11.07.2005

KONZERNEIm Netz der Spinne

Der Rücktritt von Peter Hartz ist der bislang spektakulärste Paukenschlag in der großen VW-Affären-Operette um Bordellbesuche und gekaufte Betriebsräte, korrupte Manager und ein Geflecht dubioser Tarnfirmen. Im Zentrum steht die Personalabteilung in Wolfsburg.
Der Tag, an dem Peter Hartz oben angekommen war, ganz oben, das war der 16. August 2002. Der Sohn eines Stahlarbeiters war nicht nur Vorstand in Europas größtem Autokonzern und bekannt für seine Arbeitszeitmodelle. Er galt auch als großer Reformer, der nun im Französischen Dom in Berlin zusammen mit SPD-Kanzler Gerhard Schröder sein Projekt präsentieren durfte, mit dem er Deutschland Wege aus der Arbeitslosigkeit weisen wollte.
Der Tag, an dem Hartz wieder unten ankam, ganz unten, wurde der 8. Juli 2005. Es war der vergangene Freitag - und Hartz schon ein gebrochener Mann. Die Arbeitsmarktreformen, auf denen trotz vielfacher Verwässerungen noch immer sein Name klebt, gelten mittlerweile als Flop. Nun musste Hartz auch noch seinen Rücktritt als VW-Vorstand anbieten. Niedersachsens CDU-Ministerpräsident Christian Wulff, Vertreter des größten VW-Aktionärs, sagte, man nehme den Rücktritt sofort und dankend an.
Hartz ist das bislang prominenteste Opfer einer Affäre, die scheinbar harmlos mit einer kleinen Firma namens F-BEL in Prag anfing und dann zunächst zur Entlassung des Skoda-Personalvorstands Helmuth Schuster und des Wolfsburger Personalmanagers Klaus-Joachim Gebauer führte. Schließlich zwang das Skandalgewitter auch Klaus Volkert, den einst mächtigsten Betriebsratschef Deutschlands, zum kaum noch geordneten Rückzug. Nun ist auch für Hartz Schicht.
Es geht um Tarnfirmen von Managern und Lustreisen für Betriebsräte. Prostituierte in Brasilien und Indien spielen ebenso eine Rolle wie eine Dame aus dem Edelbordell "Elefante Branco", dem Weißen Elefanten, in Lissabon.
Es geht aber auch um das Modell VW, in dem Betriebsräte und Personalvorstand stets aufs Engste miteinander kungelten. Und es geht generell um die Mitbestimmung der Arbeitnehmer im Aufsichtsrat, die durch die neue VW-Affäre einen ähnlich schlimmen Rückschlag erleidet wie durch den Fall Mannesmann, in dem der damalige IG-Metall-Chef Klaus Zwickel Millionenzahlungen an Manager mittrug und sich dafür später vor Gericht verantworten musste.
Die Wolfsburger Belegschaft ist verärgert und verunsichert. VW steckt in der Krise. Auf wichtigen Märkten bricht der Absatz ein. Die Marke Volkswagen ist in die roten Zahlen gerutscht, und ihr neuer Chef Wolfgang Bernhard kündigt einen harten Sanierungskurs an (siehe Seite 99).
Doch gerade in dieser schwierigen Situation, in der die Beschäftigten auf starke Interessenvertreter angewiesen sind, geraten Betriebsräte unter Generalverdacht: Sie müssen sich fragen lassen, ob sie käuflich waren.
Das ganze Konzerndrama begann damit, dass die Commerzbank auf der Computerfestplatte eines entlassenen Mitarbeiters seltsame Dokumente entdeckte. Danach hatte ihr Mitarbeiter zusammen mit Skoda-Vorstand Schuster und anderen im Schatten des VW-Konzerns ein internationales Firmengeflecht gesponnen, über das Aufträge mit den Wolfsburgern abgewickelt werden sollten. Die Bank gab die Unterlagen an die VW-Revision weiter, die ihre Ermittlungen aufnahm und den Sicherheitsdienst mit dem ehemaligen Reemtsma-Fahnder Dieter Langendörfer einschaltete.
