DER SPIEGEL



MAFIA

Das Blut von Neapel

Von Smoltczyk, Alexander

In der Stadt der Camorra kämpfen Banden um ihren Anteil am Drogenmarkt und um 100 Millionen Euro Umsatz. Währenddessen hoffen die Bürger und Priester in ihren Kirchen auf ein Wunder - und auf die Kraft des heiligen Gennaro. Von Alexander Smoltczyk

Zuletzt ließen die Ermittler Mikrofone auf den Friedhöfen anbringen. Die Toten sollten erzählen, was den noch Lebenden nicht zu entlocken war. "Auch die Kriminellen sind gläubig", sagt Don Vincenzo, ein flinker lächelnder Barnabinermönch mit nach hinten gebürstetem Salz-und-Pfeffer-Haar. Es handle sich natürlich, fügt er hinzu, um eine sehr oberflächliche Religiosität.

Die Ermittler gegen die Camorra jedenfalls setzten auf den Glauben der Gangster. Sie hofften, die Clanchefs würden an den Gräbern ihrer Väter um Rat bitten und um Segen für die nächste Tat. Deswegen die Mikros an den Grabsteinen.

Genutzt hat es nichts. Der Banden- krieg geht jetzt ins zweite Jahr, und das Renommee Neapels ist wieder da, wo es immer schon war, ziemlich weit unten. Neapel sei eben, sagt Don Vincenzo De Gregorio, eine eigenartige Stadt: "Besessen vom Glauben und besessen vom Blut." Es gibt ungefähr 40 Blut-Reliquien und in der Schwefelgrube des Vororts Pozzuoli einen Stein, der regelmäßig rote Tröpfchen schwitzt.

Neapel ist süchtig nach Wundern, weil es sonst nichts mehr zu hoffen hat. In den Kirchen mussten Beinhäuser geschlossen werden, weil Großmütter sich in Ermangelung einer zertifizierten Reliquie irgendwelche Knochen einpackten, um sie zu Hause aufzustellen. Dann legten sie sich ins Bett und warteten darauf, dass ihnen die Lottozahlen im Traum erschienen.

In jedem nach Katze riechenden Winkel der Stadt finden sich Votivkapellen, mit einer rehäugigen Mutter Gottes, einem Christus, der hinter trübem Plexiglas schmachtet in ewigem rosa Licht. Zum Leidwesen der Kirche ist der meistfotografierte Schrein jener "Für Diego", mit einer Phiole voller Tränen und einem Originalhaar des Fußballers Maradona.

Domprälat Don Vincenzo ist das alles eher unangenehm. Der 61-Jährige ist ein moderner Theologe und im Hauptberuf ohnehin Direktor von Neapels renommiertester Musikakademie, dem Konservatorium S. Pietro a Majella. Don Vincenzo steht für das neue Neapel, das Neapel der Künste und der Rechtschaffenheit. Eine Stadt, in der die Camorra, die Erzählungen

über Morde und Erpressungen, einmal nur noch Folklore sein werden. Als Akademiedirektor bewahrt Don Vincenzo das Tintenfass von Scarlatti auf, dazu das Originalmanuskript eines Mozart-Menuetts und eine Harfe aus der Werkstatt Stradivaris. Und, in der Seitenkapelle des nahe gelegenen Doms, das Blut des heiligen Gennaro.

Denn zur Stellenbeschreibung des Domprälaten Don Vincenzo gehörte auch, dreimal pro Jahr ein jahrhundertealtes Glasfläschchen aus einem Stahlschrank im Dom zu holen und ein Mirakel zu vollführen. Die Flüssigwerdung eines 1700 Jahre alten Bluts: das Blutwunder des heiligen Gennaro.

Aber das ist eine andere Geschichte. Das habe nichts mit der Camorra zu tun. Er müsse sich jetzt verabschieden, sagt Don Vincenzo und steigt auf seinen Motorroller. Das Wunder wartet.

Ein paar Sommer lang durfte Neapel träumen, eine ganz normale Stadt zu sein. Der damalige Bürgermeister räumte die Plätze von Autos frei, es gab eine Wissenschaftsstadt und Musikfestivals, Touristen kamen, und manchmal durften die Neapolitaner glauben, ihre Stadt sei im Grunde ein Vorort von Capri.

