DER SPIEGEL



KRIMINALITÄT

Jeder Klick tötet eine Seele

Zwei Fahnder aus Sachsen-Anhalt haben mit der "Operation Marcy" einen der härtesten Schläge gegen die Kinderpornografie geführt. Die Recherchen begannen mit einem Aldi-Computer in einer Gartenlaube - inzwischen gibt es mehr als 26 000 Verdächtige in 166 Ländern. Von Cordula Meyer

Es fällt ihm schwer, irgendjemandem im Gerichtssaal in die Augen zu schauen: Marcel K. verbirgt sein Gesicht hinter einer Sonnenbrille und einer Baseballkappe, auf der "Altmeister Kräuterlikör" steht. Meist hält er noch ein Blatt Papier vor sein Gesicht. Ihm gegenüber sitzt der Oberstaatsanwalt; und als der die Anklage verliest, dreht K. seinen Kopf nach rechts, so weit er kann. Mal blickt er dort auf den Boden, mal auf seinen Verteidiger, mal auf die Wand des Sitzungssaals, ganz so, als ginge ihn dies hier überhaupt nichts an. Dem Blick des Staatsanwalts begegnet Marcel K. nicht ein einziges Mal.

Marcel K., 29, schaut sich lieber Bilder an.

Oder Filme.

Darauf zu sehen ist dann etwa ein Mädchen, vielleicht fünf Jahre alt, an dem sich ein schwerer Mann vergeht - bis seine Klage "Das tut weh!" zum erstickten Gurgeln wird. Auf einem Bild ist ein etwa dreijähriges Kind zu sehen - und ein Hund, ein Rüde natürlich. Es gibt Bilder mit geschändeten Kindern in allen denkbaren Positionen und noch viel schlimmere Bilder. Jene mit Säuglingen etwa.

Bei solchen Bildern schaute Marcel K. nicht nur hin: Vor drei Jahren gründete der Magdeburger zehn Internet-Communities für Pädosexuelle. Das sind geschlossene Tauschbörsen für Tausende Männer weltweit, die sich an sexuellem Missbrauch von Kindern ergötzen. Marcel K. nannte sich im Web "Marcy" oder "Marcyman", so hatte man ihn in der Grundschule gerufen. Und er wurde schnell so etwas wie eine Spinne im Netz. Seine Seiten hießen beispielsweise "Allboyspass" oder "MarcydiebesteSeiteallerZeiten".

Und das wurde tatsächlich die beste Seite aller Zeiten - für zwei Fahnder aus Sachsen-Anhalt: Als das Kriminalisten-Duo den Computer von Marcel K. in die Hände bekam, startete es eine in Deutschland beispiellose Operation. Auf der Festplatte hatte "Marcy" mehr als 3000 E-Mails gespeichert, und von dort führten die Spuren weiter. Er war Mitglied in 26 Internet-Gruppen für Kinderporno-Gaffer. Er war ein großer Fang. Wie groß, das begriffen selbst die Ermittler erst langsam.

Am Dienstag vergangener Woche begann vor dem Landgericht Magdeburg der Prozess gegen Marcel K. - doch der Fall ist längst weit über ihn hinausgewachsen. Jetzt gibt es 26 500 Kinderporno-Verdächtige in 166 Ländern der Welt. Viele wurden schon festgenommen, einige haben sich umgebracht.

Mehr als 800 Verdächtige kommen aus Deutschland, viele aus den USA, aus Mexiko, Spanien und Argentinien. Aber auch im Vatikan sitzen einige, in der Antarktis und auf der Südseeinsel Tuvalu.

Sie alle chatteten und tauschten Bilder in den Gruppen, die "Marcy" aus Magdeburg

managte oder in denen er mitmachte. In einer konzertierten Aktion in Deutschland durchsuchten im September 2003 rund 1500 Polizisten bundesweit Wohnungen von Verdächtigen. Das Bundeskriminalamt (BKA) wurde eingeschaltet, dann Interpol, dann Polizeidienststellen rund um den Globus.

"Marcy war der erste Dominostein. Und damit hatten alle anderen verloren", sagt Torsten Kobow. Und er sagt, dass man so einen Fall nur einmal im Leben hat. "Oder gar nicht."

