DER SPIEGEL



KINO

Der Mörder und die Frauen

Von Höbel, Wolfgang

Seit Patrick Süskind vor 20 Jahren im Roman "Das Parfum" die Geschichte eines mörderischen Genies erzählte, träumt Produzent Bernd Eichinger von der Verfilmung des Stoffs. Nun hat er mit Regisseur Tom Tykwer die Dreharbeit begonnen: in den Lavendelfeldern der Provence.

Es ist Mitternacht und stockfinster im Garten des Hotels hoch droben auf dem Hügel über dem Kurort Gréoux les Bains, ein müder Wind lässt die Blätter rascheln, selbst die Zikaden der Provence scheinen um diese Zeit endlich ermattet zu sein und zirpen nur noch in Flüsterlautstärke - doch in genau diesen Minuten wird zwischen den Büschen im Hotelgarten über eine große Liebesgeschichte entschieden.

Im Funzellicht der plötzlich aufglimmenden Lampe einer Videokamera sieht man, wie sich der rotlockige Kopf einer jungen Frau an die Brust eines Kerls schmiegt, wie seine schmutzverkrusteten Finger ihren porzellanweißen Hals streicheln, und man hört, wie er zärtlich Koseworte ins Ohr seiner Partnerin brummt - doch eine Viertelstunde später hält der Schuft schon eine andere im Arm: Auch sie ist rothaarig, weißhäutig und reicht ihm bis knapp unters Kinn. In ihrem Gesicht aber steht ein Schalk, der zeigt, dass sie cleverer, abgebrühter, eben ein paar Jahre älter ist als ihre Rivalin.

"Die sind beide toll, aber es gibt nur eine, die für uns die Richtige ist - und ich weiß jetzt, welche", sagt der Filmproduzent Bernd Eichinger mit einer Stimme, der man die vielen Zigaretten eines langen Drehtages anhört. Die Lampe verlischt, der Schauspieler Ben Whishaw und die beiden rotgelockten jungen Frauen werden mit aufmunternden Worten (er) und Wangenküssen (die Mädchen) verabschiedet. Dann geht Eichinger in seinem zerknautschten blauen Sakko ein paar Schritte ins Nachtdunkel des Hotelgartens hinein und fasst den Regisseur Tom Tykwer am Arm.

Eichinger hört zu. Seine wie immer in Turnschuhen steckenden Füße zappeln ein bisschen auf dem Rasen herum, sein Rücken ist durchgedrückt, den Kopf beugt er leicht nach vorn. Er wirkt wie ein Kunstlehrer, der seinen Lieblingsschüler das Einmaleins der Farbenlehre aufsagen lässt. Er nickt einmal, zweimal, sagt ein paar schnarrende Sätze - und dann ist klar,

dass nicht die Französin Héloïse Adam, sondern die deutsche Schauspielerin Karoline Herfurth die große Liebe im Leben des Jean-Baptiste Grenouille verkörpern darf.

Es ist der zweite Tag der Dreharbeiten für "Das Parfum", nach zweieinhalb Jahren Vorbereitungszeit klären Eichinger und Tykwer mitten in der Nacht die letzte wichtige Besetzungsfrage, die mit den Aufnahmen hier in der Provence gar nichts zu tun hat, "weil wir die Mädchen und unseren Helden zusammen sehen mussten", wie Tykwer erklärt: Vorher habe es keine Möglichkeit gegeben, den Grenouille-Darsteller Ben Whishaw und Herfurth oder Adam zu gemeinsamen Tests zu bitten, um herauszubekommen, "ob etwas zu spüren ist zwischen den beiden, ob man sich vorstellen kann, dass eine Liebesgeschichte zwischen ihnen entstehen könnte".

