretisch höhere Feuergeschwindigkeit des XM-1 wurde von einem Team speziell für den Vergleich gedrillter amerikanischer Spezialisten erreicht. Die deutschen Ladeschützen waren, vertragsgemäß, normale Panzersoldaten -- mit den entsprechend durchschnittlichen Ergebnissen.
Bei den Schießversuchen kamen die extrem guten Fahrwerkseigenschaften des deutschen Panzers, die das Kanonenrohr bei Geländefahrten vorstabilisieren, gar nicht erst zur Geltung. Getestet wurde, völlig unrealistisch, auf geglätteten Bahnen -- nur so konnte der XM-1 gegenüber dem Leoparden zumindest mithalten.
Um die Feuerkraft zu testen -- wichtigstes Element zur Panzerbeurteilung neben der Panzerung und der Beweglichkeit -, wurde für beide Typen eine etwa gleichwertige 105-Millimeter-Kanone benutzt. Die deutsche Eigenentwicklung, eine 120-Millimeter-Kanone von Rheinmetall, wurde zu dem Vergleichstest nicht zugelassen.
Internationale Fachleute aber halten die amerikanische Kanone für überholt, für "technologischen Schrott". Nach ihren Schätzungen ist sie im Gegensatz zur Rheinmetall-Kanone nicht imstande, die Panzerung des russischen T-72 -- zukünftiger Standardpanzer des Warschauer Paktes -- zu durchschlagen.
Auch das amerikanische Triebwerk, eine Lycoming-Turbine, zeigte sich dem Diesel der Deutschen unterlegen. Der Kraftstoffverbrauch liegt um 50 Prozent höher. Die Abgastemperaturen der Turbine erreichen 600 Grad Celsius (Leopard 2: 230 Grad) und machen den XM-1 anfälliger für auf Wärme ansprechende Infrarotortung.
Schließlich: Die Watfähigkeit des turbinengetriebenen Panzers liegt nur bei zwei Meter, die taktische Anforderung der Nato für Mitteleuropa bei vier Meter, die vom Leopard 2 mühelos erreicht werden. Die Störanfälligkeit der Turbine ist zudem sehr viel höher als beim Diesel. Ein Bundeswehr-Rüstungsspezialist spottend: "Ein Molotow-Cocktail auf die Motorabdeckung genügt, um die Turbine auszublasen."
Grund für die amerikanische Testmanipulation und den Druck der Army auf Kongreß und Senat ist die Furcht vor der deutschen Panzerkonkurrenz. Zu tief sitzt der Schock der amerikanischen Panzerbauer, die ihr Exportmodell M-60 in den letzten Jahren nur dahin verkaufen konnten, wo der Leopard 1 eine Marktlücke gelassen hatte.
Für die amerikanische Rüstungslobby ist es nicht das erstemal, daß sie mit hemdsärmeligen Methoden ein überlegenes europäisches Erzeugnis vom amerikanischen Markt fernzuhalten sucht. Beispiel: Der deutsche Flugzeugtyp VFW 614 sollte von der US-Coast Guard eingeführt werden. Nachträglich abgeänderte Testbedingungen drängten den unliebsamen Konkurrenten ab.
Im Bonner Verteidigungsministerium fürchten die Experten nun, daß angesichts derartiger Geschäftsgebaren nicht nur die deutsche Industrie die Lust an der Zusammenarbeit mit den Amerikanern verliert, sondern daß nun auch die Bemühungen um eine einheit-
* Der fertig erprobte Leopard 2 mußte für den vergleich in den USA so verändert werden, daß die angegebenen Maße für das Testmodell nicht in allen Punkten stimmen.
licbe Ausrüstung in der Nato endgültig scheitern.
Leber: "Wenn wir uns nun nicht einmal über gemeinsame Komponenten der beiden Panzer einigen können, brauchen wir über Standardisierung überhaupt nicht mehr zu reden."

DER SPIEGEL 12/1977
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