31.01.1977

ARCHÄOLOGIEFlug der Könige

Mit einem aufsehenerregenden Experiment hat der Amerikaner Jim Woodman nachzuweisen versucht, daß südamerikanische Indianer bereits um 500 nach Christus die Technik der Heißballonfahrt beherrschten.
Eine neue Forschungsrichtung in einer alten Wissenschaft macht immer mehr von sich reden: die experimentelle Archäologie.
Seit der norwegische Forscher Thor Heyerdahl im Jahre 1947 seine berühmt gewordene Fahrt mit dem Balsafloß "Kon-Tiki" über den Stillen Ozean unternahm, mit der er nachweisen wollte, daß die Bewohner der Südseeinseln aus Südamerika und nicht aus Asien eingewandert seien, fand diese aparte Mischung aus Intuition und Experiment, Forschung und Phantasie, Wissensdrang und Abenteuerlust zahlreiche Nachahmer.
Archäologen bauten Schmelzöfen der Eisenzeit nach und setzten sie in Betrieb. Nach prähistorischen Methoden gerbten sie Felle und bestellten sie Äcker. sie übten sich im Schlagen des Feuersteins und bastelten Faustkeile. Forschergruppen hausten monatelang mit Kind und Kegel völlig isoliert von der Zivilisation nach dem Vorbild der Altvordern, um deren Lebensbedingungen zu studieren.
Jüngstes Beispiel experimenteller Archäologie ist das im Jahre 1975 realisierte Projekt Nazca des Amerikaners Jim Woodman (SPIEGEL 31/1975). Sein Bericht über dieses Unternehmen erscheint jetzt in deutscher Übersetzung*.
Die peruanische Nazca-Ebene gehört zu den verwirrendsten archäologischen Rätseln Südamerikas. Im Jahre 1939 nahm der amerikanische Agronom Paul Kosok bei Vermessungsarbeiten in Nazca einige markante Linien auf, die er zunächst für verschüttete Bewässerungsgräben aus der Vor-Inka-Zeit hielt. Als er hinterher den Ertrag seiner kartographischen Aufzeichnungen überprüfte, sah er in seinem Block außer geometrischen Linien auch Tierbilder und abstrakte Symbole.
* Jim Woodman: "Nazca". C. Bertelsmann. München; 212 Seiten: 26 Mark.
Doch erst die anschließenden Aufnahmen der peruanischen Luftwaffe riefen die Archäologen auf den Plan. In den Luftbildern waren auf einer Fläche von rund 500 Quadratkilometern 18 kondorähnliche Vogelumrisse deutlich erkennbar. An anderen Stellen ließen sich Reptilien, Spiralen, Blumen, ein Hai, eine Spinne und ein großer Affe ausmachen. Auch verschiedene Dreiecke und Trapezoide waren in den steinigen Boden eingeritzt. Lange parallele Geraden liefen über das weite Tafelland bis zum Horizont. Alles zusammen wirkte wie das Zeichenbrett eines Giganten.
Angelockt von den mysteriösen Funden wurde auch die in Deutschland geborene Mathematikerin Maria Reiche. Sie kam 1946 und blieb. Mit der Pedanterie eines Katasterbeamten entwarf sie ganz allein eine detaillierte Karte der Bodenzeichnungen. Sie photographierte, vermaß und verkartete jede einzelne Linie. 1968 veröffentlichte sie den Ertrag ihres Gelehrtenfleißes in dem Buch "Geheimnis der Wüste".
Maria Reiche vermutete in den Konstruktionselementen der Figuren und geometrischen Zeichen die Chiffren einer geheimen Wissenschaft, die, entschlüsselt, wichtige Informationen über Zusammenhänge von Wetterlagen, Erdbeben, Sonnenbahn und Sternenlauf hergeben würden.
Mit erheblich mehr Aufwand und Getöse machte ein anderer bald darauf seine spezielle Deutung von Nazca kund: Astro-Spekulant Erich von Däniken. In seinem zweiten Weltbestseller "Zurück zu den Sternen" ließ er die exterrestrischen Raumfahrer vor rund 10 000 Jahren hier landen. Denn die gigantischen Bilder in Peru hatten ihm "unzweifelhaft den Eindruck einer Flugplatzanlage" vermittelt.
Die geheimnisvollen Riesenzeichnungen erregten auch das Interesse der "International Explorers Society" (I. E. 5.), eines 14 000 Mitglieder starken Amateur-Entdeckerklubs. Die I. E. 5. beauftragte Woodman, Farbphotos der prähistorischen Linien und Symbole aus der Luft aufzunehmen.
