24.01.1977

ARCHÄOLOGIESchwarze Asche

Eine der größten Ausgrabungen in Israel, auf dem Festungshügel Hazor, hat die biblischen Geschichten bestätigt -- von der Eroberung des Landes Kanaan bis zur Babylonischen Gefangenschaft.
In Sichtweite des schneebedeckten Berges Herrnon ragt der Hügel gerade 40 Meter über einem alten Wadi-Tal auf. Kleine Quellen sprudeln an seinem Steilabhang, und über das Plateau ziehen sich Weizenfelder hin -- Idylle im Heiligen Land.
Doch seit dort Archäologen tiefer schürften als die Pflugschar, wurden biblische Legenden von Triumph, Kampf und Not des Volkes Israel wieder lebendig.
Auf dem Hügel Hazor, in der Jordan-Senke zwischen Libanon und Golanhöhen gelegen, bargen die Ausgräber Relikte aus fünf Jahrtausenden nahöstlicher Historie -- die frühesten Siedlungsspuren datieren von den Anfängen der orientalischen Städtegründung zu Beginn der Bronzezeit.
Die erste Urkunde, in der Hazor erwähnt ist, stammt aus dem 19, oder 18. vorchristlichen Jahrhundert; Ägypter verwünschten darin die Anhöhe als Sitz von Feinden des Pharaonenreiches. Im Osten, im Tontafel-Archiv von Man am Euphrat, kam Keilschrift-Diplomatenpost zutage, der zufolge im 17. vorchristlichen Jahrhundert babylonische Botschafter in Hazor residierten und die Stadt Zinn zur Bronzeherstellung aus Man bezog.
Die strategische Bedeutung des Ortes schildert die Bibel. Als die Israeliten am Ende ihres Trecks von Ägypten nach Palästina unter Josuas Führung das südliche Kanaan erobert hatten, zog Hazor-Herrscher Jabin aus allen umliegenden Königreichen ein Heer zusammen, "so viel als des Sands am Meer, und sehr viele Rosse und Wagen".
Doch die jüdischen Nomaden. die endlich seßhaft werden sollten, eroberten die galiläischen Stadtstaaten, "und sie schlugen alle Seelen, die darin waren, mit der Schärfe des Schwerts". Die archäologische Erkundung lieferte nun das Datum der Landnahme nach: um 1240 vor Christus.
Als mit den Grabungen Ende der fünfziger Jahre begonnen wurde, galt das von Erdwällen umfriedete Gebiet, 200 Morgen groß, als Streitwagen-Lager der kanaanitischen Hirtenkönige. Tatsächlich, erläutert Grabungsleiter Yigael Yadin im abschließenden Bericht, dessen deutsche Ausgabe nun erschienen ist, war der gesamte Schutzbereich der Zitadelle bebaut und von nahezu 40 000 Menschen bewohnt: Hazor war zehn- bis fünfzehnmal so groß wie die übrigen zeitgenössischen Städte Kanaans*.
In bislang zwei Kampagnen ließ Professor Yadin, im Krieg von 1948/49 Operationschef des israelischen Generalstabs, die Festung und Teile der Wohnstadt und der Bollwerke freilegen. Hazor vollständig zu erforschen, urteilt er, "bedürfte es noch weiterer 500 Jahre".
Über den letzten kanaanitischen Bauwerken, die offensichtlich von Josuas Truppen geplündert und geschleift worden waren, fanden die Archäologen nur Reste einer Siedlung von noch halb nomadisch lebenden Israeliten. Doch im zehnten Jahrhundert vor Christus ließ König Salomo den Hügel neu befestigen, mit einer Kaserne und einer fünf Meter dicken Kasemattenmauer.
Den Beweis für die Bautätigkeit Salomos entdeckten die Ausgräber im Grundriß des Festungstores; es bestand aus je drei Kammern für die Wache beidseits des Durchgangs und vorgesetzten Türmen. Nahezu deckungsgleiche Anlagen derselben Zeit samt Kasematten fanden sich in Megiddo südwestlich von Hazor und in Geser westlich von Jerusalem -- für den Ausbau dieser Orte an den Verkehrswegen zwischen Ägypten und dem Norden, berichtet das biblische Buch der Könige,
* Yigael Yadin: "Hazor" Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg: 280 Seiten; 39,80 Mark.
hatte Salomo eigens Fronarbeiter ausheben lassen.
Später, unter König Ahab, entstanden schwere Quadermauern und ein Fort mit bis zu zwei Meter starken Außenwänden: Bastion gegen das Assyrer-Reich, das nun die Länder zwischen Mesopotamien und dem Mittelmeer zu bedrohen begann.
Zudem richtete sich die Burgbesatzung auf lange Belagerung ein. Sie schlug einen Schacht mit seitlichen Treppenrampen 20 Meter tief in den Fels, der über einen 25 Meter langen Tunnel zum Grundwasser führte.
Doch zunächst, im Jahre 763 vor Christus, wurden viele Bauwerke Hazors von einem Erdbeben zerstört. "Dieses für das Volk Israel tragische Ereignis", bekundet Yadin, "war für uns eine glückliche Entdeckung." Die Forscher kamen so zu einer exakten Datierungsmarke und einer besonders reichhaltigen Fundschicht.
Unter den eingestürzten Decken von Wohnhäusern beispielsweise entdeckten sie den kompletten Hausrat, Töpfe und Mahlsteine, Öfen, Lampen und Vorratskrüge, eisernes Werkzeug und als Preziose einen kunstvoll geschnitzten Kosmetiklöffel aus Elfenbein. Von der letzten Mahlzeit der Bewohner waren noch Olivenkerne erhalten.
Ein letztes Mal wurde Hazor wiederaufgebaut. Dann, 732 vor Christus, eroberte es der Assyrer-König Tiglath-Pileser III.
Was die Ausgräber davon als Zeugnis fanden, berichtet Yadin, "ist schlimmer als alles, was ich bei archäologischen Ausgrabungen gesehen habe. Das ganze Gebiet war mit einer ein Meter dicken, immer noch schwarzen Aschenschicht bedeckt".
Allerdings enthüllten die Brandreste auch, daß die Juden von Hazor weder besonders fromm waren noch koscher kochten. Das Yadin-Team fand noch zahlreiche Schminkpaletten und Tonfigürchen gleichsam heiliger Prostituierter, wie sie für den Kult der orientalischen Fruchtbarkeitsgöttin Astarte typisch waren -- und das Gerippe eines Schweins.
Es war, als hätte sich der Fluch des Propheten Jesaja erfüllt: "Ein Volk. das mich entrüstet, ist immer vor meinem Angesicht, opfert in den Gärten ... (sie) fressen Schweinefleisch und haben Greuelsuppen in den Töpfen ... Solche sollen ein Rauch werden in meinem Zorn, ein Feuer, das den ganzen Tag brenne."
Die Israeliten mußten in die Babylonische Gefangenschaft gehen. Über Hazor herrschten fortan Fremde -- bis ins 20. Jahrhundert: Als letztes Bauwerk auf dem Trümmerhügel identifizierten die Archäologen den Bunker eines Colonel Teggart aus der Zeit des britischen Mandats über Palästina.