Auf den Gedanken käme heute niemand. Der jüngste Bandenkrieg der Camorra hat in einem Jahr 142 Menschen ums Leben gebracht, Mütter, Schwestern, Söhne. Die Krise auf dem Drogenmarkt trieb die Clans ans Licht wie Ratten die Flut. Die Leichen lagen auf den Straßen, und das Blut war alles andere als Folklore. Den Neapolitanern ist das bitter. Die Stadt sei nicht so, sagen sie. Aber als die Polizei es vor drei Wochen wagte, zwei Straßenräuber festzunehmen, gab es einen Volksaufstand, mitten in der Stadt.

In einem verfallenden Neubau am Stadion sitzt die Redaktion der "Cronache di Napoli". Das Blatt hat den Camorra-Krieg der vergangenen Monate mit einer Hingabe beschrieben, wie sie sonst nur in Fußballzeitungen zu finden ist. Jeden Morgen werden die Verbrechen der Nacht mit Schaubildern, Kurzbiografien, Tatortskizzen ausführlich gewürdigt. Manche sagen, die "Cronache" sei zum Mitteilungsblatt der Camorra geworden. Domenico Palmiero sagt, das sei nur Neid: "Wir sind eben gut informiert." Der 43-jährige Chefredakteur der "Cronache" ist ein Nervöser mit filigran rasiertem Kinnbart. Seine unterbezahlten Reporter streunen durch jedes Viertel der Stadt auf der Suche nach Verbrechen und dem Tod des Monats. Mit den Bossen der Camorra habe er bislang wenig Probleme gehabt. "Sie sind korrekt, correttissimo", sagt er. "Man darf nur nichts Falsches schreiben." Weitaus gefährlicher sei es, sich in die Politik Italiens einzumischen.

Wer die Bilder der "Cronache" sieht, muss den Eindruck haben, Neapolitaner gingen ausschließlich in Handschellen auf die Straße oder lägen üblicherweise neben Autos, ein Laken über dem Kopf und neben sich eine dunkle Pfütze. "Nein, nein. Diese Stadt ist nicht gefährlicher als Florenz", sagt Palmiero. "Nur interessanter."

Dann resümiert er jene 755 Seiten, die in den vergangenen Monaten über den Bandenkrieg erschienen sind.

Anfang der Neunziger erobern Paolo Di Lauro und seine elf Söhne den Drogenmarkt in Neapel, eine Branche mit etwa 100 Millionen Euro Umsatz jährlich. "Paolo ist ein Supermanager. Er ließ jedem seinen Gewinn und wollte gute Arbeit dafür. Einer seiner Spitznamen ist 'o scocciato." Der Genervte.

Gejagt von Ermittlern, tauchte Paolo Di Lauro unter, vermutlich auf dem Balkan. Sohn Cosimo, der militärische Arm der Familie, übernahm die Geschäfte. "Cosimo machte den Fehler vieler Juniorchefs. Er wollte den Clan verjüngen und stieß die Alten vor den Kopf." Sagt Redakteur Palmiero. Die Zwischenhändler wurden nur noch en détail beliefert, die Margen kleiner. So setzte sich die alte Garde um Raffaele Amato ab und begann, von Spanien aus ihr eigenes Geschäft zu machen. Es kam zum Krieg zwischen Di Lauro und den "Sezessionisten". Das Blut in Neapel wollte gar nicht mehr aufhören zu fließen.

Die "Cronache" führte Buch.

Salvatore De Magistris wird zu Tode gefoltert, weil er den Aufenthalt seines Stiefsohns nicht preisgeben will. Die 22-jährige Gelsomina Verde wird mit zwei Schüssen getötet und im Fiat 600 ihres Vaters verbrannt. Sie war mit einem Abtrünnigen ausgegangen. In der Bahnhofspizzeria "Pelloni" wird der 51-jährige Salvatore

Peluso mit einem Genickschuss hingerichtet. Sein Kopf fällt auf die Pizza Margherita, die er gerade anschneiden wollte. Der 54-jährige Artischockenhändler Gennaro Emolo wird mit zwei Schüssen in die Wangenknochen getötet. Es passiert vor dem gerade eingeweihten Kommissariat am Ottocalli-Platz. Sein Sohn soll dem Di-Lauro-Clan untreu gewesen sein.

