11.07.2005

KRIEGSVERBRECHEN„Wie Weihrauch in der Kirche“

Für viele Serben sind Radovan Karadzic und Ratko Mladic keine Massenmörder, sondern Helden. Zum 10. Jahrestag des Massakers von Srebrenica soll Mladic sich stellen.
Zwei Luftbilder brachten es an den Tag. Das erste Foto vom 13. Juli 1995 zeigt etwa 600 Jungen und Männer auf dem Fußballplatz am Ortsrand von Nova Kasaba bei Srebrenica. Auf dem zweiten Foto ist das Spielfeld leer. In der Nähe sieht man einen frisch umgegrabenen Acker, der vorher unberührt gewesen war.
Die Bilder dokumentieren das grässlichste Massaker seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs in Europa. In und um das Bergbaustädtchen Srebrenica in Ostbosnien hat die serbisch-bosnische Armee zwischen dem 11. und 16. Juli 1995 schätzungsweise 7800 unbewaffnete Muslime ermordet und die meisten an Ort und Stelle verscharrt.
Acht der Offiziere, die mitgemordet haben, warten in Den Haag auf ihren Prozess vor dem Internationalen Kriegsverbrecher-Tribunal. Die zwei Hauptverantwortlichen sind noch auf freiem Fuß: der damalige Staatschef der "Republika Srpska", Radovan Karadzic, und der Kommandeur seiner Streitkräfte, General Ratko Mladic.
Srebrenica ist eine schwere Hypothek für Serbien und Montenegro und für die Republika Srpska (Kleinserbien), die ein Teil von Bosnien-Herzegowina ist. Solange die wichtigsten serbischen Kriegsverbrecher nicht vor Gericht stehen, kommt die Annäherung an die Europäische Union nicht voran.
Uno-Chefanklägerin Carla Del Ponte ist davon überzeugt, dass die zwei Gesuchten längst im Gefängnis säßen, wenn die Nato und die Expeditionsstreitmacht der EU, die Eufor, nur wollten. Seit Mitte Juni kursiert in Belgrad das Gerücht, Premier Vojislav Kostunica wolle Mladic dazu überreden, sich freiwillig zu stellen. Kostunica hat das dementiert. Doch die Zeit arbeitet nicht für Mladic, so viel ist sicher.
Mladic hält sich vermutlich in Belgrad versteckt, Karadzic, das Alphatier unter den serbischen Kriegsverbrechern, klabautert durch den serbischen Teil Bosniens und durch Montenegro. Seine Hauptfluchtburg ist Foca an der Drina.
Foca, die malerische kleine Stadt zwischen den Tälern am Fuß der Dinarischen Berge, ist ein Mördernest. Es ist von anonymen Gräbern umgeben, stummen Zeugen der Pogrome gegen die Muslime, die hier Mitte der neunziger Jahre tobten.
Foca wirkt noch immer wie von serbischem Chauvinismus verstopft. Die Europäische Union, die als Besatzungsmacht Bosnien-Herzegowina verwaltet, entzog ihr deshalb die Wiederaufbauhilfe.
Die steinerne Landschaft zwischen Foca und der kleinen Stadt Niksic in Monte- negro ist auch bei Sonnenschein fahl und abweisend. Morgens, wenn die Ebene unten im Küstenvorland schon im Sonnenlicht badet, hängen hier meist Nebelschwaden zwischen den braunen Felsen. Hier kann sich der Herr K., wie die in Foca stationierten Bundeswehrsoldaten ihn nennen, vor seinen Verfolgern sicher fühlen.
Karadzic war kein gewöhnlicher Gewaltherrscher, der seine Gegner vertilgt, weil sie ihm im Weg sind. Er hatte Spaß am Töten. Ein BBC-Film aus den Tagen der Belagerung von Sarajevo zeigt ihn, wie er aus sicherer Entfernung mit einem Maschinengewehr in die Stadt ballerte und dazu ein selbstgemachtes Gedicht deklamierte: "Die Stadt brennt wie Weihrauch in der Kirche. In dem Rauch sehe ich unser Gewissen." Dann winkte er einen Besucher heran und wies einladend auf das MG: Da, Kamerad, willst du auch mal? Nero vor Sarajevo.
Karadzic verfügt über ein hochmotiviertes Old-Boys-Network, das ihn überall deckt - in Foca, in seinem Heimatdorf Petrijca, in Pale, der ehemaligen Hauptstadt der serbischen Teilrepublik, in den Klöstern beiderseits der Grenze. Die Eufor hat auch den früheren Kommandobunker bei Han Piesak im Visier. Sie schickt alle zwei, drei Tage eine unangemeldete Patrouille vorbei, in der Hoffnung, sie werde Herrn K. irgendwann mal überraschen.
Der Bunker von Han Piesak liegt mitten im Wald, fast 1500 Meter unter einem Berg - ein unterirdischer Plüschpalast von monumentalem Ausmaß. Im Bosnien-Krieg war das die Einsatzleitzentrale der bosnisch-serbischen Streitkräfte. Die Eufor will wissen, dass Mladic hier im vorigen Sommer zusammen mit alten Kameraden den "Tag der Streitkräfte" gefeiert hat. Angeblich züchtete er in Han Piesak auch Bienen.
Im Berg riecht es muffig. Die Decken sind von Kondenswasserflecken marmoriert. Die Technik ist aber noch intakt - die alte Fernsprechanlage, die Frischluftpumpe, die Frischwasseranlage mit Reserven für 30 Tage. Jede kaputte Glühbirne wird sofort ausgewechselt. Auch das rote Telefon funktioniert noch. Wenn es morgen Krieg gäbe, könnte der Generalstab, sofern die Eufor ihn ließe, hier sofort wieder einrücken. Sogar die Betten sind frisch bezogen.
