28.02.1977

BRANDTLügenhafte Kampagne

Hat Willy Brandt Geld von der CIA bekommen? Berichte in den USA über Kontakte Brandts mit dem amerikanischen Geheimdienst vermengen Wahres mit Falschem.
Für Robert P. B. Lohmann, Mitarbeiter in der New Yorker Außenstelle der Central Intelligence Agency, des amerikanischen Geheimdienstes, war die Order klar und knapp. Um jeden Preis, so der Auftrag, sei das Exposé zu beschaffen, das im Schreibtisch eines Verlagshauses in New York liege und eine Gefahr für die Sicherheit der USA darstelle.
Agent Lohmann wußte, wie man ein solches Papier beschafft. Ob er nun selber in das Verlagsbüro einbrach oder ob ihm dort ein Konfident unter den Angestellten half -- am 12. März 1972 lag der CIA-Leitung das Schriftstück vor. Es war das Exposé über ein umfangreiches Manuskript, das der ehemalige CIA-Beamte Victor Marchetti, bis 1969 einer der führenden Rußland-Experten der CIA, zur Veröffentlichung anbot.
Was die CIA-Oberen da lasen, bestätigte ihre schlimmsten Befürchtungen. Marchetti war offenbar entschlossen, die intimsten Geheimnisse des Dienstes auszuplaudern. Eine seiner heikelsten Enthüllungen: Willy Brandt sei in den fünfziger Jahren von der CIA finanziell unterstützt worden.
* Mit Rut Brandt, Pat Nixon und Sängerin Pearl Bailey nach dem Dinner am 10. April 1970.
Brandt, so wußte Marchetti zu berichten, habe sich so guter Beziehungen zum US-Geheimdienst erfreut, daß seinen amerikanischen Gastgebern keine größere Aufmerksamkeit eingefallen sei, als ihn bei einem Dinner im Weißen Haus am 10. April 1970 mit dem Mann zusammenzubringen, der jahrelang sein Kontaktmann in der CIA gewesen sei.
Autor Marchetti malte sich die Szene aus: Da habe der Bonner Kanzler an der Seite seines alten CIA-Freundes an der Dinnertafel gesessen und den Songs des Stars Pearl Bailey gelauscht, ohne daß die übrigen Gäste gewußt hätten, wer der Nachbar Brandts gewesen sei. Denn: Entgegen allem Brauch sei der Name des CIA-Mannes nicht auf die Gästeliste gesetzt worden.
Die CIA-Manager beeilten sich, Marchetti an der Veröffentlichung solcher Storys zu hindern. Zwei US-Marshalls händigten ihm eine einstweilige Verfügung des zuständigen Gerichts aus, die Marchetti verpflichtete, den Inhalt des Exposés mit keiner anderen Person, auch nicht seiner Frau, zu erörtern und das Buchmanuskript der CIA-Führung zur Prüfung vorzulegen. Die Lektüre des Textes genügte der CIA, sofort die Gerichte anzurufen und die Streichung von 339 Passagen des Marchetti-Manuskripts zu verlangen, darunter auch die Ausführungen über Brandt.
Die CIA ließ sich zwar in einem komplizierten Prozeß 171 Streichungen wieder abhandeln, ehe Marchetti 1974 sein Buch "The CIA and the Cult of Intelligence" veröffentlichen durfte, doch das Unglück war schon geschehen. Allzu rasch sprach sich herum, daß Marchetti auch den Satz habe tilgen müssen, Brandt gehöre zu jenen europäischen Politikern, die man in der ND-Sprache "Einflußagenten" Amerikas nenne.
Die Marchetti auferlegten Bedingungen (er wurde vom Gericht verpflichtet, auch nicht unter der Hand über den Inhalt der Streichungen zu sprechen) befremdeten Amerikas Öffentlichkeit. "Daß Willy Brandt", grollte die "New York Times", "als junger Politiker nach dem Krieg von der CIA Geld nahm, mag für ihn politisch peinlich sein, aber verfassungswidrige Zensur auszuüben, um diese Tatsache zu unterdrücken, ist mehr, als wir selbst dem entgegenkommendsten ausländischen Politiker schulden."
Ex-Kanzler Brandt indes, verletzt von der Grobheit solcher Unterstellungen und eine neue Diffamierungskampagne im Stil von Anti-Frahm befürchtend, schwieg und überließ das Dementieren den Bonner SPD-Sprechern. Erst als Mitte Februar der Watergate-Jäger Bob Woodward in der "Washington Post" die Marchetti-Story wieder aufgriff und in einer langen Liste international renommierter CIA-Geldempfänger auch Brandts Namen aufführte, schritt der SPD-Vorsitzende ein.
Brandt verwahrte sich gegen "die lügenhafte Kampagne" und stellte kategorisch fest: "Mir sind solche Mittel zu keinem Zeitpunkt zugegangen, weder
* Oben: Schreiben des US-Botschafters in Stockholm an das State Department. Rechts: Mit Tochter Ninja und erster Ehefrau Carlota.
zugunsten meiner Partei noch für irgendeinen anderen Zweck." Er schickte SPD-Geschäftsführer Egon Bahr mit einem Brief ins Weiße Haus, in dem er US-Präsident Carter bat, "die zuständige Stelle Ihrer Regierung zu der gebotenen Klarstellung zu veranlassen".
Jimmy Carter schrieb postwendend, "grundlose Gerüchte" könnten Brandts internationale Reputation nicht erschüttern. Carter: "Ich wünschte, daß es in meiner Macht stünde, diese grundlosen Beschuldigungen Ihrer Person gegenüber von vornherein zu verhindern, aber dies ist ein Preis, den wir für die Regierungsform, der wir uns beide verbunden fühlen, zu entrichten haben."
Brandt zeigte sich befriedigt und zog sich erneut in sein Schweigen zurück. Erläuterungen, die über das Carter-Schreiben hinausgehen, mag er nicht geben.
So läuft denn Willy Brandt weiterhin Gefahr, von einer Gesellschaft mißverstanden zu werden, deren zeitgeschichtliches Gedächtnis ohnehin notorisch kurz ist. Denn: Seinen zeitweiligen Kontakten zum US-Geheimdienst hat stets das Anrüchige gefehlt, das heute solchen Beziehungen anhaften mag -- für ihn waren sie nur zeitlich begrenzte Hilfsmittel im Kampf gegen die totalitären Mächte der Zeit.
