21.02.1977

Hinterhalt am Strafraum

Mit veränderter Spieltaktik rettete sich Eintracht Frankfurt in der Fußball. Bundesliga vor dem Abstieg. Mit neuer Taktik kämpfen Borussia Mönchengladbach und Eintracht Braunschweig um den Meistertitel.
Im Kampf Mann gegen Mann erwischte es Frankfurts Nationalspieler Bernd Hölzenbein an der Mittellinie. Er humpelte verletzt vom Platz. Abwehrspieler Willi Neuberger brach nahe der Eckfahne im Zweikampf zusammen -- Muskelzerrung. Weltmeister Jürgen Grabowski wurde wegen Foulspiels am Mitteikreis verwarnt. Der Hamburger SV besiegte Eintracht Frankfurt 3:1.
Hölzenbein und Neuberger fehlten dem Frankfurter Bundesligaklub wochenlang. Die Mannschaft der Pokalsieger von 1974 und 1975 geriet in Abstiegsgefahr. Die Klubleitung engagierte einen neuen Trainer, den Ungarn Gyula Lorant. Seine erste Maßnahme: ein Wechsel des Spielsystems.
"Am Mittelkreis oder an der Eckfahne stirbt ein Fußballer umsonst", belehrte der ungarische Trainer die allzu kampfeslustigen deutschen Nationalspieler. Lorant erinnerte sich an ein System, das er früher in Ungarns Nationalmannschaft, auch im WM-Finale 1954, als Mittelläufer mitgespielt hatte. "Wir decken nicht so sehr den Mann, sondern mehr den Raum", lehrte Lorant. "Der Gegner wird nur an den wichtigsten Punkten des Spielfeldes angegriffen." Das ist eine Taktik (siehe Graphik), die derzeit den Weltfußball revolutioniert, vorgeführt besonders von deutschen und holländischen Mannschaften.
Wochenlang trimmte Lorant die Frankfurter Kicker auf ein Abwehrsystem, das fast alle Bundesligaklubs anwendeten. "Für reine Manndeckung sind Bundesligaspiele viel zu schnell geworden", erklärt Otto Knefler vom MSV Duisburg.
Spiele nach dem System der Manndeckung lösen sich in lauter Fußballer-Paare auf. Vorstopper bewachen den Mittelstürmer des Gegners, Verteidiger verfolgen ständig in Hautkontakt den gegnerischen Flügelstürmer, auch wenn der sich in den eigenen Strafraum zurückzieht. Der Außenstürmer muß wiederum dem Außenverteidiger nachspurten, falls der sich in den Gegenangriff einschaltet. Besonders ältere Spieler standen die Spurts von Tor zu Tor kaum noch durch.
"Bei uns wird seit letztem Sommer hauptsächlich der Raum gedeckt", sagt Duisburgs Knefler. Auch die Titelanwärter Borussia Mönchengladbach und Eintracht Braunschweig schirmen in der Abwehr den Raum ab. In Frankfurt versammelte Lorant häufiger als sonst die Spieler zum taktischen Nachhilfeunterricht vor der Schultafel. Er zeichnete Abwehrlinien am eigenen Strafraum auf.,. Wo geschossen und geflankt wird, müssen wir immer mehr Leute haben als der Gegner und sofort Gegenangriffe einleiten, wenn wir den Ball haben." Kurz vor Weihnachten beendete Lorant die Taktikschule: "Bis März verlieren wir kein Spiel mehr."
Die Mannschaft löste sich vom Tabellenende. Von den letzten sieben Spielen gewann sie fünf, auch gegen den HSV, und spielte zweimal unentschieden. Im Pokal schaltete sie den zur Spitzengruppe zählenden FC Schalke 04 aus. "Ein neues Fußballsystem". vermutete "Bild". Lorant korrigiert: "Ein alter Hut. nur anders getragen."
Trainer Helmut Johannsen, der 1967 mit Braunschweig Deutscher Meister gewerden war und 1976 Tennis Borussia Berlin in die Bundesliga hievte, erwartet für die Zukunft sogar die völlige Auflösung der Systeme: "Mannschaften von Weltklasse müssen alle acht Tage ein anderes System spielen können." Johannsen soll Manager bei Eintracht Frankfurt werden. Immer neue, den Gegner verwirrende taktische Varianten verhalfen der Nationalmannschaft und in internationalen Spielen den Bundesligaklubs zu einem Vorsprung.
Eine Mischung aus Raum- und Manndeckung hatte als erster Trainer Heinz Höher beim VfL Bochum in höchster Abstiegsnot ersonnen. Seine Mannschaft wies keine Nationalspieler auf, sie bestand vorwiegend aus jungen und unerfahrenen Kickern. Höher malte ihnen "die taktische U-Form" auf die Tafel: "Am Strafraum läuft keiner mehr seinem Mann nach, sondern bewacht sein Revier."
Die Bochumer vermieden so fünf Jahre lang den von Experten prophezeiten Abstieg. "Gegen Bochum zu spielen verursacht besondere Magenschmerzen", gestand Duisburgs Trainer Knefler. Seine Equipe schaffte daheim nur ein Unentschieden gegen die Höher-Schüler.
"Die Bundesligaspiele sind besser geworden, und es fallen auch mehr Tore", berichtete Fortuna Düsseldorfs Trainer Dietrich Weise. "Allerdings wuchs auch das Risiko, mehr Heimspiele gegen taktisch versierte Mannschaften zu verlieren." Während in der vergangenen Saison 1009 Tore in 306 Bundesligaspielen fielen, schossen die Stürmer bis jetzt, obwohl erst gut die halbe Saison verstrichen ist, nahezu 700 Tore.