In Casavatore werden die Leichen des 23-jährigen Giovanni Orabona und der beiden 25-jährigen Antonio Patrizio und Giuseppe Pizzone gefunden. Alle drei in Handschellen, Schusswunden im Rücken. Die Killer hatten sich als Polizisten getarnt.

"Eine Technik aus dem Kosovo. Cosimo hat viele UÇK-Kämpfer rekrutiert", sagt Palmiero. "Jetzt ist der offene Krieg im Wesentlichen vorbei. Die Verluste waren zu hoch." Kurze Pause. "500 000 Euro am Tag." Palmiero ist schon lange in der Branche. "Der Waffenstillstand sieht vor, dass nur noch schießen darf, wer einen Verwandten zu rächen hat. Schreiben Sie, es herrsche wieder Frieden in der Stadt."

Der britische Geheimdienstoffizier Norman Lewis kam 1943 nach Neapel. Damals waren, so schreibt er, die Kirchen "voll von Bildnissen, die sprechen, bluten, schwitzen, mit dem Kopf nicken und heilsame Säfte absondern". Die Alliierten brachten der zerbombten und hungernden Stadt ein Schwarzwirtschaftswunder. Lewis berichtet, mit welcher Verzweiflung den GIs Töchter, Tanten, Mütter angedient wurden, wie der Schmuggel blühte und ein verwirrter Mönch namens Padre Pio erstaunliche Dinge vollführte: "Der Mönch behauptet, dass er anlässlich eines Luftkampfs in den Himmel aufgestiegen sei, um den Piloten in seinen Armen aufzufangen und ihn sicher zur Erde zu bringen. Die meisten Neapolitaner, die ich kenne, sind überzeugt, dass diese Geschichte wahr ist."

Seit der Befreiung durch die Alliierten gibt es enge Beziehungen zwischen Neapel und Little Italy in New York. Die Clans beliefern den US-Markt mit falschen Prada-Täschchen und reinvestieren ihre Drogengewinne in Luxusboutiquen weltweit. Das Geschäft läuft ausgezeichnet. Und zum Fest des heiligen Gennaro werden in Little Italy jedes Jahr Millionen gespendet. Als nationaler Schrein Gennaros dient eine Kirche in der Mulberry Street mit dem Namen: "Most Precious Blood".

Don Vincenzo hat sich inzwischen sein Messgewand übergezogen. Die Seitenkapelle des Doms glänzt im diffusen Licht der gebündelten Kerzen, man sieht das Gefunkel der mit Jaspisen, Blattgold, Türkisen verkleideten Altaraufsätze, die von den Küssen der Jahrhunderte und frommen Liebkosungen polierte Halbstatue des Gennaro, mit Rubinen und Diamanten verziert, und unter der aufklappbaren Kopfschale die Schädelknochen des Heiligen.

Im Jahre 305 ließ Diokletian einem Katakombenbischof namens Gennaro den Kopf abschlagen. Das geschah in Pozzuoli, einem Vorort Neapels, in dem später Sophia Loren aufwuchs. Das Blut des Märtyrers wurde aufgefangen und in einer gläsernen Phiole durch die Jahrhunderte getragen.

Während einer Prozession im Jahr 1389 soll sich die dunkle Masse in dem Glas verflüssigt haben. Das tat Gennaros Blut dann immer wieder; wenn es ausblieb, brach gewöhnlich der Vesuv aus oder zumindest die Pest.

Dreimal jährlich wird die Phiole seither den Gläubigen gezeigt. In diesem Jahr, zum 1700-jährigen Jubiläum, sogar einmal monatlich, immer am 18. des Monats. Betend und kerzengerade sitzen in der ersten Reihe der Kapelle die "Verwandten von San Gennaro", ältere Frauen aus besseren Kreisen, die sich dem Kult des Blutes verschrieben haben. Ihre Bittgesänge werden von jeher von Mutter zu Tochter überliefert. Desgleichen die Technik, das Wunder zu deuten.

Wenn das Blut fest bleibt, wenn es klumpt oder seine Farbe zu dunkel ist, so stünde Unheil ins Haus. Neapel ist allerdings auch keine Stadt, in der man lange auf ein Unglück warten müsste.

Don Vincenzo zieht einen Vorhang hinter dem Altar beiseite. Es erscheint eine versilberte Eisentür mit vier Schlössern. Dahinter eine Art Kutscherlampe mit zwei runden Glasscheiben, hinter denen ein birnenförmiges Fläschchen zu erkennen ist. Die Masse in der Phiole sieht aus wie getrockneter Zuckerrübensirup.

