14.03.1977

GESTORBEN

Lutz Graf Schwerin von Krosigk

Lutz Graf Schwerin von Krosigk, 89. Er war so etwas wie der letzte Reichskanzler deutscher Geschichte, fast noch eine Figur aus Bismarckscher Zeit, die wie kaum eine andere Glanz und Elend des preußischen Adels verkörperte. Sohn eines Kammerherrn des Herzogs von Anhalt, später von einem Grafen von Schwerin adoptiert, von Kaiser Wilhelm II. zum Rhodes-Scholar bestimmt, im Ersten Weltkrieg Ulanenoffizier mit EK I und II, entschied er sich nach dem Zusammenbruch der Monarchie für die Verwaltungslaufbahn und arbeitete sich ab 1920 zäh und intelligent die Hierarchieleiter des Reichsfinanzministeriums empor, bis er wurde, was er 13 Jahre lang blieb: Reichsfinanzminister. Er diente vielen Herren, erst Franz von Papen, dann Kurt von Schleicher und schließlich Adolf Hitler -- zuverlässig, gehorsam, anpasserisch, als Behördenchef und Finanzpolitiker ein Vorbild altpreußischer Bürokratie. Selbst Barbarei, Unrecht und Kriegskurs der NS-Machthaber konnten ihn nicht veranlassen, seinen Posten zu quittieren; er blieb, "um Schlimmeres zu verhüten", wie die beliebte Alibiformel besagte -- in Wirklichkeit aber, weil dem Altpreußen der zur Gottheit verabsolutierte Staat mehr bedeutete als dessen Form und Inhalt. Erst später erkannte er sein historisches Versagen. Als ihn, der noch unter dem Hitler-Nachfolger Dönitz den Quasi-Kanzler-Posten eines "Leitenden Ministers" übernommen hatte, 1949 ein US-Militärgericht wegen seiner Rolle in der deutschen Aufrüstung zu zehn Jahren Gefängnis verurteilte (Photo: bei der Urteilsverkündung), akzeptierte er das Verdikt als "gerechte Sühne für eine auf ganz anderer Ebene liegende Schuld, eben für die Schuld des abgestumpften und eingeschläferten Gewissens". Später freilich, als der liebenswürdige Grandseigneur in den mit Beifall aufgenommenen Memoiren sein Leben beschrieb, hatte er Mühe, sich weiterhin zu dieser Schuld zu bekennen, und glich immer mehr der Figur in einem Spottgedicht, das er selbst verfaßt hatte: Er saß als Letzter in der Klasse, Er hatte nur die Portokasse,

Und wird bedenklich mal ne Phase, Dann weiß er nichts, dann heißt er Haase.

Lutz Graf Schwerin von Krosigk starb am Freitag vorletzter Woche.

Christian Aujard, 35. Mit Anfang Zwanzig kam der bretonische Fischerjunge nach Paris. Dort schlug er sich mit Gelegenheitsjobs durch, arbeitete als Bote für verschiedene Modehäuser, bis er schließlich mit seiner Frau, einer ehemaligen Kunststudentin, 1968 eine eigene Kollektion entwarf. Aujards stets tragbare Konfektionsmode fand Anklang -- sie etablierte sich zwischen Kaufhaus-Kreationen und Haute Couture. 1975 verzeichnete er bereits einen Jahresumsatz von 40 Millionen Mark. Am Dienstag letzter Woche verstarb Aujard nach einem Reitunfall.


DER SPIEGEL 12/1977
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