17.07.1978

„Wie verzaubert, betäubt, berauscht“

Als „giftige Drogen einzuordnen“ sind im Urteil einer Eltern-Initiative die sogenannten Jugendreligionen, von den „Kindern Gottes“ bis zur „Transzendentalen Meditation“. Eine Eltern-Dokumentation über die Verführungstechniken der Sekten alarmierte auch die Bundesregierung, die letzte Woche vor den Neureligionen warnte.
Unsere Tochter lebt seit Mai vorigen Jahres nicht mehr in Deutschland. Post kommt aus Italien, Spanien und Portugal. Ob wir noch jemals sie zurückbekommen, glauben wir fast nicht mehr. Es ist für uns nicht faßbar, daß ein Mädchen wie C. auf solch einen Menschen hereinfallen konnte."
"Danach war er drei Monate in der Nervenklinik. Die behandelnden Ärzte bestätigen, daß der Krankheitsverlauf anders ist als üblich, messen aber der Sektenzugehörigkeit keine Bedeutung bei. Während der Drogenbehandlung sprach M. ausschließlich von Mun und der Vereinigungskirche."
"A. hat ihre Ausbildung fristlos gekündigt, sie hat all ihre Habe den "Kindern Gottes' übereignet. Ihre guten Bindungen zu Elternhaus, Geschwistern und Freunden sind systematisch zerstört. Selbstbewußtsein und Selbstachtung hat man ihr genommen. Verstrickt in ein Netz von Lügen und Betrug, wird sie in der Welt umhergeschickt, um für die Sektenbosse Geld zu machen."
"Finanziell", so schließt dieser Bericht, "sind wir nach fast einjährigen Bemühungen überfordert. Seelisch sind wir am Rande unserer Kraft, und wir bitten dringend, auch im Namen aller Eltern mit gleichem Schicksal, um Hilfe."
Die Hilfe-Rufe entstammen einer Dokumentation "über die Auswirkung dei Jugendreligionen auf Jugendliche in Einzelfällen. Herausgeber ist die im letzten November von vier Elterninitiativen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Hessen und Bayern gegründete "Aktion für geistige und psychische Freiheit -- Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen", die "vor den Gefahren der Neuen Jugendreligionen warnen und bewahren" will, Unterdessen hahen sich einige hundert vom Sektenbetrieb Betroffene dem Hilfswerk angeschlossen.
Neben 34 Einzelberichten ehemaliger Mitglieder von Jugendsekten und Eltern bietet die Sammlung ein umfängliches Resümee über Erfahrungen mit den drei Neureligionen "Vereinigungskirche", "Kinder Gottes" und "Transzendentale Meditation" (siehe Kasten Seite 38). Hauptvorwurf: Die Neuen Jugendreligionen "beuten die psychische Situation der Jugendlichen aus"; sie wenden "Methoden und Techniken an, die die Willens- und Entscheidungsfreiheit der Betroffenen einschränken oder gar völlig ausschalten".
Rund 200 000 Bundesbürger, so schätzt der Münchner evangelische Pfarrer und Sektenexperte Friedrich-Wilhelm Haack, sind in Kontakt mit den lugendreligionen, rund 15 000 haben ihr Leben den Sekten verschrieben.
Das Gros der Aussteiger, die das Heil in Klöstern, Kolonien oder Kommunen suchen, ist zwischen 18 und 28 Jahre alt. Sie eint der "Verlust von Geborgenheit, Sinn und Zukunft" -wie der Wittener Pfarrer Rüdiger Hauth glaubt, auch er von der evangelischen Kirche beauftragt, die Beweggründe der Gesellschaftsflüchtlinge zu erforschen.
Kaserniert, bei kargen Mahlzeiten, Dauergebet und rituellem Tanz leben die jugendlichen Sektierer in fast jeder westdeutschen Großstadt unter der Knute eines "Hirten" und verehren einen geschäftstüchtigen "Vater" oder "Meister", der meist in Übersee residiert. Für ihn geben sie den Beruf auf oder die Ausbildung, für ihn betteln sie oder gehen auf den Strich.
