21.02.1977

Eine höhere Tochter wird entstaubt

Die "Hedda Gabler" ist das Stück Ibsens, das am wenigsten beweisen will.
Man kann mit den "Gespenstern" die These von den sich an den Kindern rächenden "Sünden der Väter" belegen, mit der "Nora" zur Emanzipation und zur Bekämpfung der "Lebenslüge" rufen, sie mit der "Wildente" widerrufen. Man kann mit dem "Volksfeind" oder den "Stützen der Gesellschaft" den brüchigen, verseuchten Boden zeigen, auf dem die Gesellschaft ruht.
Aber Ehe und Ende der norwegischen Generalstochter Hedda Gabler sind nicht auf einen einfachen rationalen Grund zu bringen.
Wenn es trotzdem gleichzeitig zwei wichtige Bühnen (Berlin und Bochum) und zwei Regisseure mit einem enormen Gefühl für Zeitstimmungen (Zadek und Rudolph) innerhalb einer allgemeinen Ibsen-Wiederentdeckungswut zu "Hedda Gabler" zieht, wenn auch noch eine englische Verfilmung in deutsche Kinos kommt, dann muß das Spätwerk. das lange als verstaubt galt, doch momentane Empfindlichkeiten und Probleme berühren.
Wovon erzählt das Stück von 1890? Eine verwöhnte und verarmte höhere Tochter hat, nach heftigen und bizarr überspannten Flirts, mehr aus Laune
* Gisela Stein und Wolfgang Pampel; r. o. Rosel Zech.
als aus Liebe einen vielversprechenden jungen Kunst-Wissenschaftler geheiratet. Sechs Monate waren die Vermählten auf einer Hochzeitsreise im Süden, die mehr der Forschung, weniger der Ehe zugute kam,
Jetzt kommen sie zurück -- in ein aufwendiges und luxuriöses Haus, das ihre Verhältnisse übersteigt und von der Hoffnung finanziert wird, daß der junge Doktor bald mit einer Professur rechnen darf.
Vom ersten Augenblick an weiß der Zuschauer, daß die Ehe schiefgelaufen ist: Der Mann, ein harmlos heiterer Weichling, hat seine Hedda im Bett längst verloren und droht auch als Wissenschaftler zum Zwerg zu schrumpfen.
Denn ausgerechnet der als versoffen geltende andere Jugendfreund Heddas hat sich mit Hilfe einer ihn inspirierenden Freundin gefangen, ein aufregendes Buch publiziert und ein zweites, gewichtigeres im Manuskript fertig -- wenn er wollte, könnte er Heddas Mann die Professur wegschnappen.
Hedda selbst, die ihren Mann frigide abweist, sich vor Körperlichkeit ekelt und der daher die Welt mies und klein erscheint, wird vom besten Freund ihres Mannes, einem Gerichtsassessor. zu einer Dreiecksaffäre ermuntert. Ihre unsägliche Langeweile überspielt sie nur im Sportschießen mit den Pistolen ihres Vaters -- Ibsen als Vorläufer Freuds.
Als sie nun erlebt, wie ihre Jugendfreundin und ihr Jugendfreund im gemeinsam geschriebene Buch einen Lebenssinn und eine Zukunft gefunden haben, versucht sie, teils aus Neid, teils aus Unbedingtheitsfanatismus, die Eintracht zu zerstören.
An einem Abend fällt der Buchautor in den Suff und in den Puff zurück. verliert sein Manuskript, das Hedda in die Hände gerät.
Sie animiert den Strauchelnden zum Selbstmord mit einer ihrer Pistolen, verbrennt sein Manuskript und bewirkt auf diese Weise dreierlei:
Einmal wird sie sexuell erpreßbar, weil der Gerichtsassessor ihre Tat weiß und durchschaut. Zum zweiten muß sie erleben, daß der Selbstmord ihres Freundes nicht zur befreienden reinigenden Tat wurde, sondern schäbig kläglich mißriet. Zum dritten haben ihr Mann und ihre Rivalin auf einmal eine Lebensaufgabe. Sie werden aus den Notizen des Toten das vernichtete Manuskript rekonstruieren.
