31.01.1977

SCHRIFTSTELLERMit Bubi in Berlin

Aus seinen Berlin-Geschichten entstand das Musical „Cabaret“. In seinen Memoiren schildert Christopher Isherwood jetzt, warum es ihn nach Berlin zog: der Knaben wegen.
Im März 1929 reiste ein junger britischer Schriftsteller nach Berlin und blieb da, bis Hitler kam. Was er, cool wie "eine Kamera mit offenem Verschluß", in der Hauptstadt aufnahm und niederschrieb, entwickelte sich prächtig.
Christopher Isherwoods autobiographischen "Leb' wohl, Berlin"-Geschichten prägten, zunächst einmal, für eine Generation von Angelsachsen das bewegte Bild der Umsturz-Ära. Eine Bühnenfassung, "Ich bin eine Kamera", ging ab 1951 auf die Umlaufbahn, und als verfilmtes Broadway-Musical wurde der Stoff dann ein Welterfolg: "Cabaret".
SA marschiert schon auf in den Isherwood-Geschichten. hektisch dreht sich noch einmal das Karussell der flotten Genüsse im wuseligen Leben der Bohème. Der Film, freilich, ist eher eine Fahrt auf der Gespensterbahn, ein greller Tingeltangel vor dem Abgrund, observiert von schwarzen Sbirren.
Der Film sei "sehr, sehr weit" von seinem Buch entfernt, so hatte denn auch Isherwood bemerkt. Daß seine Berlin-Geschichten selbst nur ein retuschiertes Abbild bieten, gesteht er jetzt in einem faszinierend offenherzigen Buch -- "Christopher am! Ws Kind"* (Christopher und Seinesgleichen), Memoiren der Jahre 1929 bis 1939.
Isherwood, mittlerweile 72 und seit 1939 in den USA daheim, gehörte in den dreißiger Jahren zu einer jungen englischen Literatur-Elite, die eine sarkastische, intellektuelle Feder schrieb
* Christopher Isherwood: "Christopher and His Kind' verlag Farrar, Straus & Giroux, New York; 340 Seiten; 10 Dollar.
und heftig mit dem Kommunismus flirtete; Stars unter ihnen waren W. H. Auden und Stephen Spender.
Mit dem Lyriker, Essayisten und Dramatiker Auden verband Isherwood eine lebenslange Freundschaft. Sie schrieben gemeinsam einige Theaterstücke, bereisten 1938 das von Japan bekriegte China, und sie "gingen zusammen ins Bett, unromantisch, aber mit viel Vergnügen".
Denn Christophers "Seinesgleichen" sind Homosexuelle. Mit Isherwoods Autobiographie liegt nun -- nach Tennessee Williams' "Memoirs" (SPIEGEL 53/1975) und Rosa von Praunheims "Sex und Karriere" (SPIEGEL 47/1976) -- ein neues Homo-Bekenntnis vor; ein literarisch hochgestochenes, diesmal.
Vom Alterssitz in Kalifornien, eingeweiht in die Mysterien fernöstlicher Weisheit, blickt Isherwood dem jungen Christopher sozusagen über die Schulter. Er weist ihm nach, wo er verschämt log und eitel posierte, entschlüsselt die Figuren seiner Bücher und auch seine eigenen Motive: Nach Berlin, schreibt Isherwood, ging Christopher der Knaben wegen.
Auden, schon in Berlin, hatte ihn auf die libertine Hauptstadt "hungrig" gemacht. Christopher "litt an einem unter Homosexuellen der Oberklasse damals nicht ungewöhnlichen Zwang": Es ging nicht mit Angehörigen der eigenen Klasse und Nationalität. Christopher brauchte darum "einen ausländischen Proletarier
Ein Berliner Stricher namens Bubi, blond und blauäugig' übernahm als erster die "Führungsrolle in Christophers Liebes-Mythos". Denn "Der Blonde" war für ihn von Kindheit an eine "magische Figur": Er kam als "Eroberer aus einem fernen Land. um Christopher zu vergewaltigen".
In Bubi erfühlte Christopher den "Deutschen Jungen". und in ihm "liebte und besaß er die ganze Nation". Allein aus dem Grunde, "mit den Sex-Partnern reden zu können", hatte Christopher deutsch gelernt. Bubi' von der Polizei gesucht, verschwand alsbald.
"Wenn es keine Jungen gäbe, hätte ich sie erfinden müssen." In der "dekadentesten Stadt Europas", in Schwulenbars wie dem "Cosy Corner" in der Zossener Straße 7 nahe dem Halleschen Tor, brauchte Christopher nur zuzugreifen.
Er schätzte die "zum Sex-Akt führenden' leicht sadistischen Kampf-Spiele" der deutschen Knaben -- sie stärkten die Muskeln des zierlichen Engländers. Um in proletarisches Milieu voll einzutauchen, zog er zum Freund Otto, der in Kreuzberg mit Eltern und zwei Geschwistern zwei kleine Zimmer plus Küche bewohnte.
Die größte und rührendste Liaison hatte Christopher mit dem braunäugigen Heinz. Mit ihm durchstreifte er Hitler war schon an der Macht
Europa, ängstlich bemüht, für seinen Bettgenossen eine andere Staatsbürgerschaft zu bekommen. Es mißlang. Heinz fiel in die Hände der Gestapo und mußte zu den Soldaten.
Stark camoufliert und auf andere Personen verteilt, gingen einige Partikel von Christophers Homo-Odysseen in Isherwoods Berlin-Geschichten ein; heiter war das Leben, prüde noch die Literatur. Auch die Tingeltangel-Fee Sally Bowles, Liza Minnelli spielt sie in "Cabaret", nahm sich im Urbild anders aus.
Sie hieß Jean Ross, kam als englische Touristin nach Berlin und bezog Quartier in der Pension, in der Isherwood wohnte (Nollendorfstraße 17). Sie hatte ein "langes, dünnes, hübsches Gesicht", lebte mit Isherwood "wie Bruder und Schwester" und beklagte eines regnerischen Nachmittags: "Schade, daß wir nicht miteinander schlafen können, es gibt sonst gar nichts zu tun."
Die Bühne betrat sie in Max Reinhardts Inszenierung von "Hoffmanns Erzählungen" -- als Statistin im Venedig-Akt. Ganz statisch muß sie da nicht gewesen sein. Bei jeder Aufführung, versicherte sie Isherwood' habe sie auf offener Bühne, unbemerkt vom Publikum, mit ihrem Partner einen eigenen Akt vollzogen. Sie starb 1973.
Der Ruhm der Berlin-Geschichten hat Isherwoods spätere Romane überschattet; immerhin, die Bühnen- und Film-Versionen bringen ihm "eine ganze Menge Tantiemen ein". Und sollte er eines Tages nur wegen dieser Geschichten in Erinnerung bleiben, ist es ihm auch recht.
"Es ist besser", sagte er, "ein Einst-Gewesener zu sein als ein elender Nie-Gewesener."

DER SPIEGEL 6/1977
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