"Vögle ihn! Bums ihn, bis er umkippt!" heißt es da in den schmuddeligen Lehrbriefen des Propheten Mose" an seine Töchter" -- wie die ehemalige Sekretärin "Sarah Butterfly". 23, die mal anders hieß. Sie hält nun abends in einer Stadt im Ruhrgebiet in Diskotheken nach jungen Männern Ausschau und führt sie in die Wohnkommune ihrer "Family of Love", erpicht auf Geld wie religiöse Getolgschaft.
Vom einschlägigen Erfolg berichtet ein anderes Schreibern "Bald schmolz dieser feine junge Franzose buchstäblich unter dem liebevollen Blick unseres flirtigen Fisches sowie auch in ihrer warmen und zärtlichen Umarmung dahin, während seine eigene Erwiderung durch einen buchstäblichen Anstieg seiner körperlichen Reaktionen zunehmend angezeigt wurde."
"Man hat den Eindruck", so die Schilderung einer Mutter über den Gemütszustand der Neureligiösen, "sie seien wie verzaubert, betäubt, berauscht." Und mitunter führt solcher Rausch in den Tod -- wie bei Erika Ruppert. Sie zählte zur linken Frankfurter Szene, bis sie Berührung mit der indischen Sekte "Ananda Marga" bekam. Schon beim zweiten Treffen mit einem "Dada", einem der Mönche, kam ihr, wie sie später ihrem Mann erzählte, "eine Erleuchtung".
Sie zog in die Sektenkommune, ließ sich scheiden, reiste dann rastlos von Stadt zu Stadt, um neue Ananda-Marga-Zentren zu gründen. Anfang dieses Jahres. nach der Rückkehr von einem Indien- und USA-Trip, übergoß sich die 25jährige gemeinsam mit einem Münchner Glaubensbruder vor der Berliner Gedächtniskirche mit Benzin und zündete sich an. Sie starb, so ein Abschiedsbrief, "aus Liebe für die gesamte Menschenfamilie".
"Unzählige Tragödien, zerbrochene Familien, verpfuschte Laufbahnen. ruinierte Freundschaften. kaputte Ehen" registrierte das Elternblatt "schule und wir" im Zuge der Erweckungswelle, die von den USA herüberschwappte. Daß zunehmend Jugendliche sich den Muns und Konsorten binnen weniger Tage übereignen, erklärt der Bonner Jurist Klaus Karbe. Ministerialrat im Finanzministerium und Sprecher der Arbeitsgemeinschaft. der Elterninitiativen, so: Die neuen Kulte
* "gehen gezielt auf Jugendliche zu, und in der Regel auf solche, die sich mit persönlichen Problemen herumschlagen"; > "kommen einem Bedürfnis der Jugendlichen nach Sinngebung und Geborgenheit in einer Gruppe entgegen" -- wobei sie ihnen in der Phase der Eingliederung ein besonderes Maß an Zuwendung entgegenbringen, die Umwelt jedoch zum Feind hochstilisieren;
* bieten den Jugendlichen eine vereinfachte, scheinbar logische Erklärung für die Ursachen ihrer Probleme und Ängste und stellen ihnen eine Lösung ihrer Konflikte in Aussicht.
Neueste amerikanische Untersuchungen bestätigen Karbes Thesen. Stets, so fand der amerikanische Psychiater John G. Clark von der Harvard Medical School in Massachusetts bei acht in den USA gängigen Kulten heraus, verlaufe der Eingliederungsprozeß in eine Neureligion in vier Stufen.
Totale Aufsicht bis zur Toilette.
Auf Stufe eins gilt es, den potentiellen Anhänger zu finden und zu ködern. Mun-Anhänger, so Clark, "haben sich zum Beispiel auf Studenten ... spezialisiert", die sich "aller Wahrscheinlichkeit nach in einer Lebenskrise" befinden.