Die Geschichte, die sich zwischen Grenouille und dem Mädchen anbahnen könnte, wird mit einem Mord enden; dem ersten im ziemlich kurzen Leben des Helden, der gut zwei Dutzend junge Frauen umbringen und die schönsten und wohlriechendsten Parfums der Welt zusammenbrauen wird. "Er ist ein Kerl, den man liebt, obwohl er alle Grenzen der Moral überschreitet", sagt Tykwer über den scheinbar absolut herzenskalten Romanhelden Jean-Baptiste Grenouille, mit dem der Schriftsteller Patrick Süskind ein riesiges Publikum in aller Welt verzückte. Seit 1985, dem Erscheinungsjahr, wurden mehr als 15 Millionen Exemplare des Buchs verkauft.

Für Eichinger und Tykwer geht es um viel. Sie müssen den Zauber einer Story einfangen, die im Frankreich des 18. Jahrhunderts spielt, zu der jeder Leser eigene Bilder im Kopf hat und die noch dazu von Düften und Gerüchen handelt, sehr flüchtigen Dingen also, die man nur im Ausnahmefall "in der Tat sogar mit Augen sehen kann", wie es Süskinds Held einmal gelingt. Tykwer muss zeigen, dass er seinen Stilwillen, den er den "Zug zum Extremen" nennt, auch auf eine historisch-literarische Vorlage verpflanzen kann; Eichinger will

mit einem Budget-Einsatz von 50 Millionen Euro natürlich zuallererst den Triumph an der Kinokasse.

Lange sah es so aus, als werde die Geschichte nie auf der Kinoleinwand zu sehen sein - denn der Autor (der begabt darin ist, sich selbst als ähnlich weltabgewandten Schrat darzustellen wie seinen Helden Grenouille) lehnte den Verkauf der Filmrechte jahrelang strikt ab.

Das enttäuschte nicht nur allerlei Bewerber aus Hollywood, sondern sorgte auch in der Münchner Filmwelt derart für Unruhe, dass der Kampf um die "Parfum"-Rechte in parodistischer Form zum Running Gag eines ganzen Films wurde: In Helmut Dietls "Rossini" aus dem Jahr 1997 spielt Joachim Król einen verschrobenen Dichter, der im Hinterzimmer des titelgebenden Künstlerlokals erstens dem Liebeslocken einer zauberhaften Kellnerin (Martina Gedeck) erliegt und zweitens einem nach Weltruhm strebenden eitlen Produzenten den immer dringlicher vorgetragenen Wunsch abschlägt, doch bitte endlich die Rechte an seinem Weltbestsellerbuch rauszurücken.

Ganz klar, da habe der "Rossini"-Drehbuchschreiber (und Dietl-Freund) Süskind sich selber und Bernd Eichinger porträtiert, sagten viele Kinobesucher - Eichinger aber winkt ab: Es sei keineswegs so gewesen, dass er Süskind regelrecht belagert habe der "Parfum"-Rechte wegen, "auch wenn ich gleich nach dem Erscheinen wusste, dass ich aus diesem Buch einen Film machen möchte. Aber ich habe den Patrick nie bedrängt. Es war eher ein freundliches Signalisieren, dass ich gern der Käufer wäre, wenn er so weit ist".

2001, im Januar, war Süskind so weit, Eichinger schlug zu und bezahlte geschätzte zehn Millionen Euro für die Rechte an Autor und Verlag. Regisseure wie Martin Scorsese, Ridley Scott und Milos Forman zeigten Interesse an einer Verfilmung. Es hätte Eichingers Ruf in Hollywood, wo er seit zwei Jahrzehnten einen Wohnsitz unterhält, glänzend aufpoliert, hätte einer dieser Großen aus dem Kino-Establishment "Das Parfum" gedreht, doch Eichinger hätte dafür wohl mehr an Geld und künstlerischer Verfügungsgewalt über den Stoff hergeben müssen, als er wollte.

"Grenouille ist kein Scheusal, sondern ein Künstler", sagt Eichinger über den "Parfum"-Helden, während er im Schatten eines mächtigen Baums an der Kreuzung

zweier Feldwege auf seinem blauen Klappstuhl sitzt und dabei zusieht, wie zwei Pferde eine altertümliche Kutsche durch den Staub ziehen.

