28.02.1977

EISENHOWER

Kreuzzug mit Kay

Kay Summersby Morgan, Eisenhowers Fahrerin und Vertraute im Zweiten Weltkrieg, hat kurz vor ihrem Tod einen Bericht über ihr Verhältnis mit dem General geschrieben.

General Dwight ("Ike") Eisenhower befahl seine Fahrerin zum Rapport. Wenige Minuten später stand sie vor ihm: Kay Summersby, 34, Trin, rothaarig und attraktiv. Sie nahm stramme Haltung an und machte dienstliche Meldung.

Unversehens wechselte Eisenhower das Thema und blaffte seine Fahrerin an: "Gottverdammich, kannst du mir sagen, warum ich so verrückt nach dir bin?"

Was dann geschah, behielt Kay Summersby so in Erinnerung:

Es war wie eine Explosion. Plötzlich lagen wir uns in den Armen. Seine Küsse waren hungrig, heiß und fordernd. Und ich erwiderte sie ebenso leidenschaftlich. Plötzlich hörte er auf und nahm mein Gesicht zwischen seine Hände. "Gottverdammich" sagte er, "ich liebe dich."

Nach dieser überhasteten Attacke wurde der General wieder nüchtern. Während Kay ihn mit ihrem Taschentuch von Lippenstiftspuren befreite, mahnte er: "Wir müssen sehr vorsichtig sein.

Die Szene spielte in den Julitagen des Jahres 1943 im Hauptquartier der US-Landetruppen in Algier und war Beginn einer Liebesaffäre, über die amerikanische Stabsoffiziere nicht offen sprechen durften, Auch für die beiden Akteure galt sie als bp Secret: Kay und Ike hatten sich geschworen, kein Wort über die Liaison an die Öffentlichkeit dringen zu lassen.

Auch Andeutungen von Klatschkolumnisten und Anspielungen eingeweihter Memoirenschreiber aus dem US-Offizierskorps konnten das Paar, das sich nach dem Kriege trennte, nicht zu einer Indiskretion verleiten.

Erst als eine Truman-Biographin 1973 enthüllte, Eisenhower habe sich bei Kriegsende von seiner Frau Mamie scheiden lassen wollen, um Kay Summersby heiraten zu können, und sei daran von dem Generalstabschef Marshall gehindert worden, wurde die einstige Ike-Favoritin schwach. Unheilbar an Krebs erkrank, entschloß sie sich, ihre Geschichte zu erzählen.

Sie schrieb ein Buch über ihre "Liebesaffäre mit Dwight D. Eisenhower", das jetzt -- zwei Jahre nach ihrem Tod -in einem New Yorker Verlag erschienen ist*. Ihr nahes Ende diente der Autorin denn auch zur Begründung

* Kay Summersby Morgan: "Past Forgetting. My Love Affair with Dwight D. Eisenhower". Simon & Schuster, New York; 285 Seiten; 9,95 Dollar.

ihrer Mitteilsamkeit: "Der General ist tot, und ich liege im Sterben."

Die Affäre zwischen den beiden hatte sich im Mai 1942 angebahnt, als Kay Summersby, Angehörige des Motortransportkorps der britischen Armee, dem in London stationierten Eisenhower als persönliche Fahrerin zugeteilt worden war. Sie fand Ike "sehr amerikanisch" und in seiner gelegentlichen Unbeholfenheit mitleiderregend.

Das ging auf ihr erstes gemeinsames Unternehmen zurück, einen Besuch bei "Monty", dem britischen General und späteren Rommel-Bezwinger Bernard Montgomery, der seine Schrullen sorgfältig pflegte und es jeden merken ließ, wenn er ihn nicht mochte.

Eisenhower, der mit breitem Grinsen anmarschierte. war ihm zuwider. Und sofort bedeutete Nichtraucher Monty dem Kettenraucher Ike, er möge gefälligst seine Zigarette ausdrücken.

Die Rückfahrt trat Eisenhower mißgelaunt an. Im Rückspiegel sah Kay, daß ihrem Passagier "das berühmte Eisenhower-Grinsen" vergangen war: "Seih Gesicht war feuerrot, und die Adern auf seiner Stirn traten wie Stränge hervor." Ike knurrte: "Dieser Hundesohn." Es war der Anfang einer herzlichen Feindschaft -- beiderseits.

Eisenhower befürchtete neuen Arger mit Montgomery, als die nach England verlegten US-Truppen bei den Briten immer mehr in den Geruch gerieten, eine Armee disziplinloser Schürzenjäger zu sein. Unter Engländern kam der Spruch auf: "They are oversexed, overpaid -- and over here." Eisenhower versuchte daraufhin, die Disziplin seiner Soldaten mit einer Flut von Befehlen zu heben.

Danach kontrollierte er selbst das Resultat seiner Bemühungen. Er setzte sich in seinen Packard, ließ den Generals-Stander mit den drei silbernen Sternen aufpflanzen und befahl seiner Chauffeuse, ein Offizierskasino und eine Mannschaftskantine zu umrunden.

