14.03.1977

Jean Améry über Elias Canetti: „Die gerettete Zunge“Sprache, Tod und Eifersucht

Der in Wien geborene, in Brüssel lebende Schriftsteller Jean Améry, 64, veröffentlichte das autobiographische Buch "Unmeisterliche Wanderjahre". den Essay-Band "Ober das Altern" und das Freitod-Plädoyer "Hand an sich legen". -- Elias Canetti, 71, schrieb den Roman "Die Blendung", die Untersuchung "Masse und Macht", Theaterstücke, Essays ("Das Gewissen der Worte"). 1972 erhielt er den Büchner-Preis. Er lebt teils in London" teils in Zürich.
Seine früheste Erinnerung war, so erzählt Elias Canetti im ersten Band seiner Aufzeichnungen, daß ein freundlich lächelnder Mann auf ihn zutrat, ein Taschenmesser zog, dieses nahe an des Kindes Mund führte und dazu sagte: "Jetzt schneiden wir ihm die Zunge ab." Aber es geschah ihm kein Leid. Ein junger Mensch, der es mit des Knaben bulgarischem Kindermädchen trieb, wollte solcherart ihn einschüchtern, damit er nichts weitererzähle.
Canetti spricht kaum von der Angst. die er erlitten haben muß. Aber er läßt uns ahnen -- oder auch nur raten -, daß das zugleich schreckhafte und triviale Ereignis Symbolgewicht hat. Die Zunge wurde gerettet. Und es war die deutsche, die hier ein Mensch ohne rechte Muttersprache, ohne wahre Heimat sich zur Geliebten erwählt hat und zum Obdach einer Exil-Existenz.
Die ausdrückliche und eindrucksvolle Liebeserklärung Canettis an die deutsche Sprache ist kein in den Wind geredetes Geflunker. Karl Kraus, dem der Autor verschworen war, ehe er sich von ihm löste, hätte am makellosen Deutsch dieses Buches seine innige Freude gehabt. Der Leser denkt mit jener Verblüffung und höheren Heiterkeit. die alles Wohlgeratene hervorruft: Sieh da, es geht also auch so! Es geht ohne unkontrollierte Wortkaskaden, ohne ausgeklügelte Stilmittel, ohne den Jargon der Zeit, ohne Konzession an Sprachmoden, die keine Spuren hinterlassen werden in der Geschichte deutscher Rede.
Die Sprache ist wahrhaft, weil der Verfasser inhaltliche Wahrhaftigkeit angestrebt hat, sonst nichts. So wird sie -- um Karl Kraus zu variieren -- "zum Ufer, wo sie landen, sind Denken und Fühlen einverstanden". Ich las Canettis Kindheitsbuch, das uns bis zu des Autors 16. Lebensjahr führt, mit dem Gefühl moralischer Genugtuung.
Der Verlag war so gütig, im Klappentext uns die glatte Formel von einer "exemplarischen Kindheit" nahezulegen. "0 Kindheit, o entgleitende Vergleiche ..." Das ist freilich nicht die Sache, mit der wir es zu tun haben. Canettis Kindheit, wie sie aus diesem Buch uns entgegentritt, war alles eher denn "beispielhaft", mögen wir sie nun messen an den verschiedenartigsten Bekenntnissen, die uns zufällig und assoziativ gerade in den Sinn kommen, von Carossas Buch "Eine Kindheit" bis zu Sartres "Die Wörter".
Die Anfänge waren auch nicht die paradigmatisch jüdischen, wie jene, von denen Manès Sperber uns berichtet hat, wiewohl die jüdische Herkunft für Canetti eine große Rolle spielte. Der Knabe, der da litt, war weder der altkluge "Poulou" noch der frühgereifte Judenjunge aus dem "Städtl", der sein Jahrhundert selbstbewußt in die Schranken fordern zu dürfen meinte, noch ein "traumverlorener", sehr deutscher "Hessescher Hans Giebenrath.