Stufe zwei, die Einführungsperiode, ist nach Clark bestimmt durch systematischen Entzug von Wirklichkeit und Schlaf." Intensiver Gruppendruck, endlose Vorlesungen, Lügen, Mißbrauch von religiösen und erzieherischen Methoden, Gesänge und ein Hagel von Rhetorik" führten bei sensiblen Naturen geradewegs in einen "Zustand eingeengter Aufmerksamkeit und hoher Suggestibilität". Der Neuling hat bereits jetzt seine "unbequeme Selbständigkeit aufgegeben".
Mit Stufe drei beginnt die "destruktive Arbeit der Bekehrung" unter totaler Aufsicht der Gruppe, "selbst bei der Benutzung der Toilette". Beziehungen zu anderen Menschen werden organisiert, Kontakte zu allen früheren Bekannten, Freunden und Verwandten zumindest neutralisiert, wenn nicht abgebrochen. Die individuelle Ausdrucksweise wird geglättet, die Sprache "absichtlich verändert, Begriffe wie Liebe oder Familie erhalten eine andere Bedeutung".
Auf Stufe vier gilt es schließlich, die Bekehrung zu festigen, was, so der Harvard-Psychiater, "ziemlich einfach" ist. Die Sektenanhänger werden zum öffentlichen Einsatz für die Sekte angehalten, einem intensiven Gesangs- und Meditationsverhalten unterworfen und schließlich "auf die höheren Stufen des Kultes" befördert.
Daß es den meisten Jugendlichen dabei nur selten auf die Glaubensinhalte ankommt, wies der amerikanische Soziologe John Lofland nach. Für viele sei es unerheblich, ob der Kult nun religiös, terroristisch-politisch, rechts oder links, gegen reich oder arm sei -- Hauptsache, er sei hierarchisch organisiert und werde totalitär geführt, setze
· vor der Berliner Gedächtniskirche am 8. Februar dieses Jahres.
sich von der Umwelt ab und stelle die Gruppenideologie über weltliches Recht, schreibe den Gruppenmitgliedern die Gedanken und Handlungen vor und kontrolliere jegliche Intimität.
Wie sehr ein solches Innenleben der Gruppen das Wesen ihrer Mitglieder verändert, beschrieb die Bensheimer "Interessengemeinschaft Jugendschutz e.V., Verein zum Schutz seelisch gefährdeter junger Menschen", eine der vier bundesdeutschen Elterninitiativen, an den Folgen der "Transzendentalen Meditation" (TM) des ehemaligen Hindumönchs Maharishi Mahesh Yogi.
TM-Anhänger entwickelten nach mehrmaligem Kursbesuch beispielsweise ein "gestörtes Verhältnis zu Eltern, Freunden und Bekannten"; sie ließen "von bisherigen Aktivitäten und Hobbies" ab, gaben Studium oder Beruf auf, vermochten sich nur noch "einseitig TM-bezogen" zu unterhalten, benahmen sich "überheblich" und "fanatisch". Kennzeichnend vor allem: der "Abbau jeglicher Realitätsbezüge", eine "stark reduzierte Belastbarkeit durch alltägliche Aufgaben", "Überempfindlichkeit gegen Streß, Lärm", "extreme Gefühlskälte, verzerrtes Grinsen, kindisches Verhalten".
"Wir sind der Ansicht", folgert die Elterninitiative, "daß TM unter die Gruppe der giftigen Drogen einzuordnen ist." Der Gesetzgeber habe "geeignete Schritte zu unternehmen, um der Verbreitung der Transzendentalen Meditation vorzubeugen" -- energische Schritte, die nach den Vorstellungen der meisten betroffenen Eltern bei allen Jugendreligionen angemessen wären.
