SPIEGEL: Sie prognostizieren eine dramatische Aufheizung der Atmosphäre, ausgerechnet, weil wir die Umwelt schützen. Wieso das?
Andreae: Der Mensch jagt durch Industrie, Verkehr oder das Verbrennen von Biomasse große Mengen von Aerosolen aus Ruß- und Abgaspartikeln in die Luft. In höheren Regionen werfen diese einerseits Sonnenstrahlen zurück ins All, andererseits lassen sie Wolken entstehen. Beides kühlt den Planeten ab. Je mehr wir nun den Ausstoß von Aerosolen verringern, indem wir Filter in Kraftwerke und Autos einbauen, desto stärker wird die globale Klimaerwärmung ausfallen.
SPIEGEL: Was heißt das konkret?
Andreae: Die heutigen Klimamodelle sprechen von einer Erwärmung des Planeten von 1,5 bis 5,8 Grad in diesem Jahrhundert. Der Einfluss der Aerosole ist in ihnen aber nicht ausreichend enthalten. Es ist deshalb sehr wahrscheinlich, dass der Treibhauseffekt über sechs Grad ausfällt. Das wäre dramatisch. Wir sitzen gewissermaßen in einem Ferrari, geben Vollgas und treten gleichzeitig auf die Bremse. Wenn wir die Bremse loslassen, also den Ausstoß von Abgaspartikeln reduzieren, prescht die Menschheit mit Rekordtempo in die Erwärmung.
SPIEGEL: Rechnen Sie mit weiteren Überraschungen?
Andreae: Das ist durchaus möglich. Zum Beispiel können wir jetzt erstmals einen anderen Effekt einigermaßen berechnen, der den Treibhauseffekt verstärkt: Durch die Erwärmung der Erde arbeiten die Mikroben in den Böden, vor allem in Waldgebieten Sibiriens oder Alaskas, schneller und setzen größere Mengen des Treibhausgases Kohlendioxid frei als bislang gedacht. Dieses Ergebnis ist ein Warnruf an die Forschung, aber auch an Politik und Gesellschaft. Wir können mit Gegenmaßnahmen nicht mehr warten, bis wir diese Effekte zweifelsfrei bis auf die letzte Stelle hinter dem Komma berechnet haben.
DER SPIEGEL 27/2005
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