07.02.1977

SOZIOLOGIE

Warum ist was pfui?

Die Revolution der Manieren und die Verfeinerung der Sitten haben die Nervosität des modernen Menschen verursacht, behauptet der in England lebende Soziologe Norbert Elias.

Irgendwann zwischen 1500 und 1700 wurde es unschicklich, bei Tisch zu rülpsen, den Braten mit den Fingern anzufassen, das Ei mit dem Messer zu köpfen und auf der Straße die Notdurft zu verrichten. Damals entstanden Peinlichkeitsschwellen und Scham-Barrieren. die das Mittelalter nicht gekannt hatte. Es entwickelte sich eine Kultur der Affektkontrollen und Triebverhaltungen.

Die Revolution der Manieren, die sich damals ereignete, ist vor rund 40 Jahren von Norbert Elias beschrieben worden. In einem zweibändigen Werk (Titel: "Über den Prozeß der Zivilisation") legte der heute in England lebende Soziologe dar, unter welchen politischen und wirtschaftlichen Bedingungen die Manieren-Revolution zustande kam und welche Bedeutung sie dann für die psychische Struktur des modernen Menschen gehabt hat*.

Doch war dem Werk zunächst kein Glück beschieden. Elias, 1897 in Breslau geboren und jüdischer Abstammung, mußte aus Deutschland fliehen. "Über den Prozeß der Zivilisation" erschien zwar vor dem Kriege in der Schweiz, aber niemand nahm Notiz davon. Soziologie war in der Hitler-Zeit nicht gefragt. Ähnlich erging es der zweiten Auflage. Sie erschien 1969, als die

* Norbert Elias: über den Prozeß der Zivilisation". Suhrkamp Verlag, Frankfurt; zwei Bände: 356 und 402 Seiten: 28 Mark.

Erneuerung der marxistischen Soziologie ihren Höhepunkt erreichte. Elias paßte da nicht recht rein.

Nun hat der Suhrkamp-Verlag einen dritten und, wie es aussieht, erfolgreichen Anlauf unternommen, Elias populär und publik zu machen. "Erst jetzt", rühmte die "Frankfurter Rundschau", "ist der "Prozeß der Zivilisation" wirklich veröffentlicht." Schon vorher hatten viele deutsche Soziologen das Elias-Buch überschwenglich gelobt -- so etwa Professor Christian Graf von Krockow: "Ein monumentales Werk", "eine Pionierleistung".

Beinahe noch begeisterter äußerte sich die französische Presse. So bekannte Francois Furet, Rezensent des "Nouvel Observateur", er habe bei der Lektüre von Elias so viel Spaß gehabt, daß er sich jetzt ein wenig schäme, ihn so lange Zeit nicht gekannt zu haben, Mit besonderem Vergnügen verzeichnete er ein Elias-Kapitel über den Furz, das er als "une bien interessante histoire du pet" einschätzt -- eine keineswegs bloß scherzhaft gemeinte Bemerkung.

In den Sittenbüchern des Mittelalters galt die Blähung als notgedrungenermaßen erlaubt. Noch Erasmus von Rotterdam -- so berichtet Elias -- warnte in einem Erziehungs-Buch (1530) davor, daß der Knabe "compressis natibus ventris flatum retineat" (mit gepreßten Backen den Wind zurückhält) denn dies sei ungesund. Rund 200 Jahre später hingegen mahnte ein französischer Autor, es sei "sehr unerzogen, in Gesellschaft oben oder unten Winde zu entlassen, auch wenn sich das ohne Geräusch machen lasse". Von da an verschwand das Thema überhaupt aus der Erziehungsliteratur. Das 19. Jahrhundert brachte es fertig, es gänzlich zu verschweigen -- wie viele andere Themen auch: das Rülpsen zum Beispiel oder den Geschlechtsverkehr, das Entleeren und das Spucken.

Der Veränderungsprozeß der Sitten, der um 1600 anhob und sich auf vielen Gebieten des alltäglichen Lebens bemerkbar machte, hatte, meint Elias, die allgemeine Tendenz, die Unbefangenheit des mittelalterlichen Menschen gegenüber seiner eigenen Körperlichkeit und der anderer Menschen aufzulösen. Das "ununterdrückbare Tierische" des Menschen, das sich bis dahin ziemlich unbefangen äußern durfte, wurde damals in Intimitätsbezirke wie die Küche. die Toilette und das Schlafzimmer abgedrängt. Die Kinder wurden aus dem Ehebett verwiesen -- mit dem entsprechenden Erfahrungsverlust.

Die Wand zwischen Mensch und Mensch wuchs -- am Ende aber auch die Wand zwischen dem äußerlichen Verhalten des Menschen und seinem inneren Selbst, seinem "Über-Ich" und seinem Unterbewußtsein. Dabei spielte die zunehmende "Schambelastung der Sexualität" (Elias) eine wichtige Rolle. Die Prostitution galt im 15. Jahrhundert noch als wenig unschicklich. Kaiser Siegismund bedankte sich 1438 offiziell beim Berner Bürgermeister für den unentgeltlichen Besuch des städtischen Freudenhauses. Erasmus fand nichts dabei, ein fingiertes Gespräch mit einer Hure in ein Knaben-Lehrbuch aufzunehmen.

Aber nicht nur die Sexualität verschwand hinter der Scham-Barriere. Ähnliches geschah auch mit der Aggressivität. Noch im 16. Jahrhundert feierten die Pariser König, Hof und Volk -- den Johannistag mit der öffentlichen Verbrennung von einem oder zwei Dutzend Katzen, die in einem Korb über einem Scheiterhaufen aufgehängt wurden. Aber schon wenig später begann jene Entwicklung, in deren Verlauf es allmählich peinlich wurde, das gebratene Tier im ganzen auf den Tisch tu bringen. Dieser Brauch, schrieb 1859 ein britischer Autor, verurteile den Hausherrn "to the misery of carving", zum elendigen Tranchieren. Er sei abzuschaffen.

Der sich über mehrere Jahrhunderte erstreckende Wandel des Schicklichkeits-Standards hat -- nach Elias -- seinen wichtigsten Anstoß durch die Entstehung des modernen Staates erfahren. Die Monopolisierung der Gewalt, die vor allem den Bourbonen (später auch den deutschen Territorialfürsten) gelang, machte aus dem freien mittelalterlichen Ritter den abhängigen Höfling des absolutistischen Staates.

Hatte der Adelsherr im Mittelalter sich in starken Gefühlen und schnellen Taten ausleben können, so zwang ihn nun der königliche Hof zum Verdrängen seiner Vitalität und zur langfristigen Überlegung. Er entwickelte, wie es Elias ausdrückt, Gewissen und Rationalität -- und insgesamt die psychische Struktur des modernen Menschen mit seiner Gespaltenheit, seinen Verdrängungen und Neurosen.

Elias" Geschichte der Zivilisierung zeigt sehr deutlich, daß das, was Sigmund Freud als "die" menschliche Seele beschrieben hat, in Wirklichkeit das Produkt einer einmaligen historischen Entwicklung ist, das morgen wieder ganz anders aussehen kann. In der Tat regt das Elias-Buch zu Vermutungen zum Beispiel darüber an, was das moderne Einreißen von Prüderie- und Pfui-Barrieren zu bedeuten hat. Dem Denkmuster von Elias würde es entsprechen, dahinter auch politische Gründe zu vermuten.

Elias selbst hat sich zu den Vätern einer historischen Psychologie gerechnet. Sicher ist er auch ein Anreger der politischen Psychologie.


DER SPIEGEL 7/1977
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