Schnell stellten sie fest, dass Skoda-Manager Schuster an der Firma F-BEL beteiligt war, die sich um den Auftrag für den Bau einer kleinen Autostadt der tschechischen Marke in Prag beworben hatte. Außerdem soll er versucht haben, die Generalimporteursverträge für Indien und Angola zu verschieben (SPIEGEL 27/2005).
Ins Blickfeld der VW-Ermittler geriet dabei auch Personalmanager Gebauer, der Schuster aus dessen vorherigem Job in der Wolfsburger Personalabteilung gut kennt. Er soll an dessen Unternehmungen beteiligt gewesen sein und erhielt, wie Schuster, von VW dafür die fristlose Kündigung.
Damit nahm Affäre eins ihren Lauf, in der es darum geht, wie Schuster, Gebauer und andere Mitarbeiter Geschäfte mit dem eigenen Konzern machen wollten. Bei den Recherchen kam zudem heraus, dass ausgerechnet Betriebsratschef Volkert sich ebenfalls an der Firma F-BEL beteiligt hatte.
Als Volkert merkte, dass dieses geplante Privatgeschäft an die Öffentlichkeit kommen würde, trat er vorvergangene Woche schnell zurück - aus Altersgründen, wie er zunächst versicherte.
Zu diesem Zeitpunkt allerdings tickte bereits eine andere Zeitbombe. Gebauer musste sauer sein, dass all die Unternehmensmächtigen, denen er im Laufe der Jahre so oft einen diskreten Gefallen erwiesen hatte, seinen Rausschmiss nicht verhindert hatten. Und mit dem FDP-Politiker und Juristen Wolfgang Kubicki hatte er sich einen Anwalt genommen, der über sich selbst sagt, Leute wie ihn verpflichte man "vielleicht für den Krieg, aber nicht, um ein Altenpflegeheim zu leiten".
So begann Affäre zwei - noch schmuddeliger, unübersichtlicher und gefährlicher. Und so zog das Duo Gebauer/Kubicki mit einem Koffer alter Akten und Spesenbelegen in den Krieg, ihren Krieg.
"VW-Vorstand soll Betriebsrat gekauft haben", titelte die "Süddeutsche Zeitung" am vergangenen Dienstag. "Teure Lustreisen des Betriebsrats per Firmenjet seien vom Vorstand genehmigt worden. Dazu habe 'das Einfliegen von Luxus-Nutten gehört'." Der Fall könnte die gesamte Arbeiterbewegung in die Luft sprengen, schrieb das Münchner Blatt, das als Quelle nur einen anonymen "Insider" zu bieten hatte.
Der Nachfolger Volkerts an der Betriebsratsspitze, Bernd Osterloh, schäumte über "pauschal geäußerte Vermutungen", wonach der Betriebsrat gekauft worden sein soll. Das kann - gleichfalls pauschal - auch niemand behaupten.
Natürlich gibt es die redlichen Betriebsräte, die sich nicht ins Bordell einladen lassen. Die es bei Ausflügen, auf denen die Ehefrauen sie begleiten, auch abgelehnt haben, wenn Gebauer die Gattinnen mit Einkaufsschecks von 1000 bis 2000 Euro ausstatten wollte.
Aber es gibt auch die anderen. Und sie wurden durch das System fürsorglicher Belagerung, das unter Vorstand Hartz in Wolfsburg über die Jahre entstand und bislang existierte, in Versuchung geführt.
Hartz hatte die Anweisung gegeben, dass dem Betriebsrat ein Budget zur Verfügung steht, dessen Verwendung nicht kontrolliert wird. Im Zentrum des Systems saß Personalmanager Gebauer wie die Spinne im Netz. Mehr als ein Jahrzehnt war er für die Organisation der Treffen des Welt- und des Europabetriebsrats sowie die Reisen des Betriebsausschusses in alle Welt verantwortlich.
Er konnte über das Geld verfügen und war mit Vollmachten ausgestattet, die sonst wohl kein anderer Manager in Europas größtem Autokonzern genießt.
