21.02.1977

FERNSEHENChaos und irisches Land

„Die Geisel“. Fernsehspiel von Peter Zadek nach dem Stück von Brendan Behan. ARD.
Was Brecht mit der "Dreigroschenoper für die zwanziger Jahre entdeckt hat: eine die damaligen Theaterformen sprengende Mischung aus Kaschemme und Sozialkritik, aus Tingeltangel, Operette, Bürgerwelt und Ganovenromantik -- das hat der 1964 verstorbene irische Säufer, Dramatiker und IRA-Kämpfer Brendan Behan in seiner "Geisel" weiterentwickelt.
Und Peter Zadek hat dieses chaotische Gebräu aus Music-Hall und Freiheitspathos, Zynismus und Humanität, diese Orgie aus Blut, Suff, Anarchie und Verzweiflung, schon 1961 in Ulm zum folgeträchtigen Skandal inszeniert.
Jetzt zeigte die ARD die scheinbar ständig überschwappende Bürgerkriegs-Revue als bösen Kontrapunkt zum Faschingssonntag. (Eine 203 Minuten dauernde Langfassung strahlt das Dritte WDR-Programm am 26. Februar aus.)
Die Handlung der "Geisel" -- sie ist nichts und alles -- ist rasch erzählt: In eine irische Absteige, halb Bordell, halb Stützpunkt der illegalen IRA, wird ein britischer Soldat als Geisel gebracht. Da am nächsten Morgen ein irischer Anarchist hingerichtet werden soll, will man die Geisel, falls kein Austausch zustande kommt, ebenfalls töten.
Zunächst jedoch wird fraternisiert. Behan und sein Regisseur Zadek zeigen, wie das Bürgerkriegspathos, das blutgetränkte Feind-Verhältnis die abgewrackten Kneipengestalten gleichzeitig beherrscht und kalt läßt. In Wirklichkeit leben sie in den Tag, besser: in die Nacht hinein, ihr Leben ist eine dauernde Party der Selbstzerstörung und des Selbstvergessens.
Zadek hat aus dieser Formlosigkeit die Form seines Fernseh-Spektakels entwickelt -- eine Dramaturgie, deren Genauigkeit ihre Chaotik ist.
Was da wirr in den Köpfen brodelt, Erinnerungsfetzen, alkoholisierte Sentimentalitäten und ein immer wieder phantastische Blüten treibendes Gefühl der Verlorenheit, das läßt die gelackten Abziehbilder vergessen, die sonst auf dem Bildschirm für die Darstellung von Leben herhalten müssen.
Die Nacht vor der Hinrichtung wird zur lärmenden, jeden Rahmen sprengenden Sauf- und Kopulationsorgie. Zadek kontrastiert diesen Lärm mit einer leisen, proletarisch schönen Zweiergeschichte zwischen dem britischen Soldaten (Heinrich Giskes) und dem im Kloster erzogenen Dienstmädchen (Elisabeth Stepanek).
Daß Menschen mit dem gleichen Kopf und fast in einem Atemzug grausam und zärtlich, verrückt hellsichtig. von poetischer Kraft und vulgärer Ohnmacht sind, das zeigen Schauspieler wie 0. E. Hasse als Offiziersgespenst, Helmut Erfurth als Puff-Vater und vor allem Hannelore Hoger, die eine mütterliche Nutte mit resoluter Zärtlichkeit spielt: Volkstheater von eindringlicher Wahrhaftigkeit. H. K.

DER SPIEGEL 9/1977
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DER SPIEGEL 9/1977
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