27.12.1976

ÄQUATORIAL-GUINEAModerner Caligula

Gefangenen wird die Achillessehne zerschnitten, der Außenminister stürzte aus dem Fenster: Im ehemals spanischen Guinea errichtete Macias Nguema ein Schreckensregime.
Zwei Wochen lang standen elf schwerbewachte Särge auf dem Flughafen von Malabo, dem früheren Santa Isabel. Erst als sich die hölzernen Deckel unter der treibenden Kraft der Sonne zu heben begannen, erlaubte die Regierung von Äquatorial-Guinea den Abtransport der Totenkisten nach Moskau.
Die UdSSR ließ sich die Totenruhe von elf verunglückten Bürgern fünf Millionen Dollar kosten -- "Schadensersatz" für die Beschädigung des Pico de Santa Isabel, des höchsten Berges der Insel Fernando Poo, heute Macias-Nguema-Insel.
Der Schadensfall: Eine sowjetische TU-154 hatte auf dem Flug von Angola nach Moskau über Fernando Poo die Orientierung verloren und war gegen den Berg geprallt. Nach dem Abtransport der Leichen rüsteten die Sowjets eine weitere Expedition aus, um das Wrack gegen Einsicht aus der Luft zu schützen und abzutransportieren.
Das Fünf-Millionen-Dollar-Geheimnis ist bis heute nicht gelüftet. Denn Staatschef Francisco Macias Nguema, 54, hat die zwei Landesteile seiner Minirepublik -- die Insel Fernando Poo und das afrikanische Festlandstück Rio Muni -- so perfekt gegen die Außenwelt abgeschirmt, als "läge sie auf einem fremden Stern" (so das Magazin "Jeune Afrique").
Äquatorial-Guineer dürfen das Land nur mit Pässen verlassen, die der Präsident persönlich aussteht. Einreisevisa für Ausländer werden kaum erteilt. Journalisten sind grundsätzlich nicht zugelassen. Zeitweilig ruht "aus Sicherheitsgründen" sogar der Postverkehr mit dem Ausland.
Präsident Nguema hat Grund, sein Reich abzuschotten. Von 400 000 Einwohnern haben sich rund hunderttausend ins Ausland durchgeschlagen. Denn Äquatorial-Guinea gehört neben Idi Amins Uganda und Bokassas Zentralafrikanischem Kaiserreich zu jenen Terror-Staaten auf dem Schwarzen Kontinent, die auch für die meisten Afrikaner Schandflecken sind.
Die einstige spanische Besitzung ist eine jener Mißgeburten der Kolonialzeit, die sich am ehesten mit dem Haiti des verstorbenen "Papa Doc" vergleichen lassen -- obwohl der Präsident zuweilen antiimperialistische Slogans von sich gibt und gleichermaßen die Freundschaft der UdSSR wie der alten Kolonialmacht sucht.
Die Spanier hatten ihr afrikanisches Guinea (es gibt in Afrika außerdem das einst französische Guinea Sekou Tourés und das einst portugiesische Guinea-Bissau) 1968 in die Unabhängigkeit entlassen. Der von ihnen favorisierte Kandidat Macias Nguema gewann die ersten Präsidentenwahlen.
Weil sie mit Kaffee-, Kakao- und Holzexporten weiter gute Geschäfte machen konnten, unterstützten einflußreiche spanische Familien Macias -- auch, nachdem der Präsident nach einem vorgeblichen Staatsstreichversuch eine grausame Ein-Mann-Herrschaft errichtete. Bis heute hilft Madrid Macias mit jährlichen Zuschüssen von 20 bis 25 Millionen US-Dollar, hält nur die spanische "Iberia" Flugkontakt von Europa zu der Urwaldrepublik.
Der "Geisterjet" (Fliegerjargon) bedient die Strecke Madrid-Malabo einmal in der Woche. Von den 252 Sitzen der DC-8 sind freilich selten mehr als ein halbes Dutzend besetzt. Nicht nur wegen der Reiserestriktionen: Der "moderne Caligula" (so der Weltkirchenrat über Macias) hat fast die gesamte Elite seines Landes ausgerottet. "Die Intellektuellen", lehrt Macias, "sind das größte Problem Afrikas."
Für sein Land hat der "Wundertäter und große Meister der Volkserziehung" (Radio Malabo) das Problem so gründlich gelöst, daß alle Oberschulen und viele Volksschulen wegen Lehrermangels schließen mußten.
Von den Ministern, die 1968 das erste Kabinett bildeten, lebt keiner mehr. Zwei Drittel aller Mitglieder der Nationalversammlung sind den Säuberungen zum Opfer gefallen. Seinen ehemaligen Außenminister, Atanasio Ndongo. zwang der Staatschef mit vorgehaltenem Revolver, aus einem Fenster im zweiten Stock seines Palastes zu springen. Sein Erziehungsminister Buenaventura Ochaga wurde in diesem Monat im Gefängnis von Bata mit Knüppeln erschlagen. Als sich Macias 1970 von dem Hamburger Unternehmer Friedrich Wilhelm Pleuger übervorteilt fühlte, hielt er kurzerhand Pleugers Frau Irmgard als Geisel fest -- bis Pleuger eine Millionensumme zahlte.
Der Kaufmann Elias berichtete nach seiner Flucht aus dem Gefängnis über die Folterpraktiken der Macias-Soldateska. Den ersten Tag nach seiner Einkerkerung verbrachte Elias bis zum Hals stehend in fauligem Wasser. Danach gab"s Schläge mit einem Rutenbündel. Wächter ließen die Gefangenen zu Gladiatorenkämpfen antreten. Sie mußten mit Keulen so lange aufeinander eindreschen, bis einer von ihnen tot oder kampfunfähig umfiel.