Auch Udo Lattek, Trainer des Deutschen Meisters Borussia Mönchengladbach, gab zu: "Ich war ein Verfechter der sturen Manndeckung, weil sie dem Naturell der deutschen Spieler entsprach, aber heute haben wir Fußballer, die von sich aus Taktik-Varianten vorschlagen." Wechselnde, knifflige Systeme fordern den Spielern erheblich mehr Übersicht und Wendigkeit ab als bisher die Aufgabe, strikt einem Gegner zu folgen.
Alle Vielfalt nützt indes immer weniger, seit die Bundesliga-Mannschaften gegenseitig "am Strafraum ihren Gummisack wie einen Hinterhalt auslegen", urteilte Johannsen-Nachfolger Rudi Gutendorf bei Tennis Borussia Berlin.
Die Duisburger verzichteten gegen Borussia Mönchengladbach sogar auf ihren Mittelstürmer-Bewacher und Vorstopper und siegten 3:2. Acht Tage später bei Bayern München setzten sie zwar wieder den Vorstopper ein, ließen aber Bayerns Libero und Abwehrchef Franz Beckenbauer "durch einen Abfangjäger", so Trainer Knefler, vor dem Strafraum abblocken, sobald er mitstürmte. Sie führten nach neun Minuten 2:0 und hatten am Ende ein 2:2 erreicht. Beckenbauer schoß kein Tor. Außenseiter Duisburg nistete sieh in die Bundesligaspitze ein.
"Wir haben nicht nur Weltklassespieler", lobt Bundestrainer Helmut Schön, "sondern eben auch die besten Trainer der Welt." Auch Lorant und Eintracht Braunschweigs jugoslawischer Trainer Branco Zebec haben die deutsche Trainerhochschule absolviert. 15 der 18 Bundesligatrainer waren früher allesamt Abwehrspieler, was der deutschen Trainerschule den Spitznamen "Betonakademie" eintrug.
So hatte Altbundestrainer Josef Herberger die Abkehr von der Raum- zur Manndeckung gelehrt, weit damals die deutschen Spieler zum Kampf Mann gegen Mann als geeigneter erschienen. Herberger löste damit das starre WM-System -- fünf Stürmer blieben stets vorn, fünf Verteidiger immer hinten -auf.
Noch bis heute gilt ein Herbergerscher Lehrsatz: "System bedeutet die Ordnung der Kräfte innerhalb der Mannschaft." Inzwischen besitzt die Bundesliga technisch perfektere Spieler, die besser trainiert sind und ein so hohes Tempo spielen, daß Manndeckung sinnlos geworden ist.,. Räume zu!" gilt heute als wichtigste Parole, erklärte der Düsseldorfer Weise." Um aber die Feinheiten der Spieltaktik zu durchschauen, müßten wir allmählich auch die Zuschauer mitschulen."
Bayern-Trainer Dettmar Cramer legte vor jedem Spiel mehrere Seiten Lage- und Spielpläne an. "Ich habe gehört", frotzelte Trainerkollege Max Merkel, .daß der Dettmar acht Pfund Papier für eine Spieltaktik braucht." Cramer wehrte sich: "Wenn der Max acht Pfund Papier auf einem Haufen sehen würde, wüßte er gleich, daß das Quatsch ist."
Aber Cramer gibt zu, daß gerade Europacupsieger Bayern München beim Wandel der Systeme den anderen Klubs hinterherhinkt . "Solange ich nicht die dafür geeigneten Spieler habe, ist meine Ansicht von der besseren Taktik einen Dreck wert." Bayern stellt nur noch drei statt sieben Nationalspieler wie früher.
Wegen der raschen Lernprozesse in der Bundesliga glaubt in Frankfurt auch Trainer Lorant, daß sein "Taktik-chick" spätestens im März durchschaut sein wird und etwas Neues fällig ist: "Die Kollegen sind ja nicht dümmer als ich." Lorant dürften jedoch die 100 000 Mark Prämie für die Vermeidung des Abstiegs bereits sicher sein.
Längst beschäftigt die deutsche Taktik-Mixtur der variablen Raum- und Manndeckung auch ausländische Trainer. "Was heute in der Bundesliga gespielt wird, kann 1978 in Argentinien die Weltmeisterschaft entscheiden", behauptet der jetzt in Chile tätige ungarische Trainer Ferenc Puskas, früher selbst ein Spieler von Weltruf. Brasiliens Weltstar Pelé rät seinem Nationaltrainer Osvaldo Brandao das Studium deutscher Taktik an: "Wir in Brasilien sind zehn Jahre zurück."
Zu Pelés Zeiten hatten die Brasilianer mit Raumdeckung von 1958 bis 1970 drei Weltmeisterschaften gewonnen. Den Deutschen war das 1954 auf der Basis der Manndeckung und 1974 mit einer Mischung aus Mann- und Raumdeckung zweimal gelungen.
Die Engländer dagegen, die noch 1966 Weltmeister geworden waren, verlassen sich noch heute auf die Manndeckung. Sie gelten international als zweitklassig. Den Trainer Don Revie bezeichnete die englische Presse jüngst nach einer 0:2-Heimniederlage gegen Holland als "Museumsdirektor" und als "Raddampferkapitän".

DER SPIEGEL 9/1977
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