04.07.2005

Jan ist müde im Kopf

Von Großekathöfer, Maik und Hacke, Detlef

Der fünfmalige Tour-de-France-Sieger Eddy Merckx über das letzte Duell Lance Armstrong gegen Jan Ullrich, die Gier zu gewinnen und die Leere nach dem Karriereende

SPIEGEL: Monsieur Merckx, wer gewinnt die Tour de France?

Merckx: Lance Armstrong.

SPIEGEL: Warum nicht Jan Ullrich? Schließlich hat er sich so gut vorbereitet wie selten und ein "monumentales Rennen" angekündigt.

Merckx: Es wäre natürlich schön, wenn die Tour spannender würde als voriges Jahr. 2004 war Armstrongs Dominanz ja beängstigend. Aber Jan wird ihn auch dieses Mal nicht schlagen.

SPIEGEL: Was macht Sie da so sicher?

Merckx: Ich habe Armstrong im Juni bei der Dauphiné Libéré in Frankreich erlebt, und ich habe Ullrich bei der Tour de Suisse gesehen. Ich denke, Armstrong ist einfach besser in Form. Außerdem beendet Lance nach der Tour seine Karriere, und er will unbedingt als Sieger abtreten. Sein Ehrgeiz ist grenzenlos, er liebt diesen Kick, es allen zeigen zu wollen. Denn sollte er verlieren, kann es passieren, dass man sich eher an diese Niederlage erinnert als an seinen Rekord von sechs Siegen nacheinander.

SPIEGEL: Aber Armstrong scheint rennmüde zu sein. Den Rücktritt hat er bereits im April angekündigt. Er sagte, er merke, dass sein "Körper nicht mehr endlos mithalten" könne. In Frankreich fährt er angeblich nur noch, weil ihn der Vertrag mit dem neuen Teamsponsor Discovery Channel dazu zwingt.

Merckx: Vorigen Monat hat er mich kurz vor meinem 60. Geburtstag zu Hause in Belgien besucht, und wir haben ein wenig zusammen auf dem Rad trainiert. Immer wieder sagte er: "Noch einmal bei der Tour alles geben, dann ist es vorbei." Für ihn ist völlig klar: Er wird gewinnen. Seitdem bin ich davon überzeugt, dass er als Champion die Bühne verlässt.

SPIEGEL: Hat Armstrong bei Ihrem gemeinsamen Ausflug über Ullrich gesprochen?

Merckx: Nein, er hat ihn mit keinem Wort erwähnt.

SPIEGEL: In Armstrongs Mannschaft wird von jeher alles dem Ziel untergeordnet, dass er am Ende Paris im Gelben Trikot er-

reicht. Nun hat Ullrichs T-Mobile-Team erstmals Erik Zabel, den sechsmaligen Gewinner der Sprintwertung, zu Hause gelassen, um sich ganz auf die Gesamtwertung zu konzentrieren. Ist die Tour nur noch mit diesem System zu gewinnen?

Merckx: Nein. Ich halte es sogar für einen Fehler, dass Zabel nicht nominiert wurde. Er ist ja nicht bloß ein Sprinter, sondern ein vollwertiger Radrennfahrer, eine Persönlichkeit, ein Kämpfer, der seinem Team in wichtigen Momenten gute Dienste hätte erweisen können. Seine Erfahrung wäre auf jeden Fall hilfreich gewesen.

SPIEGEL: An Spitzenpersonal mangelt es T-Mobile auch ohne Zabel nicht. An Ullrichs Seite fahren Andreas Klöden, der Zweite von 2004, und Alexander Winokurow, Dritter 2003. Armstrong muss auf alle achten und bei jeder Attacke hinterherjagen. Wenn sie das abwechselnd versuchen, könnten sie ihn dann zermürben?

Merckx: Nein. Wenn etwa Winokurow an einem Tag drei Minuten auf Armstrong gewinnt, er aber am nächsten Tag wieder drei Minuten verliert, weil diesmal Klöden attackiert, dann stört das Armstrong überhaupt nicht. Am Ende wird es darauf ankommen, dass Ullrich es schafft, Armstrong im Gebirge abzuhängen. Im Duell Mann gegen Mann. Das ist schwer genug.

