DER SPIEGEL



DENKMALSCHUTZ

Zeugen der Arbeit

Wieder einmal sollen im Ruhrgebiet symbolträchtige Industrie-Denkmale geschleift werden. Protest von Fachleuten bleibt oft wirkungslos -- es gibt in Nordrhein-Westfalen nicht mal ein Denkmalschutzgesetz.

Wie mittelalterliche Burganlagen ragen sie empor: wuchtige Gebäude aus dunklem Gestein, mit Zinnen und Zacken, mit Gesimsen, Ecktürmchen und Rundbogen. Und auch ihre Namen -- sie heißen "Malakowtürme" -- läßt an Ruhm und rauhe Zeiten denken.

Malakow hieß jenes Fort innerhalb der Festung Sewastopol, das sich in den Krim-Kriegen (1853/56) als besonders widerstandsfähig erwiesen hatte -- als französische, englische und türkische Truppen die russische Bastion erstürmten. Jedoch, Verteidigungs-Stützpunkte waren die Bauten auf deutschem Boden nie. Ihre Mauern bargen stets Holz- und später Eisengerüste mit großen Scheiben, über die dicke Taue in die Tiefe liefen: die Konstruktion der ersten Fördertürme des Ruhrgebiets.

Die meisten der aus dem letzten Drittel des vergangenen Jahrhunderts stammenden schwarzen Riesen sind entweder von stählernen, modernen Förderanlagen verdrängt oder vor Bomben zerstört worden. Wenige nur. die Krieg und Fortschritt überdauerten: Nur noch 13 Malakowtürme die meisten längst stillgelegt -- ragen in den Himmel über Ruhr und Emscher.

Doch nun sollen auch diese letzten Aufrechten von der Bildfläche verschwinden. Die Essener Einheitsgesellschaft Ruhrkohle AG (RAG) will schon demnächst vier Türme abreißen lassen -- sei es, um Platz zu schaffen für Grün- oder Gewerbeanlagen, oder sei es nur, "damit die nicht da rumstehen und die Gegend verunzieren" (so Ernst-Günter Gottwald von der zur RAG gehörenden Bergbau AG Lippe).

Was dem Kohlefunktionär offenbar als Schandmal vorkommt, ist für Helmut Bönnighausen heim Landeskonservator Westfalen-Lippe indessen wichtiges Industrie-Denkmal: "Aussagekräftige Zeugen einer Kulturlandschaft der Arbeit." Vor allem der zur schnellen Schleifung vorgesehene Malakowturm der Schachtanlage Hannover 1 gilt Bönnighausen als "einmaliges Exemplar mit weit überregionaler Bedeutung". Zumal neben dem Turm auch noch das Maschinenhaus und eine rund 100 Jahre alte dampfbetriebene Fördermaschine erhalten geblieben sind -- bergbaugeschichtliches Dokument von ähnlichem Wert wie die in Dortmund vor dem Abbruch gerettete Maschinenhalle "Zollern II".

"Wenn wir Hannover 1 doch noch erhalten", so hofft Bönnighausen, "dann könnte im Dortmund-Bochumer Raum die Bergbaugeschichte vom Stollenbau bis zum modernen Großbetrieb an konkreten Beispielen gezeigt werden." Es ist eine einmalige Chance. denn allzu viele bauhistorisch und sozialgeschichtlich bedeutsame Überbleibsel aus der Zeit der Industrialisierung des Ruhrgebiets sind bereits rabiaten Rodungen zum Opfer gefallen.

Oh in Oberhausens Stadtteil Osterfeld mit der Antoni-Hütte die älteste Eisenhütte des Ruhrgebiets umgelegt, ob in Duisburg-Ruhrort der über 100 Jahre alte Eisenbahn-Hebeturm demontiert oder in Essen der Krupp-Turm von der Stahlbirne in Stücke geschlagen wurde -- das Ruhrgebiet wird mehr und mehr zu einer historischen Kahlschlaglandschaft. Möglich ist das, weil es im bevölkerungsreichsten Land der Republik kein Denkmalschutzgesetz gibt und weil die Kommunen zwischen Duisburg und Dortmund mit Abbruchgenehmigungen recht freigebig sind -- wohl auch deshalb, weil es meist an praktikablen Vorschlägen für sinnvolle neue Nutzung oder an Geldern für die Restaurierung fehlt.

Auch das für die Denkmalspflege zuständige Düsseldorfer Kultusministerium des Sozialdemokraten Jürgen Girgensohn hat für technische Denkmäler wenig übrig. Nur 60 000 Mark waren es im vergangenen Jahr. Die Erhaltung von feudalen, bürgerlichen und sakralen Monumenten ließen sich Kulturschätzer hingegen mehr als elf Millionen Mark kosten.

Dabei fehlt es kaum je an Fürsprechern für die Erhaltung der verrußten und verrosteten Relikte aus der Pionierzeit des Ruhrbergbaus, so auch jetzt nicht, da es um die Malakowtürme geht "Die entscheidenden Orientierungspunkte für die Kumpels im Revier", so argumentiert etwa der Oberhausener Stadtplanungsanalytiker Professor Roland Günter gegen den Abriß, "sind nicht die Kirch-, sondern die Fördertürme." Sie sind, wie Günter meint, "für die Arbeiter sichtbare Symbole ihrer Leistung", mithin wichtige Identifikationsmerkmale. Der Oberhausener Bergmann Willi Wittke etwa sagt: "Wenn ich da mit meinem Enkel vorbeikomme, dann erzähle ich ihm, wie das damals war. Das ist ein Andenken, eine Erinnerung."

Auf solche Symbole müssen immer mehr Kumpel im Revier verzichten. und es scheint, als sei auch der Kampf um die Erhaltung des von Bönnighausen als "besonders wichtig" eingestuften Malakowturms auf der Schachtanlage Hannover 1 bereits verloren.

Daß er überhaupt noch steht, verdankt er nur wirtschaftlichem Kalkül. "Wir wollen mit dem Abbruch noch etwas warten", sagt RAG-Funktionär Gottwald, "bis die Schrottpreise wieder klettern."


DER SPIEGEL 11/1977
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