04.07.2005

NATIONALSOZIALISTENZyankali in der Zahnlücke

Heinrich Himmler starb 1945 in britischem Gewahrsam. Laut neuen Papieren, deren Echtheit nicht erwiesen ist, wurde der SS-Chef von den Engländern umgebracht.
Der schmächtige Mann mit der Augenklappe in der abgerissenen Uniform sah erschöpft aus, als er am 23. Mai 1945 das Büro von Tom Selvester, Kommandant des Vernehmungslagers Nr. 31 der britischen Armee bei Lüneburg, betrat. Ein Kontrollposten hatte den Deutschen und seine zwei Begleiter festgenommen, und da die drei darauf bestanden, dem kommandierenden Offizier vorgeführt zu werden, hatte man sie zu Selvester gebracht. Der Offizier Seiner Majestät schickte die Begleiter des Schmächtigen hinaus. Kaum hatten sie den Raum verlassen, nahm der Gefangene die Augenklappe ab und setzte eine Brille auf. Mit leiser Stimme sagte er: "Heinrich Himmler."
Wochenlang hatten die Briten nach dem SS-Chef gefahndet, der für die Ermordung von Millionen Menschen verantwortlich war. Noch am gleichen Abend brachten Geheimdienstoffiziere den prominenten Nazi in das Vernehmungszentrum in der Uelzener Straße 31a in Lüneburg. Dort sollte er besonders gründlich untersucht werden, da die Briten fürchteten, dass er Gift am Körper tragen und sich das Leben nehmen könnte. Als ein Arzt ihm in den Mund griff, drehte Himmler plötzlich den Kopf zur Seite und zerbiss die Zyankali-Kapsel, die in einer Zahnlücke verborgen war. Er starb nach wenigen Minuten.
So lautet zumindest die offizielle Version, die die Briten verbreiten ließen und die von mehreren Zeitzeugen in den letzten 60 Jahren bestätigt worden ist. Zwar gab es manche Widersprüche in den Darstellungen: Himmlers Begleitern zufolge wurden sie und ihr Chef am 21. und nicht am 23. Mai verhaftet; mal hieß es, Himmler habe dem Arzt in die Finger gebissen, dann wieder wurde berichtet, er habe sich mit dem ganzen Körper weggedreht, ehe er das tödliche Gift schluckte.
Auch fiel auf, dass der Leichnam rasch südlich von Lüneburg an einem bis heute unbekannten Ort begraben wurde. Doch ernsthafte Zweifel sind an der Selbstmordversion nie laut geworden.
Das könnte sich jetzt ändern. Denn im britischen Nationalarchiv sind bislang unbekannte Dokumente aufgetaucht, deren Authentizität das Archiv jetzt prüfen lässt. Und wenn die Quellen echt sind, wurde Himmler vom britischen Geheimdienst liquidiert.
Am 10. Mai 1945, zwei Tage nach der deutschen Kapitulation, schrieb den Papieren zufolge der Deutschland-Kenner John Wheeler-Bennett, später ein berühmter Historiker, damals Mitarbeiter des britischen Außenministeriums, an den Propagandaexperten Robert Bruce Lockhart, er habe über die Situation mit dem "kleinen H" nachgedacht. Man könne "es nicht zulassen", dass Himmler "vor irgendeinem Gericht aussage" oder "von den Amerikanern vernommen" werde. Also sei es nötig, alles einzuleiten, "um ihn zu eliminieren, sobald er in unsere Hände fällt". Auf dem Dokument findet sich der Satz "I agree" mit den Initialen von Lockhart.
Als Wheeler-Bennett die Ermordung Himmlers vorgeschlagen haben soll, hatte sich dieser bereits verkleidet und war mit falschen Papieren von Flensburg aufgebrochen, wo sein Hauptquartier lag, um nach Bayern zu fliehen.
Am 24. Mai meldete dann - so steht es in einer weiteren Unterlage - ein "Mr. Thomas" aus Bremen an Lockhart, dass man befehlsgemäß "H. H. gestern nacht in Lüneburg" abgefangen habe, bevor er habe verhört werden können. Wie befohlen seien Schritte unternommen worden, "um ihn für immer zum Schweigen zu bringen". Dem Schreiben zufolge befahl Thomas, über seine Anwesenheit in Lüneburg nichts Schriftliches zu hinterlassen. Lockhart gab angeblich Order, eine Kopie der Meldung Premierminister Winston Churchill vorzulegen.
Spektakulär erscheint auch das Schreiben von Churchills Informationsminister Brendan Bracken vom 27. Mai 1945 - wenn es sich denn um ein Original handelt. Bracken notierte angeblich, dass "eine vollständige Nachrichten-Sperre" über die "genauen Umstände" von Himmlers Tod absolut notwendig sei. Sollte nämlich bekannt werden, dass die Briten an Himmlers Ende beteiligt gewesen seien, würde dieses "vernichtende Auswirkungen auf das Ansehen dieses Landes" haben. Auf keinen Fall dürften die Amerikaner erfahren, "dass wir ,Kleines H' ausradiert haben".
Ein ehemaliger CIA-Mitarbeiter, der Lockhart gekannt hat, hält die Papiere aufgrund derartig drastischer Formulierungen für "schlechte Desinformation" - doch wer hat daran ein Interesse?
Sicher ist: Sollten sich die Papiere als Fälschung erweisen, die Unbekannte im Nationalarchiv deponiert haben, stünde die ehrwürdige Institution vor einem der größten Skandale ihrer Geschichte.
Anlass zu Misstrauen gibt es genug: Lockhart war Propaganda-Experte und nicht zuständig für Anschläge. Auch zweifeln Experten an den Unterschriften. Vor allem aber stellt sich die Frage, was die Briten unbedingt vor den Amerikanern verbergen wollten? Bislang gibt es darauf keine plausible Antwort.
Manche Historiker glauben, dass es Friedensverhandlungen zwischen Himmler und London gegeben habe - peinlich für die Briten. Einige Indizien legen tatsächlich nahe, dass der SS-Chef entsprechende Versuche unternommen hat. Dagegen spricht jedoch, dass sich kein alliierter Politiker Hitler gegenüber so unnachgiebig zeigte wie Premier Churchill. Frieden mit den Nazis kam für ihn nicht in Frage. KLAUS WIEGREFE
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 27/2005
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