Natürlich rede man mit vielen Regisseuren, wenn man so einen Stoff habe, murmelt Eichinger, während er in der Sakkotasche nach seinen Zigaretten kramt, aber erst bei Tom Tykwer habe er Hoffnung geschöpft, "dass wir den Charakter des Buchs in den Griff bekommen".

Das Drehbuch, das Eichinger und Tykwer gemeinsam mit Andrew Birkin geschrieben haben, halten sie unter Verschluss - aber dass ihr Grenouille mehr zu menschlichen Regungen begabt sein wird als der mitleidlose Held in Süskinds Buch, wird deutlich genug, wenn Tykwer sagt: "Er will, wie wir alle, geliebt werden."

In der Kutsche, die da über den Feldweg rauscht, sitzt das Mädchen, dem Grenouille als letztem verfällt - abermals ist sie rothaarig, abermals hat sie porzellanfarbene Haut, und weil sie von der britischen Schauspielerin Rachel Hurd-Wood, die schon in "Peter Pan" zu sehen war, gespielt wird, ist sie auch gesegnet mit besonders durchdringend strahlenden hellblauen Augen. Aber für Grenouille ist sie, wie mit einer Ausnahme all seine Opfer, nur der Nachhall auf die erste, "die einzige, mit der er wirklich hätte Erfüllung finden können", wie Tykwer sagt.

Es sei "schon ein großer Augenblick", raunzt Eichinger und zwinkert mit beiden Augen, als blende ihn plötzlich das Sonnenlicht, "da hat man so lange über einen Film nachgedacht - und dann sitzt du plötzlich hier an der Weggabelung und es geht endlich los". "Du bist doch sonst nicht so emotional", sagt Tykwer.

Vielleicht am schlimmsten gequält haben sich die beiden mit der Frage, wer die Hauptrolle spielen soll. Zuerst wollten sie einen Hollywood-Star. Einen aus der Liga von Dustin Hoffman (der in einer Nebenrolle im "Parfum" mitspielt, in der Provence aber noch nicht dabei ist), nur 40 Jahre jünger. Orlando Bloom war zuerst im Gespräch, richtig ernst aber wurde es mit Leonardo DiCaprio, der halb zusagte und dann doch zurückzuckte, vielleicht, weil seine Agenten fürchteten, sein Image könnte durch die Darstellung des gruseligen Grenouille Schaden nehmen.

DiCaprio, mit dem er sich bis heute gut verstehe, "ist einer, der nicht nur dieses Strahlende gehabt hätte, sondern neben der Attraktivität auch die nötige Düsternis", sagt Tykwer ein wenig wehmütig. Für Ben Whishaw spreche, schwärmt Eichinger, "dass er das passende Alter und die geheimnisvolle Ausstrahlung hat". Der 24jährige Brite hat in einem Londoner Theater einen sensationellen Hamlet gespielt und auch schon ein paar Filmrollen hinter sich.

Whishaw ist ein kantiger, auch angemessen seltsamer und geheimnisvoll dreinblickender Bursche; und er sieht auch in Lumpen verteufelt gut aus, als er da am Rande des provenzalischen Feldwegs im Gebüsch lauert und vor dem Kameraauge verschreckt die Augen weitet, wenn das rothaarige Mädchen in der Kutsche vorbeisegelt und er ihren Duft einsaugt. "Er hat die Mischung aus Unschuld und Abgrund, nach der wir gesucht haben", sagt Tykwer.

Mehr als hundert Kandidaten allein für die Hauptrolle haben Eichinger und er geprüft und verworfen. Auch wenn der Produzent und er sehr gegensätzliche Typen seien, wie Tykwer zugibt, "sind wir doch auf ähnliche Art manisch".