Politischen Gefangenen schnitten die Soldaten die Achillesfersen durch, um sie an der Flucht zu hindern. "Überall gibt es Konzentrationslager, wie in Deutschland vor 1945", klagte Eya Nchama, Sprecher der Exil-Opposition gegen Macias. Im Juni 1974 starben im Gefängnis der Rio-Muni-Hauptstadt Bata über hundert Häftlinge. Sie hatten nach Angaben der offiziellen "Unidad de Ia Guinea Equatorial" hinter Gittern ein Komplott gegen den Präsidenten geschmiedet und kollektiven Selbstmord begangen, nachdem ihr Plan entdeckt worden war.
Vor Auslandsreisen läßt Macias gern öffentlich Gefangene erschießen, um den Daheimgebliebenen die Lust am Umsturz zu nehmen. Aus Angst vor Feinden hat er die seinem Palast zugewandte Hälfte von Malabo evakuieren und durch eine stacheldrahtbesetzte Mauer vom Rest der Stadt abtrennen lassen. Dabei hält sich der Präsident vorwiegend in seinem für 15 Millionen Mark erstellten Palastneubau auf dem Festland auf. Fernando Poo besucht er nur noch selten, denn er fürchtet die Insulaner vom Stamm der Bubi.
Doch auch unter seinen eigenen Fang-Stammesgenossen auf dem Kontinent kann sich Macias nicht mehr sicher fühlen. Mitte Juni überquerte eine Invasionstruppe von 30 mit Jagdgewehren ausgerüsteten Fang-Rebellen vom benachbarten Gabun aus die Grenze, um Bata im Sturm zu nehmen. Aber Macias-treue Truppen schmetterten den Angriff ab.
Der mißlungene Coup löste eine Welle von Verhaftungen und Exekutionen aus. Zur Straffung der Verteidigungsbereitschaft dehnte Macias die allgemeine Wehrpflicht auf "Kinder männlichen Geschlechts von sieben Jahren aufwärts" aus. Um die illegale Einfuhr von Waffen zu unterbinden, verbot Macias die Küstenfischerei -- und verschärfte damit eine Versorgungskrise. Die einst blühende Wirtschaft Fernando Poos zerschlug Macias mit seiner eigenwilligen Fremdenpolitik.
Im Januar schossen nervöse Soldaten eine Demonstration nigerianischer Gastarbeiter zusammen, die gegen die "sklavenhalterischen Methoden" auf den Kakaoplantagen der Insel protestierten. Elf Nigerianer starben. Daraufhin ließ die nigerianische Regierung 25 000 Landsleute evakuieren. Seitdem wuchert Unkraut auf den Kakaoplantagen. Die Kakao-Ausfuhr, die 66 Prozent des Gesamtexports ausmacht, sackte von 45 000 Tonnen jährlich auf 10 000 Tonnen. Ein gut Teil davon erwarb DDR-Beauftragter Dieter Wendland zu Dumping-Preisen für die volkseigene Schokoladenindustrie. Den Rest holte sich die Hamburger Kakao-Einkaufsgesellschaft.
Der äquatorial-guineische Staat vegetiert am Rande des Ruins. In Ermangelung einer Finanzbehörde greift die öffentliche Hand überall spontan zu, wo es etwas zu schröpfen gibt: Polizisten kassieren "Strafmandate" für absurde Delikte, wie schmutzige Füße, schiefe Blicke, Menschenansammlungen. Eine Sekretärin der französischen Botschaft mußte 1200 Mark Strafe zahlen, weil sie im Meer gebadet hatte. Einen spanischen Kaufmann verdonnerte Macias persönlich zur Zahlung von 80 000 Mark, weil er entgegen ausdrücklicher Präsidenten-Order sein Haus nicht gestrichen hatte.
Das Spontanstrafrecht stranguliert das Wirtschaftsleben. Taxi-Unternehmer und Einzelhändler schlossen ihre Betriebe, weil die "Geldstrafen" ihre Umsätze übertrafen. Die zwei Hotels der Hauptstadt haben ihren Restaurationsbetrieb längst eingestellt. Im "Ureca" kann der Hunger leidende Fremde eine kleine Dose Bohnen und eine Flasche Pekinger "Yuchuan"-Bier zum Preis von je 20 Mark erwerben. Dafür gibt"s vorm Schlafengehen einen Viertelliter Petroleum und ein Streichholz umsonst.
Die Stromversorgung ist schon Anfang des Jahres zusammengebrochen. weil das Geld zur Reparatur eines Generators fehlte. Im Juli trat ein Macias-Abgesandter mit einem Koffer voller Devisen bei MAN in Hamburg an, um Ersatzteile einzukaufen. Die MAN-Manager schickten ihn nach Hause, weil das Geld nicht reichte.
Das Selbstbewußtsein des Fang-Tyrannen wird von all dem trivialökonomischen Ungemach nicht beeinträchtigt. Der Personenkult um das "einzige Wunder von Äquatorial-Guinea" (so die amtliche Anrede) gilt selbst im Führer-fixierten Afrika als unübertroffen. Die einzige Bibliothek des Landes verleiht nur Literatur von und über Macias. In den Schulen und Kirchen hängen, leicht nach oben versetzt, Macias-Bilder neben Kruzifixen.
Doch darf der gläubige Christ Gott noch loben, wenn auch nur in Verbindung mit dem allmächtigen Landesvater. In der äquatorial-guineischen Version des Glaubensbekenntnisses heißt es: "Gott schuf Äquatorial-Guinea nach dem Willen von Papa Macias."