SPIEGEL: Die Chance, seinen amerikanischen Dauerrivalen zu besiegen, kommt für Ullrich nie wieder. Wird ihn das nicht zusätzlich anspornen?

Merckx: Sicher, aber Jan ist nicht mehr der unbekümmerte Jungprofi von 1997, als er mit nur 23 Jahren triumphiert hat. Damals hatte niemand einen Sieg von ihm erwartet. Ich glaube, Jan ist inzwischen müde im Kopf.

SPIEGEL: Nach Ullrichs Erfolg haben Sie gesagt, er sei ein "Jahrhunderttalent" und könne die Tour öfter gewinnen als Sie selbst. Sind Sie von ihm enttäuscht?

Merckx: Natürlich. Ich war mir damals sicher, angesichts seiner Überlegenheit. Er war so eindrucksvoll. Zumal ich ihn schon einzigartig fand, als ich ihn 1993 kennen lernte. Er wurde damals in Oslo Amateur-Weltmeister. Aber er kann dem Druck einfach nicht standhalten, und ihm fehlt vor allem die nötige Motivation.

SPIEGEL: Ullrich will nun mal nicht das ganze Jahr für den Radsport leben. Können Sie das nicht verstehen?

Merckx: Nein, nicht im Geringsten. Man ist ja nur zehn Jahre ernsthaft Sportler, so viel Disziplin sollte man schon haben, dass man sich da beherrscht. Natürlich gibt es im Leben noch etwas anderes als Radrennen, und ich habe auch nicht gelebt wie ein

Priester. Ich habe auch mal Druck abgelassen - aber nicht einen Monat lang. Ich neigte auch dazu, schnell Gewicht zuzulegen. Wenn ich im Winter auf die Waage gestiegen bin und feststellte, dass ich ein paar Kilo zu viel habe, wurde ich ganz verrückt.

SPIEGEL: Und wie haben Sie das Problem in den Griff gekriegt?

Merckx: Dann habe ich mein Rad genommen und in der Sauna auf der Rolle trainiert. Nicht bei 100 Grad, aber bei 45. Ullrich ist nicht fähig, sich angemessen zu verhalten. Talent allein reicht nicht. Wenn man nicht hart arbeitet, dann schafft man es nun mal nicht nach ganz oben.

SPIEGEL: Walter Godefroot, der Chef des T-Mobile-Teams, ist ein alter Freund von Ihnen. Klagt er Ihnen schon mal sein Leid über Ullrich?

Merckx: Häufig. Wir treffen uns regelmäßig und telefonieren oft. Er sagt immer: "Jan hat unglaubliche Fähigkeiten, aber er hört einfach nicht auf mich, er hört nicht." Da stelle ich mir die Frage, ob Ullrich überhaupt Radrennfahrer werden wollte.

SPIEGEL: Wie meinen Sie das?

Merckx: Ist er Radfahrer geworden, weil er das Radfahren wirklich mochte? Oder ist er es nicht eher geworden, weil das System in der DDR es von ihm verlangt hat? Bei ihm wurde ein Talent zum Radfahren entdeckt, also musste er zum Wohle des Staates fahren, er konnte sich nicht dagegen wehren. Sport muss einem jungen Menschen Spaß machen. Für mich war Radfahren immer eine Leidenschaft, das Schönste auf der Welt. Ich denke, bei Ullrich war viel Zwang dabei. Jan ist ein netter Kerl, aber ihm fehlt dieser zerstörerische Ehrgeiz, wie ihn Armstrong besitzt.

SPIEGEL: Warum hat er ihn nie entwickelt?

Merckx: Jan hat früh mit dem Radsport begonnen, und die Anforderungen waren von Anfang an sehr hoch. Er musste gewinnen. Aber man bezahlt irgendwann dafür, wenn man zu früh dem Stress des Leistungssports ausgesetzt wird. Dann akzeptiert die Psyche diese Härte nicht mehr, die Gier zu gewinnen lässt nach. Dann hört man auf, oder man wird bequem. So wie Jan. Ich kann mir gut vorstellen, dass er sich gesagt hat: Ich kann ganz ordentlich Rad fahren, werde ich eben Radprofi. Er hat nicht diese Leidenschaft, daher sind die Opfer zu groß für ihn.

