04.07.2005

HAUPTSTADTZweiter Tod

Showdown am Checkpoint Charlie: Unionspolitiker und Angehörige von Opfern wollen den Abriss eines Mahnmals für Mauertote verhindern.
Es war am 27. Oktober 1961, exakt 17.07 Uhr, da rollten auf der Friedrichstraße zehn sowjetische Stahlkolosse lärmend in Richtung Kontrollpunkt. Immer näher schoben sich die Panzer des Typs T-54 an den Grenzübergang - eine knappe Stunde später stand ihnen eine Kolonne amerikanischer "Patton"-Panzer auf der anderen Seite der Sektorengrenze gegenüber. 16 Stunden dauerte die Konfrontation, sie brachte die Welt an den Rand eines Atomkriegs und begründete den Mythos des "Checkpoint Charlie".
44 Jahre später, exakt am Dienstag, dem 5. Juli, ab 4.01 Uhr, dürfte es an jenem Ort erneut einen Showdown geben. Denn mit preußischer Präzision hat der Berliner Obergerichtsvollzieher Christian Günther der "Arbeitsgemeinschaft 13. August" die Räumung mehrerer Grundstücke im früheren Grenzstreifen angekündigt - auf den Parzellen hat diese 1067 Holzkreuze für die Opfer von Stacheldraht und Schießbefehl errichten lassen. Wenn die Bagger vorrücken, wollen führende Berliner Christdemokraten mit einem Kranz aufmarschieren; Angehörige von Maueropfern planen, sich an die Kreuze zu ketten. Fernsehteams wollen symbolträchtige Bilder einfangen.
Die Frau, der Berlin diese Konfrontation zu verdanken hat, heißt Alexandra Hildebrandt, 45. Sie stammt aus der Ukraine; erst die Heirat mit Rainer Hildebrandt, dem im vergangenen Jahr verstorbenen Gründer des populären Mauermuseums am Checkpoint Charlie, machte aus ihr eine Anwältin der Maueropfer.
Für viele Berliner Politiker ist Hildebrandt inzwischen ein Alptraum, anstrengender noch als Lea Rosh, die Kämpferin für das Holocaust-Mahnmal. Als könnte Washington erneut Panzer schicken, hat Hildebrandt - laut Stadtmagazin "tip" die "peinlichste Berlinerin" im Jahr 2004 - sogar den amerikanischen Präsidenten Georg W. Bush zum Schutz der Kreuze um Hilfe gebeten.
Dabei geht es bei diesem Nachhutgefecht des Kalten Krieges zunächst um eine profane Eigentumsfrage. Über die 9071 Quadratmeter Bauland, auf denen die Kreuze stehen, verfügt die Bankaktiengesellschaft Hamm, die Hildebrandts "Arbeitsgemeinschaft" den Pachtvertrag gekündigt hat. Doch wie schon bei der Anbringung von Fototafeln am heutigen Bundesfinanzministerium, die an den Volksaufstand vom 17. Juni 1953 erinnerten, ignorierte Hildebrandt die Kündigung und ließ ihr"Freiheitsmahnmal" einfach stehen.
Ein Abriss wäre, klagt sie, "der zweite Tod für die Maueropfer". Damit bringt sie den Berliner Senat in die Bredouille. Für die Koalitionäre von SPD und PDS ist der Umgang mit dem Museum, mit Maueropfern und Mauergedenken politisch heikel - allein schon, weil dafür mit dem PDS-Kultursenator Thomas Flierl ein Mann zuständig ist, der 1976 in die SED eintrat und zur Wendezeit im Kulturministerium der DDR tätig war.
Der ehemalige Honecker-Getreue, der eifrig um den Erhalt des "Palastes der Republik" kämpft, hat das Mahnmal beständig als "falsches Denkmal am falschen Ort" bezeichnet und verweigert zur drohenden Demontage, ebenso wie der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD), jeglichen Kommentar.
Entnervt registrieren die Regierenden, dass Hildebrandt mit ihrer Penetranz nicht ganz erfolglos ist: Sie hat die Debatte um den Umgang mit den Resten jener Mauer, die einst Walter Ulbricht bauen ließ, ausgelöst.
Noch im Jahr 1990 hatten DDR-Grenztruppen den 43,1 Kilometer langen Betonwall zwischen den beiden Stadthälften fast restlos demontiert und entsorgt. Die Betonsegmente wurden größtenteils als Granulat für den Straßenbau recycelt, etliche verkauft oder verschenkt. So zieren heute Mauerteile das CIA-Hauptquartier bei Washington und die Toiletten eines Spielcasinos in Las Vegas.
Nur in Berlin ist kaum mehr etwas übrig von dem verhassten Bauwerk - bis auf wenige kleine Reste der "Hinterlandmauer", eine Gedenkstätte sowie ein Dokumentationszentrum in der Bernauer Straße, fernab der Touristenrouten. Das ist "steril und dezentral", wie der Direktor des Deutschen Historischen Museums, Hans Ottomeyer, zutreffend kritisiert.
Erst Hildebrandts Kreuzzug rief mehr als 200 Bundestagsabgeordnete aller Fraktionen auf den Plan, auf deren Antrag hin das Parlament am vergangenen Donnerstag einstimmig für die Errichtung eines "Mauer-Denkzeichens" votierte - allerdings nicht am Checkpoint Charlie, sondern am Brandenburger Tor. Auch der Senat sah sich zuvor genötigt, ein "Gedenkkonzept Berliner Mauer" zu entwickeln.
Da Letzteres jedoch sehr vage bleibt und die Umsetzung noch Jahrzehnte dauern dürfte, kann sich Hildebrandt über einen neuen Bundesgenossen freuen: den Chef der Berlin Tourismus Marketing GmbH. "Die Kreuze am Checkpoint Charlie sollten unbedingt stehen bleiben", fordert Hanns Peter Nerger.
Aus einer Studie über die Interessen der Berlinbesucher - knapp sechs Millionen im vergangenen Jahr - weiß er: Ihre Neugier gilt vor allem anderen der einstigen Mauer. MICHAEL SONTHEIMER
Von Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 27/2005
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