Juristisch freilich kollidiert dies leicht mit der im Grundgesetz verankerten Religions- und Vereinigungsfreiheit. "Wenn es jemanden geben sollte", sagt der einst selbst betroffene Vater und Bonner Elternsprecher Karbe, "der gehofft hat, man könne die Jugendreligionen gesetzlich verbieten, den muß ich enttäuschen." Und er findet das auch in Ordnung: "Die Auseinandersetzung des Bürgers mit dem Absolutheitsanspruch von Staat und Kirche um des Glaubens willen ist die Geburtsstunde der westlichen Demokratie gewesen. Daran sollte niemand etwas ändern wollen."
Fromme Prostitution ist amtlich nicht feststellbar.
Deutsche Richter tun das auch nicht. Sie beschneiden nur ungesetzliche Auswüchse, mehr nicht. So verhängte Ende April die 17. Große Strafkammer des Frankfurter Landgerichts über acht von zehn des Bettelbetrugs angeklagte Hare-Krischna-Jünger statt der vom Staatsanwalt beantragten Freiheitsstrafen bis zu einem Jahr lediglich Bußgelder zwischen 1500 und 5000 Mark, wegen verbotenen Sammelns. Nur einer der Angeklagten erhielt sechs Monate auf Bewährung. ein anderer wurde freigesprochen.
Und seit die Polizei letzten Dezember 16 "Kinder Gottes"-Kolonien in deutschen Städten durchsuchte, fällt es in Düsseldorf auch dem Staatsanwalt Helmut Jacobi schwer, strafrechtlich mit den Sektierern umzugehen. "Alle". so Jacobi, Zentralermittler in einem bundesweiten Sammelverfahren wegen Betrugs, Freiheitsberaubung und anderer Delikte, "sagen nur: ich fühle mich nicht geschädigt". Die vom Sektenchef Berg empfohlene fromme Prostitution war bislang amtlich "nicht feststellbar". Und "sicher", sagt Jacobi nach der Durchsicht von 30 Bänden Ermittlungsakten, sei "bis jetzt wohl nur ein Verstoß gegen das Sammlungsgesetz".
Jacobi gibt sich nach dem Ausgang des Krischna-Prozesses "keinen großen Illusionen hin" und rechnet auch in Düsseldorf "nur mit einem Verfahren wegen Ordnungswidrigkeiten". Die Bußgeldentscheidung gegen die Krischnas, so hatte in Frankfurt schon der Gerichtsvorsitzende Herbert Maul bei der Urteilsverkündung zu verstehen gegeben, dürfe nicht als "vernichtender Schlag" gegen eine religiöse Minderheit verstanden werden, die zu dulden eine
* In camberg (Taunus)
wichtige Aufgabe des Rechtsstaates sei.
Auch die Bundesregierung sieht das offenbar so. "Das Leben in den Sekten", hieß es vergangene Woche in einem Informationspapier des zuständigen Bonner Ministeriums für Jugend, Familie und Gesundheit, "entzieht sich weitgehend rechtlicher Beurteilung."
Die Bonner setzen da lieber auf "kontinuierliche Aufklärungsarbeit" (Staatssekretär Hans-Georg Wolters) und auf die Vergabe von zwei Forschungsaufträgen zur genaueren Einsicht in die Sektenpraxis. Nebenher allerdings sinnen die Bonner nun auch auf Druck:
* Die Erlaubnis zum öffentlichen Geldsammeln soll den Sekten, so wurden die Innenminister der Länder gebeten, vorerst verweigert werden; einige Länder, so Niedersachsen, praktizieren dies bereits. 1> Die einzelnen Finanzämter müssen, bevor sie neuen Religionen die Gemeinnützigkeit zuerkennen, künftig erst das Plazet ihres zuständigen Landesfinanzministeriums einholen.
* "Durch fortlaufende Abstimmung zwischen den obersten Finanzbehörden" soll "gewährleistet" sein, daß die bereits tätigen Sekten "keine ungerechtfertigten Steuervergünstigungen in Anspruch nehmen können" (Wolters); die Gewerbeaufsichtsämter sollen die Aufsicht über die Sekten und deren teils umfängliche Gewerbebetriebe verstärken.
