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Schwarzer Freitag

Von Deckstein, Dinah

Großrazzia rund um den Chipkonzern Infineon: Spitzenmanager sollen sich auf Kosten der Firma bereichert haben. Ende vergangener Woche rückten die Fahnder an.

Es gibt in Deutschland nur wenige Top-Manager, die gern mit Wolfgang Ziebart, 55, tauschen würden. Der Infineon-Chef müht sich seit seiner Inthronisation vor knapp einem Jahr, den Münchner Chiphersteller endlich in die schwarzen Zahlen zu bringen. Der Erfolg ist bislang eher mäßig, der Börsenkurs im Keller, die Aussicht düster. Doch seit Freitag vergangener Woche hat Ziebart noch ein Problem mehr. Ein richtig großes obendrein.

Und das könnte nicht nur den geplanten Verkauf seiner Speicherchipsparte gefährden, sondern den gesamten Konzern erschüttern, der schon jetzt von den "Heuschrecken" einiger Hedgefonds umkreist wird.

Um neun Uhr früh rückten in der Münchner Konzernzentrale rund ein Dutzend Staatsanwälte, Steuerfahnder und Kripo-Beamte an, um die Führungsetage der ehemaligen Siemens-Tochter zu durchsuchen. Zeitgleich filzten weitere rund 90 Beamte 14 Büros und Privathäuser von Infineon-Vorständen sowie Geschäftspartnern in ganz Deutschland und der Schweiz.

Sichergestellt wurden Verträge, Kontoauszüge und interne Unterlagen. Selbst Ex-Chef Ulrich Schumacher statteten die Ermittler einen Besuch ab. Er wird in dem Verfahren allerdings nur als Zeuge geführt. Noch am Nachmittag begannen die Ermittler mit umfangreichen Befragungen unter ausgewählten Führungskräften, die in die Affäre verstrickt sein sollen oder von denen sie sich Hilfe bei der Aufklärung erhoffen.

Anlass für die großangelegte Razzia ist neben anderen Vorwürfen ein schwerwiegender Verdacht: Hochrangige Infineon-Manager sollen Lieferanten gedrängt haben, zusammen mit dem Unternehmen Motorsport-Events zu sponsern, und dann aus den geflossenen Werbegeldern sechsstellige Vermittlungsprovisionen kassiert haben, die angeblich auch nicht versteuert wurden.

Im Mittelpunkt der spektakulären Korruptionsaffäre steht ein Mann, der zurzeit die Speicherchipsparte betreut und bislang dazu auserkoren war, den Chipableger nach einem Börsengang zu führen: Infineon-Vorstand Andreas von Zitzewitz, 45.

Der promovierte Ingenieur fuhr zusammen mit dem Motorsport-Fetischisten Schumacher jahrelang Porsche-Rennen, half dann aber im März 2004 tatkräftig mit, seinen damaligen Chef zu entmachten. Nun könnte es für ihn selbst eng werden.

Die Münchner Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn und den vor gut einem Jahr ausgeschiedenen Infineon-Manager Harald Eggers, der zurzeit den Schweizer Technologiekonzern Unaxis leitet, wegen des Verdachts der Untreue, Bestechlichkeit und Steuerhinterziehung.

Auslöser der Durchsuchungsaktionen ist ein SPIEGEL-Bericht vom vergangenen November (48/2004), in dem erstmals über angebliche Kickback-Zahlungen an Zitzewitz berichtet wurde.

Ein dritter Mann, der Inhaber der Schweizer PR-Firma BF-Consulting Udo Schneider, ist ebenfalls ins Visier der Ermittler geraten. Jahrelang betreute er die Rennsportaktivitäten des Konzerns und soll den beiden Managern Rückvergütungen für die Anwerbung von Sponsoring-Partnern gewährt haben. Nach Aussagen von Konzern-Insidern sollen bis zu 50 Prozent der Werbezuschüsse für die Infineon-Manager abgezweigt worden sein.

Schneider selbst, dem die Staatsanwälte Bestechung zur Last legen, ließ vergangenen Freitag über seinen Anwalt mitteilen, dass er "die Ermittlungen gegen Dr. von Zitzewitz und Herrn Eggers ausdrücklich begrüßt", und bezeichnet die gegen ihn selbst erhobenen Vorwürfe als "falsch".

Eggers erklärt, dass er zwar "den Behörden gern Auskunft gibt, aber nicht der Presse". Im Übrigen, flachste er vergangenen Freitag, "würde ich jetzt gerne meinen Rotwein genießen". Von Zitzewitz tauchte ebenfalls ab: Auf seinem Mobiltelefon lief nur die Bandansage. Bereits im November vergangenen Jahres hatte er auf Befragen mitgeteilt, dass er sich zu dem Vorgang "prinzipiell nicht äußern" wolle.

Der Coup der Münchner Staatsanwälte bringt nicht nur die Beschuldigten, sondern auch Infineon-Aufsichtsratschef Max-Dietrich Kley in Bedrängnis. Ihm liegt seit März 2004 eine eidesstattliche Erklärung vor, in der Schneider kurz vor Schumachers abruptem Rauswurf bestätigt, Zitzewitz auf dessen Wunsch hin innerhalb von drei Jahren 300 000 Euro in Form von Bar-Rückflüssen oder "geldwerten Leistungen" gewährt zu haben.

Doch Kley sah offenbar keinen Anlass, den Vorgang intern weiter zu verfolgen oder gar zu ahnden. "Der Präsidialausschuss hat keinerlei Beweise gefunden oder vorgelegt bekommen", ließ er damals mitteilen. Die Vorwürfe seien eine "bösartige Verleumdung".

Die Staatsanwälte sehen das offenbar anders. Sie müssen nun erst einmal das umfangreiche Material sichten, das sie bei ihrer bis in den Freitagabend hinein andauernden Großaktion beschlagnahmten. Allein aus der schmucken Doppelhaushälfte der Zitzewitz-Familie im Osten Münchens trugen die Beamten zwei große Plastikwannen mit Unterlagen.

Den undankbarsten Job hat zurzeit wohl Infineon-Chef Ziebart. Er muss in den kommenden Tagen zusammen mit seinem Aufsichtsratschef entscheiden, ob er Zitzewitz beurlaubt oder abwartet, bis die Ermittler ihre Arbeit abgeschlossen haben.

"Ich blicke nach vorn und nicht zurück", hatte er noch zu seinem Amtsantritt erklärt, um Fragen nach den Gründen für den überstürzten Abgang seines Vorgängers abzublocken. Nun holt ihn doch noch die Vergangenheit ein. DINAH DECKSTEIN


DER SPIEGEL 29/2005
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