Kobow ist ein "Bulle", wie er selbst sagt, Kriminalhauptkommissar im Landeskriminalamt Magdeburg, 44 Jahre alt und eigentlich ein fröhlicher Mensch. Aber jetzt kann er nicht mehr stillsitzen, wenn er abends nach Hause kommt. Er hat wieder mit dem Rauchen angefangen. Und wenn ihn jemand fragt, wo er arbeitet, sagt er nur, dass er bei der Schädlingsbekämpfung sei. Er möchte einfach nicht so viel darüber reden.

Kobows großer Fall kommt ins Rollen mit einer E-Mail an die Hotline des Verbandes der Internet-Wirtschaft in Spanien. Es ist ein Hinweis auf Kinderpornografie - und er hat mit Deutschland zu tun. Im Mai 2002 übermittelt der deutsche Partner-Verband in Köln per E-Mail Daten an das BKA, und das ermittelt alsbald einen Namen. Kurze Zeit später geht der via Fax bei der Magdeburger Polizei ein: Marcel K.

Der zuständige Oberstaatsanwalt heißt Peter Vogt, 48. Er beantragt einen Durchsuchungsbefehl.

Am 24. Juli stehen zwei Polizisten aus Magdeburg vor einer Schrebergarten-Laube im Jerichower Land bei Magdeburg. Hier, bei seinen Großeltern, wohnt Marcel K. Er gibt gleich zu, dass er Kinderpornografie besitzt. Er führt die beiden Beamten in ein winziges, mit Rollläden verdunkeltes Zimmer, in das kaum Schlafcouch und Fernseher passen. Dort finden die Polizisten einen Aldi-Computer und CDs.

Sie bringen das Material zu ihrem Techniker. Als der sieht, was er vor sich hat, ruft er die beiden Fahnder an, Kobow und Vogt: "Den Traffic hier müssen wir uns angucken. Das ist ein Wespennest." Vogt und Kobow kommen sofort. Sie versuchen zu verstehen, was sie da in Marcel K.s Computer sehen. Sie stöbern in Bildern und E-Mails.

"Lass mich bitte in die Yahoo-Gruppe, dann poste ich pics. Ich habe die Boyparty, Teil 1-35 und 70-90", schreibt da einer.

"Hat jemand pics, wo jemand auf kleine Jungs rauf/reinspritzt?", fragt ein anderer.

Ein "scooterli" warnt: "Lass nicht jeden rein, sonst lebt die Community nicht lange."

Und "Marcy" selbst mahnt: "Wer bis 22 Uhr nichts sendet, fliegt raus."

Es ist ein Puzzle. Am Ende wissen Vogt und Kobow: Marcel K. hat im Internet Plattformen für Pädosexuelle gegründet, in anderen war er Mitglied. Wer in seine Gruppen wollte, musste sich anmelden und als "Eintrittskarte", wie in der Szene üblich, Bilder senden. Geld war nicht im Spiel, es war nur die Faszination des Perversen.

Der Austausch läuft über die Rechner von Internet-Firmen, sogenannten Providern. Wenn deren Experten Kinderpornos in ihren Speichern entdecken, schließen sie die Gruppen. Doch "Marcy" gründete dann eben flugs neue mit leicht veränderten Namen. Nach "Wir lieben Jungs" beispielsweise "Wir lieben Jungs 2". Und dann eben "Wir lieben Jungs 3".

Auf der Festplatte seines Aldi-Rechners sehen Kobow und Vogt schnell, dass "Marcys" Plattformen, ebenjene Communities, Männer aus aller Welt lockten. "Und wir hatten da noch keinerlei Erfahrung mit Großverfahren", sagt Vogt.

Kobow richtet sich mit einem Team einen kargen Sitzungsraum im zweiten Stock des Landeskriminalamtes ein. Es gibt keine Fenster, sie arbeiten auf dem Fußboden, weil sie Platz brauchen, viel Platz. Sie schneiden Schilder aus grüner Pappe und ordnen "Marcys" Mails den verschiedenen Providern auf der ganzen Welt zu.