Auch Elternsprecher Karbe, der die Arbeitsgemeinschaft der Elterninitiativen auf einen toleranten Grundkurs zu trimmen versucht, plädiert in einem Punkt für sanfte staatliche Gewalt: Um auch volljährige Jugendliche gegen ihren Willen aus einer Sekte herausholen zu können, wünscht er sich, daß Richter häufiger als bislang befristete Vormundschaften, für etwa vier Wochen, anordnen.
Vormundschaftsrichter sind dazu auch jetzt schon imstande, wenn es zur Abwendung einer erheblichen Gefährdung der Person oder des Vermögens eines Volljährigen geboten ist. Im Fall der Jugendreligionen wäre der Nachweis persönlicher Gefährdung aber nur dann beizubringen, wenn etwa ein Arzt bescheinigen kann, daß der Betroffene schon vor Eintritt in die Sekte gestört war -- was bislang nur selten belegt werden konnte.
Doch Karbe sieht einen Ausweg. "Wenn man die Hypothese verifizieren kann", meint er, "daß die Sekten mit destruktiven Psychotechniken arbeiten, die die freie Willensbestimmung des Jugendlichen einschränken, wäre die Rechtslage einfacher." Ein Vormundschaftsrichter könnte dann "eine vorläufige Vormundschaft ohne Nachweis im Einzelfalle anordnen".
In den USA klappt das schon besser. Denn anders als in der Bundesrepublik, wo derzeit noch kein Psychologe oder Psychiater über nennenswerte Erfahrungen mit Jugendsekten verfügt, gelang es dort einer Reihe von Fachleuten, Richter vom destruktiven Charakter mancher Sektentechniken zu überzeugen. Die betreffenden Eltern ließen dann ihre längst großjährigen Kinder gegen deren Willen mit Polizeigewalt aus der Sekte herausholen.
Und wenn Richter mal kein Einsehen hatten und die vorläufige Vormundschaft verweigerten, griffen US-Eltern ungeniert zum Kidnapping: Sie befreiten ihre Kinder auf eigene Faust mit List und Gewalt von der Sekte. Daß dies zwar juristisch eine Freiheitsberaubung, womöglich aber moralisch geboten sein könne, hatte ihnen Ted Patrick vorgemacht, ein ehemaliger Verwaltungsbeamter aus Kalifornien.
Der Farbige, selbst strenggläubiger Christ, kam vor Jahren per Zufall mit seelisch gebrochenen Ex-Mitgliedern von Jugendreligionen zusammen und entdeckte dabei sein Naturtalent, das er schließlich zum Hauptberuf machte: Er entwickelte eine Gesprächstechnik, mit der es ihm gelang, auch bei unfreiwillig Befreiten den Sektenwahn zu brechen -- was Patrick "deprogramming" nannte. Patricks Erfolge sprachen sich herum -- und machten einen neuen Beruf, den "Deprogrammierer". Amerikaner verschiedenster Herkunft sind seither haupt- und nebenberuflich mit deprogramming beschäftigt.
Ins Zwielicht geriet der neue Job jedoch durch Vormann Patrick selbst. Der ging immer häufiger auf Drängen verzweifelter Eltern daran, nicht nur zu deprogrammieren, sondern zuvor auch das Kidnapping zu besorgen. Für solche Aktionen büßte Patrick bereits mit Gefängnis; in Elternkreisen allerdings wird er wie ein Heiliger verehrt.
Verständnis und juristischen Trost hat auch der Bonner Beamte Karbe parat, falls Eltern oder Freunde einen volljährigen Jugendlichen gegen seinen Willen aus einer Kultstätte herausgeholt haben. Karbe: "Die tatbestandlichen Voraussetzungen einer Freiheitsberaubung entfallen dann, wenn der Jugendliche, zur Vernunft gekommen, später seine Einwilligung zu der an ihm vorgenommenen Handlung erteilt."