Hedda schießt sich aus der Welt. Vorhang.
Sowohl Niels-Peter Rudolph am Berliner Schiller-Theater wie Peter Zadek am Bochumer Schauspielhaus scheint etwas Gemeinsames an der "Hedda Gabler" gereizt zu haben -- so unendlich verschieden die beiden Aufführungen auch ausfielen:
Die Welt, die Ibsen auf die Bühne stellt, ist deshalb so erbärmlich und brüchig, weil das bürgerliche Personal des Stücks keine Ziele mehr, sondern nur noch Absichten hat.
Das zu große Haus, das sich das Ehepaar kauft, ist vollgestopft mit Leere. Man will Professor werden, um diese üppige Leere bezahlen zu können. Hedda hat geheiratet, um dem Zweisein zu entfliehen, sie will das Haus mit großer Geselligkeit füllen.
Der Gerichtsassessor hat ihrem Mann finanziell geholfen, um bequem und ohne Verbindlichkeit an die Frau ranzukommen. Der rivalisierende Gelehrte hat sein Werk geschrieben, um seinen Freund auszustechen. Seine Freundin hilft ihm, um in dem Gefühl, ihn zu "inspirieren", das Vakuum in sich zu übertönen -- nachdem er tot ist, hilft sie einem andern mit der gleichen hohlen wichtigtuerischen Geschäftigkeit.
Alle Figuren machen verzweifelt große Schritte in verzweifelt kleinlichen Absichten. Hedda, deren Kälte und Langeweile der schärfste Ausdruck dieses Mißverhältnisses ist, kann gegen diese Sinnlosigkeit nur eine perverse Sinngebung behaupten: die der befreienden Tat.
Wahrscheinlich war es dieser notwendig kranke Existentialismus, der Zadek dazu brachte, das Stück von 1890 in das Jahr 1950 zu verlegen:
Ohne Gewalt (man merkt höchstens, daß die Figuren sich Briefe schreiben, statt miteinander zu telephonieren) werden Ibsens Menschen zu den gleichzeitig geschäftigen und gelähmten Wirtschaftswunderbürgern der fünfziger Jahre: eine geistig öde Provinz, die ohne Bewußtsein an Seitensprüngen. Karrieren und der Konkurrenzausschaltung herumbosselt und den Scheinfrieden einer ungemütlichen Gemütlichkeit mit kleinen bösen Spielchen durchbricht.
Kurz: Zadek und seine Schauspieler erspielen mit der "Hedda Gabler" die emsige Trägheit und die biedere Korruptheit der zweiten Gründergeneration unserer fünfziger Jahre, die mit Musiktruhe und Sektgenuß in die Villen der ersten Gründerzeit einzieht -- eine grandiose Zeitversetzung eines Stücks, Gelsenkirchner Barock, das es sich in wilhelminischen Stuck einzurichten versucht.
Dabei werden die Figuren nicht zu Dämonen aufgeblasen: Es bleiben unverschämt bescheidene Figuren, sie sind geradezu penetrant sympathisch.
Heddas Mann (Hermann Lause) spielt einen liebenswerten Pantoffelhelden und zerstreuten Fachidioten, der verschusselt alles übersieht; laut, kreischend und böse reagiert dieser Gemütsmensch nur, wenn er um sein berufliches Weiterkommen fürchten muß.
Der spießig-geile Gerichtsassessor Brack (Fritz Schediwy), ein wandelndes Herrenmodejournal, gefällt sich als Zyniker, der seine Lüsternheit nur in Worten und in kleinen Fummeleien austobt -- ein Mann, der Herrenabende veranstaltet, weil er nachher erzählen kann, wie die anderen aus der Rolle gefallen sind.
In dieser Umwelt, deren Gefährlichkeit ihre Harmlosigkeit ist, vollzieht sich die komisch verzerrte Tragödie dreier Menschen. Ulrich Wildgruber spielt den vorübergehend für die Gesellschaft gezähmten genialischen Außenseiter: Nur noch in fahrigen oder hochfahrenden Gesten und kindlich erschrocken aufgerissenen Augen erinnert er sich daran, daß er es als stolze Leistung bucht, sich der Gesellschaft angepaßt zu haben, die er verachtet.