"Dura ... hart, wie nur etwas hart sein kann", sagt Don Vincenzo. Mitte Februar hatte das Blut sich nicht auflösen wollen, es klumpte, und in den nördlichen Vierteln wütete der Camorra-Krieg. Am Gennaro-Tag Ende April hatte das Blut eine gute Farbe. Trotzdem wurde kurz darauf der Schwager des Nobelpreisträgers Dario Fo erschlagen, auf offener Straße.

"Zeichen sind nicht eindeutig", sagt Don Vincenzo. Auch als Johannes Paul II. sich bei seinem Besuch die Phiole zeigen ließ, regte sich nichts in dem Fläschchen. Don Vincenzo dreht das Gefäß noch einmal. Dann schaut er genauer hin.

Auch für San Gennaro kam das Erdbeben im November 1980 unerwartet. Zwei Monate zuvor noch hatte sein Blut burgunderrot in der Phiole geschwappt. Das Erdbeben verwüstete ganze Dörfer und Straßen. Viele der Obdachlosen landeten in hastig errichteten Satellitenstädten im Norden der Stadt, in Secondigliano und

Scampia. Es sind die Viertel, in denen heute am meisten gestorben wird. Die Viertel der Camorra.

Für die 45 000 Einwohner Scampias gibt es kein Kino, keinen Supermarkt, das Schulzentrum "Carlo Levi" hat Klebestreifen auf den Scheiben, als stünde ein Bombardement bevor.

Millionen hat die Stadt in diese Viertel gesteckt, ohne dass das Spuren hinterlassen hätte. Die Läden sind ausgebrannt oder zugemauert, die Apotheke ist vergittert, die Müllhaufen sind durchwühlt und unausrottbar wie die Armut. Wie in Bosnien verlaufen unsichtbare Grenzen zwischen den Wohnblöcken und entlang den Straßen. Jeder weiß, zu wem er gehört, jeder Rentner, jedes Kind. Die Grenzen werden kontrolliert von minderjährigen Sonnenbrillenträgern in schwarzen T-Shirts, die für ihre Meldedienste 30 Euro täglich bekommen. Die linke Stadtregierung hat viele Mieter der "Volkshäuser" zu Eigentümern gemacht, ohne lang zu prüfen, wie hoch die Bedürftigkeit noch war.

Es entstanden die Fortini, festungsartige Sozialwohnblöcke; die Clans können auf unbedingte Loyalität der Bewohner setzen. Wem das Sozialamt eine dieser Wohnungen zuweist, begreift schnell, dass er das Angebot besser ablehnen sollte.

In einem dieser Blöcke, dem "Himmelshaus" Casa Celeste, sollte im Dezember vorigen Jahres Cosimo Di Lauro mit seinen Leuten verhaftet werden. 1500 Beamte waren im Einsatz. Sie nahmen 53 Männer fest, Cosimo fassten sie erst einen Monat später. Sie wurden von Hausfrauen empfangen, verflucht, bespuckt und mit Töpfen, Mülltüten, Blumentöpfen beworfen. Die Frauen hielten ihre Kinder hoch und kreischten im Chor: "Jatevenne!", Verschwindet. Die Beamten hatten den Kriegsruf noch Wochen später im Ohr.

In diesen Mietskasernen leben einige Familien ausschließlich vom Drogengeschäft. Es gibt keine andere Arbeit. Ein Jahrhundert lang war der Zigarettenschmuggel in Neapel toleriert worden. Es war eine Art informeller Sozialhilfe. 1999 erklärte ein Gesetz aus Rom die Konterbande zum organisierten Verbrechen und schickte die Anti-Mafia-Kommandos nach Neapel. Heute sind die Zigarettenstände verschwunden. Dafür wird Heroin in Heimarbeit verarbeitet. Väter verschneiden den Stoff, Töchter packen Portionstüten, Söhne vertreiben es, und Mama passt auf.

Scampia ist der Drogengroßmarkt Italiens geworden. Die Zwischenhändler kommen aus Latium und Sizilien hierher, und wie bei jedem Großmarkt lungern Kleindealer und Selbstverbraucher am Rande herum und warten auf die Reste.