Das hatte 1943 begonnen, als der Doppel-Flüchtling Brandt im neutralen Stockholm Bundesgenossen für den Kreuzzug zur Befreiung seiner norwegischen Wahl- und seiner deutschen Heimat suchte. Er leitete damals das "Schwedisch-Norwegische Pressebüro", das Nachrichten über das deutschbesetzte Skandinavien und über Deutschland sammelte.
Brandt kannte Widerstandskreise in Norwegen, er gehörte einem von emigrierten Sozialisten gebildeten "Studienzirkel für Friedensziele" an, über den norwegischen Arbeiterführer Tranmäl bekam er auch Tuchfühlung zu sowjetischen Diplomaten. Und er hatte Zugang zu einem Informantenring auf deutschen Ostseeschiffen, den sein Freund August Enderle, ein Vertreter des Internationalen Transportarbeiterverbandes, organisiert hatte.
Wen will es da wundern, daß die US-Botschaft und das "Office of Strategie Services" (OSS), Vorläufer der CIA, auf Brandt aufmerksam wurden. Ein amerikanischer Journalist in Stockholm, den Brandt kannte, vermittelte den Kontakt, und ab etwa Spätsommer 1943 bediente er die Amerikaner mit Informationen und Analysen über die Lage Hitler-Deutschlands.
Die OSS-Männer merkten freilich bald, daß die informatorischen Möglichkeiten des Emigranten recht begrenzt waren. Seine Mitteilungen über den innerdeutschen Widerstand erwiesen sich oft als unzutreffend; so hielt er den Hitler-Attentäter Stauffenberg für ein Werkzeug der Gestapo oder die sowjetische Spionageorganisation "Rote Kapelle" für eine Widerstandsgruppe, die vergeblich Kontakt zu Moskau gesucht habe.
Desto mehr beeindruckte den US-Botschafter Herschel V. Johnson, was Brandt über Wesen und Zukunft einer deutschen Nachkriegsdemokratie formulierte. "Brandt ist ein junger, aber offensichtlich kluger und gewissenhafter Beobachter der deutschen Szene", schrieb Johnson am 22. Mai 1944 an das State Department, "und einer der Vertreter des Office of Strategie Services, der mit den deutschen Flüchtlingskreisen in Schweden gut vertraut ist, meint, daß Brandt zu den Fähigsten dieser Kreise gehört und höchstwahrscheinlich nach dem Krieg eine Rolle spielen wird" (siehe Dokument Seite 46).
Johnsons Interesse an dem Emigranten wuchs, und das mag Brandt bewogen haben, immer enger an die Amerikaner in Stockholm heranzurücken. Hier war eine ideale Chance, den Kurs des künftigen Deutschlands zu beeinflussen, die Besatzungspolitik der kommenden Sieger vor möglichen Fehlentwicklungen zu bewahren.
Brandt riet den Amerikanern, "enge und freundliche Beziehungen zu exilierten deutschen Arbeiterführern" aufzunehmen -- Johnson kabelte den Rat nach Washington. Brandt legte ein von ihm mitverfaßtes Memorandum über die Nachkriegspolitik deutscher Sozialisten vor -- Johnson lobte: "Eine der wichtigsten Erklärungen der deutschen Opposition oder Emigration."
"Die Botschaft", schrieb Johnson am 6. Oktober 1944 an den Staatssekretär des US-Außenministeriums, "glaubt mit allem Respekt, daß die Möglichkeit einer Zusammenarbeit mit den Gruppen, die hinter dem Memorandum stehen, nicht übersehen werden sollte." Seither galt Willy Brandt als eine Art Geheimtip amerikanischer Deutschland-Politiker.
Seine amerikanischen Freunde behielten ihn auch im Auge, als er 1947 endgültig seine norwegische Staatsbürgerschaft aufgab und sich der deutschen Politik verband. Der Zufall wollte es, daß ihn schon sein erster Posten in West-Berlin wieder mit US-Vertretern zusammenbrachte: Ab Januar 1948 leitete Brandt das Berliner Sekretariat des SPD-Parteivorstandes und war zuständig für die Verbindungen zu den West-Alliierten.
Das brachte ihn auch in die dienstliche Nähe des Ostbüros der SPD, einer jener undurchdringlichen Gruppen im Dschungel Berliner Ost-West-Gegensätze, die -- halb Hilfsorganisation, halb Informationsdienst -- in die DDR hineinwirkten und eines gemeinsam hatten: den Finanzier aus den Reihen des US-Geheimdienstes.
"Plumpsbacke" (so der Spitzname des für West-Berlin zuständigen US-Geheimdienstchefs Wallach) finanzierte, wo immer er Kalte Krieger gegen den Osten witterte: das Ostbüro, die Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit, den Untersuchungsausschuß Freiheitlicher Juristen. Thomas Braden, Chef der Abteilung "Internationale Organisation" in der CIA-Zentrale, plante im fernen Washington die Strategie der konspirativen Subvention.
Sie erreichte fast alle Verbände und Institutionen in West-Berlin, den "Kongreß für die Freiheit der Kultur" ebenso wie Parteien und Gewerkschaften. Verteilt wurde das Geld auf verschiedenen Wegen: mal über die Kasse des Chefredakteurs der US-geleiteten "Neuen Zeitung", mal über die Ford Foundation, mal über die Europavertretung des US-Gewerkschaftsverbandes AFL.
Doch nichts spricht dafür, daß Brandt, wie immer er zur CIA stand, jemals zu den Geldempfängern des Mr. Braden gehört hat. Auch die ehristsozialen Brandt-Gegner, die Marchettis Story vor den Bundestag bringen wollen, werden bald merken, daß der Stoff für eine Anti-Brandt-Attacke ungeeignet ist.
Nicht einmal Victor Marchetti lädt zu solcher Polemik ein. "Die CIA", warnte er unlängst, "hat das damals für viele Politiker in Westdeutschland getan, für Sozialdemokraten und Christliche Demokraten. Es war eben Kalter Krieg."