Über die Provider ist es meist möglich, an die echten Namen der Internet-Nutzer zu kommen. Allein das Sortieren dauert vier Tage. Dann erkennen die Fahnder, dass der wichtigste Provider Microsoft ist, der Software-Gigant in den USA.

Vogt ruft bei der deutschen Microsoft-Niederlassung bei München an. Die Manager dort sagen ihm, dass sie über ihre Kunden nichts sagen könnten - es sei denn, er könne einen richterlichen Beschluss vorlegen. Vogt geht zum zuständigen Amtsrichter in Halle an der Saale: Wilfried Haag, 48. Der schreibt damals seine Texte auf einer Schreibmaschine, einer Brother, immerhin schon elektrisch.

"Herr Vogt, was ist eine Community?", fragt Haag. Vogt erklärt es ihm. Er erklärt ihm auch, was in solchen geschlossenen Foren passiert. Und dass Marcel K. einige davon betrieb, also entschied, wer reindurfte und welches Material gewünscht war. Und dass es zu all den Verbrechen einen Schlüssel gibt - den Provider, auf dessen Rechner alle Spuren gespeichert sind: Microsoft, und zwar nicht nur die deutsche Filiale, sondern der Mutterkonzern.

Als Vogt fertig ist, sagt der Richter: "Ich gegen Bill Gates?"

Am 9. September 2002 erlässt das Amtsgericht Halle-Saalkreis, Thüringer Straße 16, einen Beschluss gegen die Microsoft Corporation, One Microsoft Way, 98052 Redmond, Washington: "Im Ermittlungsverfahren gegen Unbekannt wegen Verbreitung pornografischer Schriften wird angeordnet, dass die Microsoft Corporation unverzüglich über alle Verbindungs- und Nutzerdaten der folgenden E-Mail-Accounts Auskunft zu geben hat. Gez. Haag." Der Beschluss wiegt gut anderthalb Kilo, so viele Namen sind im Anhang aufgelistet.

Große Hoffnungen hat Vogt nicht. Was Microsoft wohl ein Beschluss aus Halle an der Saale wert ist? Doch der Computer-Gigant hilft - und wie: An einem Freitag legt ein Bote ein Paket auf Kobows Schreibtisch. Es sind CDs aus Redmond. Darauf Zehntausende Bilddateien, 38 000 E-Mail-Adressen - und zwölf Gigabyte Log-Dateien. Die geben darüber Auskunft, wer wann in welcher Community war. Wenn man allein diese Daten ausdrucken würde, wäre die Liste 197 Kilometer lang, rechnet ein Technik-Freak im LKA-Team aus.

Kobow sitzt an seinem Schreibtisch und starrt auf die CDs. In seinem Kopf sind nur zwei Gedanken: Du kriegst sie alle identifiziert,

aber dann: Was haben wir angerichtet? Vogt sitzt an diesem Freitag in Gedanken schon bei seinem Lieblings-griechen, als Kobow anruft. "Mein erster Gedanke war: Scheiße!", sagt Vogt, "der zweite: Wie sollen wir das schaffen?"

Vor sieben Jahren war Vogt aus Berlin nach Halle gekommen. Die Behörde hatte damals nur wenige Abteilungsleiterstellen zu vergeben. Eine davon war die der Schwerpunktstaatsanwaltschaft Kinderpornografie. Sein Chef sagte: "Das Grauen." Vogt dachte an seine beiden Töchter, damals 9 und 13 Jahre alt - "in einem für Täter interessanten Alter". Vogt sagte zu.

Inzwischen sind die beiden Mädchen fast erwachsen, ihre Bilder stehen auf Vogts Schreibtisch. Und ihr Vater ist einer der führenden Experten für Kinderpornos in Deutschland.

Als 2002 Curt Becker Justizminister in Sachsen-Anhalt wird, gewinnt Vogt in ihm einen Verbündeten auf höchster Ebene. CDU-Mann Becker hatte sich als ehemaliger Kommunalpolitiker "eher mit Gewerbegebieten und Abwasserentsorgung" beschäftigt, sagt er. Aber Vogt "hat mir schnell beigebracht, worum es geht".