SPIEGEL: Godefroot hat ihm vergangenes Jahr während der Tour vorgeworfen, er sei "keine Bestie, kein Killer".

Merckx: Und Walter hat recht. Es ist möglich, abseits des Sports ein braver Mensch zu sein und auf dem Rad eiskalt und brutal. Jan ordnet sich unter. 2004 war er bereit, bei der Tour für Klöden zu fahren, weil der besser in Form war. So etwas würde Lance nie tun. Jan sagt gern, er sei mit dem zweiten Platz zufrieden. Ich weiß nicht, was das soll. Klar muss man akzeptieren, wenn der andere besser war. Aber

man muss eben auch analysieren, warum man besiegt wurde, und dann versuchen, eine erneute Niederlage zu vermeiden. Ich habe aus jeder Niederlage gelernt, Jan tut das nicht.

SPIEGEL: Man kann lernen, auf dem Rad ein Killer zu sein?

Merckx: Absolut. Es ist nicht schwer, sich ständig das Ziel vor Augen zu führen, Erster sein zu wollen. Als ich Lance Armstrong kennen gelernt habe, war er noch kein Killer.

SPIEGEL: Wann lernten Sie ihn kennen?

Merckx: Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona, damals fuhr er ein Rennrad aus meiner Fabrik. Gleich danach ist er Profi im Motorola-Team geworden, das ich damals ausgerüstet hatte. Im Jahr darauf wurde er Profi-Weltmeister und fuhr mit meinem Sohn Axel bei Motorola - wieder auf einem meiner Räder.

SPIEGEL: Ahnten Sie damals bereits, dass er das Zeug hat, die Tour sechsmal zu gewinnen?

Merckx: Nein, niemand tat das. Er war ein bulliger Kerl, kräftig, wild, zu schwer für steile Anstiege, der typische Fahrer für Eintagesrennen oder Flachetappen. Und er lebte nicht konsequent für den Sport. Er trank schon mal gern und ernährte sich nicht immer gesund. Gegen das eine oder andere Bier ist ja nichts einzuwenden, aber er kontrollierte sich nicht so extrem. Die Krebserkrankung hat seine ganze Lebensweise verändert. Heute ordnet er alles dem Erfolg unter.

SPIEGEL: Armstrongs Image ist das eines kalten Perfektionisten, ehrgeizig, rücksichtslos und nur am eigenen Ziel orientiert. Ist er privat auch so?

Merckx: Nein. Wenn er in den letzten Jahren nach der Tour in Belgien Kriterien gefahren ist, hat er manchmal bei mir gewohnt. Die Treffen sind immer sehr gesellig. Er schätzt die Kochkünste meiner Frau, besonders mag er ihr Risotto. Ich stelle eine gute Flasche Rotwein auf den Tisch, und wir reden über unsere Familien und Kinder, weniger übers Radfahren. Einmal blieb er eine ganze Woche bei uns zu Hause, manchmal aber höre ich zwei Monate lang nichts von ihm.

SPIEGEL: Waren Sie überrascht, als er am 18. April seinen Rücktritt ankündigte?

Merckx: Nein, ich wusste es schon vorher. Zwei Wochen vor seiner Pressekonferenz, am Abend nach der Flandern-Rundfahrt, haben wir zusammen gegessen, und er sagte es mir. Ich habe ihm davon abgeraten, auf diese Weise aufzuhören. Aber die Leute, mit denen er arbeitet, hatten ihn überzeugt, es so zu machen.

SPIEGEL: Was ist an dieser Vorgehensweise falsch?

Merckx: Ich wäre die Tour gefahren - und hätte es erst im Ziel verkündet. So wissen alle, dass dies seine Abschiedstour ist, und auf ihm lastet noch mehr Druck. Seine Gegner werden ihn jetzt erst recht bezwingen wollen.

SPIEGEL: Finden Sie es überhaupt richtig, dass er aufhört?

Merckx: Ich kann ihn verstehen. Als ich 1978 von heute auf morgen vom Rad stieg, war ich mit knapp 33 Jahren fast so alt wie Lance heute. Ich war ausgebrannt damals. Immer der gejagte Favorit zu sein laugt dich irgendwann aus. Die anderen fahren nicht mehr allein, um zu gewinnen, sondern auch, damit du verlierst. Wenn jeder Sieg Missfallen hervorruft, macht es irgendwann keinen Spaß mehr. Manchmal lagen meine Nerven blank, so groß war die Anspannung. Und vergessen Sie nicht: Lance hat eine schwere Krebserkrankung überlebt, das hat Spuren hinterlassen.