Gebauer hatte kein Limit für seine Kostenabrechnungen der Betriebsratsreisen. Und wenn er mal keine Quittungen parat hatte, weil es für bestimmte Dienstleistungen eben keine gibt, konnte er Eigenbelege über mehrere zehntausend Euro ausfüllen. Binnen zwei Jahren wurden nach Erkenntnissen der Revision insgesamt Eigenbelege in Höhe von einer Million Euro eingereicht. Das Geld wurde vom Unternehmen stets anstandslos überwiesen. Die Gewerkschafter interessierte das wenig. Brüder, zur Wonne, zur Freiheit!
Eine derart unkontrollierte Verfügungsgewalt übers große Geld kann Gebauer nur durch den zuständigen Personalvorstand erhalten haben. Der ermöglichte es ihm, als "Chefanimateur für VW-Betriebsräte" ("Frankfurter Allgemeine") aufzutreten.
Mehrere Betriebsräte bestätigen dem SPIEGEL, dass Gebauer, der auf den Konferenzen in Brasilien, Portugal, Indien und in anderen Ländern meist dabei war, Arbeitnehmervertreter in einschlägige Etablissements gelotst und die Rechnungen dann beglichen habe.
Das war, rein juristisch, keine Bestechung. Ein Unternehmen kann nicht die eigenen Mitarbeiter bestechen. Es war allenfalls eine Begünstigung der Betriebsräte, die nach dem Betriebsverfassungsgesetz verboten ist.
Doch in diesem Teil der Affäre geht es weniger um juristisch greifbare Fakten, sondern um höhere Güter: um Moral, Anstand und die Unabhängigkeit von Aufsichtsratsmitgliedern. Wie sollen Betriebsräte, die sich von ihrem Unternehmen sogar Bordellbesuche bezahlen lassen, den Vorstand noch kritisch kontrollieren? Machen sie sich nicht im Gegenzug erpressbar?
Die Frage stellt sich aus anderem Grund auch beim abgetretenen Betriebsratsboss Volkert. Die Brasilianerin Adriana B., zu der Volkert ein ganz persönliches Verhältnis hatte, bekam vom Konzern Aufträge für Werbefilme. Sie erhielt First-Class-Flüge nach Europa. Und ihr wurden zudem pro Quartal 23 008 Euro überwiesen.
Aber seit wann gibt es für Werbefilme vierteljährliche Zahlungen? Seit wann vergibt die Personalabteilung solche Aufträge, die eigentlich in der Marketingabteilung angesiedelt sind? Und warum hat sich der deutsche Personalvorstand Hartz persönlich für einen entlassenen Mitarbeiter bei Volkswagen do Brasil eingesetzt, der zuvor stets die Flüge für Adriana B. abgezeichnet hatte?
Hartz und Volkert verbindet mehr als gemeinsam ausgehandelte Tarifprojekte wie die Vier-Tage-Woche oder die Auto 5000 GmbH. Beide haben einst ganz unten angefangen.
Hartz arbeitete sich über eine kaufmännische Lehre und Abendgymnasium auf den Arbeitsdirektorenposten in der Stahlindustrie hoch, bis das IG-Metall- und SPD-Mitglied 1993 in den VW-Vorstand berufen wurde. Der gelernte Schmied Volkert kam über die Betriebsratsschiene nach oben, bis er 1990 den Vorsitz des Gremiums übernahm und fortan vom damaligen VW-Chef Ferdinand Piëch und anderen Vorständen behandelt wurde, als sei er einer der Ihren. Genosse und Bosse verstanden sich hervorragend.
So wurden Volkert und Hartz fleischgewordene Symbole für das Wolfsburger Harmoniemodell. Beide waren jahrelang häufig miteinander unterwegs. Beide waren Aufsichtsratsmitglieder bei Volkswagen do Brasil und flogen deshalb vier-, fünfmal pro Jahr nach Südamerika. Hartz kennt auch Adriana B., die Volkert bei Werkbesichtigungen im Ausland oft begleitete.
Mehr als ein Jahrzehnt saß Volkert zudem im Präsidium des VW-Aufsichtsrats. Affären wie die um den einstigen Einkaufschef José Ignacio López und Missmanagement wie bei den Milliardenbaustellen Bugatti, Bentley und Lamborghini blieben für den damaligen VW-Chef Piëch auch deshalb folgenlos, weil Volkert ihm in kritischen Situationen stets den Rücken stärkte. Dass der einstige Betriebsratschef nun in den Verdacht gerät, nicht mehr unabhängig gewesen zu sein, muss er sich selbst zuschreiben.