DER SPIEGEL 10/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 10/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

BRANDT:
Lügenhafte Kampagne

Video 01:07

Slackline-Weltrekord Wackelpartie in 247 Meter Höhe

  • Video "Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe" Video 01:07
    Slackline-Weltrekord: Wackelpartie in 247 Meter Höhe
  • Video "Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt" Video 01:15
    Syrische Flüchtlinge: Justin Trudeau - zu Tränen gerührt
  • Video "Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung" Video 00:52
    Boxkampf mit Känguru: Video sorgt für Empörung
  • Video "Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser" Video 00:46
    Cabrio-U-Boot: Oben ohne unter Wasser
  • Video "Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo" Video 01:48
    Glatteis-Unfall: Massenkarambolage im Zeitlupentempo
  • Video "Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit" Video 01:54
    Barack Obama: Letzte Rede zur nationalen Sicherheit
  • Video "Werbevideo der US-Polizei: May you be with the force" Video 01:28
    Werbevideo der US-Polizei: "May you be with the force"
  • Video "Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen" Video 00:52
    Kanzlerin begegnet 360-Grad-Kamera: Merkel will's wissen
  • Video "Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte" Video 00:43
    Musik mit Knalleffekt: Solo auf der Schrotflinte
  • Video "Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?" Video 01:44
    Facebook im Wahlkampf: Haben Likes Trump zum Präsidenten gemacht?
  • Video "Videoanalyse zum Nein in Italien: Bankenkrise könnte sich verschärfen" Video 02:08
    Videoanalyse zum "Nein" in Italien: "Bankenkrise könnte sich verschärfen"
  • Video "Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat" Video 01:37
    Erfolg für Naturschützer: US-Armee stoppt Pipeline-Bau durch Ureinwohner-Reservat
  • Video "Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt" Video 01:01
    Amateurvideos aus Sotschi: Riesenwellen treffen Olympiastadt
  • Video "Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet" Video 00:45
    Video aus Australien: Segler von sinkendem Boot gerettet
  • Video "Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln" Video 03:08
    Webvideos der Woche: Landen, Ausflippen, Kuscheln