SPIEGEL: Sie klingen so, als sei Armstrong sogar froh, wenn seine Karriere vorbei ist.

Merckx: Ja. Das Radrennfahren wird ihm sicher fehlen, aber das ganze Drumherum kann er nicht mehr ertragen: zum Siegen verdammt zu sein, ständig durch Europa zu reisen, weit weg von seinen drei Kindern.

SPIEGEL: Armstrong ist der erfolgreichste Tour-Fahrer aller Zeiten, aber ist er auch der Größte des Radsports?

Merckx: Sie meinen, ob er größer ist als ich? Ich lehne solche Vergleiche ab. Zu viel hat sich verändert im Radsport. Ich bedauere es, dass die großen Champions wie Armstrong und Ullrich nur noch auf die Tour de France Wert legen. Wenn alle so dächten, brauchte man nur noch ein Radrennen zu organisieren. Meine Karriere bestand nicht nur aus der Tour de France, ich wollte möglichst viele Rennen gewinnen. Ich bin vielleicht der Beste zu meiner Zeit gewesen, und Lance ist es zu seiner - mehr nicht.

SPIEGEL: Trotz seiner Erfolge ist Armstrong unbeliebt. Warum?

Merckx: So ist die Mentalität der Franzosen eben, sie schlagen sich lieber auf die Seite des Verlierers. In Frankreich war ich niemals populärer als 1975, als ich nach fünf Siegen die Tour wieder verlor ...

SPIEGEL: Damals schlug Ihnen ein Zuschauer am Straßenrand auf die Leber. Von dem Hieb erholten Sie sich nicht mehr. Würden die Franzosen Armstrong ins Herz schließen, wenn er verlöre?

Merckx: Nein, ich glaube nicht, dass sich dadurch etwas verändern würde. Zu spät.

SPIEGEL: Nachdem Sie endgültig vom Rad gestiegen waren, gerieten Sie in eine persönliche Krise. Was raten Sie Armstrong, damit ihm nicht das gleiche Schicksal widerfährt?

Merckx: Er muss sich neue Ziele stecken. Mit 33 ist man ja nicht alt. Man kann sich nicht für den Rest seines Lebens zurücklehnen - selbst wenn man genug Geld verdient hat.

SPIEGEL: Plant Armstrong bereits konkret für das Leben nach der Karriere?

Merckx: Ich glaube nicht. Vielleicht wird er seine Freundin Sheryl Crow auf Tournee begleiten.

SPIEGEL: An der Seite einer Popsängerin den größten Fan zu spielen klingt nicht nach einer lebensfüllenden Aufgabe.

Merckx: Nein. Es wird ihm vielleicht helfen, erst einmal Abstand zum Radsport zu gewinnen. Ich hatte mir immer gesagt: Wenn ich mal aufhöre, fliege ich mit meinen Kindern nach Florida ins Disney World.

SPIEGEL: Und?

Merckx: Wir waren drei Wochen dort. Dann beschloss ich, Radfabrikant zu werden.

SPIEGEL: Monsieur Merckx, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Der Kannibale

wurde Eddy Merckx in seiner Laufbahn als Radrennprofi wegen seines unbändigen Hungers auf Siege genannt. Der Belgier gilt als erfolgreichster Fahrer aller Zeiten: Er gewann fast 600 Rennen, darunter jeweils fünfmal die Tour de France und den Giro d'Italia. Beim Frühjahrsklassiker Mailand-San Remo triumphierte er gleich siebenmal. 1979, ein Jahr nach seinem Rücktritt vom Radsport, setzte ihm der Zeichner Albert Uderzo ein Denkmal: Der Eilbote in dem Comic "Asterix bei den Belgiern" trägt unverkennbar seine Züge. Merckx, 60, der in Meise nahe Brüssel lebt, betreibt seit 1980 eine Fahrradfabrik. Sein Sohn Axel startet bei der Tour de France für das belgische Team Davitamon-Lotto.


DER SPIEGEL 27/2005
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