Im Zehnmeilentempo rollte der Wagen an Hunderten von Offizieren und Soldaten vorbei. Schließlich kommandierte Eisenhower verärgert: "Zurück ins Hauptquartier!" Kay Summersby erinnert sich: "Sein Gesicht war puterrot. Während der 20-Minuten-Fahrt hatte nur ein einziger Mann gegrüßt -- und der war britischer Offizier."

Eisenhower war froh, als er Ende 1942 den Befehl über das Landungsunternehmen der amerikanisch-britischen Truppen in Nordafrika übernehmen konnte. Doch die Deutschen zerschlugen sogleich seine beste Panzerdivision.

Die Briten stellten zwar die Lage wieder her, doch Ikes militärisches Prestige war so lädiert, daß selbst in Washington erwogen wurde, ob Eisenhower nicht von einem britischen General abgelöst werden solle.

In solcher Lage schloß sich Ike immer mehr der verständnisvollen Irin an. Seine Ehefrau Mamie war weit, er brauchte einen Menschen, der ihm Zuversicht und Zärtlichkeit gab. Im Juni 1943 offenbarte er sich ihr -- seither waren sie schier unzertrennlich. Abends saßen sie manchmal allein im Wohnzimmer, tranken Cocktails, hörten Schallplatten. rauchten und "tauschten ein paar Küsse -- immer eingedenk der Gefahr, daß jeden Augenblick jemand ins Zimmer kommen könnte".

Anfang 1944 wurde Ike zärtlicher -- nach der Rückkehr aus Amerika, wo ihn Präsident Roosevelt mit der Leitung der Frankreich-Invasion betraut hatte. Er war übermüdet von der Reise und entnervt von Mamies bohrendem Mißtrauen: Er hatte seine Frau immer wieder mit "Kay" angeredet.

Sein Mißbehagen suchte Ike mit ein paar Drinks hinwegzuschlucken. Kay Summersby erinnert sich:

Ike füllte unsere Gläser wieder und wieder. Dann, ich vermute, es war unausweichlich, umarmten wir uns hemmungslos. Wir rissen unsere Schlipse ab, warfen unsere Jacken weg, Knöpfe wurden aufgerissen. Wir waren wie von Sinnen. Aber dann folgte nicht, was ich erwartet hatte. Ermüdet kamen wir schließlich zur Ruhe. Er schmiegte sein Gesicht an meinen Hals und stöhnte: "Oh Gott, Kay" ich bin ja so traurig, Ich bin ein Versager." Ich wußte nicht, was ich darauf erwidern sollte, und sagte: "Du bist gut genug für mich, du brauchst nur ein bißchen Schlaf."

Doch mit dieser Erklärung fand sich der General nicht ab. Gleich anderntags, während der Fahrt im Auto, aber auch späterhin kam er immer wieder auf sein "Versagen" zurück. Er erklärte es sich damit, daß er "aus der Übung" sei. Seit Jahren habe er nicht mehr mit einer Frau geschlafen.

Die Invasion und der Kampf gegen Hitlers Wehrmacht, von Ike später "Kreuzzug in Europa" genannt, ließen dem General kaum Zeit für private Dinge. Kay Summersby aber rückte auf. Sie fuhr den General nicht mehr länger, sie bewachte sein Vorzimmer, erledigte seine Post und entschied, wer vorgelassen wurde.

Erst nach dem Sieg mochte sich Eisenhower Privatem widmen. Das war am 15. Oktober 1945, einen Tag nach Ikes 55. Geburtstag, und es ereignete sich in Frankfurt, der Residenz des Oberbefehlshabers der US-Besatzungstruppen in Deutschland:

Das Kaminfeuer brannte. Das Sofa war weich. Wir kamen uns näher und näher. Wir waren erregt ... Ike war zärtlich, sanft, liebevoll. Aber es klappte nicht. "Warte doch", sagte ich, "du bist zu erregt. Es wird schon noch gehen."

"Nein", erwiderte er mutlos, "es ist zu spät. Ich kann nicht." Er wirkte verbittert. Langsam zogen wir uns an, küßten uns noch ein paarmal und lächelten ein bißchen traurig.

Wieder tröstete Kay ihren Geliebten: "Das ist doch überhaupt nicht wichtig. Es braucht nur seine Zeit." Dann flog Ike nach Washington, und sie wartete auf seine Rückkehr.

"Ike kam nie zurück", resigniert Kay Summersby in ihrem Buch. Er sei krank geworden, hieß es, und die Ärzte hätten jegliche Reise verboten. Erst später erfuhr Kay die ganze Wahrheit. Ein Brief Eisenhowers, den er wegen seiner erhofften Scheidung an den Generalstabschef Marshall geschrieben hatte, bestätigte in Washington nur langgehegten Verdacht und löste sofortige Gegenreaktionen aus.

Gegen Mamie und Marshall hatte Ike nicht die geringste Chance. Kay Summersby erhielt kein Wort, keine Erklärung von Eisenhower, dennoch mochte sie ihm nicht grollen. "Mir war", beendet sie ihre Geschichte, "als habe er mir beim Schreiben über die Schulter geschaut, gelacht und dann gesagt: "Ach, wir haben doch eine schöne Zeit zusammen gehabt!""


DER SPIEGEL 10/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.

DER SPIEGEL 10/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

EISENHOWER:
Kreuzzug mit Kay