Für VW-Chef Bernd Pischetsrieder ist die Affäre schlimm, weil das Image des Konzerns nun scharfe, tiefe Kratzer bekommt. Pischetsrieder und sein Vorgänger Piëch, der nun Aufsichtsratschef ist, müssen sich auch fragen lassen, ob sie die Selbstbedienungsbudgets in der Personalabteilung stillschweigend duldeten, weil sie ihnen Ruhe an der Arbeitnehmerfront verschafften.
Doch der Skandal ist zugleich eine Chance. Ministerpräsident Christian Wulff, der das Land Niedersachsen im Aufsichtsrat vertritt, will seit langem das dichte Beziehungs- und Abhängigkeitsgeflecht zerschneiden, das den VW-Konzern überwuchert und oft dafür sorgte, dass wirtschaftliche Erwägungen erst an zweiter Stelle eine Rolle spielten.
Deshalb soll der neue Personalchef nicht mehr im Konzernvorstand sitzen und dort auch Einfluss auf Investitionen und Modellpolitik üben. Er soll nur noch im Vorstand der Marke Volkswagen angesiedelt sein und sich um die Belange der Belegschaft kümmern. Einen zweiten Hartz soll es nicht mehr geben.
Für den ersten, den einzigen Hartz aber, über den Bundeskanzler Schröder am Freitag sagte, er habe sehr viel für das Unternehmen VW und "auch für Deutschland" getan, entwickelte sich die Affäre Ende vergangener Woche zu einem ganz persönlichen Drama. Hartz wusste, dass er ein hohes Risiko eingegangen war, als er der Entlassung Gebauers zugestimmt hatte.
Der hatte alle Abrechnungen selbst erstellt. Und der wusste, was da im Laufe der Jahre alles auf Konzernkosten abgerechnet worden war. Aber Hartz stand auf dem Standpunkt, vermutlich kriminelle Machenschaften eines VW-Mannes könne er nicht decken - ganz gleich, wie hoch der Preis dafür am Ende sein könnte.
Am Donnerstag hatte "Bild" dann berichtet, Gebauer habe im Dezember 2003 eine Dame aus dem Edelbordell "Elefante Branco" aus Lissabon nach Paris einfliegen lassen. Sie sollte dort einen hohen VW-Manager, der sie bei früherer Gelegenheit kennen und schätzen gelernt hatte, in dessen Hotelsuite besuchen. Fortan durfte jeder rätseln, um welchen Manager es sich dabei gehandelt haben könnte.
Zugleich durfte man sich darüber wundern, wie ein VW-Manager sich mit einer solchen Aktion in die Abhängigkeit von Gebauer begeben konnte, der im Unternehmen selbst längst einen zweifelhaften Ruf hatte. Aber die Spinne, die in ihrem Netz aus Freundlichkeiten und Geschenken vorher schon manchen Betriebsrat umsponnen hatte, fing auch einen VW-Vorstand ein.
Wenn der die Dienste der Dame privat bezahlt hat, ginge der Vorgang niemanden etwas an. Der VW-Manager sagt, er habe Gebauer alle Auslagen in bar bezahlt. Das könne er eidesstattlich versichern. Und der Rest sei Privatsache.
Doch Gebauer hat zumindest den Flug der Prostituierten von Lissabon nach Paris über den VW-Konzern abgerechnet, wie die Revision inzwischen herausfand.
Hartz wusste, dass "Bild" in seiner Ausgabe am vergangenen Samstag behaupten wollte, er selbst sei jener VW-Manager in Paris gewesen. Und wie soll Hartz beweisen, dass er die Dienste der Dame aus eigener Tasche bezahlt hat und Gebauer die Gelegenheit möglicherweise nutzte, um den Flug doppelt abzurechnen?
Auch wer sich abhängig macht, macht einen Fehler. So blieb am Ende nur sein Rücktritt. DIETMAR HAWRANEK, MARION KRASKE,
SVEN RÖBEL, ANDREAS ULRICH
Von Dietmar Hawranek, Marion Kraske, Sven Röbel und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 28/2005
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