Tykwer, 40, sieht ein bisschen aus wie der Leiter einer botanischen Expedition, wenn er in blauem T-Shirt und Jeans mit einem weißen, suppentellergroßen Sonnenhut auf seinem Rücken durchs Gelände stapft. Bei aller Neigung zum Grüblerischen (und obwohl er in Filmen wie "Winterschläfer" ergreifend von so schrecklichen Dingen wie dem Tod eines Kindes erzählt) ist er ein sonniger Glückskerl, der die Kritiker schon immer begeistern konnte und seit "Lola rennt" auch ein großes Publikum.

Der Produzent Eichinger dagegen gibt gern den harten Hund, redet dann unwirsch und besonders rauhkehlig, was wohl damit zu tun hat, dass er sich die Anerkennung

zumindest der Kritiker zäh erarbeiten musste. Erst jetzt, mit 56, wird er als Drehbuchautor und Produzent des Hitler-Films "Der Untergang" in den Feuilletons uneingeschränkt gefeiert und (selten) verdammt, jedenfalls aber ganz und gar ernst genommen. So deutlich spüre er den Wandel gar nicht, sagt er, im Grunde sei ihm "eh wurscht, was in der Zeitung steht".

Seine vielen früheren Hits von "Christiane F." (1981) über "Der Name der Rose" (1986) bis zu "Das Geisterhaus" (1993) oder seine eigene Regiearbeit an "Das Mädchen Rosemarie" (1996) wurden im besten Fall respektvoll besprochen. Böse Kritikerhäme gab's für seinen Millionenerfolg "Die unendliche Geschichte" (1984), damals war er 35 und hatte noch dazu einen unzufriedenen Autor am Hals, "der in jede Kamera sagte, dass ihm unser Film nicht gefiel - das war sehr unschön".

Das dürfte sich beim "Parfum" schon deshalb nicht wiederholen, weil der notorisch scheue Autor Süskind gelobt hat, sich rauszuhalten aus dem Film; weder das Drehbuch wollte er sehen noch bei den bis Mitte Oktober dauernden weiteren Dreharbeiten in München und Barcelona zu Gast sein. "Immerhin hat er mir Glück gewünscht, als wir ihn getroffen haben", erzählt Tykwer. "Hat er wirklich?", staunt Eichinger.

Er habe das Gefühl, dass es zwischen Eichinger und ihm "auch deshalb gut funktioniert", so Tykwer, "weil er mit mir so gelassen wird, dass es uns beide überrascht".

Tatsächlich vibriert Eichinger den ganzen Drehtag lang vor Anspannung und Ungeduld, als loderte ein manchmal böses, meist aber ihn bloß freundlich erhitzendes Feuer in seinem Innern.

Immer wieder springt er aus seinem Stuhl am Rande der Lavendelfelder, um einen Kamerawinkel oder den Gesichtsausdruck eines Darstellers zu korrigieren.

Zwischendurch aber bekommt er auch richtig schlechte Laune und schreit ein bisschen herum, nicht mit Tykwer, sondern mit irgendeinem Mitarbeiter in München, der einen von ihm nicht abgesegneten Pressetext in die Welt gesetzt hat und der jetzt am Handy zusammengefaltet wird.

Später nervt ihn, dass der junge Franzose, der sein Auto fährt, nicht aufgepasst hat und mehrmals falsche Abzweigungen nimmt; auch über die arrogante Fahrigkeit der Kellner in den provenzalischen Restaurants, "die zu fünft herumstehen und dich einfach ignorieren, wenn du bestellen willst", gerät Eichinger kurz in Rage.

Menschen ohne Begeisterung für ihren Job sind definitiv nicht sein Fall.

Irgendwann an diesem Nachmittag aber sitzt ein rothaariges Mädchen, es ist Rachel Hurd-Wood, neben ihm im Klappstuhl, und Bernd Eichinger ist so milde und zuversichtlich wie seit Stunden nicht.

"Alle glauben, wir drehen hier einen Film über einen amoralischen, liebesbedürftigen, monströsen Kerl", seufzt er und lacht, "aber es wird ein Film der schönen Frauen." WOLFGANG HÖBEL


DER SPIEGEL 27/2005
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