Bald vergrößert Becker die Abteilung zur Bekämpfung der Kinderpornografie. Er organisiert, dass Jugendbetreuer in ganz Deutschland besser überprüft werden. Und immer wieder fordert er, die Strafen für den Besitz von Kinderpornografie zu erhöhen. 2004 ist die Höchststrafe dafür verdoppelt worden - von einem auf zwei Jahre. "Nicht mehr vergleichbar mit Schwarzfahren, sondern mit Sachbeschädigung", empört sich der Justizpolitiker. "Jeder Klick tötet doch eine Kinderseele." Und für jedes Foto wurde ein Kind geschändet.

Vogt selbst redet davon, dass sein Job eben sein Job ist, er will kein Eiferer sein. Er sagt auch gern, dass man die Bilder im Kopf nicht mit nach Hause nehmen darf. Und dann nimmt er fast jedes Wochenende CDs oder Filme in der Aktentasche mit nach Hause.

Auf Vogts Dienstcomputer sind Bilder so ziemlich aller sexuellen Abwegigkeiten gespeichert. Es geht los mit A wie Amputierte und wird von da an schlimmer. Die furchtbarsten Bilder hat Vogt in einem Ordner gespeichert, den er "Nur noch Wut" nannte.

Er hat Polizisten angeklagt, Bankmanager, Finanzbeamte, Ärzte, einen Richter. Und auch den Staatsanwaltskollegen, der auf dem Weg in die Kantine immer den Kopf in Vogts Büro steckte und fröhlich fragte: "Na, was machen die Schmutzfinken?"

Der ehemalige EU-Justizkommissar António Vitorino hat einmal gesagt: "Kinderpornografie ist eine der größten Bedrohungen für unser Gesellschaftsmodell." Früher fand Vogt das übertrieben. Heute glaubt er, dass Vitorino recht hat.

Warum?

"Weil die Werte verschwinden", sagt der Staatsanwalt.

Als das "Marcy"-Verfahren immer größere Ausmaße annimmt, lädt Kobow den Staatsanwalt Vogt und zwei weitere Kollegen aus der "Marcy"-Truppe in einen weißen LKA-Mercedes: "Ab zum BKA." Das Team aus Sachsen-Anhalt will von den Bundesfahndern ein Rezept dafür, wie man ein so gewaltiges Verfahren anpackt. Aber von den Kollegen in Wiesbaden hören sie: "So was haben wir auch noch nicht gehabt."

Zwei Tage überlegen sie gemeinsam, am Schluss steht ein Plan: Kobow und Vogt liefern die internationalen Spuren nach Wiesbaden. Die Wiesbadener koordinieren die Arbeit mit Interpol. Für Deutschland organisieren Kobow und Vogt drei Konferenzen mit Beamten aus anderen Landeskriminalämtern, in Bayreuth, Magdeburg und Hannover: Sie müssen immer mit ihrem VW-Bus anreisen, weil ihre Ermittlungsakten nun nicht mehr in den Kofferraum eines normalen Autos passen.

Sie erklären den Kollegen, was sie gemacht haben - und was sie vorhaben: Sie nennen den Plan "Operation Marcy", und sie sagen, dass sie dafür sehr viele Polizisten brauchen werden, im ganzen Land. Eine Bundesrichterin aus den USA kommt nach Magdeburg, Ermittler aus anderen Ländern folgen. Sie alle bereiten sich auf Tag X vor.

Am 21. September 2003, einem Sonntag, sitzt Polizist Kobow allein auf der Terrasse seines Hauses im Stadtteil Sudenburg, es ist ein warmer Spätsommerabend. Aber er ist angespannt: "In zwölf Stunden stehen Hunderte Polizisten vor Hunderten Wohnungen. Jetzt kannst du nichts mehr stoppen."

Staatsanwalt Vogt schläft in dieser Nacht miserabel. Haben wir denn alles richtig gemacht?, fragt er sich.