Wer mit dem Clan bricht, verliert Einkommen und das Dach überm Kopf. Etwa hundert Familien sind aus ihren Wohnungen vertrieben worden, weil ihre Söhne angeblich zu den Sezessionisten gehörten.

Weil sie ihre Wohnung nicht verlieren wollte, verbarrikadierte sich die dreifache Mutter Carmela Attrice, 47, wochenlang im Casa Celeste. Ein 16-jähriger Eckensteher namens Pasquale lockte sie zur Mittagszeit auf die Straße. Di Lauro habe eine Botschaft für sie, sagte er. Unten standen drei junge Männer aus der Nachbarschaft und schossen ihr zehnmal ins Gesicht. Nach der Tat setzten sie sich unter eine Statue im Zentrum des Viertels. Sie hatten die Waffe noch bei sich und waren überrascht, als die Polizei sie entdeckte.

Die Statue stellt einen Mönch mit schlechter Körperhaltung und umwickelten Händen dar: Padre Pio, den populärsten aller Heiligen Italiens und der einzige mit Luftkampferfahrung. Die Mörder hatten auf den Schutz des Heiligen gehofft. Vielleicht hofften sie auch, sie wären unsichtbar.

In diesem Tollhaus von Blut und Glauben versucht der Priester Vittorio Siciliano seit 38 Jahren, nicht vom Herrn abzufallen. Seine Kirche in Scampia ist ein umgitterter Betonbau. Wunder hat es hier nicht gegeben, und über die Bedeutung der Heiligenstatuen zwischen den Neubaublöcken macht er sich keine Illusionen.

"Die Statuen sind die Reviermarken der Banden, nichts anderes", sagt er. "Die einen nehmen Padre Pio, die anderen haben sich Jesus aufgestellt. Warum die Statuen so gepflegt sind? Eine Frage des Prestiges. Aber sie vergessen, dass sie Gott und die Heiligen durch ihre Lebensweise verraten haben."

Er hat sich die Brille ins speckige Haar geschoben und sieht jetzt aus, als hätte er vor vielen Jahren Ähnlichkeit mit Al Pacino gehabt. Vor seinem Pfarrbüro hängen

zwei Zettel. Die Kurve mit der Zahl der Kommunionen fällt. Die Kurve der Beerdigungen geht steil nach oben. Es sieht aus wie eine Bilanz.

Auf dem Flur warten Mütter auf ihn, neben sich ihre unwirklich blühenden Töchter, und er weiß, wie die Mädchen bald aussehen werden. Dann lässt er sich berichten, dass es mit den Hausaufgaben besser geworden ist, und versucht nicht daran zu denken, dass es keinen Unterschied mehr macht. Der größte Arbeitgeber in Scampia ist die Camorra.

Die Jungen in seinen Gruppen werden eines Tages schweigsamer und verschwinden bald darauf. Irgendwann wird er ihre Gesichter in der "Cronache" wiedersehen.

Siciliano hätte sich schon oft versetzen lassen können. Er macht weiter. Organisiert Ausflüge ans Meer, Kleidersammlungen, Bibelstunden. Seine Kirche betreibt er mit 89 805 Euro und 20 Cent im Jahr. Der Di-Lauro-Clan macht eine halbe Million am Tag. Der Priester sagt: "Ich kenne die kleinen Anführer. Sie waren in meiner Kommunionsklasse. Mancher war in der Schule eine Null. Erst die Camorra hat aus ihm etwas gemacht. Jetzt betreibt er Geschäfte bis nach China. Das Schlechte hat etwas entwickelt, was dem Guten nicht hat gelingen können." Er will nicht mehr davon reden. Es schmerzt ihn im Innersten. "Die Kirche kann das anprangern. Natürlich", er atmet hörbar aus, zieht den Kopf zwischen die Schultern, breitet die Arme aus, "die Möglichkeiten sind begrenzt. Wenn ich mit einem unter vier Augen rede, sagt er mir, er habe keine Wahl. Das Töten sei Notwehr. Neulich hat mir einer gesagt, er wisse nicht mehr weiter." Und dann? "Dann haben sie ihn umgebracht." An der Nachbarkirche war eines Morgens ein Zettel angeschlagen gewesen, eine Namensliste. In den nächsten Wochen wurde sie von den Killern Di Lauros abgearbeitet.

