Als US-Verteidigungsminister war er verantwortlich für die Bombardierung Nordvietnams. Jetzt haftet er für internationale Kredite zum Wiederaufbau zerstörter vietnamesischer Kraftwerke und Bewässerungsanlagen: Robert S. McNamara. Präsident der Weltbank in Washington.
Seit seinem Einzug in die Chefetage 1968 machte McNamara die Weltbank zum wichtigsten internationalen Investitionsinstitut für die Dritte Welt. Sie ist heute "der Drehpunkt für den gesamten Entwicklungsprozeß in den armen Ländern", meint Ökonom Robert Hormats, Berater des Nationalen Sicherheitsrats der USA. "Die Bank leistet", lobt Hormats, "Pionierarbeit, ideell wie materiell".
Tatsächlich wird mehr als die Hälfte der gesamten multilateralen Finanzhilfe des Westens über die Weltbank in die Entwicklungsländer geschleust. Am 30. Juni dieses Jahres überwachte die Bank über 1000 Projekte in 94 Entwicklungsländern. Gesamtwert dieser Investitionen: 65 Milliarden Dollar. Die Weltbank finanzierte davon 27 Milliarden Dollar (65 Milliarden Mark).
Dann wurde das Geld jedoch knapp. Weil die Bank dringend benötigte Gelder für Entwicklungsprojekte nicht mehr auftreiben darf, geriet sie unversehens in eine "finanzielle Zwangslage".
Der Grund der Finanznot: Ausgerechnet die reichsten Industriestaaten wie die USA. Bundesrepublik und Japan weigern sich als die großen Teilhaber der Bank, ihr Kapital weiter aufzustocken*.
Weil nach der Satzung die Summe der ausstehenden Darlehen niemals das gezeichnete Kapital und die Rücklagen überschreiten darf, ist damit das Entwicklungsgeschäft der Bank praktisch blockiert.
Derzeit beträgt das gezeichnete Kapital der Bank rund 31 Milliarden Dollar, hinzu kommen Rücklagen in Höhe von etwa zwei Milliarden Dollar. Die Obergrenze für Darlehen, die von der Bank für Entwicklungsprojekte gewährt werden dürfen, liegt also bei 33 Milliarden Dollar.
Noch Ende 1971 hatten die Experten geglaubt, daß die Bank erst 1990 die satzungsmäßige Obergrenze erreichen würde -- bei damals unterstellten jährlichen Inflationsraten von durchschnittlich zwei Prozent.
Doch aus diesen Traumraten wurde nichts. Die Banker registrierten schon bald zweistellige Teuerungsraten. Die Kosten für Entwicklungsvorhaben lie-
* Insgesamt gehören dem 1944 in Bretton Woods gegründeten Institut 128 Staaten an. Größter Träger sind die USA mit 22,6 Prozent der Stimmrechte; die Bundesrepublik hat einen Stimmanteil von 4,9 Prozent.
fen rasch davon, die Anforderungen an die Bank stiegen sogar noch rascher.
Die Möglichkeiten der Bank, bei diesem Wettlauf mitzuhalten, wurden von Monat zu Monat flauer. "Sofern nicht sehr rasch entsprechende Schritte unternommen werden, um die Mittelverknappung der Bank zu beheben", warnt McNamara, "wird der Hilfsstrom für die Entwicklungsländer zu einem abrupten Halt kommen."
So rechnen die Weltbankstrategen vor, daß die jährlichen Kreditzusagen auf nur 5,8 Milliarden Dollar beschränkt werden müssen. Wird die Inflation einkalkuliert, schrumpft dieser Betrag im Haushaltsjahr 1978 auf 5,5 Milliarden und im Jahr 1985 gar auf 3,9 Milliarden Dollar.
Die Folgen, behaupten Entwicklungsstrategen, wären verheerend. Denn mit Ausnahme einer Handvoll Aufsteiger-Länder wie etwa Israel, Spanien und Griechenland, denen mehr und mehr der private Kapitalmarkt offensteht, werden über 80 Entwicklungsländer während der nächsten zehn Jahre auch weiterhin von der Weltbank als ihrer wichtigsten Kapitalquelle abhängen.
"Belassen wir das Darlehensvolumen auf dem derzeitigen Niveau", ängstigt sich Weltbank-Schatzmeister Eugene H. Rotberg, "werden den Entwicklungsländern mehrere 100 Millionen Dollar dringend benötigter Finanzhilfe unwiderruflich entgehen."
Denn Bonität und Reputation der Weltbank sind so groß, daß es ihr wie keiner anderen Institution gelungen ist, die Geldmärkte der Industriestaaten anzuzapfen und Privatkapital zu den Habenichtsen umzuleiten während gleichzeitig die öffentlichen Quellen immer spärlicher fließen.
Allein im laufenden Haushaltsjahr wird die Weltbank sich durch Schuldverschreibungen rund vier Milliarden Dollar beschaffen, den größten Teil davon bei privaten Investoren.
Auf diesen Kapitalzufluß sind die Entwicklungsländer angewiesen wie nie zuvor. Weil die trabende Inflation in den Industriestaaten den Wert ihrer Exporterlöse reduziert und die Vervierfachung der Ölpreise die Kassen leerte, stieg ihr Zahlungsbilanzdefizit 1975 auf 31 Milliarden Dollar gegenüber nur sechs Milliarden Dollar 1973. Davon wurden magere 3,4 Milliarden Dollar durch Regierungsdarlehen finanziert, 10,6 Milliarden aus den eigenen Währungsreserven. Der größte Betrag -- elf Milliarden -- stammte von privaten Kapitalgebern, vor allem Geschäftsbanken in den Industriestaaten.
Viele Entwicklungsländer mußten sich derart hoch verschulden, daß ein großer Teil der Exporterlöse für Tilgung und Zinsen draufgeht und somit für den Kauf von ausländischen Investitionsgütern kaum etwas übrigbleibt.
Gleichzeitig aber werden die Industriestaaten mit ihrer öffentlichen Entwicklungshilfe knausriger denn je. Experten der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Paris ermittelten, daß beispielsweise die Bundesrepublik trotz ihrer Zusage, die öffentliche Hilfe auf 0,7 Prozent des Bruttosozialprodukts zu steigern, die Ausgaben relativ einschränkte: von 0,4 Prozent 1975 auf 0,32 Prozent in diesem Jahr. 1980 werden es vermutlich nur noch 0,26 Prozent sein. Prozentual noch weniger gehen Japaner (0,23) und Amerikaner (0,26) aus.
Urteilt McNamara über die Folgen für die mehr als zwei Milliarden Menschen, die im Elend leben: "Die Zukunft wird schrecklich."
DER SPIEGEL 51/1976
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