Am nächsten Morgen um sechs Uhr stehen Vogt und Kobow, die sich ihre Fälle gern selbst anschauen wollen, vor der Tür einer Vermögensberatung. Drinnen finden sie auf CDs und dem Computer des Geschäftsführers Kinderpornos aus den "Marcy"-Dateien. Der Mann hat sogar eine mobile Einheit: einen fertiggepackten Aktenkoffer mit CDs, Vibrator und Handtuch. Bingo!, denkt Kobow. Wir haben alles richtig gemacht.

Als er Stunden später mit Vogt in der Einsatzzentrale im LKA Magdeburg sitzt, laufen die Faxe gleich auf mehreren Geräten ein. Ein Mitarbeiter beamt die ersten Ergebnisse der bundesweiten Großaktion an die Wand: "Fündig, fündig, hat schon gestanden, fündig, hat gestanden."

Am Ende der Aktion wird Magdeburgs Justizminister Becker in der "New York Times" zitiert, Kobow sieht sich in der "Tagesschau". Erst da wird ihm klar, wie groß die Sache ist, die er angestoßen hat. "Ich, als kleiner Polizist im Dorf Magdeburg", sagt Kobow.

Er hat kurzes rotes Haar und eine rosige Gesichtsfarbe, die immer dunkler wird, wenn er sich aufregt. Muss er sich besonders ekelhafte Bilder anschauen, bekommt er eine Gänsehaut. "Schweine, Schweine, Schweine", flucht er dann.

Wenn man Kobow und Vogt einzeln fragt, wie lange sie den Job noch ertragen wollen, sagt Vogt:

"Solange Kobow es macht."

Kobow sagt: "Solange Vogt dabeibleibt."

Nur so viel ist klar: Der Fall "Marcy" ist noch lange nicht beendet. Unter den Verdächtigen waren fünf Polizeibeamte, ein

Bundesgrenzschutz-Mann aus dem Bundespräsidialamt, ein Kindergarten-Erzieher aus Rheinland-Pfalz, ein Jugendbetreuer vom Technischen Hilfswerk und ein Betreuer für geistig behinderte Kinder.

Sechs der Verdächtigen haben selbst Kinder missbraucht, ein Musiklehrer aus Baden-Württemberg etwa oder ein Vater aus Nordrhein-Westfalen, der mit seiner eigenen Tochter selbst Kinderpornos hergestellt hat, sich inzwischen aber umbrachte - wie der Lehrer eines Edel-Internats vom Bodensee, der von einer Brücke sprang.

In Vogts Büro in Halle liegen auf Stühlen und Tischen überall Stapel von rosafarbenen Aktendeckeln. Bald sollen zwei neue großangelegte Razzien beginnen. Und wenn Vogt wieder mal reihenweise neue Durchsuchungsanträge unterschreibt, fällt ihm immer wieder auf: "Den Namen kennste doch, der ist doch auch Marcyaner."

Marcel K. selbst schweigt vor Gericht bislang. Vier Tage vorher, in der Gartenlaube seiner Großeltern im Jerichower Land, ist er noch gesprächiger.

Er kommt gerade im Opel Corsa seiner Oma vom Praktiker-Baumarkt zurück, im Kofferraum einen Rasensprenger. Er setzt sich an den Plastiktisch und sagt, er verstehe nicht, "dass da so ein Theater gemacht wird". Seine blauen Augen blicken auf den Boden. K. ist blass, seine Schultern hängen, er trägt Turnschuhe, Shorts und ein rotes T-Shirt eines amerikanischen College-Teams. "Ich bin ja nicht der Einzige, der das macht."

"Erst war's Neugier gewesen", sagt er. "Dann war's 'ne richtige Sucht." Seine Stimme klingt emotionslos. Und dann spricht er - gelernter Trockenbauer, aber zurzeit ohne Job - schnell wieder davon, wie schwer das Leben jetzt ist, mit Hartz IV. Und eine Freundin, die habe er nicht, weil "hier im Dorf gibt's nur zwei Mädels und sonst lauter Kerle". Er grinst.

Als ob die Dinge irgendwann verschwänden, wenn man sie nur hartnäckig genug ignoriert. Weil die Bilder aus dem Netz nicht hierher zu passen scheinen, neben die Geranien, Fuchsien und Azaleen, die Oma gepflanzt hat, Plastiktopf an Plastiktopf. Sie passen auch nicht zum gemähten Rasen, zur Hollywood-Schaukel, zur Klingel am Maschendrahtzaun.