Die Besonderheit dieses Kindheitsgeschicks scheint mir auf zwei Ebenen zu liegen: jener der zu erringenden Sprache und einer zweiten, tiefer gelagerten, auf welcher der Tod allgegenwärtig ist, jener Tod, der sich in Canettis späterem Werk auf höchst eigentümliche und logisch kaum haltbare Weise als der Widersacher erhebt.
Ein knappes Wort von der Sprache zuvor. Canetti lebte als kleines Kind in der bulgarischen Stadt Rustschuk im stolzen Ghetto der spaniolischen Juden. Die Landessprache war das Bulgarische, von dem aber das Kind kaum etwas wahrnahm; die bulgarischen Volks- und Kinderlieder, die er hörte, erzählt Canetti" habe auf mysteriöse Weise die Erinnerung in deutscher Sprache aufbewahrt. Die Familie sprach das von den Juden nach ihrer Vertreibung aus Spanien mitgebrachte Spaniolisch. "Li beso las manos, Senor Padre", ich küsse Ihre Hände, Herr Vater, sagte die Mutter zum Großvater. Aber wenn die Eltern untereinander etwas bereden wollten, was das Kind nicht verstehen sollte, sprachen sie deutsch.
Als der Kleine sechs Jahre alt war, zog man aus dem wildfarbigen balkanischen Rustschuk in das graue Manchester in England, und nun mußte mit der Erzieherin und in der Schule englisch gesprochen werden. Dann starb der Vater. Die Mutter, siebenundzwanzigjährige Witwe mit drei kleinen Söhnen, wählte Wien als Aufenthaltsort und brachte, ehe sie dahin gelangte, in einem nahezu gewalttätigen Schnellkurs dem ältesten Jungen die Sprache hei, in der Canetti es später zur unanzweifelbaren Meisterschaft gebracht hat: das Deutsche.
Aber mit der Erwähnung des Todes des Vaters stieg ich schon hinab auf die tiefere Ebene dieser Existenz. Vater Canetti, knapp einunddreißig, entfaltete eines Morgens am Frühstückstisch die Zeitung, brach zusammen, vom Herzschlag gerührt. Das Unbegreifliche, Ereignis geworden, hat Elias Canetti niemals verlassen; noch denke ich an meine erste Begegnung mit ihm in London, wo er mir, dem ihm Unbekannten, in seiner Wohnung in Hampstead mit fast den gleichen Worten vom frühen und rätselhaften Sterben des Vaters sprach, wie die es sind, die ich in seinen Erinnerungen wiederfinde.
Mit dem Tode des Vaters im Gemüt und in der Rolle als ältester Sohn und Gefährte der Mutter kam Canetti nach Wien, das ihn später so entscheidend geprägt hat, so daß man ihn heute füglich als einen österreichischen Schriftsteller ansprechen darf. Im Viertel "Am Schüttel", jenseits des Donaukanals, unweit vom zaubrischen Wurstlprater, begann nun die höchst eigentümliche, mäandrische Liebesgeschichte zwischen der autoritären, für den Sohn ehrgeizigen Mutter und dem auf seinen Besitzrechten bestehenden Knaben.
Es war eine leidenschaftliche, emotionsgeladene und auch intellektuelle Gemeinschaft. Die auf ungeordnete Weise belesene, autodidaktisch gebildete Mutter war des Knaben einzige Bezugsperson, aber hinter ihr stand der tote Vater, als dessen Stellvertreter der Junge sieh selber einsetzte. Schwere Spannungen zwischen den aufeinander angewiesenen Liebesleuten waren unausbleiblich. Sie wurden auch offensichtlich, und selbst wenn wir ausgehen von der Voraussetzung. daß Canetti bewußt bei der Niederschrift des Dokuments vom Knaben, der er war, keine Distanz nahm, nicht beigelegt.
