04.07.2005

KUNSTSTREITSpermaklotz im Eis

Ein Frankfurter Künstler will eine hohe Bronzestatue in die Antarktis stellen - und verklagt nun deutsche Behörden, die ihm dies verbieten wollen.
Selbstbewusst vergleicht sich der Meister mit dem bulgarischstämmigen Kollegen Christo, der zuletzt mit einer Aktion im Herzen New Yorks Furore machte: "Ich finde es spektakulärer, eine Skulptur in die Antarktis zu bringen, als orangefarbene Tücher im Central Park aufzuhängen", sagt Luzius Ziermann.
"Antarctical Sleep" heißt das Projekt, für das Ziermann, 45, eine acht Meter hohe Bronzeskulptur im Eis der Antarktis deponieren will. Die Statue, die kunstsinnige Menschen stark an Werke des italienischen Bildhauers Alberto Giacometti erinnert, aber eigentlich einer "menschlichen Spermazelle" (Ziermann) nachempfunden ist, trägt den schönen Namen "Spermatit". Schon 1994 hatte er sie für ein Jahr in den Main gestellt - "Befruchtungsversuch im Main", freute sich die "Frankfurter Rundschau" über den Coup.
Diesmal will Ziermann sie bis zum Rand mit DNA-Spuren in Form von menschlichen Haaren füllen, "um künftigen Generationen Aufschluss über das menschliche Leben zu geben", wie er sagt - und er hofft darauf, dass seine Skulptur von den Bewegungen der Eismassen ganz langsam ins Meer befördert wird. Rund 100 000 Jahre lang soll die Reise dauern.
Der Traum des Frankfurter Künstlers aber strapaziert nicht nur das menschliche Vorstellungsvermögen, er stößt auch an juristische Grenzen. Denn obwohl die Antarktis Niemandsland ist, haben sich im sogenannten Antarktisvertrag 43 Staaten zu deren friedlicher Nutzung verpflichtet. Das Umweltbundesamt in Dessau, für alle deutschen Aktivitäten in diesem Gebiet zuständig, hat Ziermann die Genehmigung verweigert, die Statue in der Antarktis zurückzulassen.
Die Begründung, es gelte, eine Verschmutzung der Landschaft zu vermeiden, erscheint ihm unverständlich: "Bei dem ganzen Müll, der schon in der Antarktis liegt, sehe ich nicht ein, dass ausgerechnet meine kleine Skulptur nicht aufgestellt werden darf - das ist die reine Willkür der Behörden."
Tatsächlich hatte Ziermann sein Projekt bereits mit einigem Aufwand vorangetrieben: Einige hundert Menschen haben ihm je 30 Euro bezahlt und Haare von sich geschickt, die er einzeln in kleine Aluminiumkapseln verpackt und im Innern seiner Skulptur versenkt hat. Fünf Euro pro Person sollen Unicef gespendet werden, der Rest ist für die Kunst.
Das Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung hatte sich bereit erklärt, den "Spermatit" mit dem Forschungsschiff "Polarstern" von Bremerhaven zur deutschen Forschungsstation "Neumayer" zu bringen. Von dort aus sollte er mit Pistenbullys im Rahmen einer ohnehin stattfindenden Expedition in die antarktischen Kottasberge transportiert und dort versenkt werden. Die Umwelt würde durch den Transport, das ist Ziermann wichtig, also nicht extra belastet.
Den Fachleuten der Umweltbehörde erscheint die Aktion nicht ganz so harmlos. Gesetzlich sei festgelegt, dass alle Tätigkeiten in der Antarktis befristet werden müssen. Einen Gegenstand gleich 100 000 Jahre dort zu lassen, sei einfach nicht vorgesehen. "Wir haben nichts gegen Kunst, aber die Antarktis ist ein sensibles Ökosystem, da kann man nicht einfach irgendetwas hineinstellen und es Jahrtausende dort lassen", sagt Karsten Klenner, Mitarbeiter im Bundesumweltamt.
Im Durchschnitt erteile seine Behörde rund 40 Genehmigungen im Jahr, meist handle es sich um Forschungsprojekte oder Abenteuerreisen. Außer dem Schöpfer einer "Bibliothek im Eis" in einem Container der Neumayer-Forschungsstation habe sich aber noch nie ein Künstler im Amt gemeldet.
Luzius Ziermann, der sein Projekt anfangs "Arche Luzius" nennen wollte und es dann doch nicht tat, "weil das klingt, als betriebe ich Selektion", hat nun eine Berliner Kanzlei beauftragt, die Bundesrepublik Deutschland zu verklagen. Das Berliner Verwaltungsgericht lehnte einen Dringlichkeitsantrag jedoch ab. Bis zum abschließenden Urteil, sagt Ziermanns Anwalt Carsten Pütger, könne es zwei Jahre dauern: "Das ist eines der absurdesten Verfahren, von denen ich je gehört habe."
Der Künstler, der die Antarktis nur von Fotos kennt, will stur bleiben und sich, falls nötig, durch die Instanzen klagen. Auf keinen Fall aber will er als Spinner gelten.
"Wir befassen uns zu wenig mit Visionen", sagt Ziermann. Im Übrigen sehe er die Freiheit der Kunst in Gefahr: "Wenn ich meine Skulptur nicht in der Antarktis aufstellen darf, kommt das einem Berufsverbot gleich." JENNY HOCH
Von Jenny Hoch

DER SPIEGEL 27/2005
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