Oder ist das ganz falsch? Passt so etwas gerade hierher?

Seine Mutter Ute gab Marcel K. mit zwei Monaten zu den Großeltern und ging später in den Westen. Seinen Vater, einen Alkoholiker, kennt er kaum. Er verließ nach der achten Klasse die Schule, erst 2002 schaffte er eine Lehre. Seine Großeltern geben ihm Taschengeld, er will bei ihnen wohnen bleiben. "Die brauchen mich, und man hat ja alles."

Die weiteste Reise, die er je gemacht hat, ging nach Oldenburg in Niedersachsen. Zur Beerdigung der Mutter. Sie hinterließ ihm 16 000 Euro Schulden.

Nachmittags, wenn er vom Bau kam, setzte er sich an den Computer, erregte sich an Bildern gequälter Kinder. Dann rief die Oma zum Abendessen. Danach machte er weiter.

Aber warum?

"Man hat's gemacht, weil die Gruppen immer weniger geworden sind", sagt er. Die Provider wehren sich. Aber er wollte all diese Bilder doch haben. "Wer wollte die nicht?"

Mal gibt er sich reumütig, und mal reagiert er einfach gar nicht.

Herr K., auf diesen Bildern wurden Kinder gequält, haben Sie an die nie gedacht?

"Da hat man erst später drüber nachgedacht", antwortet er.

Und was haben Sie da nachgedacht?

"Dass es Mist war. Gerade die Kinder müssen ja leiden."

Dann bereuen Sie, was Sie getan haben?

"Natürlich bereut man das."

Warum?

"Wer weiß, was da für eine Strafe rauskommt."

Der Anwalt von Marcel K., Carsten Schneider, ist ein erfahrener Verteidiger. Vogts Anklage stellt "Marcy" als Teil einer Bande dar. Damit geht es um mehr als nur den Besitz dreckiger Bilder. Damit geht es vor allem um eine viel höhere Strafe.

Anwalt Schneider hat Vogts Dreh natürlich bemerkt. Dagegen will er kämpfen, das mit der Bande müsse wohl höchstrichterlich entschieden werden. Es wird also wahrscheinlich ein langer Prozess. Zu Beginn am Dienstag legte Schneider mehrere Anträge vor, das Verfahren wird kompliziert, das Gericht kann erst kommende Woche weitermachen.

Für Kobow und Vogt sind die Urteile gegen die Täter, die sie vor Gericht gebracht haben, fast immer eine zweischneidige Sache. Ein Erfolg, ja, aber was für einer? Die allermeisten Täter bekommen nur Geldstrafen oder höchstens Freiheitsstrafen auf Bewährung.

Und dann?

Kobow sagt: "Wer Kinderpornos sammelt, der ist geeignet, selber Kinder zu missbrauchen." Erst reiche es den Tätern, sich an den Bildern zu erregen. Dann fingen sie an, sich in der realen Welt zu betätigen. "Erst unauffällig, dann immer drängender, sie wollen das ja haben." Justizminister Becker nennt Kinderpornos eine "Einstiegsdroge".

Staatsanwalt Vogt nennt Namen von Kindern. Man kennt sie, weil sie grausamen Verbrechen zum Opfer gefallen sind. Tom und Sonja oder etwa Lisa - ihre Mörder ergötzten sich an Kinderpornos.

Auf der Zuschauerbank im Prozess in Magdeburg saß vorige Woche auch ein blonder Junge in Jeans mit rotgefärbten Ponyfransen, 14 Jahre alt. Der Junge hat der Polizei eine Geschichte erzählt, die Marcel K. vehement bestreitet: "Marcy" habe sich mit ihm angefreundet und erzählt, er arbeite beim lokalen Radiosender und könne CDs und Karten für den Freizeitpark besorgen. Er habe ihn zu McDonald's ausgeführt, ihm Zigaretten und Alkohol gegeben. Und er habe ihm dann auch eine SMS geschickt: "Warum antwortest du nicht, liebst mich wohl nicht mehr?"


DER SPIEGEL 27/2005
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