Gibt es hier nicht auch Geheimtüren, die in den Bauplänen nicht verzeichnet sind? "Ach was, wo denn?" Milomir Djeric, der Kommandeur der Bunkerschutztruppe, lächelt hintergründig: "Sehen Sie sich um, wir haben nichts zu verbergen."
Lord Paddy Ashdown, der Bosnien-Beauftragte der Internationalen Staatengemeinschaft, schwor im Zorn, er werde den "Sumpf trockenlegen, aus dem dieser Giftbaum" spross. Der Lord überschätzte seine Möglichkeiten. Der Sumpf ist fruchtbar noch.
Die Empörung über die Karadzic-Barbarei wurde Anfang Juni, fast genau zehn Jahre nach dem Massenmord in Srebrenica, wiederbelebt durch einen vom Belgrader Fernsehen gezeigten Videofilm, in dem zu sehen ist, wie serbische Paramilitärs kaltblütig sechs muslimische Gefangene erschießen. Auch in Serbien führte der Schockerfilm zu Nachdenklichkeit. Viele wollten nicht wahrhaben, dass Serben so grausam sein können.
In Foca wurde der Schock nicht wahrgenommen. In schweren Zeiten muss man gegen die Fremden zusammenstehen: Bratstvo i jedinstvi - Brüderlichkeit und Einigkeit.
Das wichtigste Element in der kleinserbischen Trotzfront ist der K-Faktor. Das Foto von Rascho, wie Karadzic hier genannt wird, hängt bei gutserbischen Familien gleich über der Eingangstür. In den Dörfern lassen die Bauern nachts ihre Türen offen, damit er jederzeit bei ihnen einkehren kann.
"Steig herab, Rascho, von den Bergen, du warst lange nicht bei uns", singen die pensionierten Tschetniks abends zur Fidel an der Drina-Brücke.
Es ist nicht die völkerversöhnende Brü- cke über die Drina, die Nobelpreisträger Ivo Andric in seinem gleichnamigen Roman beschreibt. Diese Brücke war im letzten Krieg Schauplatz sadistischer Treibjagden auf muslimische Bosnier. Am Geländer hängten Serben die Leichen von Zivilisten auf, die sie im Gefängnis "KP Dom" totgefoltert hatten. Die Leichen trieben flussabwärts bis in die muslimische Enklave Gorazde. Sie sollten die Botschaft übermitteln: Schert euch fort von der serbischen Scholle, sonst helfen wir nach.
Die US-Regierung hat Prämien von jeweils fünf Millionen Dollar für die Ergreifung von Mladic oder Karadzic ausgesetzt. Aber das Gesetz des Schweigens, das den löwenmähnigen Psychiater schützt, kann man mit Geld nicht aushebeln. Wer die Omertà bricht, begibt sich in Lebensgefahr. Auch Karadzic-Sohn Aleksandar, der am vergangenen Donnerstag in Pale verhaftet und quasi in Beugehaft genommen wurde, hüllt sich in Schweigen.
Jetzt ist Radovan Karadzic schon neun Jahre lang auf der Flucht. Warum kriegen sie ihn nicht? Ist es Jagdpech, Inkompetenz, Verrat?
Meistens war es Tollpatschigkeit. Wie in Celibici an einem Tag im Frühjahr 2002. Um fünf Uhr früh landeten fünf amerikanische Hubschrauber am Dorfrand. Maskierte Männer sprangen heraus, besetzten die Dorfausgänge. CNN unterbrach sein Programm: Karadzic gefasst!
Ein paar Stunden später wurde die Meldung zurückgenommen. Als die Hubschrauber am Himmel auftauchten, war Karadzic längst über alle Berge nach Montenegro.
In der Nacht zum 1. April 2004 besetzten 40 schwerbewaffnete Soldaten eine orthodoxe Kirche in Pale, in der sie Karadzic vermuteten. Sie sprengten mit Handgranaten die Tür zur Dienstwohnung des Priesters Jeremiah Starovlah und stürmten ins Haus. Starovlah und sein Sohn wurden schwer verletzt. Aber der Gesuchte war nicht da.
Am 7. Mai dann die ganz große Chance: die Beisetzung von Karadzic' Mutter Jovanka. Undenkbar, dass ein Blut-und-Boden-Patriot wie Karadzic es versäumen würde, seiner Mutter die letzte Ehre zu geben. Als der Sarg aus der Kirche getragen wurde, war der Friedhof von Niksic umstellt. Aber es war wieder alles vergebens. Um sich in Würde von der "Heldenmutter" zu verabschieden, wie Metropolit Amfilohija sie in seiner Grabrede bezeichnete, war der Sohn nicht mutig genug.
Der Karadzic-Mythos kann wieder ausgreifen, seit die Eufor im Januar die Patronage über Bosnien von der Nato übernommen hat. Sie will nicht provozieren, weil aus der Glut in der Asche des serbischen Nationalismus neue Flammen schlagen könnten. Deshalb hält sie sich zurück.
Taktisch ist das nicht verkehrt. Mitte Mai brachte eine Kundgebung in Banja Luka 15 000 Demonstranten auf die Beine. Sie trugen Mladic- und Karadzic-T-Shirts und riefen: "Ihr Helden, wir lieben euch."
Die bosnischen Befindlichkeiten haben sich nicht geändert. General David Leakey, Chef der Eufor-Truppen, hat seinen Dolmetscher gefragt, wie lange der Friede wohl halten würde, wenn die fremden Soldaten abzögen. "Zehn Tage, dann geht's wieder los", sagte der Dolmetscher. ERICH WIEDEMANN
Von Erich Wiedemann

DER SPIEGEL 28/2005
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