15.11.1976

JAZZStart bei Onkel Pö

Von deutschen Jazzbühnen aus tritt ein bedeutender Entertainer eine Weltkarriere an: Sänger Al Jarreau.
Als ginge es um eine Entscheidung im olympischen Zehnkampf, sprachen Kritiker vorletztes Wochenende bei den Berliner Jazztagen vom "Sieger des Festivals". Die "Entdeckung des Jahres" wurde da gefeiert, ein "Stimm-Wunder", ja sogar ein "Stimm-Genie" gepriesen: Sänger Al Jarreau zwang Superlative in die Feuilletons.
Selten nur in 13 Jazzjahren hatte die Berliner Philharmonie derartige Beifallsstürme erlebt. Selten auch wurde, am Tag davor, in der Hamburger Musikhalle noch eine Viertelstunde nach den Zugaben so frenetisch geklatscht, getrampelt und gebrüllt. Kritiker und Publikum sind sich diesmal einig: Dieser Mann hat ein ganzes Orchester in seinem Hals.
Noch bis vor kurzem galt Ella Fitzgerald als Weltmeisterin des sogenannten Scat-Gesangs, in dem eine Stimme wortlos und virtuos wie ein Instrument improvisiert. Das Ensemble Lambert, Hendricks & Ross sang Anfang der sechziger Jahre ganze Orchesterpartituren sowie berühmte Instrumentalsoli nach -- aber das waren drei. Jarreau schafft es ganz allein.
Bei geschlossenen Augen ist kaum mehr zu unterscheiden, ob das jeweilige Saxophon-, Baß- oder Bongo-Solo von einem Musiker oder von Jarreaus Stimmbändern kommt. Sein Stück "Lock All The Gates" auf der ersten LP "We Got By" wird durch eine ausdrucksvolle Flötenpassage eingeleitet. Auch diese erzeugt er, wie der Augenschein erweist, mit dem Mund. Oftmals scheinen sogar zwei Seelen in seiner Haut zu musizieren: eine, die melodisch den Songtext vorträgt, und eine andere, die mittels Kehlkopftricks, Fußstampfen und Fingerschnippen einen Gegenrhythmus improvisiert.
Hinzu kommt, daß Al Jarreau die Songs zerfasert, durch spontane Sprach-Einschübe verborgene Textinhalte bloßlegt und aus Standards wie James Taylors "Fire And Ram" oder Dave Brubecks "Take Five" komplexe Soul-Dramen macht. In einem Verwirrspiel der Phrasen und Silben werden Tonfiguren zu Sinnträgern, wandeln sich Wörter zu reinem Klang.
Während aber bundesdeutsche Klangdeuter (wohl zu Unrecht, denn Jarreau ist nicht nachzuahmen) schon spekulieren, dieser Vokal-Jazz könne als Popmusik-Trend in die Zukunft weisen, rührt sich in den USA bei derlei Kunststücken noch kaum eine Hand. In seiner Heimat durfte Jarreau lediglich in kleinen Clubs und im Vorprogramm prominenter Rockbands auftreten; seine beiden LPs wurden nicht einmal unter den "Top 100" notiert.
So viele Musikelemente sind in seinem in kein Kästchen passenden Universalstil zusammengeschmolzen, daß sich keine der Rock-, Jazz-, Blues-, Gospel- und Soul-Kasten im US-Musikgeschäft so recht für ihn zuständig fühlt. Jahrelang hat Jarreau diese Schubladen-Arroganz sogar geteilt.
Anfangs, nachdem er an der University of Iowa Soziologie studiert hatte und in San Francisco als Sozialhelfer arbeitete, beschränkte er sieh auf ganz edlen Jazz. Daß in jenen Jahren 1965 bis 1968 in San Francisco bei Bands wie Jefferson Airplane und Grateful Dead aus Blues, Folksong und Rock"n"Roll eine frische Popmusik entstand, nahm er damals gar nicht wahr.
Erst allmählich, beim Tingeln in US-Westküsten-Clubs, erweiterte und aktualisierte er sein Repertoire. Doch auch nach Erscheinen seiner ersten Langspielplatte im Herbst 1975 wurde das Außergewöhnliche seiner Stimm-Akrobatik kaum erkannt. Am 12. März dieses Jahres, seinem 36. Geburtstag, gab Jarreau sein erstes Konzert außerhalb Amerikas -- in der Hamburger Pop-Kneipe "Onkel Pö".
Dort stellte Wirt Peter Marxen ("So was Sensationelles gibt"s ja gar nicht!") während der Darbietung verblüfft den Bierhahn ab. Tags darauf fuhr der NDR mit einem Aufnahmewagen vor. Jazzredakteur Michael Naura: "Wir haben in Europa auch nicht andeutungsweise ein solches Talent."
Innerhalb von acht Monaten rückte der Sänger in westdeutschen Jazz- und Rock-Zirkeln zum Publikumsliebling auf. Die Stationen: Deutscher Schallplattenpreis als bester internationaler Nachwuchskünstler, TV-Show beim NDR, Konzerte im Berliner "Quartier Latin" (800 Besucher), in der Hamburger Musikhalle (2000 Besucher), bei den Jazztagen (4700 Besucher).
Nach den vielen Jahren im Halbdunkel amerikanischer Nachtbars könne er, sagt Jarreau, "das helle Scheinwerferlicht, die vielen Mikrophone und Fernsehkameras noch gar nicht fassen". Das klingt aufrichtig. Aber wenn er nach Hause kommt, ist er ein Star.
Mit dem Problem des Erfolgs hat sich der Pfarrerssohn aus Milwaukee bereits in zwei mit biblischen Bildern durchsetzten Songs auseinandergesetzt und dabei -- ein wenig rührselig -- seine Furcht vor Gefühlserkaltung artikuliert. "Lock All The Gates" erzählt von einem beliebten Charmeur, der zu echten Bindungen unfähig ist. Eitel übersieht er ihm entgegengebrachte Liebe, und das Mädchen "verschließt alle Türen des Herzens
"Aladdin"s Lamp" ist die mythische Geschichte eines Helden, der vermeintlich Drachen verjagen kann. Als er dann in Erkenntnis seiner vielen Unzulänglichkeiten psychisch zusammenbricht, sprießt zu seinen Füßen eine Rose. Jarreau salbungsvoll: "Es gibt Hoffnung für alle, die sich selbst gegenüber redlich sind."
Dieses Geistes wird er wohl bleiben. Doch so aufgeschlossen, so spontan, so dankbar für jeden Applaus wie jetzt in der Bundesrepublik dürfte ihm bei wachsender Karriere und Routine kaum wieder zu begegnen sein. Fans in Norddeutschland könnens diese Woche noch einmal erleben. Am Donnerstag um 21.45 Uhr wird der zweite Teil seines NDR-Fernsehkonzerts in der Nordkette ausgestrahlt.

DER SPIEGEL 47/1976
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