Eine Umfrage unter den Insassen des Gefängnisses von Secondigliano hat ergeben, dass 60 Prozent der Camorristen an Gott glauben und beten. 40 Prozent konnten keinen Widerspruch darin erkennen. "Die Camorra entsteht", sagt der Priester Siciliano, "weil es keine Autorität gibt. Wenn es keine Regeln des Staates gibt, die das Leben regeln, dann machen wir uns die Regeln. Hier bei uns gibt es zum Beispiel keinen Raub. Weil sie das Kommando haben und nicht der Staat. Kleinkriminelle sind nicht zugelassen. Wenn ein Junge eine Tasche klaut, wird er sofort zum Anführer gebracht. Die, die wissen, zu wem sie gehören, können ihr Auto ruhig auf der Straße stehen lassen."

Es gebe keinen Ausweg, sagt er. Die Droge hat alles schlimmer gemacht. Niemandem wäre es früher eingefallen, eine Leiche in Zellophan einzuwickeln. Einen Kopf abzuschneiden. Oder Mütter hinzurichten. Die Camorra war nicht die Mafia. Sterben war das Allerletzte.

"Es gibt", sagt Vittorio Siciliano, "ein Gleichgewicht zwischen der Camorra und der Polizei. Niemals wird ein Polizist umgebracht." Er hält kurz inne. "Normalerweise. Wir alle schließen die Augen, solange kein Blut fließt. Das Einzige, was Eindruck macht, ist das Blut. Basta!"

In der Seitenkapelle des Doms hält Don Vincenzo jetzt die Phiole gegen das Kerzenlicht. Er schwenkt und dreht das Glas einige Male, wie bei einer Weinprobe. Die bernsteinartige Masse im Innern hat sich ausgewölbt, beginnt zu rutschen. Das Wunder ist da. Niemanden scheint es zu überraschen, am wenigsten Don Vincenzo.

Die Menschen im Dom drängen nach vorn, jedem wird das Silbergefäß zum Kuss hingereicht. Mancher schaut prüfend, andere haben tränenverschleierte Augen und drücken Mund und Stirn gegen das Glas. Jedes Mal danach wischt Don Vincenzo die Scheibe mit einem Kleenex ab. Das Blut ähnelt inzwischen in Farbe und Konsistenz altem Balsamico-Essig.

Anfang der Neunziger erschien in der Fachzeitschrift "Nature" der Aufsatz "Working bloody miracles". Danach sei das Märtyrerblut mit hoher Wahrscheinlichkeit eine kolloidale Aufschwemmung aus in Wasser gelöstem Eisenhydroxid mit Kochsalz, ein sogenanntes Thixotrop, das beim Schütteln vom festen in den flüssigen Zustand übergehen kann. Ketchup ist auch ein Thixotrop.

Auch im 14. Jahrhundert hätte solche Substanz hergestellt werden können, aus Eierschalen, Salz, Wasser und einem bestimmten Mineral, das in Vulkanasche zu finden ist, besonders an den Hängen des Vesuvs. "Ich habe keine Erklärung für das Phänomen", sagt der Priester. Oft sei die Ampulle stundenlang bewegt worden, ohne dass sich in ihr etwas geregt hätte. Vielleicht ist als letzter Katalysator eine bestimmte Luftfeuchtigkeit nötig, wie sie durch mehrstündiges Beten in einer Seitenkapelle ohne Aircondition zu erreichen ist. "Es ist allein schon ein Wunder", meint der Prälat, bevor er wieder zurückfährt zur Akademie, "dass die Neapolitaner den Kult so lange bewahrt haben." Für eine kolloidale Aufschwemmung vergießt man keine Tränen.

Das Wunder kam, das Warten geht weiter. In Scampia, dem Camorra-Viertel am Stadtrand, wird am nächsten Tag niemand tot zwischen den Wohnblöcken liegen. Und hinter den zerborstenen Fensterscheiben der Staatlichen Vorschule Carlo Levi wird Blockflöte geübt. Nur auf dem staubigen Rasen vor der Schule, wo sich die Junkies treffen, liegen Einwegspritzen, überall, es sind Hunderte, der Boden ist voll davon. Und ganz vorn in den Spritzen sind dunkle Klumpen zu sehen. Sehr gewöhnliches Blut, geronnen und unerträglich echt.


DER SPIEGEL 27/2005
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