DER SPIEGEL 53/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 53/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

ÄQUATORIAL-GUINEA:
Moderner Caligula

Video 00:54

Ägypten Archäologen finden Katzen-Mumien

  • Video "Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert" Video 01:24
    Brände in Kalifornien: Promi-Ort Malibu evakuiert
  • Video "100 Jahre Frauenwahlrecht: Gleichstellung haben wir trotzdem nicht" Video 02:06
    100 Jahre Frauenwahlrecht: "Gleichstellung haben wir trotzdem nicht"
  • Video "Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker" Video 01:03
    Vor Norwegen: Kriegsschiff kollidiert mit Tanker
  • Video "Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette" Video 01:18
    Die Sache mit dem Aschedünger: Bill Gates' wasserlose Toilette
  • Video "Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe" Video 02:10
    Webvideos der Woche: Das ist doch die Höhe
  • Video "Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross" Video 06:21
    Wir drehen eine Runde: Lada Vesta SW Cross
  • Video "Schach-Videoanalyse: Carlsen hatte die Qual der Wahl" Video 03:35
    Schach-Videoanalyse: "Carlsen hatte die Qual der Wahl"
  • Video "Projekt Jeder hilft Jedem: Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen" Video 02:51
    Projekt "Jeder hilft Jedem": Wie 17 Flüchtlinge den Deutschen danken wollen
  • Video "Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen" Video 08:58
    Filmstarts der Woche: Auf den Mond geschossen
  • Video "Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?" Video 01:51
    Eklat bei Trumps Pressekonferenz: Wurde das Eklat-Video manipuliert?
  • Video "Schach WM 2018: Man spürt die Kampfeslust" Video 04:06
    Schach WM 2018: "Man spürt die Kampfeslust"
  • Video "Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet" Video 00:57
    Suchoi Su-57: Video zeigt Russlands neuen Tarnkappenjet
  • Video "Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig" Video 01:14
    Mit Hand und Fuß: Chinese löst drei Zauberwürfel gleichzeitig
  • Video "US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?" Video 04:03
    US-Präsident gegen CNN-Reporter: Ist Trump zu aggressiv - oder Acosta?
  • Video "Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien" Video 00:54
    Ägypten: Archäologen finden Katzen-Mumien