DER SPIEGEL 5/1977
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 5/1977
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ARCHÄOLOGIE:
Schwarze Asche

Video 00:59

Duisburg Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt

  • Video "Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens" Video 03:57
    Ekel-Rezepte aus dem Netz: Angrillen des Grauens
  • Video "Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?" Video 04:27
    Deutsche Muslime nach Christchurch: Wie groß ist die Angst nach den Anschlägen?
  • Video "Webvideos der Woche: ...und dann bricht der Hang weg" Video 02:54
    Webvideos der Woche: ...und dann bricht der Hang weg
  • Video "London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit" Video 01:57
    London: Zehntausende demonstrieren gegen Brexit
  • Video "Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick" Video 01:31
    Unterwasserrestaurant: Mahlzeit mit Fisch-Blick
  • Video "Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert" Video 00:30
    Vor Norwegens Küste: Kreuzfahrtschiff mit 1300 Passagieren wird evakuiert
  • Video "Filmstarts: Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!" Video 08:24
    Filmstarts: "Scheiß auf die Avengers, wir sind die Goldfische!"
  • Video "US-Demokrat zum Mueller-Report: Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit" Video 01:25
    US-Demokrat zum Mueller-Report: "Amerikaner haben ein Recht auf die Wahrheit"
  • Video "Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: Verräter müssen geköpft werden" Video 02:52
    Morddrohungen gegen britische Abgeordnete: "Verräter müssen geköpft werden"
  • Video "Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: In der Hölle gibt es viel Platz" Video 01:22
    Gelächter bei Tusk-Rede zu Brexit: "In der Hölle gibt es viel Platz"
  • Video "Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: Mit viel Mut dagegen vorgehen" Video 01:00
    Fußball-Star Goretzka zum Rassismus-Vorfall: "Mit viel Mut dagegen vorgehen"
  • Video "Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord" Video 02:13
    Unglück in Kirgisien: Deutscher Tourist filmt Hubschrauberabsturz an Bord
  • Video "Mays Auftritt beim EU-Gipfel: Es kam zu tragikomischen Szenen" Video 02:41
    Mays Auftritt beim EU-Gipfel: "Es kam zu tragikomischen Szenen"
  • Video "Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont" Video 00:34
    Wolkenformation: Ein Mädchen am Horizont
  • Video "Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell" Video 02:20
    Rassistische Beleidigungen bei Länderspiel: Zuschauer postet emotionalen Appell
  • Video "Duisburg: Wohnblock Weißer Riese gesprengt" Video 00:59
    Duisburg: Wohnblock "Weißer Riese" gesprengt