Ein Mann bemühte sich um die Gunst der hübschen jungen Frau, ein "Herr Dozent". den der Junge glühend haßte als einen Rivalen und den der Mann und Schriftsteller mit einen> Widerwillen darstellt, der uns die immerwährende Gegenwart des Hasses, der stark blieb wie der Tod, auf nicht ganz geheure Weise suggeriert.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach und Frau Canetti aus dem unwirtlich gewordenen Wien ins gemächliche Zürich verzog, begleitete der "Herr Dozent" die Familie nach München, wo er die junge Witwe werbend zu Theaterbesuchen einlud. Der Sohn erlitt alle Eifersuchtsqualen des sich gefährdet fühlenden Liebhabers. Sie wurden, anders als etwa beim Narrator Prousts, nicht zu ich-seliger Larmoyanz" vielmehr zu ohnmächtiger Aggression. Als der Gegenspieler endlich aus dem Leben der Familie verschwand, brach der Knirps in einen Triumphgesang aus.
Ein guter Hasser also, dieser kleine Elias Canetti, denkt man, und dazu gleich: Hätte denn ein säuselnder Sanftling später den Roman "Die Blendung" schreiben können oder die mit "sound and fury" uns überfallende anthropologische Spekulation über "Masse und Macht"?
In Zürich änderte sich die Umwelt des Knaben, noch nicht die Welt: die war weiterhin die Mutter, der ständige Dialog mit ihr, die Liebe; auch die Eifersucht. Die Eifersucht "war so früh ein Teil meiner Natur, daß es Fälschung wäre, darüber zu schweigen heißt es. Sie war, diese Eifersucht, ganz offenbar ein Gefühl, das auf quälende Weise auch die Mutter heimsuchte.
Als Frau Canetti sich aus Gesundheitsrücksichten für längere Zeit nach Arosa begeben mußte und der im Pubertätsalter stehende Elias nun auf eigene Hand die Welt erlernte, selbst seine Lektüre aussuchte, seine Interessen fand, bereits auch als dramatischer Dichter mit einem Brutus-Drama sich versuchte, wurde die Mutter ungeduldig.
Am Ende des vorliegenden ersten Bandes bricht sie in eine befremdlich feindselige Tirade aus, so daß das Dokument mit einer grellen Dissonanz abbricht. Was er (der Sechzehnjährige!) denn schon geleistet habe! Woher er seine Arroganz nehme! Nur aus Büchern kenne er die Welt -- als ob nicht sie es gewesen wäre, die ihn zum Leser und Lerner erzogen hatte. Und es sei hohe Zeit, daß er die Wirklichkeit in ihrer ganzen Härte erfahre.
Nicht ohne anhaltende Nachdenklichkeit überlegt man, daß ein so charakteristisch psychoanalytischer "Fall" wie diese Mutter-Sohn-Beziehung den Autor später nicht hingeführt hat zu Freud, sondern weit weg von ihm.
Elias Canettis Kindheitsbuch, das uns mit Spannung die Schilderung seiner eigentlichen Lehrjahre erwarten läßt, ist ein Rückblick ohne Zorn und ohne Hätschelei einer besonnten Vergangenheit. Es ist ein grundehrliches Buch. Der Kindheits-Chronist macht den Knaben nicht klüger, als er war. Er zeigt uns ein beflissenes, intelligentes, aber den Durchschnitt keineswegs turmhoch überragendes Kind. Nur da und dort werden ganz absichtslos Themenblöcke angeleuchtet, die für Canettis späteres Werk das Fundament legten: Tod des Vaters; ein Brand in Rustschuk, der uns an die "Blendung" denken läßt; die Meute, die er staunend, ausgerechnet in der Schweiz, als antisemitische Jagdmeute von Schulkameraden erfährt; der Widerwille gegen die Macht, der ihn bei der frühen Lektüre von Burckhardts "Kultur der Renaissance in Italien" erfaßt. Ich las die Schrift in einem Zuge, mit großer Anteilnahme.
Hätte ich ein gleiches Interesse auch aufgebracht, wenn es sich nicht um die Kindheit eines Autors von wohletabliertem Ansehen handelte? Ich weiß es, ehrlich gestanden, nicht genau. Aber damit rühre ich an ein Problem, das für alle Memoirenwerke bedeutender Menschen gilt; es geht weit hinaus über Canettis Buch -- bis hin zum dubiosen Vergnügen am Anekdotischen und zum nicht weniger fragwürdigen Plaisir der Heldenverehrung.

DER SPIEGEL 12/1977
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