Die flattrige Ängstlichkeit, mit der ihm seine "Kameradin" (Carola Regnier) umhegt, wirkt rührend grotesk, weil sie so tut, als sei das der tapfere Schritt hinaus ins Nichts -- eine aufregende Einheit aus falschen Tönen und echten Gefühlen.
Schließlich Hedda: Rosel Zech spielt eine warmherzige, spontane Frau, die in dieser Umgebung einen Berührungsekel entwickelt hat -- ihre ursprüngliche Zärtlichkeit entlädt sich nur noch in verletzenden Aggressionen einer Verletzten. Aus ihrem Lebenshunger ist Hochmut geworden -- kalte, von Brechreizen geschüttelte Theatralik, die nur im Tod ihr Lebensrecht behaupten kann.
Zadek zeigt, wie eine Tat das schrille Echo auf die Tatenlosigkeit einer Epoche sein kann. Niels Peter-Rudolph in Berlin wollte Ähnliches, aber nicht, indem er (wie es Zadek tat) die Figuren
* Glenda Jackson.
als bewußtseinslosen Ausdruck einer Epoche zeichnete, sondern indem er sie zu weichen Puppen degradierte, deren Umrisse von den Ängsten. Zwangs- und Wunschvorstellungen, den Träumen und Verdrängungen ständig deformiert, verzerrt wurden.
Hatte Götz Loepelmann in Bochum als Bühnenbild eine prächtige gruftartige Villa Hügel aufgebaut, so zeigte Roger von Moellendorff in Berlin ein zerbröckelndes, verschlissenes Herrenhaus. Hier war nicht die Realität abgebildet, sondern das, wozu sie die Existenzängste der Figuren umformten.
So spielte Wolfgang Pampel auch keinen lebensfremd zerstreuten Gelehrten, sondern ein selbstzufrieden unsensibles Muskelpaket: So sieht sich Heddas Mann selbst, kräftig zupackend die Zukunft meisternd; so sieht ihn seine Frau, frei von jedem Feingefühl, gutmütig zwar, aber jemand, der sie nicht lieben, sondern nur vergewaltigend schwängern kann.
Zwischen Assessor Brack (Rolf Schult verkörpert ihn großartig als deutschnationales Schreckgespenst im Lodenrock, mit Knotenstock, ausgestopftem Bauch und Hintern, Nagelschuhen und groben Kniestrümpfen) und Gisela Steins Hedda (die eine bizarre Lulu-Version darstellt) spielen sich dauernd impotente Umschlingungen und Verklammerungen ab: Nicht was sie tun wird gezeigt, sondern was sie denken, voneinander fürchten.
Rudolph hat dieses Verfahren, das Selbstverständnis und Mißverständnis einer Epoche sichtbar zu machen, bei dem Stück "Bekannte Gesichter, gemischte Gefühle" von Botho Strauß vor zwei Jahren in Stuttgart entwickelt.
Aber was für die fünfziger Jahre unseres Jahrhunderts mit Nutzen möglich war, ist bei Ibsens Stück zum (wenn auch intelligenten) Scheitern verurteilt. Weil nämlich die Einsichten in die wilhelminische Bewußtseinslage seltsam rasch zu den bekannten Klischees gerinnen. Man glaubt, nur noch "Simplicissimus"-Karikaturen zu sehen, denen Wortblasen entsteigen: Männer mit glattrasierten Specknacken, Damen mit Superbrüsten und Superhüften.
Lebendiger als das Museum, das der Film Trevor Nunns aus einer weitgehend nur abphotographierten RoyalShakespeare-Company-Aufführung macht, ist das aber allemal.
Obwohl eine so feinnervige Schauspielerin wie die Oscar-Preisträgerin Glenda Jackson die Hedda spielt, wirkt das Stück (wohl auch durch eine hohl tönende Synchronisation) wie gepflegtes Salontheater aus dem neunzehnten Jahrhundert.
Berlin und vor allem Bochum haben gezeigt, daß der Staub nicht ganz von alleine von dem Stück fliegt. Man muß "Hedda Gabler" schon mit heutigen Überlegungen behelligen.
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 9/1977
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