Manipulation und Zwang auch von seiten der Eltern? Dem Münchner Sektenspezialisten Haack ist nicht wohl dabei: "Wir dürfen", sagt er, "die jungen Leute nicht so aus der Gruppe herausholen, wie sie in die Gruppen hineingezwungen wurden." Sektenagenten werben in Kirchengemeinden.
Der Münchner Haack, seinem Wittener Kollegen Hauth und anderen kirchlichen Sektenexperten bleibt oft nicht viel mehr, als die häufig wechselnden Abwerbemethoden der Sektenmissionare frühzeitig auszukundschaften und publik zu machen. Jüngste Masche der "Vereinigungskirche": Sektenprofis sollen sich in evangelischen und katholischen Kirchengemeinden als neu zugezogene Christen ausgeben, sich in Gemeindezirkeln engagieren und langfristig das Vertrauen von Pastor und Presbyterium erwerben.
Sobald sie einen Überblick über die Schäfchen-Schar gewonnen haben, sollen die eingeschleusten Munisten einzelne Gläubige in vertraulicher Aussprache für die Sekte erwärmen. Um sich selber nicht gefährden zu müssen, ist Muns Agenten anheimgestellt, lediglich Adressen geeignet erscheinender Ansprechpartner an die Stützpunkte der "Vereinigungskirche" zu liefern.
Die "Kinder Gottes" haben unterdessen begonnen, bereits 12- bis 14jährige anzuwerben -- Schülerinnen und Schüler zum Beispiel, die nach dem Unterricht im Kaufhaus gelangweilt Rolltreppe fahren, weil die Mutter berufstätig ist. Die Kinder werden zunächst mit Traktätchen angesprochen, die auf die pubertären Sehnsüchte von Konfirmanden abgestellt sind. Textprobe: "Ein tiefer Blick in jemandes Auge kann die Gefühle genauso stark bewegen wie ein tiefer Kuß in ihren Mund."
Wer sich interessiert zeigt, erhält vom Flugblattverteiler eine Einladung zu einem "netten Tee-Nachmittag" in einer Kommune-Wohnung, wo bei Klampfen-Spiel, Vorlesestunde und Disco-Musik nach und nach auch Mose Davids Liebesbotschaft zur Sprache kommt.
Kinder, denen die Zärtlichkeit und die Räucherstäbchen-Atmosphäre bei
* In der italienischen Sekten-Zentrale Certaldo bei Siena.
den Mose-Jüngern gefällt, werden zu regelmäßigem Besuch ermuntert und verpflichtet, über die Teekränzchen auf keinen Fall den Eltern etwas zu verraten.
In Erinnerung an die Verfolgungszeit der frühen Christen gelten die Halbwüchsigen als "Katakomben"-Jünger (Sektenjargon) und dürfen, auch um Scherereien mit dem Jugendamt zu vermeiden, nur stundenweise mit der Sekte leben. Erst an ihrem 18. Geburtstag, am Tag der Volljährigkeit, offenbaren sich manche Gotteskinder ihren Eltern und vollziehen die abrupte Trennung von zu Hause. Ober ihre Erfolge beim "Litnessing" (Geldsammeln) und "flirty fishing" müssen sie fortan ihrem Sektenchef einmal pro Woche schriftlich berichten.
Oberhaupt "Mo" kommt, wie die meisten anderen Sektenführer, auf seine Kosten. Die "Kinder Gottes", so weiß er, sind seine "Gänse, die goldene Eier legen".
Allein zwei Mädchen seiner Religion, die kürzlich zwei Wochen lang auf einem Travemünder "Butterdampfer" tätig waren, überwiesen danach, so der Düsseldorfer Staatsanwalt Jacobi, 12 000 Mark auf ein Konto in der Schweiz.

DER SPIEGEL 29/1978
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