Als Woodman im Oktober 1973 zum erstenmal die Nazca-Zeichnungen aus der Luft sah, setzte sich in ihm eine fixe Idee fest: Wer diese Zeichnungen, diese frühe "Land Art", eingeritzt oder herausgescharrt hatte, der müßte selber geflogen sein! Denn wozu diese gigantischen Artefakte. so fragte er sich, wenn deren Schöpfer sie gar nicht erblicken konnten?
Das hatte auch schon Maria Reiche erwogen, nachdem sie während eines
Hubschrauberfluges über Nazca festgestellt hatte, daß die Bodenzeichnungen "am besten aus 100 bis 200 Meter Höhe überschaubar" sind.
Woodman informierte die 1. E. 5. über seine Hypothese. Er glaubte auch zu wissen, wie die Zeichner in die Luft gekommen waren: mit Heißluftballons.
Die Explorers sammelten daraufhin Berichte über primitiv-rituelle Rauchballons, wie sie heute noch zivilisationsferne Indios in Süd- und Mittelamerika bei religiösen Festen aufsteigen lassen. Sie erforschten die Geschichte und Vorgeschichte nach Mustern, und sie gingen den Berichten peruanischer Huaqueros -- Grabräubern -- von alten Ballondarstellungen auf Grabplatten und Tonscherben nach.
Bei ihren Recherchen fanden die Explorers auch Berichte des portugiesischen Jesuitenpaters Bartolomeu Lourenco de Gusmao, der schon im Oktober 1709 in Lissabon einen Heißluftballon einen Kilometer weit und 20 Meter hoch zum Fliegen gebracht haben soll. Der Jesuit hatte seinen Ballon nach Vorbildern gebaut, die er während einer Missionsreise durch Südamerika entdeckt hatte. Das Fluggerät war aus Baumwolle und Holz gefertigt.
Schließlich beschloß die I.E.S. mit einem Experiment nachzuweisen, "daß die alten Nazcaleute mit Feuer und den Materialien, die sie besaßen, hoch genug fliegen konnten, um die großen Bodenzeichnungen auf den Pampas zu erkennen".
Nazcagewebe, wie die Expedition sie wohlerhalten in den Leichensäcken der alten Grabfelder von Nazca vorfand, erfüllten in Labortests die für eine Verwendung als Ballonstoff erforderlichen Bedingungen. Die Explorers ließen die Hülle für ihren Riesenballon "Condor I" nach diesem alten Webmuster anfertigen. Die Gondel fochten Indios auf einer Insel im Titicacasee aus Totora-Binsen, aus denen die Inkas ihre Boote bauten.
Entsprechend den dreieckigen Figuren auf der Nazca-Ebene wurde der riesige Ballon als Tetraeder entworfen. Unter dieser Hülle aus Baumwollstoff sollte die Binsengondel für zwei Mann hängen, 1,5 Meter hoch und 2,5 Meter lang.
Ende November 1975 war es dann soweit. Die Ballonhülle war über einer Rauchgrube gründlich "geräuchert" worden. Die winzigen Rauchpartikel hatten sämtliche Poren des Stoffes verklebt und zugestopft. Nun konnte die heiße Luft nicht mehr entweichen. Mit fast 2500 Kubikmetern heißer Rauchluft gefüllt, hatte der Ballon die Ausmaße eines zehnstöckigen Hauses.
Nacheinander wurden der Haltering und die vier Gondelleinen losgelassen. Mit sechs Metern pro Sekunde stieg "Condor I" auf fast 130 Meter Höhe empor. Woodman und sein Kopilot, der englische Rekordballonfahrer Julian Nott, schwebten über der Nazca-Ebene und betrachteten das unglaubliche Labyrinth der Bodenzeichnungen. Minutenlang "waren wir in die Vergangenheit zurückgeflogen, während wir zum Himmel emporgestiegen waren
Der Woodman/Nott-Flug hat bewiesen, daß die legendären indianischen Heißluftballons Menschen hätten transportieren können. Die Theorie der Explorers geht nun dahin, daß die Ballons zu einem Begräbnis-Ritual für Könige gehörten. Sie entführten die Leichen der Herrscher vor den Augen ihres Volkes in die Höhe, zur Sonne -- so wie einst ihr Gott Viracocha zur Sonne zurückgekehrt sein soll. Demnach wäre die Nazca-Ebene mit ihren mythischen Zeichnungen nichts anderes als die großartige Anlage eines Totenkults.

DER SPIEGEL 6/1977
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